Den Menschen in sich selber finden
Über die Beschränktheit linken Denkens, das Teuflische im Relativismus und was es bedeutet, sein Leben nach den Gesetzen des Einzelnen zu leben.
Je mehr Deutschland im Krieg verlor, desto erfolgreicher wurde die politische Strategie der Nazis, die totale Mobilmachung in der totalen Komplizität des deutschen Volkes enden zu lassen. Sie behaupteten, es gebe keinen Unterschied zwischen Deutschen und Nazis, das ganze Volk stehe geschlossen hinter der Regierung. Und löschten damit jede Trennlinie zwischen Tätern und Gegnern, zwischen Schuld und Widerstand. Ihr größter Sieg war nicht militärisch, sondern moralisch: In der Auslöschung jeder Nuancierung machten sie es unmöglich, noch gerecht zu urteilen.
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I
Für Hannah Arendt bestand darin die gefährlichste Folge totalitärer Macht: «Wo alle schuldig sind, kann im Grunde niemand mehr urteilen», schrieb sie 1945 in ihrem Essay Organisierte Schuld (Organized Guilt and Universal Responsibility). Für sie gab es keine kollektive Schuld. Nur individuelle Verantwortung. Wo immer Schuld verallgemeinert und auf alle verteilt werde, würde sie bedeutungslos – zur Ausrede des Einzelnen, seiner Verantwortung, selber zu urteilen, zu entfliehen. Was auch der einzige Vorteil bei der Vermassung von Schuld sei: Wer sagt, dass alle schuldig sind, nimmt niemanden mehr in die Pflicht. Wer sich aber in der Masse versteckt, verliert den Maßstab für sich selbst.
Anders der sich seiner Verantwortung Bewusste: Er hat nicht nur den Mut, sich der Bequemlichkeit jedweder Vermassung verweigern, sein Pflichtgefühl gegenüber sich selbst macht es ihm zugleich unmöglich, ihre Taubheit zu seiner zu machen. Er empfindet sie als beklemmend, nicht als erlösend. Was er braucht, ist Klarheit – keinen Komfort versprechenden Vermittler zwischen sich und der Wirklichkeit. Er weiß: Verliert er den Kontakt zu ihr, verliert er alles. Denn nur wer denkt und selber wahrnimmt, so schreibt auch Arendt, kann handeln. Und nur wer handelt, kann verantwortlich sein. Weshalb Denken für sie auch keinen intellektuellen Luxus darstellte, sondern eine Form moralischer Wachheit. Wer denkt, sagte sie, tritt in ein stilles Gespräch mit sich selbst. In diesem Gespräch wird sichtbar, was richtig ist und was falsch – nicht als Gebot, sondern als Gewissen und innerer Kompass. Wo dieses Denken aussetzt, beginnt das Böse, das sich nicht mehr selbst erkennt. Das als solches aber genau darauf aus ist – die Entfremdung und den Bruch des Einzelnen zu sich selbst und mit seiner eigenen Vergangenheit.
«Alle anderen – ob Deutsche oder Nichtdeutsche – hatten die verständliche Neigung, einer offiziellen, von allen Mächten anerkannten Regierung eher zu glauben als Flüchtlingen, die als Juden oder Sozialisten ohnehin verdächtig waren», schrieb Arendt. Nur wenige kannten die volle Wahrheit, und noch weniger hatten den Mut, sie auszusprechen. In diesem Klima der Gleichschaltung brauchten die Nazis die totale Identifikation – ein Volk, das in sich selbst nicht mehr unterscheiden konnte. Täter und Opfer, Mitläufer und Gegner sollten ununterscheidbar werden; ihren einstigen Absichten enthoben. Nicht Empathie und Verständnis formten das Miteinander, sondern «der Apparat» mit seinem Monopol auf Wahrheit. Was er hinterließ, war kein Leben, sondern eine einzige, offizielle Deutung – und die Pflicht, sie zu glauben.
