Das Fenster ist offen
Von intellektuellen Ersatzbefriedigungen und energetischen Kipppunkten.
Zuletzt führte ich immer wieder Gespräche, vor allem mit Frauen, die mir erzählten, sie seien in meinem Alter noch lange nicht «so weit» gewesen wie ich heute. Eine Einschätzung, die ich weder teile noch als Kompliment empfinde. Im Gegenteil: Sie hinterlässt bei mir eher ein Gefühl der Beklemmung.
Denn mal ganz abgesehen von der Tendenz, mit einer solchen Aussage die eigene Biografie unter den Scheffel zu stellen – das eigene Leben in einen Vergleich zu setzen, der es als minder erscheinen lässt –, kann ich weder sagen, ob diese Aussage überhaupt zutrifft, geschweige denn, ob ich tatsächlich so «weit» bin, wie behauptet wird. Schlicht und einfach, weil ich gar nicht wüsste, was «weit» überhaupt bedeuten soll. Zumal sich meine eigene Vorstellung davon ohnehin alle paar Monate wandelt.
Ganz anders verhält es sich schließlich mit meiner zunehmenden Gewissheit, dass Entwicklung weniger eine Frage des persönlichen Fortschritts ist als des richtigen Zeitpunkts. Ich glaube, dass es bestimmte Zeitabschnitte mitsamt ihrer ganz eigenen Qualitäten gibt, in denen bestimmte Themen eher «dran» sind als noch Jahrzehnte, wenige Jahre, oder wie aktuell gefühlt, wenige Wochen und Monate zuvor. Das Fenster für tiefergehende Veränderungen, so meine Beobachtung, öffnet sich immer mehr. Und das gefühlt täglich.
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Waren es entsprechend vor einigen Jahren noch die jahrelangen Beziehungen, die auseinandergegangen sind, scheint mir dieser Abnabelungsprozess, dieses Abwerfen alter Verpanzerungen inzwischen auf der Systemebene angekommen zu sein. Immer mehr Menschen hinterfragen nicht mehr nur einzelne Politiker oder Wahlsysteme – sie hinterfragen das Leben, das sie ihr Leben lang für alternativlos hielten, als solches. Mit allem, was dazugehört.
Zum Beispiel bestand das Tückische an der schleichenden Entkopplung von Realwirtschaft und Finanzwesen sowie von Recht und Staat in den vergangenen fünf oder sechs Jahrzehnten gerade darin, dass die meisten Menschen sie als solche gar nicht wahrnahmen. Sie merkten lediglich, dass sie immer mehr arbeiteten, am Ende des Monats aber trotzdem immer weniger übrig blieb. Also arbeiteten sie noch mehr. Nicht, weil sie das System verstanden hätten, sondern weil sie glaubten, sie selbst seien der Grund, warum sie litten.
Solange sich Verarmung und Sinnverlust noch durch Kredite, Wohlstandsversprechen oder die Hoffnung auf den nächsten Aufschwung überdecken lassen, bleibt das System im Kern unangetastet. Erst wenn die gelebte Erfahrung stärker wird als jedes politische Narrativ, beginnt sich etwas zu verschieben. Schließlich trägt ab einem gewissen Punkt kein Staatsversprechen mehr über die Not hinweg, die der unter Staatsverschuldung und Inflation leidende Bürger tagtäglich erfährt. Irgendwann sind die Anforderungen dieser permanenten Steigerungslogik schlicht nicht mehr vereinbar mit den Ressourcen, die der Mensch bis dahin noch auf Kosten seiner Persönlichkeit zusammenzukratzen vermochte. Irgendwann kommt der Punkt, an dem auch er sagt: Es reicht. Die Frage ist nur, wie weit es bis dahin erst kommen musste.
Denn während es in der Vergangenheit oft erst so richtig knallen musste, ehe überhaupt etwas Neues entstehen konnte, frage ich mich derzeit, ob wir nicht längst an einem anderen Punkt angekommen sind. Muss tatsächlich erst – wie von vielen «schlauen Köpfen» vorhergesagt – das gesamte System kollabieren – mitsamt den Menschen, die in ihm gefangen sind? Oder reicht es nicht vielmehr schon aus, dass immer mehr Menschen erkennen, dass sie leiden, und sich deshalb aus freien Stücken von dem lösen, was sie krank macht? Können wir, anstatt von der einen scheinbar «unausweichlichen» Zukunft auszugehen, nicht auch einfach eine andere manifestieren?
