Das Weltenpendel
#2 Februar 2026. Die Dunkelheit kommt in Schüben.
Sonntag, 1. Februar
Wieder Zuhause. Im auf 3 Grad runtergekühlten Steinhaus. Das nächste Mal drehe ich vor meiner Abreise nicht nur das Wasser ab, sondern hole auch gleich noch Holz rein.
Nichtsdestotroz, es ist schön, wieder hier zu sein. Allein schon mit den Bergen vorm Fenster aufzuwachen. Beim Spazieren diese Gerüche in der Nase zu haben. Allgemein: Sich darüber zu freuen, jetzt wieder im eigenbrödlerischen Rhythmus die Tage verbringen zu dürfen. Fürs Schreiben allgemein ist das viel wert, wenn nicht die halbe Miete. Wenn ich tagsüber nicht in meiner Mitte bleiben kann, von fremden Essrhythmen aus meinem Rhythmus getrieben werde und obendrein von allen möglichen Befindlichkeiten beirrt werde, komme ich zu nichts. Da passiert keine Versenkung. Da kann ich von mir aus Mails beantworten oder Buchhaltung machen, aber vor lauter Fremdgedanken finden die meinen keine Klärung und erst recht nicht ihren Weg aufs Papier. Das macht, bei aller Lust und Freude, das Reisen für mich oft sehr unattraktiv. Zu viel Zeit geht drauf mit Eingewöhnung und dem Sortieren von Dingen anstatt von Gedanken. Gleichzeitig will ich jedoch auch nicht wie Kant mein Lebenswerk von einem Ort aus verfassen. Ein lösbares Dilemma.
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Montag, 02. Februar
Teile und herrsche fängt in unserem Inneren an.
Nur Verzeihen macht uns frei.
«The universe will sing you to sleep.»
Zu schwach, oder stark genug, es nicht zu tun.
Die Natur weiß, wo sie aufhören muss.
Der Fortschritt hat die Angewohnheit, uns zu entgleiten.
Das Ego flieht vor dem eigentlichen Moment,
weil es die Berührung nicht erträgt.
Dienstag, 3. Februar
Wir können nicht wählen, in wen wir uns verlieben.
Wir können nur unsere Herzen öffnen.
Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Resonanz.
Theorien verlieren ihre Relevanz für den Erwachten, wenn er sich eingesteht, dass sie für sein Leben keine Veränderung bedeuten; dass es keinen Unterschied macht, ob sie wahr sind oder nicht, wenn sie in seinem Inneren keine Wahrheit erzeugen.
Im Grunde ist das der Test für alles.
Lässt es dich lügen oder die Wahrheit aussprechen?
Lässt es dich vertuschen oder aufdecken?
Lässt es dich tot oder lebendig fühlen?
Mittwoch, 4. Februar
Wer nicht von Herzen geben kann, hat auch nichts, das ich wollen könnte.
Nach dieser grundsätzlichen Erkenntnis versuche ich mittlerweile meine Kontaktliste auszusortieren oder je nachdem auch neu zu füllen. Das Leben ist zu kurz für Geiz. Und mein Herz zu hungrig, um sich von Halbwahrheiten ernähren zu sollen.
Neue Erde oder neue Weltordnung? Wie lange, frage ich mich, soll Vater Staat Mutter Erde noch verschlingen, bis wir als ihrer beiden Kinder aufhören, tatenlos dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig zerfleischen? Wenn wir lieber Frieden statt Trennung wollen, sollten wir ihnen das sagen.
Donnerstag, 5. Februar
Wie ich es hasse. Dieses Gefühl, mit dem Willen zur Wahrheit in eine Zeit geboren zu sein, in der sie unter Strafe steht. Wobei sie vermutlich zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte erwünscht war. Daran muss zumindest ich mich immer wieder erinnern, mich hinsichtlich mancher Sorgen einnorden. Wobei ich mich schon oft frage, woran es mir fehlt, um sie und die hinter ihnen liegenden Ängste loszulassen. Mehr Mut? Ein Umfeld, das mir Rückhalt gibt? Jemand, dem ich mich vorbehaltslos anvertrauen kann? Oder vielleicht doch mehr soetwas wie Gottvertrauen? Denn ja, ich habe Vertrauen. Viel in mich, meine Seele und darin, dass nichts, was sie sich für mich in diesem Leben ausgesucht hat, dafür da ist, mir aktiv zu schaden. Mit dem Gottvertrauen sieht es da jedoch etwas anders aus. Ich glaube an die Natur und an einen Weltgeist, doch von einem Gott fühle ich mich oft sehr verlassen.
Und zugleich fange ich sofort an zu weinen, während ich dies schreibe. Ich weiß: Da ist etwas oder jemand. Und doch kann ich an diesem Gefühl von Verlassenheit oft nicht viel ändern. In Anbetracht dieser Welt fühle ich mich oft sehr allein.
Freitag, 6. Februar
Werden wir, indem wir uns komprommittierten Dingen widmen, selbst komprommittiert? Will das Böse genau das – dass wir über es berichten und damit Zeugnis von ihm ablegen, ohne es aktiv verhindert haben zu können? Will das Böse genau das? Dass wir erst in Schrecken, dann in Ekel, Wut, Verzweiflung, Scham und Ohnmacht versinken, bis auch wir keine anderen Gefühle mehr kennen? Wenn ja, was ist stattdessen der «richtige» Umgang mit dem sogenannten Bösen? Ignoranz? «Aufarbeitung»? Geht es darum, sich so lange von ihm fernzuhalten, auch energetisch die eigene Seele zu beschützen, bis das Böse sich von selbst zerstört? Oder gibt es nicht doch Wege, diesen Prozess zu beschleunigen? Ich denke hier nicht an den Fingerzeig auf die «da oben», dass sie eine Welt errichteten, in der Böses regiere und dass mit ihrem Umsturz dieses auch sein Ende fände. Am Ende wie an jedem Anfang sind immer wir diejenigen, die entscheiden, ob wir uns ihrer Vorstellung einer «besseren» Welt, in der der Mensch von Grund auf schlecht sei, unterwerfen, oder ob wir ihr unseren Gegenentwurf einer Welt, in der das Gute, die Liebe bestimmt, was in ihr von Dauer ist und was nicht, entgegensetzen. Denn was, wenn das Böse auch nur deshalb existiert, um uns an das Gute in uns zu erinnern? Was ist, wenn beide nicht Antipole, sondern Teil derselben Kraft sind?