Arendt schrieb, dass nur noch der erkennen könne, wer in Deutschland ein Nazi und wer ein Antinazi war, «der in das menschliche Herz zu blicken» vermochte. Nach außen war kein Unterschied mehr sichtbar. Die Sprache war gleichgeschaltet, die Gesten eingeübt, selbst das Schweigen kodiert. Abhilfe bot nicht mehr der Blick nach links und rechts, sondern einzig der nach oben. Ein Teufelskreis aus Verantwortungsabnahme und der gleichzeitig wachsenden Angst vor Strafe in Anbetracht immer schwerer einzuhaltender Sanktionen, in dem die Uniformität von dem, was als wahr und wirklich galt, zur letzten, unentrinnbaren Form der Kontrolle wurde – eine Welt, in der das Denken selbst zum Verdacht wurde. Erst wenn einer tot war – so fasste Arendt die wirklichen Verhältnisse des extremen Schlagworts, dass «nur ein toter Deutscher ein guter Deutscher» sei, zusammen – ließ sich erkennen, ob er wirklich gegen sie war. Einen anderen Beweis hätte es nicht mehr gegeben. Wie vermutlich auch kein anderes Ende der Angst, an der sie alle litten.
II
Für Arendt waren das die realen politischen Verhältnisse, die hinter der Idee einer kollektiven Schuld standen. Eine Politik, die sich längst von jeder Nation, jedem Volk, jedem menschlichen Maß gelöst hatte. Eine Macht, die nur noch an sich selbst glaubte – und darin so konsequent war, dass sie lieber das eigene Volk mit in den Untergang riss, als ihre eigene Stellung zu verlieren. Die totale Politik hatte nicht nur alles zerstört, was zwischen Privatheit und öffentlichem Leben einst bestand – sie hatte laut Arendt auch erreicht, «die private Existenz jedes Individuums auf deutschem Boden davon abhängig zu machen, dass es Verbrechen entweder begeht oder ihr Komplize ist». Wer lebte, musste schuldig werden – durch Handeln oder durch Schweigen.
Dabei ließ gerade diese totale Durchdringung des Lebens das moralische Urteil auch im Nachhinein leer bleiben. Die Diskussion, wer die «guten» und wer die «bösen» Deutschen waren, ging für Arendt am Kern vorbei. Sie verfehlte das Ausmaß des Verhängnisses. Es ging schließlich nicht um Charakter oder Erziehung, nicht um moralische Kategorien, die im Rückblick tröstlich wirkten. Es ging um Strukturen, in denen jeder gezwungen war, Teil eines Systems zu werden, das den Unterschied zwischen Mensch und Funktion aufhob.
Die entscheidende Frage war für Arendt daher nicht mehr, wer schuldig war – sondern wie man überhaupt noch Haltung finden konnte in einer Welt, in der niemand sicher wusste, ob der Nachbar ein heimlicher Held oder ein Mörder war. Definitionen halfen nicht. Auch keine juristischen Begriffe. Am Ende würde man ohnehin nicht alle Kriegsverbrecher verhaften können – nicht, weil es zu wenige waren, sondern weil es zu viele waren. Lagen die wahren Gräuel doch nicht in den Taten Einzelner, sondern in der Maschine, die sie möglich machte: einer perfekt organisierten Verwaltung des Mordens, die nicht mehr aus Überzeugten bestand, sondern aus Ausführenden, Opfern, Marionetten. Jeder an seinem Platz, jeder funktional, jeder ersetzbar. In dieser Mechanik verschwand der Mensch selbst. Und mit ihm, wie eingangs erwähnt, sein Bewusstsein dafür, als solcher für sich verantwortlich zu sein. So jedoch habe sein politisches Denken versagt und mit ihm auch sein Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Ohne diese Grundzüge des Menschseins, so Arendt, wird selbst Strafe sinnlos. Sie trifft niemanden mehr, der noch weiß, was er getan hat.