Geschichte verändert sich schließlich selten dadurch, dass Menschen die besseren Argumente vorgetragen werden. Sie verändert sich dann, wenn sie selbst erkennen, dass die Überzeugungen, an denen sie ihr Leben lang festgehalten haben, sie nie wirklich getragen haben. Solange die Identifikation mit dem Bestehenden Sicherheit verspricht, wird sie gegen jede Vernunft verteidigt. Erst wenn der Schmerz des Festhaltens größer wird als die Angst vor dem Unbekannten, beginnt sich diese Identifikation aufzulösen. Und ja, vielleicht ist genau dieser Moment langsam aber sicher genug gereift.
Nichtsdestotrotz, ein Schritt zurück: Denn sobald ich davon ausgehe, dass nicht neue Ideen ein Zeitalter beenden, sondern der Augenblick, in dem das Alte seine bindende Kraft verliert, ist das für mich gleichzeitig auch der Punkt, an dem ich realisiere, wie viele Menschen aus diesem Kreislauf tatsächlich nie haben aussteigen können – und ihn dadurch eben auch mit am Leben erhalten haben. Indem sie sich nie gefragt haben: Warum will ich eigentlich immer mehr? Warum brauche ich die Anerkennung anderer? Warum bin ich so gefangen in diesen Zwängen, Normen und Erwartungshaltungen?
Auch hier geht es mir überhaupt nicht darum, dem Einzelnen einen Vorwurf zu machen. Und doch war und ist es am Ende jeder Einzelne, der dieses System mitgetragen und dadurch aufrechterhalten hat. Es wurde niemand im klassischen Sinn gezwungen oder geknebelt. Der Zwang war indirekt. Und doch hat ihn sich letztlich jeder auch selbst auferlegt. Beziehungsweise: Es sind die Muster, die jeder von klein auf mit auf den Weg bekommen hat und von denen er sich nie befreien konnte oder wollte, die ihn am Ende in eine Lage versetzt haben, die ihm nicht nur schadete, sondern die er obendrein kaum noch zu hinterfragen vermochte. So verstrickt war er in seiner eigenen Wirklichkeit.
Für mein Empfinden ist genau das der Punkt, den viele nur sehr schwer integrieren können. Eben weil er die Opferhaltung als solche zumindest teilweise infrage stellt: Nicht das System allein hat dich versklavt – sondern du hast dich auch selbst in den Dienst dieses Systems gestellt.
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Und ja, ich bin mir bewusst, dass ich an dieser Stelle leicht reden habe. Ich selbst bin nie einem klassischen Nine-to-five-Job nachgegangen. Ich weiß nicht, was es heißt, inmitten dieser Mühle aus Kindern, Kita, Haus und Kredit überleben zu sollen. Andererseits habe ich in meinem Leben aber auch noch nie groß Geld verdient. Und werde in diesem Leben vermutlich auch kein Haus bauen. Oder eine fette Rente erwarten können. Dieser Zug, so meine Vermutung, ist für mich – und viele meiner Generation – abgefahren. Vielleicht ist es sogar gut, dass er abgefahren ist. Denn dadurch habe ich gar nicht erst das Gefühl, eine Arbeit verrichten zu müssen, die eher mich zugrunde richtet als dass ich durch sie in dieser Welt eine Veränderung entrichte. Ich bin nicht darauf aus, in eine Pensionskasse einzuzahlen oder auf irgendwelche Sicherheiten zu hoffen.
Diese Illusionen sind in meinem Fall längst weggefallen. Beziehungsweise konnten sie gar nie erst entstehen. Ich weiß: Da ist niemand da draußen, der mich absichert. Mehr noch: Ich will nicht einmal mehr, dass irgendjemand – Staat, Mensch oder Versicherung – nur darauf wartet, mich eines Tages «auffangen» zu können. Die einzige Sicherheit, die ich in diesem Leben erwarten kann, ist die, die ich mir selbst gebe. Und ich glaube, genau das ist ein entscheidender Wendepunkt: Für einen geistig wie materiell freien Menschen, gibt es innerhalb dieses Systems kein funktionierendes Versprechen mehr, das ihn noch an es binden könnte.
So erzählte mir kürzlich eine gute Freundin von der Wild Minds Community: einer Gemeinschaft von Selbstversorgern in Irland, die zunächst einen Online-Kurs ins Leben gerufen hatte, in dem sie Menschen erklärte, wie diese an eigenes Land gelangen, dort Gemüse anbauen und Tiere halten können, um so weitestgehend systemunabhängig zu werden. Doch schon das erste Feedback zeigte, dass das eigentliche Problem für viele gar nicht darin besteht, geeignetes Land zu finden. Es waren die Leute selbst, die Schwierigkeiten damit hatten, einander zu finden.