Samstag, 7. Februar
Es ist schlimm, wie sie über Russland sprechen. Es wirkt, als wollten sie durch das Degradieren dieser so reichen Kultur nur ihr eigenes Nichtverstehenkönnen dieser verschleiern. Als ließe sich das, was über Jahrhunderte gewachsen ist, was an Literatur, Musik, Leidensfähigkeit und Tiefe hervorgebracht wurde, mit wenigen Schlagworten abtun und moralisch entsorgen. Ein so beseeltes Land dem Erdboden gleichmachen zu wollen, zeugt nur von der Armut, in der das unsere derweilen untergeht. Und von der Hybris, durch die sie glauben, «den Russen» entrussifizieren zu können. Als könne man einem Volk seine Geschichte austreiben wie einen Irrtum, als könne man Sprache, Erinnerung und Mentalität per Dekret neu formatieren.
Wer hier wohl nichts aus der Geschichte gelernt hat, frage ich mich. Abermals. Denn jede Epoche, die meinte, Identität ließe sich auslöschen, hat am Ende nur bewiesen, wie unzerstörbar sie ist. Und wie blind jene bleiben, die im Namen des Fortschritts das zerstören wollen, was sie nie verstanden haben.
Sonntag, 8. Februar
Als Neujahrsmail schrieb mir eine wunderbare Leserin folgende Passage von Dietrich Bonhoeffer:
«Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner läßt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. Es gibt gewiß auch einen dummen, feigen Optimismus, der verpönt werden muß. Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt. Er ist die Gesundheit des Lebens, die der Kranke nicht anstecken soll. Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter. Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.»
Besser hätte ich es nicht formulieren können.
Montag, 9. Februar
Den eigenen Abhängigkeiten entwachsen. Heißt, sich selbst unkontrollierbar zu machen. In erster Linie gegenüber dem eigenen Unbewussten.
Dienstag, 10. Februar
«Ich habe die Einsamkeit gewählt, um mich zu verteidigen. Ich schütze mich vor der Menschheit um mich herum, vor dieser lauten und aufdringlichen Menschheit. Ich lebe umgeben von Tieren, Bäumen, Blumen. Ich habe Pferde, Esel, Widder, Ziegen, Schweine, Hühner, Enten, Gänse, Tauben. Und natürlich Hunde und Katzen. Ich weiß nicht einmal, wie viele es sind... Ich fühle mich der Natur und den Tieren viel näher als den Menschen. Ich gestehe, dass ich die meisten der menschlichen Spezies hasse. Ich habe die Sache der Tiere angenommen, um meinem Dasein hier endlich einen Sinn zu geben. Ich versuche dem Menschen zu erklären, dass die Grausamkeit, die Tieren angetan wird, unwürdig, inakzeptabel, unmenschlich ist… Es ist mir völlig egal, ob die Welt sich an die göttliche B. B. erinnert, die nie göttlich war.» ― Brigitte Bardot
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Mittwoch, 11. Februar
Entfremdung beginnt, wo Beziehung ein ökonomischer Gegenwert verliehen bekommt. Entfremdung ist das, was uns vor lauter Haben vergessen lässt, was es bedeutet, einfach nur zu sein. Entfremdung ist, das Leben durch eine Brille zu betrachten – alles daraufhin zu prüfen, ob es entweder von Wert, Nutzen oder von der Möglichkeit zur Gewinnsteigerung ist. Entfremdung ist, den Zugang zu verlieren. Zur Natur und dadurch auch zu sich selbst. Die Frage nach dem, was uns als Erstes verloren ging, gleicht vermutlich dem Henne-Ei-Dilemma. Hat der Mensch den Bezug zur Natur verloren, weil er sich verloren hat? Oder hat er sich selbst verloren, weil er den Kontakt zur Natur verloren hat? Vielleicht geschah beides im selben Moment – in dem Augenblick, in dem er begann, sich über sie zu stellen, anstatt sich als Teil von ihr zu begreifen. Seelisch wie körperlich: Er hat sie aus seinem Leben ausgeschlossen. Er hat sie immer weiter an den Rand seiner Existenz – und damit auch an den ihrer – gedrängt, so weit, dass er gerade noch weiß, wie sich eine Tischplatte anfühlt, nicht aber mehr die Rinde eines ganzen Baumes. Oberflächen mag er noch kennen, aber keine Wurzeln mehr. Entfremdung ist, wenn Natur zum bloßen Konstrukt verkommt, das mit dem eigenen Leben nur noch insoweit etwas zu tun hat, als dass es den Gegenpol zur eigenen «Kultur» bildet. Als wäre sie Kulisse statt Grundlage. Als wäre sie Ressource, aber nicht mehr Ursprung.
