Der Dame Vortritt ist des Mannes Vorzug
Die Galanterie: ein vom Aussterben bedrohtes Gut.
«Galanterie kostet nichts und bringt alles, und sie ist die Bedingung für allen erotischen Genuss. Galanterie ist die Freimaurerei der Sinnlichkeit und der Wollust zwischen Mann und Weib. Sie ist eine Natursprache wie die Sprache der Liebe überhaupt.» ― Søren Kierkegaard
Zuletzt fragte ich mich: Welche Rolle kann ein Mann heute noch übernehmen, wenn klassischen zusehends mit Skepsis gegenübergetreten wird? Denn so schön es in Filmen auch heute noch wirken mag, wenn männliche Stärke weibliche Verletzlichkeit schützt – nicht als Machtdemonstration gegenüber anderen Männern, sondern als innere Haltung gegenüber der Frau –, so unklar bleibt doch, ob solche Bilder im wirklichen Leben überhaupt noch Bestand haben können? Sind Daniel Craigs ruhige Souveränität, Mads Mikkelsens kühle Aura, Johnny Depps entrückte Wunderlichkeit oder Alain Delons ikonische Schönheit letztlich nur ästhetische Verkürzungen – Formen, die in uns etwas ansprechen, vielleicht sogar Sehnsüchte wecken, die aber kaum imstande wären, eine reale Beziehung zu tragen? Oder ist es – in Anbetracht von Cary Grant, Ralph Fiennes oder Mr. Darcy – nicht ohnehin weniger das Spektakel, das überzeugt, als die stille Disziplin der Galanterie?
Welche Form kann ihre – als «Auslaufmodell» geltende – Haltung heute noch annehmen? Welche Rolle bleibt dem Mann, wenn die alten Skripte nicht mehr tragen sollen – und vielleicht auch nicht mehr tragen dürfen? Der Dandy als Figur der Moderne, als Verführer ohne moralische Verpflichtung, wie ihn Max Beerbohm in seinen Essays und Charles Baudelaire oder Oscar Wilde noch in ihren Figuren verkörpert haben, scheint längst seinen gesellschaftlichen Stand eingebüßt zu haben. Und das nicht erst seit Simone de Beauvoir in Das andere Geschlecht die verdeckte Hierarchie der Galanterie sichtbar machte und aufzeigte, wie bloße «Höflichkeit» ein Gefälle in der sozialen Ordnung demonstriere. Die Galanterie steht für viele längst unter chauvinistischen, «unemanzipierten» Zeichen. Immer mehr Frauen fühlen sich in ihrer Unabhängigkeit missachtet, versucht «Mann», ihr ein Gefühl des «Beschütztwerdens» zu vermitteln oder auch nur den leisesten Anflug von «Zugehörigkeit» auszudrücken.
Die weibliche Wachheit gegenüber ihrer Souveränität und möglicher Okkupierung in allen Ehren: Doch muss die Galanterie als Distinktionsmerkmal immer gleich unterdrückend wirken? Oder dient sie, frei nach Pierre Bourdieu (1930-2003), nicht vielmehr dem Betragen und Geschmack, sowie der kulturellen und ästhetischen Kompetenz als soziales Kapital?1 Wie viel Respekt würde Mr. Darcy gebühren ohne seinen Stolz? Welches Gefühl bliebe von Don Juan ohne seinen tiefen, knienden Handkuss? Kurzum: Wie viel «Strategie» verträgt Ehrerbietung? Denn von stiller Kontrolle bis exzentrischer Unnahbarkeit – klar ist: Wie jede Form bleibt auch die Galanterie wertlos, wenn sie nicht aus einer Überzeugung hervorgeht, die selbst dann noch gilt, wenn sie sich an niemandem mehr beweisen lässt. Worin jedoch besteht der Unterschied zwischen sozialer Tugend und persönlicher Maxime als verfeinerte Form von Eigeninteresse? Was entlarvt die Höflichkeit als maskierten Egoismus?
