Das Ende der Philosophie
Wäre das Ende des Denkens. Sie wollen, dass ihr verblödet. Darum: Mut zur eigenen Lebensweisheit!
«Wenn das Herz nichts Verbindliches spricht, ist die Philosophie die letzte Instanz, die einem die Frage beantworten kann, ob es sich überhaupt zu leben lohnt.»1 ― Michael Klonovsky
«Philosophie ist nicht meins.» Oder: «Mit Philosophie habe ich so gar nichts am Hut.», höre ich immer wieder von erwachsenen bis «alten» Menschen, wenn ich – 27 Jahre jung – ihnen erzähle, dass ich schreibe. Keine New Adult Pornoliteratur, sondern philosophische Essays, wie ich sie mittlerweile recht selbstbewusst bezeichne.
In solchen Momenten bin ich oft etwas irritiert. Bis hin zu wütend oder genervt. Nicht über den Menschen, der mir diese Dinge entgegnet, aber auf den Umstand, dass er sie mir entgegnet. Denn da sitzt dann ein Mensch vor mir, der vielleicht drei Kinder großgezogen, eine Ehe geführt, zwei Trennungen überlebt, Eltern begraben, berufliche Krisen durchgestanden und sich mehr als einmal gefragt hat, was von all dem eigentlich bleiben wird. Und dieser Mensch glaubt von sich, er verstünde nichts von Philosophie? Sei vermutlich sogar zu «dumm» für diese?
Als hätte Philosophie etwas mit Universitäten zu tun. Oder mit Regalen voller Bücher, die man nur versteht, wenn man zuvor zwanzig andere Bücher gelesen hat. Oder mit Menschen, die sich auf siebentausend Seiten darüber streiten, ob die Synthese ihrer Antithese nun tatsächlich aus ihrer These hervorgegangen sei.
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Zugegeben: Auch ich habe einst noch verkopfter geschrieben und dahergeredet. Und doch schreibe auch ich heute nicht mehr so, wie ich es vielleicht noch im Studium oder die ein zwei Jahre danach getan habe – oder wie es allgemein von «philosophischen» Texten erwartet werden mag.
Dieses verquaste Voraussetzen von Vokabular. Die unausgesprochene Erwartung, dass nur wer die «richtigen» Namen kenne, überhaupt mitdenken könne. Das Jonglieren mit Begriffen, die außerhalb akademischer Zirkel niemand verwendet. Das Ausführen von Kopfgeburten und ihren Paradoxa über tausende Seiten hinweg. Das Erfinden von Theorien, die kein Mensch jemals durchleben wird, eben weil sie mit dem Leben als solchem kaum noch etwas zu tun haben.
All das arbeitet gegen das eigentliche Anliegen jeder Philosophie. Oder zumindest gegen jenen Zweig der Philosophie, den ich als wahr und zukunftsträchtig empfinde: jenen wahrhaft humanistischen, der niemanden vor den Kopf stößt oder kleinzuhalten versucht, sondern vielmehr den Einzelnen dazu einlädt und ermutigt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sich seiner eigenen Freiheit zu ermächtigen – ohne ihm im selben Atemzug bereits wieder vorzuschreiben, was er unter Freiheit, Logik oder Vernunft zu verstehen habe.
Gerade aus Gründen wie diesen, die – wie ich zuletzt in meiner dreiteiligen Reihe zu C. S. Lewis gezeigt habe (Teil 1, 2 und 3) – letztlich den Nährboden für jene Gesellschaftskonstrukteure und Konditionierer bereiten, die den Menschen lieber formen als ihm zu vertrauen, bin ich mittlerweile überzeugt, dass diese Exklusivität, dieses Belegen von Dingen mit Wissensschranken und die nahezu automatische Assoziation, «Philosophie» meine immer gleich ihre höchsten Stellvertreter Kant, Hegel oder Sartre, nicht dazu beitragen werden, Menschen wahrhaft aufzuklären.