Donnerstag, 12. Februar
Von Diagnosen und Selbsthypnosen. Die neueste Staffel von Germanys Next Topmodel hat angefangen. Das zumindest verkündigt mir mein YouTube-Algorithmus. Ich klicke auf den mir vorgeschlagenen Clip und schaue mir Ausschnitte aus den ersten Castings an. Wie oft im Reality-TV fühlt es sich wie der reinste Unfall an. Nur dass ich hier schlechter weggucken kann. Zumal ich, die keinen Fernseher besitzt, mir immer einzureden versuche, jene voyeuristischen Sequenzen seien in meinem Fall Teil einer größeren Menschheitsstudie. Was in gewisser Weise sogar stimmt. Denn bereits in den ersten Sätzen und Selbsterklärungen merkste: Hier kann niemand irgendwas Zivilisationserhaltendes – außer aus seinem eigentlichen Unbesonderssein eine noch unbesonderere Opferrolle zu kreieren. Niemand erzählt von sich als positive Charakterschablone, sondern stets als lückenhaftes Negativ, das bereits mit irgendeiner Form von Bürde geboren wurde. Sei es die (selbstgestellte) Diagnose ADHS oder die eigene Verwirrtheit über das bei sich undefinierbare Geschlecht – immer geht es darum, was jemandem fehlt, woran er oder sie als Kind gelitten hat, und warum es jetzt so wichtig für ihn oder sie sei, der Welt zu zeigen, wer er oder sie denn wirklich sei und warum «Schema X» für ihn oder sie – die «special Snowflake» – ohnehin nie das richtige gewesen sei. Dabei wirkt die eigentliche Selbstverwirklichung stets mehr wie eine Selbstdarstellung und folglich mehr wie eine Kompensation des noch immer nicht gelösten Nicht-Seins. Null mal Null ergibt immer noch Null. Das sollte jeder, der halbwegs in Mathe aufgepasst hat, wissen. Doch scheinbar gilt Reality TV derweilen selbst als zweiter, oder dritter, Bildungsweg. «Können» heißt hier nicht, etwas zu wissen. Sondern das eigene Nicht-Wissen bestmöglich durch Affektiertheit, Ausgefallenheit, viele Tränen oder eine schrille Lache zu kompensieren. Die Zuschauer wollen nicht denken – sie wollen unterhalten werden. Das scheint hier jeder zu wissen. Und dann danach auch zu handeln.
Freitag, 13. Februar
Wie würden wir wohl reagieren, ginge es auch bei uns ums Eingemachte? Wie hätte ich reagiert, wenn Johnny Depp oder Mads Mikkelsen in den Epstein Files aufgetaucht wären? So unwahrscheinlich dies zwar ist, aber ich denke, ich wäre nicht imstande, mein «Bild», von Johnny Depp grundlegend zu revidieren. Ich würde ihn in Schutz nehmen. Versuchen, seine guten Seiten in den Vordergrund zu stellen. Ganz einfach, weil an diesen zu viel von mir selbst dran hängt. Heute vielleicht weniger, aber als Jugendliche war mir Johnny Depp Inspiration, Schwarm, Ausdruck kreativer, menschlicher Freiheit und Seelentiefe. Mit seiner Filmgeschichte verknüpfe ich ebenso meine eigene Entwicklung, viele Stunden meiner Jugend. Ähnlich verhält es sich mit Ralph Fiennes, Daniel Craig oder David Tennant: Ich würde vermutlich mit viel Verdrängungsarbeit vorangehen, ehe ich sie grundlegend infrage stellen könnte. Und das, obwohl die vergangenen Jahre uns doch eigentlich gelehrt haben, dass sich jedes prominente Vorbild früher oder später selbst in Flammen setzt. Der ganze Cast von Friends wirkt auf einmal unangenehm sektiererisch und von Angelina Jolie tauchen seltsame Bilder aus ihren Afrikareisen auf, wo sie Kinder mit Ketten am Bein umarmt. Ich persönlich weiß oft nicht mehr, was ich denken soll, oder ob ich über diese Dinge überhaupt nachdenken sollte. Wobei ich mich gleichzeitig frage, welchen Spagat derzeit wohl die Psyche jener Fans von Beyoncé, Lady Gaga, Tom Hanks oder Leonardo DiCaprio machen muss? Was für eine verrückte Welt, in der gerade Tom Cruise und Kanye West anfangen, nicht mehr als verrückt zu gelten.
Samstag, 14. Februar
Ich denke, viele Menschen sind einfach müde. Zumindest höre ich dies gemeinsam mit dem Begriff der Lethargie aktuell immer öfter. Und sehe es auch. Zumindest in Schüben. Es ist keine dauerhafte Starre, kein endgültiges Erlahmen – eher ein wellenartiges Absinken. Ein kollektives Durchatmen, das sich mehr wie Erschöpfung anfühlt als wie Ruhe. Denn seien es Zeitqualitäten bestimmter Planetenkonstellationen, die Verdichtung bestimmter kollektiver Ohnmachtsgefühle oder das geheime Treiben dunkler oder auch lichter Kräfte – so oder so: Die Dunkelheit kommt in Schüben. Auch für mich fühlt es sich nicht so an, als würde mich etwas dauerhaft zu Boden drücken. Da ist vielmehr etwas, das darauf abzielt, mich genau um diesen Boden – oder das, was nach ihm folgt – wissen zu lassen. Als müsse ich erfahren, wie es sich anfühlt, ganz unten anzukommen – vorerst, ohne dort dann auch bleiben zu müssen. Das zumindest ist das Gefühl, das mich zuweilen überkommt und das ich auch bei anderen raushöre: dieses gefühlte große Nichts. Diese Leere. Was folgt, ist kein lauter Zusammenbruch – mehr ein diffuser Schleier, der sich über alles legt. Und ich meine: Wen wundert’s angesichts dessen, was ist? Während wir seit Jahren mitverfolgen, wie immer mehr «ans Licht» kommt, müssen wir im gleichen Zuge miterleben, wie diese Welt von Jahr zu Jahr, mittlerweile sogar von Woche zu Woche, immer dunkler zu werden scheint. (Die Betonung liegt auf «scheint».) Ja, vielleicht sind wir auch einfach nur müde vom ewigen Obdachlossein, davon, sich in dieser Welt, in die wir hineingeboren wurden, nicht für einen Moment sicher fühlen zu dürfen. Müde davon, immer wieder innerlich auszuwandern, und am Ende doch mit dem Gefühl leben zu müssen, in dieser Welt, so wie sie jetzt ist, nicht zu Hause zu sein. Und dennoch jeden Morgen in ihr aufzuwachen.