III
Aus dieser Desillusionierung heraus schreibt Arendt gegen Ende ihres Essays: «Seit vielen Jahren begegnen mir Deutsche, welche erklären, dass sie sich schämten, Deutsche zu sein. Ich habe mich immer versucht gefühlt, ihnen zu antworten, dass ich mich schämte, ein Mensch zu sein.» Die Verbrechen der Nazis waren für sie so ungeheuerlich, dass sie nicht nur die deutsche Nation, sondern die gesamte Menschheit betrafen. Diese Art von Scham – nicht national, sondern menschlich – empfanden damals viele Menschen überall auf der Welt. Und doch blieb sie, so Arendt, ohne politische Konsequenz. Sie führte zu keinem neuen Denken, keiner neuen Verantwortung. Die alten Ideen von «Menschlichkeit» oder «Menschheit», die einst hoffnungsvoll und idealistisch klangen, blieben oberflächlich. Niemand hatte wirklich begriffen, was es bedeutet, dass alle Menschen miteinander verbunden sind – und was es heißt, dass die Menschheit auch imstande ist, so etwas wie Auschwitz hervorzubringen.
Und doch: Die Antwort auf dieses Schrumpfen des eigentlichen Menschseins bestand für Arendt nicht darin, härtere Strafen für sein Verfehlen einzuführen, sondern in der Auflösung jeder Herrschaft durch Angst und Schrecken. Nur wo Leben ohne sie möglich sei, sei der Mensch auch fähig, gerecht zu urteilen. Nur wo der Mensch angstfrei leben könne, ohne die Strukturen, die es ihm unmöglich machen, ein Leben außerhalb ihres Systems zu führen, könne er sein Herz für die Dinge öffnen, die in seinem Leben zählen sollen. Und diese entsprechend in seinem eigenem Namen anstatt in dem einer äußeren Machtinstanz zu vertreten.
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IV
Ein Standpunkt, beziehungsweise eine Utopie, die auch ich mir wünsche. Von der wir aber alle wissen, dass sie leichter gezeichnet als umgesetzt ist. Dafür ist die Verstrickung zwischen der Macht der Obrigkeit und der Ohnmacht ihrer Untertanen zu festgezurrt. Oder wie ich in meinen zwei letzten, aber auch in früheren Texten (hier oder hier) bereits beschrieb: Das innere Korsett der Angst wurde uns nicht erst und allein in diesem Leben angelegt – vielmehr wurde es in uns hinein gewebt, über Generationen und Reinkarnationen hinweg. Die Fangarme und Strategien der inneren wie äußeren Sanktionierung heutiger Politik wirken nicht nur deshalb so gut, weil wir staatskonform beschult oder mit Liebesentzug als Strafe erzogen wurden, sondern weil die Muster, nach denen uns beigebracht wird, wie «Leben» hier auf dieser Erde zu funktionieren hat, seit mehreren hundert, wenn nicht tausend Jahren fortbestehen. Unsere Seele mag andere Welten und andere Gesetze kennen, unser Gehirn und mit ihm unsere gesamte Zellstruktur jedoch hat sich an das angepasst, was es auf dieser Welt vorgefunden hat. Schlicht und einfach, um zu überleben – um «gut» zu leben.
Diese über Jahrhunderte standgehaltene Illusion eines «guten Lebens» droht derzeit zu zerbrechen. Viele Menschen merken, dass sie so, wie sie sich bislang in dem ihren fortbewegt haben, nicht mehr weiterkommen. Das gilt für E-Autos, genauso wie die Akkumulation von Kapital als Absicherung eines gewissen Lebensstandards. Was jedoch wirkt, als fange «der Zeitgeist» an, sich gegen den Materialismus als solchen zu wenden, ist vielerorts nichts weiter als derselbe Überlebenskampf einer Politik, die bereits Hannah Arendt beschrieb: Aus Angst vor Machtverlust wie dem Unvermögen, sich einzugestehen, dass das eigene Überleben von nichts anderem gesichert wird als gerade dieser Vormachtstellung, scheinen heutige Politiker lieber ihr Volk im Krieg sterben als eine Partei wählen zu sehen, die ihre eigene Machtposition gefährden könnte. Diese wird vielmehr durch Parolen wie «Demokratie schützen», «Freiheit verteidigen» oder «Extremismus bekämpfen» (selbstverständlich «rechten», linken gibt es bekanntlich nicht) gestärkt, indem ihr bloßes Aussprechen jede weitere Diskussion als moralisch eindeutig erklärt. Dabei offenbart auch diese Unfähigkeit, Debatten bis an ihr Ende zu führen, nur die Unsicherheit ihrer Vertreter. Sie glauben tatsächlich, sie «schützten» die «Demokratie», indem sie abweichende Werte, Standpunkte oder Parteien verbieten, statt sich mit deren Ursachen auseinanderzusetzen oder die eigenen emotionalen Grenzen in Bezug auf diese kritisch zu hinterfragen.