So wurde in Windeseile eine neue Website aufgesetzt. Diesmal jedoch nicht mehr als Kurs, sondern als Plattform: für Menschen, die entweder bereits Land besitzen und Mitstreiter für den Aufbau einer Gemeinschaft suchen; für jene, die in naher Zukunft Land kaufen möchten; und ebenso für Menschen, die weder Land haben noch selbst welches erwerben wollen, aber bereit sind, sich andernorts einzubringen und etwas mitaufzubauen. Und was soll ich sagen: Innerhalb nur weniger Tage beliefen sich allein die Eintragungen seitens derer, die bereits über Land verfügen und an Community-Building interessiert sind, auf über 6.000. Während die gesamte Followerschaft inzwischen bereits über eine Million Menschen umfasst. Eine Million Menschen, die von der Idee fasziniert sind, nicht länger nur über die Agenda 2030 zu diskutieren, sondern ihren eigenen Gegenentwurf aktiv gestalten wollen.
Das und viele weitere Initiativen im Hinterkopf beschleicht mich daher die leise Hoffnung, dass wir uns trotz allem auf einem guten Weg befinden. Trotz zunehmender Totalüberwachung und einer durch fortwährend verschärfte Gesetze immer stärker eingeschränkten «Meinungsfreiheit». Oder vielleicht gerade weil? Kann es nicht sogar sein, dass wir eine Art Kipp- und Sättigungspunkt erreicht haben? Ich würde fast sagen: ja.
Ein weiterer Punkt, der meines Erachtens nicht mehr trägt, ist schließlich der der intellektuellen Befriedigung. Wo immer Menschen klug genug sind, um zu erkennen, dass etwas gewaltig schiefläuft, errichten sie nicht selten ganze Gedankenpaläste – nur um sich durch diese selbst zu beruhigen. Statt tatsächlich etwas verändern zu müssen, halten sie sich durch ihre Rationalisierungen lieber in einer gedanklichen Komfortzone, warum es letztlich doch besser so sei, wie es ist, oder der Moment zur Veränderung schlicht noch nicht gekommen sei.
Auf diese Weise wird alles verintellektualisiert: Warum der andere so gehandelt hat. Warum man selbst so geworden ist. Dann sind es die Eltern, das System, die Politik, die Ahnen oder die eigene Seele, die eben etwas anderes vorhat. Und ja – all das mag sogar zutreffen. Trotzdem hindert es einen daran, im Hier und Jetzt tatsächlich zu handeln. Mal ganz abgesehen davon, dass dieses Gefühl, ohnehin nichts ändern zu können, vielleicht sogar gewollt ist. Ebenso wie der Mechanismus, der Menschen dazu anhält, den Fehler im Detail zu suchen, anstatt das große Ganze infrage zu stellen.
Genau darin liegt für mein Empfinden das eigentliche Problem: Nicht nur, dass Veränderung stagniert oder schließlich ganz ausbleibt. Auch der eigene Wille bleibt passiv. Er wird nicht dazu genutzt, gemeinsam etwas Besseres aufzubauen, sondern vielmehr, beim jeweils anderen noch ein Haar in der Suppe zu finden. Der Intellekt ist hier nicht Werkzeug, sondern Machtinstrument. Bewegt wird sich nicht auf die Lösung zu, sondern unentwegt um das Problem gekreist – bis schließlich sogar darüber gestritten wird, wessen Intellekt der schärfere sei, um «der Wahrheit» in vermeintlich immer enger werdenden Gedankenschleifen am nächsten zu kommen.
Und ja, vielleicht versteht das Bewusstsein nach all diesem Nachdenken irgendwann tatsächlich, dass man so gar nicht leben möchte. Aber dann ist es oft bereits zu spät: Das ans Gedachte gebundene Ego ist zu stark, als dass es noch die Selbstwirksamkeit entwickeln könnte, das längst Zerdachte auch wirklich umzusetzen. Und ich glaube, genau dieser Widerspruch treibt viele Menschen irgendwann in Depressionen, Ohnmacht oder Burnout. Die kognitive Dissonanz wird so groß, dass man längst weiß, was richtig wäre – und es trotzdem nicht schafft, entsprechend zu handeln.
Ein Punkt, der auch für Beziehungen gilt. Insgeheim weißt du vielleicht schon lange, dass du gehen musst. Und trotzdem bleibst du. Genau diese Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Handlung macht einen Menschen auf Dauer innerlich mürbe.
Wie in meinem letzten Text bereits angeklungen: Ich glaube, hierin liegt aktuell vielleicht die eigentliche Tragik vieler Menschen. Nicht darin, dass sie leiden. Sondern darin, dass sie spüren, dass dieses Leiden nicht ihrem eigentlichen Wesen entspricht. Dass sie sich nach etwas sehnen, das sie weder benennen noch beweisen können. Etwas, das sie dennoch mit einer Gewissheit in sich tragen, die oft größer ist als alles, was sich rational begründen ließe. Und was sie, trotz allem Leid, das dieses Sich-Sehnen mit sich bringt, nicht in die Tat umgesetzt bekommen.