Sonntag, 15. Februar
Das Tessin feiert Karneval. Und ich sitze mitten drin. Abgefangen auf dem Rückweg vom Hundespaziergang. Und was soll ich sagen? Trotz aller persönlichen Abneigung gegen jede Rheinlands-Karnevals-Mentalität ist es ab und an ganz schön, das Miteinander, das noch existierende Miteinander dieser Dorfkultur mitzuerleben. Die Leute reden, die Kinder spielen, Hunde rennen umher, es wird Polenta gerührt und gemeinsam mit dem heimischen Formaggio, der Salametti und Mortadella auf die Teller geklatscht, 100 Meter weiter fahren Eltern mit ihren Kindern Ski, es läuft Musik, die sich nur ignorieren lässt, die Sonne scheint und wenn die Verkündigung der Lotterie und Bingozahlen über das noch schlechter als die angetrunkenen Dialekte verstehbare Mikrophon beginnt, ist es Zeit, zu gehen. Das Leben ist schön. Ganz ehrlich. Ich mag diese Authentizität, diese Heterogenität im eigentlich Harmonischen. Alles wirkt ein wenig schief, ein wenig zu laut, ein wenig zu viel – und gerade deshalb echt. Wäre das Leben so, nur mit besserer Musik und ohne Glücksspiel, wäre alles gut. Kinder wüchsen in lebendigen Gemeinschaften auf, die auch nur deshalb lebendig wären, weil ihre erwachsenen Mitglieder noch nicht vergessen haben, was es heißt, lebendig zu sein. Gemeinschaft wäre für sie kein Event, sondern ein Zustand. Doch was, wenn auch dieses Miteinandersein heute nur noch Fassade einer aus der Vergangenheit übertragenen und durch Alkohol getragenen Gewohnheit ist? Ein Ritual, das sich selbst genügt, ohne noch wirklich zu verbinden? Wissen wir überhaupt noch, was gelebte Gemeinschaft ist? Würden wir überhaupt noch zueinander finden – ohne kommerziellen Anlass und ohne Alkohol? Oder besteht der Anreiz solcher Zusammentreffen gerade darin, dass wir uns gesellschaftlich akzeptiert von eben jener Gesellschaftigkeit betäuben dürfen? Dass wir Nähe spielen, um die eigentliche Vereinzelung für ein paar Stunden nicht spüren zu müssen?
Montag, 16. Februar
In welche Kategorie von Leiden fällt wohl Weltschmerz? Körperlich, seelisch, geistig? Kindheitstrauma oder Bürde aus einem anderen Leben? Ahnung oder Erinnerung? Weltschmerz ist für mich ein schwer zuordbarer Zustand. Nichts Akutes, nichts, das sich klar lokalisieren ließe – eher ein Grundton, der allem unterliegt. Oder, sich über alles legt. Auf der einen Seite herrscht Trennung, große Fremdheit gegenüber dem, in das man sich eingebettet fühlt. Eine Art Nicht-Passung, als sei man zwar hier, aber nicht ganz von hier. Auf der anderen Seite ist es gerade das, in das man sich eingebettet weiß, zu dem eine große Verbundenheit und Nähe herrscht. Als würde man etwas zutiefst lieben, das einen zugleich verstört. Eine Gleichzeitigkeit von Heimweh und Zugehörigkeit.
Was also ist, wenn ich, wie Silvia mir schreibt, als Seele tatsächlich in Verbindung und Erinnerung an das Licht meiner Herkunft bin und deshalb der Schmerz über die empfundene (Ab-)Spaltung, die aus der enormen Spannung der gefühlten Erinnerung und der gefühlten Weltwirklichkeit krasser kaum sein könnte? Wenn genau diese Spannung – zwischen einem inneren Wissen um Ganzheit und der äußeren Erfahrung von Zerrissenheit – das ist, was wir Weltschmerz nennen? Ein Echo dessen, was wir einmal wussten – und hier nicht mehr ganz finden.


Dienstag, 17. Februar
Das wirklich Beunruhigende an diesem «Prozess gegen Deutschland» war schlussendlich nicht das einseitige Befragen, nicht das Bloßstellen, nicht die Buhrufe oder Mittelfinger, nicht einmal das Hinter-den-Kulissen-Auflungern und zusätzliche Beleidigen. All das war unschön, aber erwartbar. Wirklich verstörend war etwas anderes: die Sicherheit, die Selbstverständlichkeit und die beinahe sakrale Gewissheit, mit der diese Schauspieler «ihre Demokratie» vertreten haben. Da war kein Zweifel. Kein Innehalten. Kein Moment der Selbstprüfung. Nur die Überzeugung moralischer Überlegenheit – vorgetragen mit dem Gestus der Unantastbarkeit. Und ich weiß ja nicht, aber diese Form von Repression gegenüber «Andersdenkenden» sehe ich nicht bei den beschriebenen «Rechten»: Ich sehe sie hier, auf dieser linken Bühne. Öffentlich, laut, beklatscht. Und es gruselt mich. Denn diese Menschen glauben tatsächlich, sie seien die «Guten», während sie längst jene Methoden anwenden, die sie bei den Feinden der von ihnen verteidigten Demokratie entdeckt zu haben meinen. Ausschluss. Beschämung. Entmenschlichung. Sie selbst sind die Faschisten. Sie sind es, die nur eine Meinung gelten lassen. Sie sind es, die Abweichung nicht als Diskurs, sondern als Bedrohung behandeln. Sie sind diejenigen, die durch ihre Ignoranz und ihre Wut, durch ihren demonstrativen Unwillen, den eigenen Standpunkt auch nur einen Millimeter zu hinterfragen, andere «radikalisieren». Sie ziehen die Linien immer enger und drängen so Menschen an die Ränder des (für sie) nicht mehr Sagbaren. Und es ist so verdammt gruselig, wie sehr sie diese Macht genießen und gleichzeitig überzeugt sind, sie seien die Bedrohten. Diese Opferpose bei gleichzeitiger Machtausübung. Dieses moralische Pathos bei faktischer Ausgrenzung. Auch hier wirkt es wie beim Casting von Germanys Next Topmodel: Ihr ganzes Leben konnten sie nichts und waren niemand. Das haben sie von allen zu spüren bekommen. Jetzt endlich können sie ihr Nichtkönnen dadurch kompensieren, dass sie zu «den Richtigen» gehören. Und wollen das nun auch alle spüren lassen. Auch hier sind die Leitmotive Rache und Wut. Sie sind es, die an der Vergangenheit festhängen. Sie sind es, die ihr Ressentiment kultivieren und in die Welt tragen. Nicht «die Rechten». Diese Wehleidigkeit, diese Selbstgerechtigkeit, dieses gleichzeitige Austeilen und Sich-als-Opfer-Inszenieren habe ich in dieser Form noch bei keinem «Rechten» gesehen.