Wobei es nie um die Art von Meinung oder die eigentliche Forderung einer Partei geht. Es geht um die Angst vorm Selberdenken, die Angst vor dem Wegfall des so mühsam aufgebauten Freund-Feind-Schematas. Sowohl auf Seiten der Politiker wie auch auf Seiten ihrer Bürger. Dabei kann die Politik tatsächlich nur überleben, solange sie ihre Wähler davon abhält, selbst herauszufinden, wer ihnen nützen und wer ihnen schaden will. Womit sich gerade das Überleben der Menschen, die sie noch wählen, durch die Angst, die jene Politiker in ihnen auslösen, an einem immer dünner werdenden Faden befindet. Und das nicht nur bildlich gesprochen: Denn während die Angst als solche bereits Menschen krank macht, hat eine gewisse Plandemie Familien und Freundschaften zerrissen und die daraufhin in ihrer Angst vereinzelten Menschen auf ein «Heilmittel» vertrauen lassen, das sie letztlich nur noch mehr um ihr Leben fürchten ließ. Was darauf folgte war ein eher altbekanntes Spiel: Der Feind im Außen bedroht die Sicherheit im eigenen Land. Weshalb die eigenen Männer ins – ebenfalls aus Angst – zum von Landesvertretern zum «Schlachtfeld» erklärten Land ziehen müssen, um besser gestern dort als morgen im eigenen Land zu sterben.
V
Für was? Frage ich mich immer und immer wieder. Für ein Vaterland, das so nicht mehr genannt werden will? Eine Politik, die uns krank und arm macht? Warum lernen wir nicht? Wieso bleiben die einst hoffnungsvollen Ideen von «Menschlichkeit» oder «Menschheit» so dermaßen oberflächlich? Wie kann es sein, dass die Moralkeule der Geschichte immer nur das vorantreibt, was sie augenscheinlich verneint?
Auch hier liegt die Antwort für mich im Selberdenken. Damals wie heute: Es ist die Ideologie, die Menschen Parolen sprechen lässt, welche in letzter Instanz auch ihr eigenes Überleben gefährden. Nur sind sie selbst nicht mehr dazu in der Lage, diese mit einzubeziehen. Wie im Reptilienreich hat ihr Gehirn auf Überlebensmodus umgeschaltet - instinktiv und reaktiv, statt rational und abwägend. Was die Politik im Großen macht, betreiben sie im Kleinen. Eine Dynamik, die sich, wie ich finde, sehr schön bei der deutschen Antifa beobachten lässt: Werden diese nach ihrer persönlichen Meinung gefragt, den Argumenten hinter ihrer Protesthaltung, kommen meist nichts als Kampfrufe, Mittelfinger oder körperliche Übergriffigkeiten – natürlich alles stets vermummt und unter Wahrung ihrer Persönlichkeitsrechte.
Ich finde das peinlich. Und kann es zugleich irgendwie verstehen. Weshalb mir diese Menschen einerseits sogar ein wenig Leid tun, ich mich gleichzeitig jedoch weigere, dieses Verhalten als «verständlich» stehen zu lassen. Denn mal abgesehen von der Wut und der Spaltung, die diese Menschen – gerade indem sie versuchen sie zu bekämpfen – in diese Welt hinaustragen: Diese Form des blinden Mitläufertums aus scheinbar gesellschaftlicher Alternativlosigkeit, ihre Unfähigkeit, unterschiedliche Meinungen zu diskutieren, wie auch ihr Versuch, eben diese unter dem Deckmantel der «Diversität» zu unterdrücken, ist das, wogegen jemand wie Charlie Kirk einstand, womöglich auch starb und aufgrund dessen sich gerade Linke im Recht fühlten, seinen Tod zu glorifizieren oder als Halloween Kostüm zu inszenieren. Und dafür aufgrund ihrer gesellschaftlichen Deutungshoheit keinerlei Konsequenzen erfahren mussten, weder sozial, noch rechtlich. Wo ich persönlich nicht verstehe, was es da mit der «linken Gesinnung» auf sich hat: Freiheitsrechte einschränken und Morde feiern im Namen der Gerechtigkeit? Waffen liefern, um Kriege zu stoppen? Innenstädte «modernisieren», um nicht an die einstige Überlegenheit früherer Architekten oder den bei sich selbst fehlenden Sinn für Schönheit und Ästhetik erinnert zu werden?
