Ähnlich wie heute waren auch die 70er-Jahre eine Zeit des Umbruchs. Das Alte wurde in seiner Morbidität entlarvt. Und alle, die selbst noch nicht tot genug waren, dies zu erkennen, machten sich auf zu völlig neuen Ufern. So zumindest die selbststilisierende Erzählung jener schon damals Mitgeschwommenen.
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Osho, auch bekannt als Bhagwan Shree Rajneesh, war damals nicht nur einer der führenden Impulsgeber, er bot auch physisch eine Anlaufstelle. Seine Ashrams in Indien oder den USA zogen vor allem westliche Suchende an, die an Meditationen, Diskursen und Therapiegruppen teilnahmen. Spätestens seine zwischenzeitig auf schätzungsweise 100 000 angestiegene Anhängerzahl weltweit machte Osho zur Ikone und zum globalen Anziehungspunkt für spirituelle Sucher, für viele von ihnen jedoch auch zum Guru – einer Zuschreibung, deren persönliche Vorteile Osho zwar genossen haben mag, die er im Kern jedoch ablehnte. Vielmehr kritisierte er selbst die vermeintliche Aufbruchsstimmung seines Zeitgeists in ihrer Feigheit und Doppelmoral. Beispielsweise erzählte er oft, wie Menschen zu ihm kamen und sagten: »Osho, sag uns, wie wir leben sollen!«1 Und wie er sie an die Priester und Politiker dieser Welt verwiesen habe. Da diese zu derlei Ratschlägen bereit seien – geradewegs nur auf entsprechende Kundschaft warteten –, sollten die Leute doch besser zu ihnen gehen. Sie würden ihnen gerne vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen hätten. Schließlich seien sie es, die schlussendlich auch die Macht genössen, die daraus entstünde, anderen die eigenen Vorstellungen aufzudrängen.
Für Osho waren diese Menschen nie am Leben interessiert; nie daran interessiert, das Leben selbst zu erfahren. Auch sie wollten lieber weiterhin festgelegte Strukturen, waren mehr daran interessiert, das Leben in sich abzutöten, als es zu leben. Sie selbst bezeichneten sich als »aufgewacht«, obgleich sie mehr daran interessiert waren, dass ihnen jemand eine Disziplin vorschrieb, als sich diese selbst zu geben. Osho für seinen Teil betonte immer wieder, dass er für derlei Spielchen nicht hier sei. Er wolle den Menschen helfen, frei zu werden. Was ihn, indem er dabei sich selbst mit einschloss, letzten Endes auch von einem wahren »Guru« unterschied: Die Menschen sollten auch frei von ihm werden.
Dem zugrunde lag die aus Oshos Sicht Unvereinbarkeit von Spiritualität und Angst. Nur wer Angst vorm Leben habe, suche Rat und Orientierung und damit Sicherheit und Struktur bei anderen Mächten als sich selbst. Gleichzeitig schlössen sich die Augen desjenigen, der nach Sicherheit und Gewissheit trachte. Nach und nach könne ihn nichts mehr überraschen und er verliere seine Fähigkeit zu staunen. Und damit auch seine Religiosität. Religiosität schließlich, so Osho, »ist die Öffnung deines staunenden Herzens, deine Empfänglichkeit für das Mysterium, das uns umgibt«2.
Ängste könnten unser ganzes Leben überschatten. Gleichzeitig könnten wir sie nicht loswerden, sie nicht »meistern« – nur verstehen. Nur das Verstehen könne eine Veränderung bringen, nichts anderes. Sobald wir sie unterdrückten, sickerten sie noch tiefer in uns ein. Folglich war Angst für Osho auch nichts, was dem Sein entspringt. Ganz im Gegenteil: Indem wir sie bloß haben – übernommen haben sowohl von unseren Eltern, Großeltern oder der Gesellschaft, als auch aus früheren Beziehungen oder Leben –, können wir uns auch von ihnen befreien. Nicht indem wir die Rufe ihrer Stimmgeber als bedeutungslos bezeichnen, aber indem wir erkennen, dass sie für uns heute bedeutungslos geworden sind. Ihre Programme passen nicht mehr. Wir sind erwachsen geworden und können uns die Liebe, die uns tatsächlich frei werden lässt, selber geben. Dazu jedoch, so Osho, müssten wir uns unserer Programme erst einmal bewusst werden. Insofern unser Verstand allerdings nur seinen programmierten Zustand kenne und folglich nicht die Fähigkeit besäße, sich von seiner eigenen Programmierung zu befreien, verstand Osho seine Arbeit als Bewusstwerdung jener Ängste. Woher kommen sie? Was ist ihre Botschaft? Und wie zeige ich ihnen, dass diese verstanden wurde?