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Folgende Situation: Es ist Freitagabend in Zürich, Lugano oder sonst wo auf der Welt. Er hat einen Tisch beim Italiener reserviert. Nach der galanten Begrüßung mit zwei Küssen links und einem rechts nimmt er mir den Mantel ab, zieht mir den Stuhl zurück, füllt mein Glas nach, noch ehe ich danach greifen kann. Wenn ich spreche, hört er aufmerksam zu, nickt und lächelt an den richtigen Stellen. Er ist schlau genug, die Pausen abzuwarten, ohne mir ins Wort zu fallen. Und doch scheint keiner meiner Gedanken bei ihm hängen zu bleiben. Seine Fragen und Anmerkungen bleiben oberflächlich, greifen einzelne Worte von mir auf, nicht aber das, was ich mit diesen eigentlich habe ausdrücken wollen. «Das passt bestimmt gut zu dir», sagt er und lächelt – nachdem ich gerade eigentlich genau das Gegenteil beschrieben habe.
Er ist blind für meine Zwischentöne, für die Tonalität meiner Stimme im Allgemeinen, versteht meinen Humor nicht. Allgemein nimmt er seine Manieren so ernst, sodass sie weder Ironie noch Sarkasmus mehr zulassen. Ob ich will oder nicht: Am Ende des Abends ist mein Essen bezahlt und mir wird wieder in meinen Mantel geholfen. Sowohl am Restaurantausgang als auch am Auto wird mir die Tür aufgehalten. Ich werde nach Hause, zu meinem Auto oder zur Bahn gefahren. Die Verabschiedung ist – wie sollte es anders sein – auch hier sehr galant. Nie zu viel, immer auf den Punkt, die Grenzen des Anstands wahrend. Und diesen doch in allem verfehlend. Ganz gleich, ob seine Höflichkeit es ihm verbietet, übergriffig zu werden – «missbraucht» fühle ich mich in gewisser Weise trotzdem. Mir kommt es vor, als hätte mich jemand den ganzen Abend über «perfekt» behandelt, ohne mir ein einziges Mal wirklich begegnet zu sein. Ich war Accessoire, nicht Mensch.


Zugegeben, die Galanterie ist ein durchaus unterhaltsames Regelwerk – das allein jedoch selbstverständlich keine Beziehung tragen kann. Zumindest nicht für mich. Eine Beziehung besteht für mich nicht aus Gesten, sondern aus einer Haltung: aus Aufmerksamkeit, die nicht endet, sobald man allein ist, und aus Respekt, der nicht davon abhängt, ob jemand zusieht. Habe ich zudem doch auch wiederholt feststellen dürfen, dass selbst die Galanterie, die meiner Freundin Gwendolin Kirchhoff zufolge die Würde bewahre, zuweilen zu einem Mittel verkommt, um fehlende – echte – Aufmerksamkeit zu überspielen. So ist es, in meinen Augen, ein Leichtes, einer Frau die Jacke abzunehmen oder ihr die Tür aufzuhalten. Wenn all dies jedoch mehr zum Habitus wird, in dem der Mann die Frau nicht wirklich respektiert und ehrt, sondern dies in ihren Augen und vor anderen nur als Eindruck erwecken möchte, sind wir keinen Schritt weiter. Dann hört der Respekt auf, sobald alle Türen offen gehalten und hinter sich geschlossen sind.
Galanterie schließlich ist kein Einfallstor für Überhöhung. Sie ist der Boden, auf dem Respekt besteht. Und sollte als solcher auch Ausdruck von Konsistenz sein. Wer nur zum Dandy verkommt, wenn das Umfeld es erwartet, ist keiner. Ein solches Verhalten ist Maske, ist Alibi – hat nichts mit Verlässlichkeit, emotionaler Präsenz oder Verantwortung zu tun. Während es – andersherum – auch nicht automatisch impliziert oder gleichsetzt, dass, wer einer Frau den Mantel abnimmt, automatisch auch jede ihrer Lasten schultern muss. Worauf ich hinaus will, ist, dass ein Mensch, der seinen Partner in der Öffentlichkeit «ehrt», diesen im Privaten dennoch klein machen kann: durch Abwesenheit, durch Passivität, durch jene subtile Form von Respektlosigkeit, die nicht zwangsläufig laut werden muss, sondern schlicht nicht zuhört. Also gewissermaßen das Gegenteil von dem lebt, was Kierkegaard in seinem Tagebuch eines Verführers mit diesem wunderbaren Satz zum Ausdruck bringt: «Es war mir unmöglich, den Blick niederzuschlagen, unmöglich, ihn in mich zurückzuziehen, unmöglich zu sehen, weil ich allzuviel sah.»