Tendenziell unterscheide ich ungern in «links» und «rechts». Für mich sind diese Kategorien nicht nur nicht mehr zeitgemäß und inflationär gebraucht, sondern in ihrer eigentlichen Komplexität auch unzulänglich. Gleiches gilt für «progressiv» und «konservativ», bzw. «woke» und «reaktionär». Es geht nicht darum, dass die einen Fortschritt wollen und die anderen die Vergangenheit nicht ruhen lassen können. Es geht darum, dass manche einen von jeder kulturellen wie national-historischen Herkunft losgelösten Fortschritt um des Fortschritts Willen wollen, während die anderen sich eine Zukunft wünschen, die mit jener Herkunft im Einklang steht – sie in ihrer Individualität versteht und wahrt sowie ins Neue integriert. Was, um es jetzt noch weiter zu verkürzen und herunterzubrechen, meine Erklärung für Antifa, Wokeness und Heimathass ist: Wo der Mensch unfähig ist, seine Identität aus sich selbst, seiner Vergangenheit und Herkunft zu bilden, sucht er Sicherheit in übergeordneten Narrativen – egal wie weit weg ihn diese von seinem menschlichen Kern zu führen vermögen und anderen Menschen eben jenen abzusprechen versuchen.
VI
Dieses fragile Selbst zeigt sich immer dann am deutlichsten, wenn Umstände anfangen, komplex zu werden und plötzlich eine Haltung abverlangen, bevor überhaupt verstanden wurde, worum es geht. Das ließ sich anhand von Plandemie, Krieg und Völkermord bestens beobachten: Während sie politische Machtsysteme eher ausgeweitet haben, wirkten sie auf die inneren Systeme der Menschen einengend und (selbst-)verleumderisch. Sie haben sichtbar gemacht, wie dünn das Reflexionsvermögen vieler ist. Übermannt von Angst, Wut und moralischem Schock reagieren sie oft nicht mit Denken, sondern mit Selbstschutz. Und der schnellste Selbstschutz ist nicht Einsicht, sondern Gewissheit. Es ist dieser Reflex, in Zeiten der Ungewissheit möglichst schnell wieder Boden unter den Füßen gewinnen zu wollen, der Menschen in die Arme eines kollektiven «Wir» treibt – nicht aus Überzeugung, sondern aus Erleichterung. Oder besser: aus Wunsch nach Erlösung. Auch bekannt als anfänglich bereits erwähnte Kraft des Bösen.
Dieses «Böse», beschreibe ich im Relativismus-Kapitel meines am 27. November erscheinenden Buchs Sein statt Haben (Vorbestellungen gerne hier) wie folgt:
Es lenkt den Menschen vom Guten ab und führt ihn auf dunkle Pfade. Es zerstört die Verbindung von innerer Überzeugung und göttlicher Ordnung und ersetzt sie durch eine subjektive Wahrheit, die jeder für sich selbst bestimmen kann. Nicht durch offene Leugnung, sondern durch schrittweise Relativierung, bis der Mensch sich selbst zum alleinigen Maßstab erhebt. Bereits im Garten Eden begann dieses Prinzip: Die erste Versuchung war nicht die Aufforderung zum Bösen, sondern die scheinbar harmlose Frage: «Sollte Gott wirklich gesagt haben …?» – ein Zweifel, der die göttliche Ordnung infrage stellte und den Menschen dazu brachte, selbst über Gut und Böse zu entscheiden. Der Sündenfall lag nicht im offenen Bruch, sondern in dieser Verschiebung: Die Wahrheit wurde dem Urteil von Masse und Individuum unterworfen. Ein Prinzip, das die Geschichte durchzieht und in der modernen Identitätskrise erneut zu erstarken droht: Denn wird es gesellschaftlich erst einmal legitim, dass jemand, der objektiv keine Katze, Elfe oder drei Meter große Rieseneidechse ist, sich als solche empfinden und bezeichnen darf – und die öffentliche Erwartung zunehmend dahin wächst, diese Selbstzuschreibung sprachlich und sozial zu bestätigen, dann ist der Schritt vom subjektiven Empfinden zur kollektiv durchgesetzten »Wahrheit« nicht mehr weit.