Mittwoch, 18. Februar
Der Impuls ist da, mich dafür zu entschuldigen, oder auch nur zu rechtfertigen, dass ich im aktuellen Text abermals so sauer und aufs Weltgeschehen fokussiert klinge. Nur kann ich an diesem Gefühl nichts ändern. Und will auch nichts vorspielen, was nicht ist. Ich bin sauer. Ich will diese Welt nicht so sehen müssen, wie sie derzeit ist. Und kann gleichzeitig nicht verneinen, dass sie so ist wie sie ist. Ich bin niemand, der lange vor der Realität flüchten kann. Wir haben nur diesen einen Planeten – egal, wie manche Verrückten sich Anderes herbeisehnen. Noch sind wir hier, und niemand von uns verdient einen weiteren Planeten, nachdem wir diesen hier tatsächlich zugrunde gerichtet haben. Ihn vollends kontaminiert haben mit dem Schlimmsten unseres Menschseins. Verdammt. Mir tut es einfach weh, dabei zuzugucken – und dann auch gefühlt so tatenlos. Und allein. Wie lässt sich dieses Gefühl des Mitleidens übertragen oder ausweiten? Warum fühlen so wenige, was eigentlich alle fühlen sollten? Und warum werde ich das Gefühl nicht los, dass diese Menschen all das auch genau so wollen? Dass sie die Dürre, die sie im Herzen tragen, auch in dieser Welt sehen wollen? Und warum tut mir ausgerechnet das nur noch umso mehr leid? Warum hört die Wut hier auf? Dort, wo das Bild vom Anfang dieser Herzlosigkeit einsetzt. Von Kindern, die keine Liebe erfahren haben und deshalb unfähig sind, sie in die Welt zu tragen oder auch nur in ihr zu sehen. Und dennoch: Dieser Planet gehört euch nicht. Er wird euch nie gehören. Und wenn ihr nicht langsam lernt, mit ihm zu leben, ohne ihn vernichten zu wollen, wird er dies auf die eine oder andere Weise bald mit euch tun. Diese Erde war vor euch da. Seid nicht so naiv und glaubt, sie überleben zu können. Im Grunde seid ihr ohnehin längst tot. Davon zeugt die Lücke in eurer Brust.
Donnerstag, 19. Februar
«Mir wird das im Moment einfach alles zu viel», war die Antwort eines Lesers, als ich ihn nach seiner Bitte, ihn aus dem Verteiler zu nehmen, fragte, warum. Viel mehr Erklärung braucht es für dies alles eigentlich nicht. In diesem einen Satz liegt bereits die ganze Gegenwart. Dass Menschen sich überhaupt mit solchen Themen beschäftigen, ist ein großes Stück. Und das teils bereits über Jahre hinweg. Es verlangt Aufmerksamkeit, Nervenstärke, innere Weite. So habe auch ich immer wieder meine Phasen, in denen ich am liebsten wie ein Strauß den Kopf in den Sand stecken wollen würde. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern aus Überforderung. Da ist wie eine Stimme in mir, die bockig darüber ist, in dieser Welt nicht ungeschadet leben zu können, ohne sich mit Satanismus, Kindes- und Organhandel sowie totaler Geschichtsumdeutung beschäftigen zu müssen. Eine kindliche Empörung darüber, dass das Leben nicht einfach Leben sein darf – sondern scheinbar immer auch bedeutet, sich zugleich mit Abgründen auseinandersetzen zu sollen, die jedes Maß sprengen. Zumal ich auch nicht glaube, dass der menschliche Geist für diese Dimension an Problemkonfrontation und entsprechender Lösungsorientiertheit ausgelegt ist. Unser Nervensystem ist nicht dafür geschaffen, globale Grausamkeiten im Liveticker zu verarbeiten. Einst war es nur unsere Familie samt Stamm und die Frage, wie viele Mammuts es zu erlegen gilt, um durch den Winter zu kommen. Klares Problem – bewältigbare Lösung. Schämenswert ist es aus meiner Sicht folglich nicht, sich dieser Flut zu entziehen. Es ist ein Akt der Selbstwahrung. Schämen sollten sich die, die diese in diese Welt entlassen. Und die diese Welt durch ihr Handeln belasten.
Freitag, 20. Februar
Für mich ist es kein Entweder-Oder. Weder will ich woanders hin, noch glaube ich, dass es bereits Zeit für uns ist, auszusterben. Nein, auf dieses antinatalistische Pferd springe ich nicht auf. Diese Welt ist schön. Hier ist es schön. Überall, wo ich bin, kann ich es mir schön machen. Und sei dies auch nur in meinem Kopf. Wobei es gerade mein Kopf ist, in dem ich ab und an woanders hinwollen würde, um dieses Schöne auch als solches erkennen zu können. Als bräuchte es Abstand vom eigenen Denken, um wieder sehen zu lernen. Wissen, das spüre ich immer deutlicher, tötet Schönheit. Nicht jedes Wissen. Aber jenes, das sich zwischen dich und die unmittelbare Erfahrung schiebt. Durch dieses «Wissen» verkommt Schönheit zu Ästhetik. Du hörst auf, Dinge als das zu betrachten, was sie sind und fängst an, sie zu ordnen. In deinem Kopf, aber auch räumlich. Gemälde, Fotos, Inneneinrichtungen fangen an, Formen einzunehmen, die du nicht deshalb in dir trägst, weil sie dir entspringen, sondern weil du sie von anderswo übernommen hast. Trends, Stile, Konzepte – alles schon einmal gesehen, alles schon einmal gedacht. In diesen Momenten fangen die Bilder aus deinem Kopf an, die Archetypen deiner Seele zu übermalen. Und es ist so traurig, wie mühsam es doch ist, diese Muster aus seinem Inneren wieder loszuwerden, hat man einmal erkannt, welche Macht sie auf es haben. Wie sehr sie Wahrnehmung vorstrukturieren, noch bevor etwas überhaupt zu dir sprechen durfte. Wann, ja wann hören wir bloß auf, Kindern etwas beibringen zu wollen, und fangen stattdessen an, von ihnen zu lernen? Von ihrem unverstellten Blick. Von ihrer Fähigkeit, zu sehen, ohne sofort zu wissen.