Daher ist Galanterie auch kein Beweis für Bindungsfähigkeit, sondern in vielen Fällen mehr ihr Ersatz und Pflaster – eine Technik, Nähe zu simulieren, ohne Intimität zu riskieren; Anstand zu performen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Ein Reiz für all jene, die sich nach der Form sehnen, nicht aber nach dem Inhalt. Dieser schließlich wäre das Ende aller Verbindlichkeit zur unverbindlichen Geflogenheit: Er bedeutet Treue und Verlässlichkeit, wenn es unbequem wird; und fordert Standhaftigkeit, wenn ein Nein fällt, wenn Kritik kommt und die eigene Unzulänglichkeit sichtbar wird. Ohne gleichzeitige Verantwortung ist Galanterie am Ende nichts weiter als Schönwetter-Respekt. Und Schönwetter-Respekt ist, wie jede Höflichkeit, die nur unter Beobachtung funktioniert, keine Tugend, sondern Heuchelei. Sie ist Unehrlichkeit, ist Lüge, ist Maske. Beziehung jedoch entsteht nicht aus Masken, sondern aus Substanz: aus einem Charakter, der bleibt, selbst wenn es gerade keine Türen zu öffnen gibt.
Vergleichbare Erfahrungen habe ich zum Beispiel bei meiner «Suche» nach einem für mich angenehmen (Gesprächs-)Partner gemacht. Kurz und (eher nicht) gut: Belesenheit und eine gewisse intellektuelle Antiquiertheit sind noch lange keine Garantie dafür, mit jemandem auch tiefsinnige Gespräche zu führen. Dies kann – gerade für eine Frau – entweder daran scheitern, dass dein Gegenüber am Ende nicht mit dir reden will, sondern sich nur selbst gern zuhört; oder schon zu dir hinreden will, aber mehr darauf abzielt, dass du ihm zuhörst – du an seinen Lippen hängst –, anstatt ihr euch gegenseitig.
Weshalb auch hier sehr schnell erkennbar ist, wer Überhöhung durch Übergehen nötig hat, und wer nicht. Ich kenne Männer, die den Gedanken von einer Frau – aus welchen Gründen auch immer – nicht einmal wahrnehmen, würde sie ihn auf der Bühne durch ein Megafon schreien. Stattdessen warten sie, insofern es sich um eine Gesprächsrunde handelt, bis jener Gedanke erneut von einem Mann aufgegriffen wird, ehe sie sich auf ihn beziehen. Und meine Güte, wie oft habe ich das erlebt. Diametral dazu gibt es aber auch jene, die ihre Partnerin nur in Gegenwart anderer zu loben bereit sind – um anzugeben oder den eigenen intakten Haushalt zu betonen. Im Privaten jedoch bekommen sie auch hier den Mund nicht auf – sei es, um keine Zugeständnisse zu machen und so das interne Machtgefälle nicht infrage gestellt zu wissen, oder weil sie insgeheim spüren, dass aktuell nicht viel da ist, wofür es im Umkehrschluss auch ihnen zu danken gäbe.
«Für die dummen Frauen hat man die Galanterie; aber was tut man mit den Klugen?
