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Avatar von Catharina Lovreglio

ich finde Gabriele Gysi eine sehr kluge Frau, jedoch ihre DDR-Verklärung unertràglich👌🏻🫣Ich habe bis 86 selbst dort gelebt, die DDR war ein Unrechtsstaat par excellence! Das zu beschönigen kommt einer Geschichtsvergessenheit gleich👌🏻🌹

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Avatar von Andreas Balk

Unrechtsstaat ist - mehr oder weniger - überall. Wenn man nur genau genug hinschaut.

Die eine meint, es sei Verklärung, der andere, dass Frau Gysi ihr Leben lebt und - wie jeder von uns - ihre Sicht auf die Dinge hat.

Ihr sachlicher Blick auf die Vergangenheit tut gut. Ja, und auch die Sicht auf das eher Positive - wovon es sicher mehr gab, als die meisten Menschen heute wissen oder wissen wollen.

Viele Grüße 🙂

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Avatar von Sebastian Grguric

Moin liebe Lilly,

ich kann Frau Gysi keineswegs ernst nehmen. Zum einen ist sie die Tochter eines ehemaligen DDR-Staatsministers, dessen Aufgaben es zufälligerweise war kulturelle Angelegenheiten in der DDR zu überwachen, zu koordinieren, etc. Es könnte glatt sein, dass Frau Gysi gewissermaßen davon profitierte. Würde Frau Gysi nun behaupten, dass die DDR doch ein Unrechtsstaat war, würde sie ihren Vater, ihre gesamten Familie und zuletzt sich selber in die Verantwortung ziehen. Dadurch, dass sie die DDR weder verteidigen, noch anklagen will, nimmt sie bewusst eine Position ein, in der sie sich nicht abrechenbar macht.

Zitat: "In der DDR sollten der Mensch und seine Bedürfnisse im Zentrum der Vision für ein besseres Leben stehen. Es ging nicht primär um Meinungs- oder Pressefreiheit, sondern um konkrete soziale Möglichkeiten, denen der Staat, mal besser, mal schlechter, nachzugehen versuchte – weil davon seine Existenz abhing."

Dem stelle ich entgegen, dass die DDR ein Besatzungskonstrukt war. Neben den erzieherischen Maßnahmen den Besiegten gegenüber, hatte die DDR die Aufgabe, die auferlegte Kriegsschuld abzuarbeiten. Wenn die Menschen sich bei besagten Raubzug sozialistisch wohl und gut aufgehoben fühlten, umso besser. Man hat 1953 gelernt, was Unruhen für das sozialistische Experiment bedeuten können (Folge: sozialistische Langzeitstrategie).

Insgesamt wirken Frau Gysi und ihr Bruder, der unmittelbar vor der Wende den Dreh vom Systemrechtsanwalt zum Bürgerrechtler vollzog, doch sehr wandelbar auf mich. Immerhin profitierten sie doch sehr vom System der DDR und nun fordert Frau Gysi, dass die Macht, von denen sie einst (und womöglich immer noch) profitierten, doch bitte zivilisatorisch eingehegt wird. Nachtigall, ick hör´dir trapsen.

Dies gilt meinerseits als Kritik an Frau Gysi, nicht an den Artikel an sich. Während man den Artikel liest, fallen die Verhaltensmuster der Menschen und die Muster der äußeren Gegebenheiten auf, die man in der Historie der letzten 100-140 Jahre immer wieder erkennen kann. Die Frage, wie man mit den Machtspielen umgeht, basiert also auf historischen Beobachtungen und weist eine Aktualität auf, die erschreckend ist. Man erkennt ganz klar die Parallelen zwischen den Zeiten und Politsystemen, man kennt die Auswirkungen und Entstehungsweisen und doch rennt man immer wieder eine Ehrenrunde im Hamsterrad. Wie kann der Einzelne damit umgehen und kann ein "rebellisches" Verhalten Einzelner gar Auswirkungen auf das Kollektiv haben und somit derlei Machtstrukturen zu Fall bringen, vorausgesetzt der Einzelne erkennt diese Machtstrukturen und somit die Schwächen dieser Strukturen?

Ist der Entzug der Zustimmung der Anfang?

Herzliche Grüße,

Basti

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Avatar von Andreas Balk

Auch wenn es eigentlich nicht wirklich wichtig ist für uns heute - ich kann manches so nicht stehen lassen.