Denn Bildung besteht nicht darin, Menschen einzureden, was sie alles nicht wissen. Bildung heißt, Menschen bewusst zu machen, was sie bereits alles wissen. Dass sie sehr wohl zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden können. Dass sie Erfahrungen gemacht haben, die ihnen mehr über das Menschsein verraten als jede von Markus Lanz herangezogene Studie. Und dass sie Fragen in sich tragen, mit denen sich Menschen seit Jahrtausenden beschäftigen. Schlicht und einfach, weil sie nicht bloß ein rational denkender, in sich abgeschlossener und folglich von allem anderen abgetrennter Organismus sind, sondern eine Seele, die fühlt – und die sich als solche an Wahrheiten erinnern kann, die unser Verstand allein nie wird denken können.
Kurzum: Die meisten Menschen philosophieren bereits. Sie nennen es bloß nicht so. Sie tun es, wenn sie nachts nicht schlafen können. Wenn sie sich fragen, was sie nachts nicht schlafen lässt. Wenn sie die Sonne auf- und untergehen sehen. Sei es am Meer oder in den Bergen. Wenn sie trauern. Wenn sie Eltern werden. Wenn sie sich fragen, warum sie trotz Erfolg unglücklich sind. Und was Erfolg für sie tatsächlich ist.
Die inneren Erfahrungen anstelle von Namen in den Vordergrund zu stellen – das ist für mich Philosophie. Also alles, was mit dem Leben zu tun hat und seine innere Lebendigkeit fördert, anstatt zu unterbinden. Alles, was versucht, die Weisheit zu lieben. Das ist für mich der Moment, an dem Philosophie beginnt: Nicht bei Kant. Nicht bei Hegel. Nicht bei Sartre. Sondern in dem Moment, wo ein Mensch den Mut findet, Kopf und Gefühl zusammenzuführen und sich als ganzes erstmals ernst zu nehmen.
Denn was passiert, wenn du die Frage(n) nach dem guten Leben mit solch einer Barriere versiehst? Die Menschen fangen an, sich mit Ersatzhandlungen und denen extra für ihre kleine Welt angefertigten Beschäftigungstherapien zufrieden zu geben – mit Schlagershows, Trash-TV und der zehnten Quizsendung, bei der die offensichtlich doch wissbegierigen Zuschauer sich darüber freuen dürfen, mit der Reihenfolge von Streichholz, Klebeband und Stock beim Glühbirnenwechsel richtig gelegen zu haben.
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Ihr seid so viel mehr. Das will ich damit sagen. Ihr könnt so viel mehr, verdammt. Und wenn ihr ganz ehrlich zu euch seid, dann wisst ihr auch so viel mehr. Ihr traut es euch bloß nicht mehr zu. Ihr besteht nicht mehr darauf, dass ihr mehr wisst, als man euch tatsächlich zuzutrauen gedenkt.
Wobei genau hier der feine Unterschied liegt für mich: Ich glaube durchaus, dass «man» euch das Denken noch zutraut. Was man nicht möchte, ist, dass ihr erkennt, wie weit euer eigenes Denken tatsächlich reicht. Denn wenn ihr begreifen würdet, dass ihr mehr verstehen könnt, als man euch glauben machen will, dann hätten diejenigen, die euch sagen möchten, was ihr denken sollt, plötzlich ein Problem.
Wenn ihr jedoch mit dem Glauben durch die Welt geht, dass ihr selbst erkennen könnt, was richtig und was falsch ist; dass ihr selbst beurteilen könnt, ob man euch belügt, euch die Wahrheit vorenthält; es gut oder schlecht mit euch meint – wenn ihr darauf vertraut, diese Dinge selbst ermessen zu können, dann werdet ihr frei. Dann werdet ihr wirklich frei. Und vor allem: Ihr bleibt es auch.