Dabei wird das, was sich als »Toleranz« präsentiert, von einer Illiberalität getrieben – einer, die nicht duldet, sondern fordert; die nicht öffnet, sondern normiert. Was jedoch, wenn niemand mehr irgendwas ins Verhältnis setzen darf oder auch nur kann? Was geschieht, wenn Wahrheit nicht mehr als lebendige Verbindung von innerer Überzeugung und höherer Ordnung begriffen wird, sondern als Dogma, das sich verfestigt – und über das, was als wirklich gilt, bestimmt, anstatt das, was wirklich ist, offenzulegen? Wenn sie nicht mehr für das steht, was ist, sondern für das, was von anderen «gehabt»wird? Wenn sie nichts mehr ist, nach dem es zu streben lohnt, sondern dem es zu verfallen gilt – einem Frevel, demzufolge das Einzige, was noch als orientierungsstiftend gilt, absolute Ismen sind, die mit dem Individuum nichts mehr zu tun haben?
Ja, wer bin ich, wenn ich die Wahrheit – als innere Stimme und göttliche Ordnung – nicht mehr in mir trage, sondern nur noch im Außen suche? Wenn ich aus Unsicherheit oder Angst vor Konsequenzen stets nach äußeren Vorgaben handle? Bin ich dann nicht erst recht des Teufels Zweifeln verfallen, wenn ich aufhöre, an die Wahrheit in mir zu glauben, und stattdessen jene akzeptiere, von der andere behaupten, ich müsse sie glauben? Was ist, wenn die totalitären Systeme der letzten Jahrhunderte nur deshalb greifen konnten, weil der Mensch seine innere Wahrheit und Selbstbestimmung an das verloren hat, was er sich in sich nicht zu suchen getraut hat: Orientierung, Sinn und Halt? Und sein ungestilltes Verlangen nach ihnen ihn anfällig gemacht hat für jene Stimmen im Außen, die ihm das Heil versprachen, das er sich selbst nicht geben konnte? In dieser Entfremdung von der eigenen Schöpferkraft beruht der Kern der Verführung: Sie führt mich ins Vergessen meiner eigenen Genialität. Dass ich mich nicht mehr als Gestalter meiner Lebensumstände empfinde, sondern glaube, ich müsste jede meiner Handlungen durch Ratschläge von außen begründen, ohne je zu hinterfragen, ob diese letztendlich nicht doch weniger »Rat« denn »Schläge« sind.
Ein anschauliches Beispiel für dieses zunehmende Unvermögen, aus der eigenen Wahrheit heraus zu handeln, zeigt sich in der modernen Informationsflut: Durch Expertenmeinungen, Algorithmen oder gesellschaftliche Narrative werden vermeintliche Wahrheiten präsentiert, die mir vorschreiben wollen, wie ich denken, fühlen oder leben soll. Doch was geschieht, wenn ich verlerne, auf meine innere Stimme zu hören, weil ich mich ständig nach außen orientiere? Wenn ich meine Gesundheit, Werte oder Identität nur noch durch externe Vorgaben definiere? Die Gefahr liegt darin, dass ich mich selbst verliere – dass ich meine Fähigkeit, eigenständig zu urteilen, aufgebe und mich den lauten Stimmen des Außen unterwerfe. Diese Stimmen, so verführerisch sie auch klingen, sind oft weniger darauf ausgerichtet, mich zu befreien, als vielmehr darauf, mich in neue Abhängigkeiten zu verstricken.