Diese mit der Angst einhergehende Ablehnung des Lebens gehöre zu unserem Schutzpanzer. Nur wenn wir ihn und unsere Defensivhaltung abgelegt hätten, könnten wir aus Liebe leben. »Ein vollkommen gereifter Mensch«, das schreibt auch Osho, »hat keine Angst und keine Abwehr. Psychologisch gesehen ist er offen und verletzlich.«3 »Mit der Angst«, schreibt er, »kannst du nicht wachsen. Sie lässt dich nur immer kleiner werden, bis du stirbst.« Die Angst stehe im Dienst des Todes. Du kannst dein gesamtes Leben damit verbringen, zu sterben. Gleichzeitig könntest du aber auch heute damit anfangen, zu leben. Was hält dich auf? Die Tatsache, dass du tatsächlich eines Tages sterben wirst? Wenn du so viel Angst vor dem Tod hast, warum verbringst du dann jeden Tag damit, auf ihn zu warten?
Ja, es wird dich wundern, wie viel Energie freigesetzt wird, wenn du dich von seiner Energie loslöst und anfängst anzuerkennen, dass der Stoff, aus dem Leben gemacht wird, nicht Sicherheit, sondern Unsicherheit heißt. Und dass das Leben selbst nie ein Problem ist. Wenn du Angst bekommst, liegt das an deiner psychischen Verfassung. Leg deinen Verstand beiseite und blick der Wirklichkeit ins Gesicht. Dann gibt es kein Problem. Die Probleme und mit ihnen die Angst, schreibt Osho, können erst entstehen, wenn wir etwas besitzen wollen. Wer nichts besitzen will, habe auch keine Angst. Indem wir uns aber an unser Leben klammern, als wäre es unser letztes, indem wir von der Zukunft träumen, als gäbe es nur eine, oder uns an Menschen binden, als seien sie die einzigen auf Erden, taumeln wir permanent zwischen unserer Angst, zu sterben, enttäuscht oder verlassen zu werden, und vergessen dabei, weswegen wir eigentlich hier sind: um zu leben und das Leben zu genießen.
Diese Lähmung ist Teil der Angst. Und doch nicht ihre eigentliche Aufgabe. Indem die Angst versucht, unsere Wurzeln zu kappen und uns daran zu hindern, zu unserer vollen Größe emporzuwachsen und unser vollständiges Sein zu erlangen, testet sie indirekt unser Bewusstsein und provoziert unseren Mut. Auf ihn käme es nach Osho an, wollten wir unsere Angst überwinden. Der Mut werde uns töten, genau wie die Angst. Während die Angst jedoch nur zerstörerisch wirke und uns sterben lasse, ohne uns ein neues Leben zu geben, gäbe uns der Mut genau das: ein neues Leben – ohne Angst davor, ob dieses morgen vorbei sein könnte, welche Chancen wir verpassen oder welche Menschen sich aus ihm von uns noch verabschieden könnten. Angst und Mut: Sie werden uns beide zerstören. Als die, die wir sind, werden wir nicht überleben. Und doch birgt der Mut eine kreative Zerstörung: Wir sterben, um neu geboren zu werden.
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Fragt sich nur, was dich noch in deinem Leben hält,
versucht dieses doch permanent, dich umzubringen?
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Osho (2008): Angst: Die Unwägbarkeiten des Lebens verstehen und annehmen. Goldmann, Seite 12.
Ebenda.
Ebenda, Seite 21.