Seit sechs Jahren (oder schon länger) schauen sich viele von «uns» unentwegt Videos und Interviews an, lesen Artikel darüber, was alles schiefläuft und wie eine «bessere Welt» aussehen könnte. Doch diese bessere Welt will einfach nicht entstehen. Das Einzige, was wächst, ist das besagte Vakuum zwischen Erkenntnis und Handlung.
Und was soll ich sagen? Ich glaube, wie zuletzt bereits geschrieben, nicht, dass der Ausweg darin besteht, endlich jede der eigenen Theorien beweisen oder sie vor jenen rechtfertigen zu können, die sie ohnehin nie hören wollten. Ich glaube, worum es aktuell eigentlich geht, ist, jene innere Anbindung wiederzufinden, die an sich keiner äußeren Instanz bedarf. Denn wenn es etwas gibt, das sich einer Begrenzung tatsächlich entzieht, dann ist es nicht unser Intellekt. Der Intellekt bleibt immer gebunden an die Muster, die wir in dieser Welt übernommen haben.
So ist es schlussendlich unsere Intuition, die uns als einzige wieder lehren kann, Dinge zu tun, bevor jemand anderes sie uns vorgemacht hat. Schlicht und einfach, weil wir bereits wissen, dass sie «richtig» sind, ehe sie uns jemand beweisen musste.
Kleiner Nachtrag: Gestern Abend war ich mit einer guten Freundin Pizza essen. Wir kennen uns seit 2022 und erleben seit 2024 die verschiedenen Energien gemeinsam – wir beobachten sie, sprechen darüber, versuchen, sie einzuordnen, unterstützen uns gegenseitig darin, sie auszuhalten. Dabei geht es oft um die Seelenebene, gleichzeitig sind wir beide für mein Empfinden aber auch recht erdverbunden. Jedenfalls erzählte sie mir gestern, dass ihr auf mehreren Ebenen durchgegeben worden sei, die karmischen Themen, an denen sie in den vergangenen zwei Jahren so zu knabbern gehabt habe, seien nun gelöst. Es gebe keine Verabredungen aus früheren Leben mehr, die sie in diesem noch einzuhalten hätte.
Für mich fühlt sich das sehr stimmig an. Auch ich habe das Gefühl, dass es gerade in den letzten Jahren vermehrt um diese karmischen Themen ging. Warum es sich oft auch so «unfrei» angefühlt hat, das eigene Leben aktiv zu gestalten. Schlicht und einfach, weil da noch offene Themen waren, die zuerst geklärt werden wollten.
Jetzt hingegen, so unsere gemeinsame Wahrnehmung, wäre eben auch für uns eine Art Vakuum aufgetaucht: Da ist kein ständiges Schubsen mehr von hinten, kein Gefühl, von der eigenen Seele unablässig in die nächste «Aufgabe» gedrängt zu werden. Das, was sich stattdessen zeigt, fühlt sich tatsächlich frei an. Dadurch vielleicht aber auch nicht unbedingt immer leichter. Denn wenn dieses Schubsen ausbleibt, bleibt am Ende nur noch eines übrig, das uns davon abhält, unser eigenes Leben zu gestalten: wir selbst. Und mit uns die Muster, die wir noch immer in uns tragen. Muster, für deren Fortbestehen irgendwann niemand anderes mehr verantwortlich ist als wir selbst. Und meine Güte bietet dieses Fenster einen schönen Ausblick.
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Ein super reflektierter Artikel! Und die Bilder sind wunderschön :)
Liebe Lilly, ich bin wieder bei jedem deiner Gedanken dabei. Die Bewegung hin zu der Erkenntnis, dass wir unser Leben wählen und gestalten können, dass wir nicht mehr duldsam sein müssen, dass von uns aktive Wahl und Handeln gefordert sind - die läuft für viele erst an. Jetzt schon den halbgaren Prozess in neue Formen zu flüchten, scheint mir etwas fraglich. Doch jeder Übergang bringt seine Reifestufen hervor. Ich vollziehe den Prozess noch für mich und bin gerade an der Stelle, wo ich die Freiheit rieche und mutiger werde. Ich realisiert den Prozess, lasse ihn leiblich werden.
Danke für deine intensiven Schubser.
Ja, für jemanden, der schon weiter ist, sprich manchen Prozess bereits vollzogen hat, muss es unglaublich langsam voran gehen. Oder? 🩷🪽