Samstag, 21. Februar
Für mich gibt es zwei Sorten von Menschen. Jene, die in Anbetracht einer unsicheren Welt sich umso mehr Sicherheit im Privaten schaffen wollen. Und jene, die sich in Anbetracht einer Welt, die sie zusehends wirkungmächtig und handlungsunfähig fühlen lässt, so viele Freiheiten im Privaten offen lassen wollen, wie möglich. Sie mögen die Veränderung. Genau wie ich. Zumindest lässt mein permanentes Umgeräume auf dergleichen schließen: Schon als Kind und Jugendliche habe ich meine Eltern damit in den Wahnsinn getrieben, dass ich allwöchentlich Regal, Bett und Tisch im Kreis geschoben und gedreht habe – immer auf der Suche nach der einen Kombination, die mich auf immer ruhen lassen würde. Ein WG-Zimmer und zwei Häuser später muss ich mir wohl eingestehen, dass es diese Kombination nicht gibt. Zumindest nicht für mich. Sind es doch schließlich nie die Möbel, die nicht stimmen, sondern ich. Ich bin es, die unruhig ist, und die, weil sie dies an sich selbst nicht geändert bekommt, Unordnung im Außen provoziert, nur um diese ständige Unruhe anschließend wieder aufräumen zu können. Was für eine Zeitverschwendung. Und was für ein Aufwand, nur um sich nicht mit sich alleine in ein Zimmer setzen zu müssen, um diese Unruhe nicht fühlen und die Ruhe nie eintreten sehen zu müssen.
Sonntag, 22. Februar
Es gibt eine Sache, an die glaube ich tatsächlich sehr fest. Seit Jahren. Und zwar, dass sich alles Leben – und folglich auch der Mensch – nur bis zu einem gewissen Grad ins Unkenntliche verbiegen lässt, ehe es zurück in seinen Ursprung springt. Alles hat sein Wesen. Alles fühlt. Alles trägt und wird getragen durch eine innere Struktur, die sich nicht dauerhaft unterdrücken lässt. Eine Maschine hingegen lässt sich zerlegen und bis auf die letzte Schraube austauschen. Doch was ist mit dem Menschen und der Erde als solcher? Sind wir wie sie auch bloß Ersatzteillager, verwertungsbereit für die nahende Agenda? Ich persönlich sehe das noch nicht – wobei ich das «noch» gerne streichen würde. Ich glaube, dass sich das Herz eines Tages wehren wird. Genau wie jeder Hund, egal wie domestiziert, dich eines Tages beißen wird, wenn du ihn ausgehungert in eine Ecke drängst. Leben will leben. Das ist Natur. Und Natur sind wir alle. Noch. Und dieses Noch ist der Punkt, an dem ich nicht weiß, inwieweit die letzten Jahre selbst das eigentlich Wesentliche des Menschen korrumpiert haben. Ich weiß nicht, ob 50 % der Menschheit tatsächlich «verloren» sind. Ob sie nicht alle Opfer einer Depopulationsagenda geworden sind, oder zumindest Opfer einer Degenerationsagenda, deren Kopf-Herz-Abspaltung für unsere Mittel bereits zu weit fortgeschritten ist. Ich weiß es wirklich nicht. Und glaube gleichzeitig an den noch fühlenden Teil der Menschheit. Schon heute sehe ich, wie Menschen zurück aufs Land wollen, sich Land kaufen, Häuser bauen oder von Grund auf renovieren, ihre Kinder fernab von Fernsehen und Massenpropaganda großziehen und mit eigenhändig angebautem Gemüse versorgen. Wie sie sich an die Heilmethoden ihrer Großeltern zurückerinnern, alte Rituale und Wissen wieder aufnehmen. Wir sind eins. Und solange wir das spüren, haben wir – hat das Leben – längst gewonnen.
Montag, 23. Februar
So seltsam und von Traurigkeiten durchzogen diese Tage auch sein mögen – mitten in ihnen kehrt meine Leselust zurück. Und das insbesondere durch ein Buch: Lebenswerte von Michael Klonovsky. Vor seiner Lektüre hatte ich zusehends das Gefühl, keine im Jetzt verfassten Bücher mehr erleben zu dürfen, deren Sprache mich noch so begeistern könne. Alle Autoren, die ich bewundere – so mein bisheriger Glaubenssatz – sind tot. Bis auf Klonovsky. Ein Genuss, seine an Karl Kraus oder Egon Friedell erinnernde Sprache zu lesen. Gepaart mit den Themen von heute, aber auch oft mit dem Thema der Paarung als solcher. Ein Schelm, der Herr. Wie folgende zwei Auszüge unter Beweis stellen mögen:
«In manchen Naturkundemuseen gibt es Dioramen, die unseren Planeten vor der Entstehung des Lebens zeigen, als eine öde, steinige Marslandschaft, aus der himmelstrübende Vulkane rauchen und an deren Gestade ein leeres, totes Meer brandet. Ich stelle mir dann immer vor, wie es wäre, wen man plötzlich selber in diese Welt versetzt würde. Natürlich würde man sich rasch umbringen, aber zuvor befiele einen das Gefühl absoluten Verlorenseins und einer geradezu grotesken Sinnlosigkeit der eigenen Existenz. Ein vergleichbares Gefühl stellt sich bei mir ein, wenn ich einen öffentlichen Raum betrete, in dem sich keine halbwegs attraktive Frau befindet.»