Womit die nächste Frage dann zwangsläufig lautet: Warum möchte man euch genau dieses Gefühl vorenthalten? Das Gefühl, frei zu sein. Das Gefühl, eigenständig Entscheidungen treffen zu können. Wer oder was profitiert von eurer Unfreiheit? Wer profitiert davon, dass ihr euch allein fühlt? Dass ihr euch klein fühlt? Dass ihr euch schließlich auch so verhaltet, als wärt ihr genau das? Klein. Unwichtig. Nicht mündig.
Jemand, der solch ein Menschenbild vertritt und vorantreibt, so viel steht für mich fest, ist selbst kein Mensch mehr. Solch jemand ist ein Mensch ohne Brust. Und dadurch als Mensch selbst bereits abgeschafft – ausgehöhlt und funktionierbar gemacht für eben jenes Zeitalter, das an sich auch keine Menschen mehr braucht.
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PS: Ich hoffe, ihr wisst, dass ich viele von euch mit diesem Artikel nicht angesprochen habe. Das Phänomen der eingangs erwähnten Unterhaltung begegnet mir mittlerweile jedoch so häufig, dass ich ihm einmal einen eigenen Text widmen wollte.
Nach den ersten Terminen für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben stehen nun bereits vier weitere:
Samstag, den 20. Juni. Nachmittags bis abends in 31675 Bückeburg OT Cammer (Zwischen Hannover und Bielefeld). Circa 30 Plätze.
Dienstag, den 23. Juni in Nienburg/Weser. Hotel Am Posthof. Einlass ab 18:30. Beginn der Lesung. 19:30 - 22:00 Uhr. Die Plätze sind auf 35 begrenzt.
Freitag, den 26. Juni in Bammental, Nähe Heidelberg. Einlass 18:30 Uhr, Beginn der Lesung 19 Uhr. Ort: Praxis an der Elsenz in der Hauptstraße 41/1.
Samstag, den 27. Juni in 76185 Karlsruhe-Mühlburg Hardtstrasse 37 a Bau 4 Rückseite Kulturzentrum Tempel. Beginn 18 Uhr.
Ganz grundsätzlich plane ich derzeit mehrere Lesungen in der zweiten Junihälfte. Verfügst auch Du über einen kleinen Saal oder ein größeres Wohnzimmer (oder auch einen schönen Garten), in dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreib mir doch gerne an lillygebert@posteo.de – und vielleicht können wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
Kontoinhaberin: Lilly Marie Gebert
IBAN Deutschland: DE13120300001056704222
IBAN Schweiz: CH97 0839 2000 1604 6030 1
Verwendungszweck: Spende Substack (Beispiel)
Vielen Dank. Für alles weitere schreib mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonniere meinen Telegram Kanal, oder verfasse einen Kommentar.
Klonovsky, Michael (2017): Lebenswerte. Über Wein, Kunst, High Heels und andere Freuden. Lichtschlag in der Edition Sonderwege, Seite 82.







Ein fantastischer Text.
Auch wenn es mir zutiefst wiederstrebt, Erfahrungsschatz und Belesenheit damit indirekt und voreingenommen abzuwerten: Die meisten Absolventen in Geisteswissenschaften vollziehen mit Erwerb der Qualifikation eine negativ-Transformation zur Geistlosigkeit.
Aus Raupen, die Wissen vom Blatt verzehren, werden potthässliche graue Motten, die Kunstlicht und Sonne nicht mehr zu unterscheiden vermögen.
Ja, jeder ist ein Philosoph. Ob es ihm bewusst ist oder nicht.
In den griechischen Poleis (abgeschwächt im Römischen Reich) war “Philosophie” praktiziertes Alltagsleben. Von nahezu jedem. Hat natürlich auch was damit zu tun, dass seinerzeit ein anderes Weltbild vorlag.
Wer sich für alte Geschichte interessiert, kommt gar nicht drum herum, sich mit Philosophie zu beschäftigen. In der Neuzeit hingegen ist es ziemlich egal. 🤷♂️🙈
Schöne Bilder übrigens auch! 🙃