Zunächst nochmal zur Einordnung: Russland (damals noch UdSSR) besiegt, gemeinsam mit den Alliierten, 1945 Deutschland. Es kommt zur Aufteilung in Zonen, danach zur Gründung der beiden deutschen Staaten, BRD und DDR. Russland, extrem gebeutelt durch den Krieg, massivst geschädigt, mit unglaublichen 27 Mio. Opfern, hat auf Deutschland nur noch über die DDR Zugriff, die nun für Reparationen gerade zu stehen hat.

Ist das Raubzug?

Die DDR hatte von Beginn an eine echte Verfassung. Was viele nicht wahrhaben wollen: Die BRD hatte zu keinem Zeitpunkt eine solche - und, wenn man es ganz genau nimmt, auch das wiedervereinigte Deutschland nicht. Oder hat man das "Volk" über eine solche abstimmen lassen? Die DDR war von Anfang an tatsächlich souverän - die BRD zu keinem Zeitpunkt.

Ich frage nun: War die DDR tatsächlich ein "Besatzungskonstrukt"? Oder vielleicht doch die BRD?

Viele Grüße 🙂

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Avatar von Sebastian Grguric

Moin.

Wollen wir uns privat austauschen?

Liebe Grüße,

Basti

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Avatar von Andreas Balk

Hallo Basti,

aktuell möchte ich noch davon absehen - ich hoffe auf Dein Verständnis.

VG Andreas

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Avatar von Sebastian Grguric

Moin Andreas,

ja, dafür habe ich Verständnis. Ich wollte das Thema hier im Kommentarbereich nur nicht weiter ausbreiten.

Ich würde nur einen einzigen Punkt anführen wollen:

Ob die DDR souverän war, lässt sich mit der Frage beantworten, ob Berlin oder Moskau das politische Sagen hatte. Von daher bleibe ich dabei: Die DDR war ein Besatzungskonstrukt.

Liebe Grüße,

Basti

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Avatar von Andreas Balk

Hallo Basti,

gut, Deine Sicht der Dinge. Dann ist doch bitte der gesamte ehemalige Ostblock ebenfalls ein Besatzungskonstrukt: Politisch tickten sie alle gleich (oder meinetwegen hatten sie gleich zu ticken).

Was ist dann mit der BRD und all den anderen westlichen Staaten? Galt hier letztlich nicht auch das (politische) Wort des wirtschaftlich und militärisch Stärkeren, also der USA?

Und wie ist das heute?

An dieser Stelle betone ich auch gerne noch einmal, wie wenig relevant diese Dinge im Außen eigentlich sind. Unser Innerstes ist das einzig wirklich Wichtige, sowie das aktive Mitgestalten seiner unmittelbaren Lebens-Umgebung - losgelöst vom Außen, auf das ich sowieso kaum Einfluß habe. Ja, ich weiß das - u.a. durch die vielen Anregungen, die mir Lilly mit ihrem tollen Kanal hier gibt. Allerdings: Noch triggern mich solche Dinge wie "Besatzungskonstrukt" - doch ich denke, ich bin auf einem guten Weg!

VG Andreas 🙂

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Avatar von Sebastian Grguric

Moin Andreas.

Im Grunde genommen ist jeder Staat ein Besatzungskonstrukt und ja, auch die Bunzelrepublik ist immer noch ein Besatzungskonstrukt (Irrenanstalt mit Freilufttheater).

Ich finde es gar nicht schlimm, wenn uns Dinge im Außen anregen. Meine Vorfahren lebten u.a. in Schlesien und es macht mich wütend, wenn ich daran denke was man mit meinen Vorfahren und auch mit ihrer (und somit meiner) Heimat machte. Das regt mich teilweise wahnsinnig auf und ich bekämpfe diese Wut nicht mehr. Es hat seine Gründe, warum ich diese Wut erfahre, denn es geht schlicht und ergreifend um meine Heimat.

Lilly leistet wirklich eine im Wert unschätzbare Arbeit und ich bin sehr froh darüber, dass es Plätze wie Lillys Kanal noch gibt.