«Kinder machen geile Luder zu Muttis. Kinder verhindern, dass man sich den intellektuell bedeutenden Dingen widmet. Kinder sind die Hölle. Aber als sich zum erstenmal diese kleinen Ärmchen um meinen Hals legten, war ich für alle Zeit geheilt vom Nihilismus.»
Aber zurück zum Lesen. Mit 18-24 habe ich so gut wie alles gelesen, regelrecht verschlungen, was ich in die Finger bekam. Dann folgte eine Trennung, im Zuge derer ich mich von einem weiteren Glaubenssatz verabschiedete. Nämlich: So viel lesen zu müssen. Auf Unruhe folgte nicht Ruhe, sondern Ich. Im Nichtlesen entwickelte ich meine eigene Stimme, einen höchsteigenen Ton. Das gilt im Grunde bis heute. Ein Übermaß an Bücherfraß birgt für mich immer auch die «Gefahr» meine eigene Stimme zu verlieren, oder sie zumindest zu verfälschen. Es folgen Überlagerungen von Nabokov, Frisch oder Chesterton. Neuerdings vielleicht auch von Klonovsky. Was, verstehen Sie mich nicht falsch, nicht verkehrt wäre – nur weniger ich.
Dienstag, 24. Februar
Was die Hoffnung angeht, kann ich den Gedanken mancher Leser nachvollziehen, die glauben, ich hätte sie nicht, wären viele meiner Texte doch so «schmerzlich». Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Ich teile all diese «schmerzlichen» Gedanken gerade, weil ich Hoffnung habe. Hätte ich diese nicht, würde ich dergleichen auch nicht von mir teilen. Ich glaube, dass genau dieses Teilen – das Sich-selbst-bewusst-Werden über die eigenen Wunden und ihr zum Ausdruck Bringen, das Ins-Gespräch- und damit Ins-Heilung-Bringen – etwas verändern kann. Und mein Eindruck bestätigt sich: Ich werde dadurch weder Mitglied bei Germanys Next Topmodel noch strahlt es etwas Lähmendes aus. Ganz im Gegenteil. Die Zuschriften, Kommentare und Mails, die ich bekomme, zeugen genau davon, dass mit dem Offenlegen meines Innersten auch bei ihnen etwas aufbricht. Denn wie sollen wir heilen, wenn wir nicht einmal wissen, was uns wehtut? Wenn wir nicht anfangen, uns genau das zu fragen? Und wie soll der Schmerz schließlich gemindert werden, wenn niemand da ist, der uns hält – oder auch nur hört? Immer wieder merke ich: Auch für Heilung braucht der Mensch ein Du. Der Glaubenssatz, wir müssten alles auf dieser Welt alleine lösen, ist für mich der Grundbaustein der Matrix. Und gehört entsprechend, mit ihr, abgeschafft.
Mittwoch, 25. Februar
Manchmal frustriert es mich zutiefst – diese Schere zwischen Idealismus und Realität. Und betroffen ist dabei nicht nur mein Schreiben allein. Seit Frühjahr 2022 wirke ich aktiv an jeder Ausgabe des Schweizer Magazins DIE FREIEN mit. Und ich bin seither bei jeder Ausgabe erneut beeindruckt, wie wir Layout, Qualität und Themenvielfalt kontinuierlich steigern konnten. Gerade in der aktuellen, der 23. Ausgabe, bringt Prisca Würgler, die Initiatorin und Herausgeberin der Zeitung, bereits auf den ersten Seiten auf den Punkt, was die Unterzeichnung der EU-Verträge für die Schweiz bedeuten würde: «Schweizer Volksrechte würden wertlos werden. Und EU-Recht hätte Vorrang vor Schweizer Recht.» Es folgt die Schwurbel-Kurbel vom Chefredaktor Christian Schmid Rodriguez, Armin Stalder schreibt über die Utopie der Tech-Milliardäre und so weiter. Ein sorgfältig recherchierter Artikel reiht sich an den nächsten. Und das seit fast vier Jahren. Alle zwei Monate bei uns, wöchentlich bei Manova und teils täglich bei anderen «alternativen» Medien, die es oft noch länger gibt als uns. Kurz gesagt: Es ist längst alles gesagt. Zumindest alles, was ein normaler Mensch bräuchte, um sich von denen abzuwenden, die ihn Tag für Tag belügen. Wo sind diese normalen Menschen, frage ich mich. Und gleichzeitig weiß ich: Der von mir gesuchte «gesunde Menschenverstand» ist genau das erste, was die Staatsmedien zuerst gefressen haben. Wie ihn also zurückfüttern?
Donnerstag, 26. Februar
Ich sehe keine Welt, in der ich 70 bin. Zumindest keine, in der ich es so weit hätte kommen lassen, überhaupt 70 zu werden. Zu dramatisch? Ich finde es eher amüsant – war das doch auch immer der Standpunkt meines Vaters, der keine 60 werden wollte und mittlerweile über 70 ist. Auch mein pensionierter Nachbar erzählte mir kürzlich, er habe schon mit 30 nicht mehr weitermachen wollen. Beide wollten eigentlich keine Kinder in diese Welt setzen, in der sie selbst schon nicht sein wollten. Und doch hat mein Nachbar drei Kinder großgezogen und mein Vater mich. Und ich denke: Es ist gut so. Vielleicht sogar besser. Die Welt wäre keine bessere ohne uns, und uns ginge es auch nicht «besser», wären wir nicht geboren. Unsere Seele hätte sich ohnehin ihren Weg gesucht, an diesem Schauspiel teilzuhaben – schlicht und einfach, um überhaupt Teil zu haben. Zumindest die Chance zu haben, etwas zu verändern. Deshalb finde ich es auch albern, in Kategorien von «Leidverminderung» oder «niemandem diese Welt antun» zu denken. Ich bin froh allein über meine Möglichkeit, diese Welt zu einem besseren Ort machen wollen zu können. Wobei ich dieses Bedürfnis vermutlich gar nicht hätte, würde ich nicht zugleich so darunter leiden, dass diese Welt ist, wie sie ist. Der Unterschied liegt in der seltenen Gabe aus Vorstellungskraft und Hoffnung. Und für diese Gabe bin ich wiederum meinem Vater sehr dankbar. Diese Welt will, dass wir die Erfahrungen machen, die wir brauchen, um uns an das Leben in uns zu erinnern. Weshalb es auch gerade gut ist, dass gerade die Menschen Kinder bekommen, die noch an der Welt leiden, und nicht jene, die ihr gegenüber bereits taub geworden sind. Auch Fühlen ist vererbbar – oder zumindest der nächsten Generation vorlebbar.