Da ist man ratlos.» ― Heinrich Mann
Sei es, dass ich für Heinrich Mann entsprechend als «dumm» gegolten hätte, aber mir persönlich imponiert die Galanterie – vorausgesetzt, sie wird ehrlich und authentisch an den Tag gelegt – noch immer sehr. Und tut es, je älter ich werde, immer mehr. Gerade in Zeiten wie diesen, wo Anstand, Höflichkeit – ja eben jene Gesten der Zuvorkommenheit – immer seltener werden, freunde ich mich erstmals damit an, als Frau «hofiert» zu werden. Angesichts der Möglichkeit eines Weltuntergangs, mag ich das Spielerische im Zwischengeschlechtlichen. Ich mag diese Leichtigkeit, und doch Ernsthaftigkeit, im Umgang miteinander. Vor lauter Moderne birgt die Galanterie für mich eine Art Zeitreise – zurück in eine Epoche, in der X- und Y-Chromosomen nur zwei Geschlechter zugeordnet wurden und zwischen diesen beiden Dinge auf eine Weise unausgesprochen bleiben konnten, die nicht der Verdrängung, sondern dem Erhalt eines gewissen Geheimnisses galt.
Das schließlich ist auch das, was Anne-Louise-Germaine Baronin von Staël-Holstein, auch bekannt als die französische Schriftstellerin Madame de Staël (1766-1817) als Galanterie bezeichnete: eine Interaktionsform zwischen Mann und Frau, anhand der sich der Fokus von bloßer Höflichkeit auf die geistige Begegnung verschiebt. Anders als Honoré de Balzac (1799-1850), der in seinen Jahrhundertromanen Galanterie oft als strategisches Verhalten darstellte, ging es bei ihr weniger um ein korrektes Verhalten als um die Frage, ob und wie zwischen zwei Menschen überhaupt geistige und emotionale Wirklichkeit entsteht. Etwas, das auch ich bejahen kann: Wenn ich Galanterie als «Spiel» bezeichne, meine ich damit kein alltägliches Kräftemessen dahingehend, wer in der Beziehung «die Hosen an hat» – ich spreche von jener Form des Umgangs, anhand der sich Humor und Grips als echtes Verstehen des jeweils anderen Gedankenstrukturen entfalten. In diesem «Spiel» geht es nicht um die Wirkung um ihrer selbst willen, sondern darum, am anderen sichtbar zu machen, was ich in ihm erkannt habe. Ich ehre ihn dann nicht, weil es sich «so gehört», sondern weil ich in ihm etwas wahrnehme, das es verdient, hervorgehoben zu werden. Der Mensch an meiner Seite ist für mich daher keine bloße Wahl, sondern eine bewusste Entscheidung – und zu dieser stehe ich.
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Ähnlich erging es Madame de Staël: Als extrem geistreiche Frau war sie gesellschaftlich selbst sehr präsent und viel von Männern umgeben, die sie bewunderten. Gleichzeitig, geprägt von Monarchie und Adelshäusern, erkannte sie früh: Wer ständig «geehrt» wird, wird nicht zwangsläufig ernst genommen. Genau das jedoch forderte sie ein: offene Dominanz statt höflicher Hierarchie. Auch sie wünschte sich Beziehungen, in denen sie nicht nur «gefiel», sondern als sie selbst erkannt wurde. Zu oft hatte auch sie die Erfahrung gemacht, dass Bewunderung nicht mit Verständnis und Aufmerksamkeit keinesfalls mit Nähe gleichzusetzen war. Und versuchte zugleich, genau diese Diskrepanz zu überwinden.
«Zu eben der Zeit, als behauptet wurde, die Liebe habe in Frankreich ihren Thron, möchte ich im Gegentheil sagen: die Galanterie habe das schöne Geschlecht in den Bann gethan; und sobald die Sanduhr ihrer Herrschaft abgelaufen, habe man für die Frauen weder Großmuth, noch Dankbarkeit, noch Mitleid gehabt. Man ahmte die Töne der Liebe nach, um sie in die Falle zu locken, wie das Crocodill die Kinderstimme nachmacht, um die Mütter herbeizurufen.» ― Madame de Staël, in Über Deutschland
Galanterie, so beobachtete Madame de Staël, könne Frauen aufwerten – sie zugleich jedoch in einer Rolle festhalten. Lange galt sie als die Kunst, einer Frau zu gefallen, ohne sich der Mühe zu unterziehen, sie wirklich zu verstehen. Dabei könne gerade die Galanterie weit mehr leisten, wie de Staël in ihren Beobachtungen Über Deutschland feststellte: Die dort hervortretende «deutsche Tiefe» – in Innerlichkeit, Reflexion, Ernst und Gefühl – stellte sie bewusst der Form und Eleganz Frankreichs gegenüber. Deutsche Frauen verkörperten ihrer Ansicht nach echte Empfindung und moralische Tiefe, weniger jedoch gesellschaftliche Brillanz. Frankreich hingegen schrieb sie eine brillante, kunstvolle Konversation zu – allerdings stets mit der Gefahr der Oberflächlichkeit. Was de Staël vorschwebte, war daher nicht die Abschaffung der Form, sondern die Verbindung von Form und Innerlichkeit: Gespräche, in denen nicht nur geglänzt, sondern einander wirklich verstanden wird.