Liebe Grüße,

Basti

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Avatar von Jorge

Frage an Gabriele Gysi: Wie verlässt man im Jahre 1984 einfach so die DDR? Man läuft einfach „Unter den Linden“ los und kommt irgendwann am Bahnhof Zoo an? Und das auch noch ganz ohne Groll? Es klingt irgendwie surreal! Da bauen sich verzweifelte Menschen einen Heißluftballon aus Bettlaken um nach einem Jahr Vorbereitung damit von Thüringen nach Bayern zu flüchten und Gabriele Gysi läuft einfach so nach West Berlin. Hunderttausende politische Gefangene warten im Stasi Knast bei Zwangsarbeit auf ihren Freikauf durch die Bonner Regierung. Dabei hätten die Idioten nur zusammen mit Gabriele Gysi zum Bahnhof Zoo laufen müssen…..

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Avatar von Andreas Balk

Manchmal hilft die Statistik: 1984 sind etwas mehr als 40.000 Menschen aus der DDR in die BRD übergesiedelt (BRD-Zahlen). Knapp 35.000 davon waren offiziell genehmigt (DDR-Zahlen). Das war eine Steigerung um das Mehrfache gegenüber 1983. Eine von denen war Frau Gysi. Ganz ohne Groll: Sie hatte eine tolle Ausbildung in der DDR, lange Zeit ein offenbar erfülltes Leben - bis es in den 80ern in der DDR begann, immer ungemütlicher zu werden. Was 5 Jahre später zur "Wende" führte.

Viele Grüße 🙂

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Avatar von Jorge

Meine Frage war berechtigt. Sie hatte offenbar einen Pass mit Visum. Und den bekam man nicht ohne Gegenleistung! Schon deshalb ist sie für mich ziemlich uninteressant. Sie war Teil der DDR Nomenklatura, das sagt alles.

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Avatar von Erik, not the viking

Vielen Dank für das nette Gespräch. Ich hoffe, du konntest auch etwas für dich mitnehmen – nicht nur Stoff zum Grübeln.

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Avatar von inge jarl clausen

Danker LIlly.

Dualismus - Kirche - Medizin = tot

Scham als institutioneller – akademischer Reflex -Schützt seine Praktiker vor dem Zusammenbruch ihres ererbten Selbstverständnisses (Dualismus)

Scham und die Ablehnung von Veränderung:

Über das vergessene Wissen des Organismus

Scham zu verstehen bedeutet, die Bedingungen zu verstehen, unter denen das Selbst überhaupt erst existieren durfte.

„Anerkennungsverweigerung” wird somit nicht nur zu einer psychologischen Abwehr, sondern auch zu einer epistemologischen. Sie schützt die fragile Kohärenz des Selbst – sei es persönlich oder institutionell – vor dem Zusammenbruch. In diesem Licht betrachtet ist die Weigerung, neue Realitäten zu sehen oder zu integrieren, sei es emotionaler oder wissenschaftlicher Natur, nicht nur Sturheit. Es ist das Fortbestehen von Scham als organisierendes Prinzip.

Scham als institutioneller Reflex

Derselbe Reflex belebt einen Großteil der modernen Lebenswissenschaften. Die akademische Welt – immer noch an ihre dualistischen und mechanistischen Metaphern gebunden – ergreift ähnliche Abwehrmaßnahmen gegen Veränderungen. Die lebende Welt wird wie eine Maschine behandelt; Geist und Materie, Subjekt und Objekt werden streng voneinander getrennt. Der Reduktionismus wird nicht zu einer Methode, sondern zu einer Festung der Täuschung und des endlosen Kontrollfetischismus, die um jeden Preis gnadenlos geschützt werden muss.

Was wir als „wissenschaftlichen Konservatismus” bezeichnen, könnte auf einer tieferen Ebene die Scham eines epistemischen Körpers sein, der es nicht erträgt, zu fühlen. Die Ablehnung von Komplexität, Emergenz und verkörperter Intelligenz durch die Wissenschaft spiegelt die Ablehnung der eigenen Verletzlichkeit durch den Organismus wider. Die irreduziblen, relationalen und affektiven Dimensionen des Lebens anzuerkennen, würde bedeuten, sich mit den eigenen entkörperlichten Grundlagen auseinanderzusetzen – der Scham, das Fühlen vom Wissen abgetrennt zu haben.

Die Angst besteht nicht nur darin, falsch zu liegen, sondern gesehen zu werden – als fehlbar, affektiv, menschlich. Die mechanistische Weltanschauung hält sich nicht deshalb, weil sie das Leben gut erklärt, sondern weil sie ihre Anhänger vor dem Zusammenbruch ihres ererbten Selbstverständnisses als "neutrale" Beobachter einer toten Welt schützt.

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