Freitag, 27. Februar
An Tagen wie diesen ist mein Büro draußen. Zweifellos liegt das auch daran, dass hier bereits der Vorfrühling ausgebrochen ist: Alle Bäume und Tiere entwickeln instinktiv und ganz naiv ihre Knospen oder werfen ihre Haare ab, ehe – wie manche Dorfbewohner prophezeien – Mitte März noch einmal der Schnee über uns einbrechen wird. Bis es jedoch soweit ist – oder solange die Sonne in solcher Fülle scheint – sitze ich täglich mit einem Buch oder diesem «Tagebuch» unter einem Baum, an einen Stein gelehnt oder mitten im Feld, und genieße das stille Nichts der Natur. Ob Natur überhaupt «lärmen» könnte? Laut sein, zweifelsfrei. Man stelle sich nur mal neben einen Wasserfall oder verfolge ein herannahendes Gewitter. Doch ist das wirklich Lärm? Ein Vogel mag «Krach» machen können. Nicht aber Lärm. Lärm, zumindest für mich, ist etwas sehr Menscheneigenes. Maschinen machen Lärm, Baustellen, schlechte Musik, Klimaanlagen, Presslufthammer, aufgemotzte Autos, Motorsägen, Föhns und Rührgeräte.
Es ist seltsam, in der Natur zu sitzen und sich zu überlegen, was der Mensch alles erfunden hat, um sie nicht mehr zu hören.
Samstag, 28. Februar
Zurück zum Weltenpendel. Und zugleich im Anschluss an letzten Sonntag: Die Zeiten der Verdrängung sind vorbei. Die Dinge wollen aufbrechen. Und sie müssen aufbrechen. Damit wir selbst aufbrechen können – in eine neue, in eine bessere Zukunft. Ob diese noch in den Sternen steht oder bereits existiert, frage ich mich an Tagen wie diesen oft. An und an verdreht sich mein Gehirn, wenn ich über das «Schicksal», ein mögliches Weltenschicksal nachdenke. Ich glaube nicht an einen plumpen Determinismus. Und doch: Warum heißt es, jeder habe «sein» Schicksal? Steht vom Moment der Geburt, ja der Befruchtung jener Eizelle an fest, welches Leben ein Mensch führen wird? Ist es am Ende egal, was wir tun oder lassen? Sind selbst unsere bewussten Entscheidungen, uns «gegen» unser Schicksal zu entscheiden, Teil des Weltenplans? Haben wir überhaupt irgendeine Wahl? Oder ist sogar der Gedanke, wir hätten keine, genau wie unser Bewusstwerdungsprozess darüber, gewollt? Ist Epstein «gewollt»? Muss es erst eskalieren, damit die Menschheit kollektiv einen Schritt nach vorne macht? Hat das was mit Weltenlogarithmik zu tun, folgt das alles einer Art Exponentialrechnung des Bewusstseins? Haben die Seelen der Opfer vor ihrer Reinkarnation eingewilligt, Teil dieses Schauprozesses zu sein? Ist das irdische Dasein ein Austragungsort eines Unbewusstseins, das sich selbst erkennen will? Sind wir am Ende nur Statisten im Individuationsprozess der Erde? In ihrer ewigen Dialektik aus sich neu verschuldenden Tätern und Opfern?
Und PS: Ob die Jim Carrey wirklich geklont haben? Und Selena Gomez? Oder Kanye West und Britney Spears? Oder werden wir hier Zeuge reintegrierte MK-Ultra Experimente? Wer oder was sind diese Menschen – und sind sie noch Menschen? Wo endet Inszenierung, wo beginnt Manipulation? Mir persönlich reichen die Auftritte von Jim Carrey aus den vergangenen Jahren, um zu wissen, dass er nicht der Typ ist, der sich einer Schönheits-OP unterziehen würde.
Die ersten Termine für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben stehen bereits:
Am Donnerstag, den 12. März um 19 Uhr in der Studio MandoLina in der Kaiser-Joseph-Strasse 265, 79098 Freiburg (alle Infos hier).
Am Freitag, den 13. März um 17.30 in der Friedrichstraße 12 in 69412 Eberbach. (Da es eine bestimmte Anzahl an Plätzen gibt, sind wir sehr froh, wenn ihr Euch bei Sabine (Sabine.belz@yoga-eberbach.de) oder Anja (Anja.sonnenlicht@gmx.de) anmeldet.
Verfügen auch Sie über einen kleinen Saal oder ein größeres Wohnzimmer, in dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de – und vielleicht können wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
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Kontoinhaber: Lilly Marie Gebert
IBAN Deutschland: DE13120300001056704222
IBAN Schweiz: CH97 0839 2000 1604 6030 1
Verwendungszweck: Spende Substack (Beispiel)
Vielen Dank. Für alles weitere schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonnieren Sie meinen Telegram Kanal, oder verfassen einen Kommentar.







Ich kenne das Gefühl, Gott nicht mehr fühlen zu können. Bis ich dann jeweils merke, dass ich ihn verlassen habe und nicht umgekehrt. Und schon erreicht er mich wieder.
Liebe Lilly!
Ich lebe jetzt schon 71 Jahre in dem Zustand, den Du beschreibst.
Ich hoffe immer noch auf eine lebendigere Welt und habe nur deshalb Angst vorm Sterben, weil ich sie noch sehen möchte.
Herzlich! Marthe