VII
Die einzige Einteilung, die ich folglich noch treffe, ist die in «aufbauende» und «abbauende» Kräfte. Denn zweifelsfrei: Jeder Paternalismus und jede andere Form von Guru- oder Sektenschaft mag den Menschen dahingehend entlasten, dass dieser für seine Entscheidungen bereits vorgefertigte Parameter vorfindet, anstatt jede durch eigenes Nachdenken treffen zu müssen. Das hat jedoch nichts «Aufbauendes». Diese Bevormundung fördert keine genuine Moral, lässt keine inneren Werte entstehen. Vielmehr baut sie gerade diese im Menschen ab, sodass in Zeiten der Not und der Krise keine Intuition, kein Gewissen und kein innerer Kompass die Notschaltung zwischen Angst, Befehl und blinder Gefolgschaft behindert könnte. Sie hält den Menschen klein – das Menschsein im Menschen.
Nun lassen sich diese Dynamiken, wie bereits erwähnt, überall vorfinden: in Politik und Sektentum, aber auch in jeder anderen Form der blinden Gefolgschaft, beispielsweise in narzisstischen Beziehungen oder missbräuchlichen Eltern-Kind-Konstellationen. Die Abhängigkeit ist so groß, dass sie jede eigene – alarmierende – Wahrnehmung unterbindet. Wo ich aus eigener Erfahrung, aber auch aus Beobachtung bei Freunden und Bekannten weiß: Argumente helfen an dieser Stelle nicht weiter. Wenn die betroffene Person insgeheim glaubt, ohne ihren Peiniger nicht leben zu können, wird kein Aufzeigen ihrer Unfreiheit dazu führen, dass sie diese auch als solche erkennt. Weshalb wir es hier ähnlich wie beim Stockholm-Syndrom mit einer Form von Trauma-Bonding zutun haben: Der Täter erzeugt traumatischen Stress (Angst, Isolation, Drohung) — aber unterbricht ihn gelegentlich durch Gesten, die als «Zuwendung», «Erleichterung» oder «Gnade» empfunden werden (auch bekannt als Bratwurst oder Bürgergeld). Für Außenstehende wirken diese Gesten minimal und manipulativ. Für das Opfer aber können sie extreme Erleichterung auslösen, weil sie aus einem Zustand der existenziellen Bedrohung kommen. Auf diese Weise verknüpft das Nervensystem des Opfers das Gefühl von Sicherheit mit dem Täter. Sein limbisches System lernt: Nur dieser Mensch kann mich beruhigen. Gleichzeitig entwickelt das Opfer Verständnis, Entschuldigungen oder Rechtfertigungen für den Täter: «Es ist meine Schuld», «Wir haben ihn falsch verstanden», «Wenn er sagt, es ist richtig, dann wird es schon stimmen», «Andere sind schlimmer» oder «Wenn er weg ist, bricht alles zusammen». Das ist kein rationales Nachvollziehen – weder in Beziehungen, noch in der Politik –, sondern ein Überlebensmechanismus.
Ich bin keine Psychotherapeutin, aber meine Erfahrung ist, dass sich diese Dynamiken nur dann beenden und auch langfristig auflösen lassen, wenn sich das Opfer stark genug fühlt, seinen Täter zu verlassen. Kurzum: Wenn das Opfer aufhört, sich länger als Opfer zu sehen. Und stattdessen anfängt, Verantwortung für sein eigenes Leben, seine eigenen Entscheidungen, seine eigenen Wertvorstellungen zu übernehmen. Oder noch anders formuliert: Wenn dieser Mensch erstmals erfährt, wie es sich anfühlt, frei zu sein.