Worin also besteht der am Ende vielleicht nicht ganz so «feine» Unterschied? Also der zwischen sozialer Tugend und persönlicher Maxime als verfeinerter Form von Eigeninteresse – und der zwischen stiller Disziplin und heimlicher Strategie? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Für mich steht und fällt alles mit einer Skepsis, die entweder anhält – oder gar nicht erst aufkommt. Stichwort Authentizität, situativ-adaptive Lebendigkeit, jenes bereits kritisierte «Aus-der-Form-Fallen-Können»: Wer bewahrt die Würde des anderen wirklich – und wer nur ihr Bild?
Vorausgesetzt, der oder die Ehrerbotene besitzt selbst ein Gespür für seine oder ihre Würde, gilt es, der eigenen Intuition zu vertrauen und sich – fernab aller Annehmlichkeiten, «hofiert» zu werden – ehrlich zu fragen: Werde ich wirklich verstanden, oder will mein Gegenüber mir lediglich das Gefühl vermitteln, das dem so wäre? Gilt der hier an den Tag gelegte Respekt tatsächlich mir – oder will mein Gegenüber letztendlich nur sich selbst etwas beweisen? Was geschieht, wenn ich Nein sage? In welcher Situation auch immer. Wie reagiert er oder sie, wenn ich meine Bedürfnisse äußere? Hat deren Wahrung Vorrang vor den Erwartungen des anderen – oder müssen sie sich seinen Plänen unterordnen?
Diese Misstrauensbewegung hat François de La Rochefoucauld als Moralist bereits im 17. Jahrhunderts präzise herausgearbeitet: Seine Maximen sind bis heute dafür bekannt, vermeintliche Tugenden auf Eigenliebe, Eitelkeit, Interesse oder Maskierung zurückzuführen. Wobei er nie sentimental wurde: Ihn interessierte nicht, ob etwas «schön» wirkt, sondern ob es wahr ist. Was er tat, war, durch die Form hindurchzusehen – auf das Motiv dessen, der sie hervorbringt. Entsprechend lautete sein berühmter Grundgedanke: «Unsere Tugenden sind zumeist nur verkappte Laster.» Weshalb gerade die Galanterie für ihn zunächst immer verdächtig wäre: nicht, weil jede höfliche Geste falsch wäre, sondern weil die Form allein nichts darüber aussage, woraus sie gespeist sei. Was wie Moral wirkt, ist für ihn häufig nur ein kluges Arrangement des Selbstinteresses. Gerade deshalb sei die Form nie Beweis für den Inhalt, sondern lediglich dessen Tarnung.
In diesem Sinne wäre die Galanterie für La Rochefoucauld ein klassischer Prüfstein: eine hochgradig formalisierte Praxis der Höflichkeit, in der alles von Gesten, Timing und Wirkung abhängt. Und genau diese Perfektion mache sie undurchsichtig. Denn je reibungsloser die Geste, desto weniger erkennbar ihr Motiv. Entscheidend wäre für ihn daher nicht, ob Galanterie existiert, sondern was sie kostet: ob sie dem Handelnden etwas abverlangt, das über soziale Anerkennung hinausgeht – oder ob sie lediglich ein elegantes Mittel bleibt, um Zustimmung zu erzeugen. Denn wo kein Risiko für das eigene Selbstbild entsteht, hat für La Rochefoucauld längst die Sphäre der bloßen Strategie begonnen.