VIII
Zweifelsfrei: Der Weg zur Knechtschaft (zugleich ein sehr gutes Buch von Friedrich August von Hayek) ist leicht – der Weg aus ihr heraus dafür umso schwerer. Beziehungsweise: Nicht der Weg als solcher, sondern die mentalen Strukturen, die es in dir freizulegen gilt, um ihn zu gehen. Schließlich wird – apropos Eigenverantwortung und Erleichterung – keine Therapie dieser Welt dir das Gefühl von Freiheit ermöglichen, wenn du nicht aufhörst, es durch jemand anderen erfahren zu wollen als durch dich selbst. Es wird kein Mensch in dein Leben treten, mit dem sich all’ deine schwierigen Beziehungsmuster plötzlich in Luft auflösen, oder ein Politiker auf der Weltbühne erscheinen, der von einem Tag auf den anderen alle Kriege beendet. Die Freiheit, dein Leben so zu leben, wie du es für richtig hältst, kannst du dir nur nehmen – schenken wird und kann sie dir niemand.
Wir sind, wie Jean-Paul Sartre es bereits schrieb «zur Freiheit verurteilt». In seinem Weltbild gibt es keinen Gott (mehr), keine vorgegebene Ordnung, weshalb jeder Mensch allein verantwortlich ist für das, was er aus sich macht. Keine Gesellschaft, keine Geschichte, keine Umstände können diese Verantwortung aufheben. In Das Sein und das Nichts schreibt er: «Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht.» Und erkennt damit einzig das individuelle Bewusstsein an, das wählt, handelt und trägt. Ähnlich ging es Nietzsche: Auch er sah die Selbstverantwortung als höchste Tugend und stellte das Individuum über jede Kollektivmoral (einen, wie ich finde, gelungenen Text von mir zu dieser findest du hier). Für ihn war die Idee kollektiver Schuld Ausdruck von Schwäche, von «Herdendenken». Er forderte, dass der Mensch sich selbst übernehme – ohne Ausreden, ohne Götter, ohne Systeme und schrieb in Also sprach Zarathustra: «Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.» Womit er keineswegs die Abschaffung des Menschen im Sinne des Transhumanismus meinte, sondern die Überwindung seiner derzeitigen Grenzen und der traditionellen Moral, um einen höheren Zustand zu erreichen, den er als Übermensch bezeichnete. Kurzum: Es geht darum, sich selbst zu überwinden, indem man sich von gesellschaftlichen und religiösen Wertvorstellungen – der sogenannten «Sklavenmoral» befreit, die der eigentlich menschlichen Entwicklung im Wege stehen. Nur ohne ihre verengende Brille aus Angst und Schuld ist es dem Menschen – wie Hannah Arendt sagen würde – möglich, «in das menschliche Herz zu blicken».
Wie sich diese Menschlichkeit in einem selbst wiederbeleben lässt, habe ich versucht, am Ende meines hier so ausführlich zitierten Relativismuskapitels zu beschreiben:
«Liegt wahre Freiheit doch darin, meine eigene Wahrheit zu suchen und zu leben – nicht als isoliertes Selbst, sondern in Verbindung mit einer höheren Ordnung, die mich leitet, ohne mich zu knebeln. Sie bedeutet, dass ich getreu meiner inneren Wahrheit handle. Und die Balance zwischen individueller Freiheit und einer höheren Wahrheit finde, die nicht nur mich, sondern obendrein auch das trägt, was alle trägt. Glaube ich stattdessen jedoch, meine Orientierung liege nur im Außen, gebe ich nicht nur meine Freiheit auf, sondern auch meine Verantwortung für die Welt, in der ich lebe.»









Was mich an deinem Text besonders trifft, ist die Klarheit, dass das Menschliche nicht im moralischen Urteil über andere beginnt, sondern in der Weigerung, sich selbst von Strukturen trennen zu lassen, die einen entkernen.
Arendt zeigt ja genau das: Nicht das Böse war radikal, sondern die Entfremdung vom eigenen Denken. Wo niemand mehr unterscheidet, verliert nicht die Wahrheit ihre Kraft, sondern der Mensch seine.
„Den Menschen in sich selbst finden“ heißt dann vielleicht nichts anderes, als den Punkt wiederzuerlangen, an dem Verantwortung nicht kollektiv verdampft, sondern persönlich fühlbar wird.
Und genau das ist heute wieder der seltenste Mut.
Und jetzt noch einmal von vorne mit Stand 2025 bitte