Anders der britische Parodist und Karikaturist Max Beerbohm (1872-1956): In Dandys & Dandys beschreibt er Beau Brummell (1778-1840), den Freund des Prinzregenten und späteren Königs Georg IV. sowie eine der prägenden Stilikonen Londons seiner Zeit, als jemanden, der die Haltung des Dandys am konsequentesten verkörpert habe. Er nennt ihn einen «single-minded artist» und beschreibt die dandyistische Haltung als eine «oblique attitude towards life» – also als eine zielgerichtete Künstlernatur mit einer bewusst unkonventionellen Lebenseinstellung. Bei Beerbohm ist Galanterie kein bloßes Mittel. Er zeigt, wie ihre Form selbst zum Werk werden kann – zur Kunst. Der Dandy ist für ihn daher nicht einfach geschniegelt, sondern jemand, der aus Erscheinung, Haltung, Distanz und Stilisierung eine eigenständige Lebenskunst formt.
Gerade darin liegt jedoch bereits ihre Ambivalenz: Denn je kunstvoller die Form wird, desto größer wird die Gefahr, dass sie sich vom Charakter löst. Der Dandy ist faszinierend, weil er Konsequenz auf der Ebene der Oberfläche besitzt – er wird jedoch fragwürdig, wenn diese Konsequenz allein im Ästhetischen verharrt. Was also braucht es, damit Form in Charakter übergeht? Wie lassen sich – ganz im Sinne von Madame de Staël – Form und Innerlichkeit verbinden? Und wie entsteht eine Anerkennung, die nicht nur der Form gilt, sondern tatsächlich dem Gegenüber selbst? Kurzum: Wie wird aus der Treue zur Form die Treue zu einem Menschen?
Für mich persönlich habe ich zu oft die Erfahrung gemacht, wie unheimlich es werden kann, wenn sich – ähnlich wie bei Oscar Wildes Dorian Gray – Form und Wahrheit voneinander lösen: wenn die Schönheit unberührt erhalten bleibt, während das eigentliche Geschehen nur noch an einem verborgenen, unsichtbaren Ort seine Spuren hinterlässt. Es ist daher vermutlich kein Zufall, dass mich am Ende weniger der Dandy überzeugt als Jane Austens Mr. Darcy. Nicht, weil er die Form in ihrer Vollendung beherrschen würde, sondern weil er sich an ihr korrigieren lässt. Darcys Wert liegt nicht in makelloser Galanterie, sondern darin, dass er aus Kränkung nicht Trotz, aus Kritik nicht Abwehr, sondern Veränderung macht. Er zeigt, dass Respekt nicht aus Eleganz entsteht, sondern aus Lernfähigkeit, Zurücknahme des Egos und verlässlichem Handeln.
Und mehr noch: Was Darcy im Unterschied zu vielen anderen Figuren auszeichnet, ist die Fähigkeit zur Scham. Es ist seine Scham, die ihm – über die bloße äußere Verhaltensänderung nach erneuter Zurückweisung – zu wahrer Einsicht verhilft. Er spielt seine Innerlichkeit nicht bloß – er fühlt sie. Und macht so aus Form Charakter. Das macht ihn glaubwürdig. Das macht ihn echt. Und was gibt es Verbindlicheres als das gemeinsame Leben der eigenen Echtheit?
Nach den ersten Terminen für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben steht nun ein weiterer: Dienstag, der 23. Juni in Nienburg/Weser. Details folgen.
Ganz grundsätzlich plane ich derzeit mehrere Lesungen in der zweiten Junihälfte. Verfügen auch Sie über einen kleinen Saal oder ein größeres Wohnzimmer (oder auch einen schönen Garten), in dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de – und vielleicht können wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
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Vergleiche: Müller, H. (2014). Pierre Bourdieu: Eine systematische Einführung. Suhrkamp. Seite, 155.







Ein überaus interessanter Artikel. Ich habe meinen Ehemann nach 33 Ehejahren verloren, er starb an Krebs. 2 Jahre später lernte ich einen Mann kennen, 2 Jahre jünger als ich, klug, belesen und voller Herzenswärme. Eine tiefe Liebe entstand. Nun leben wir seit 8 Jahren zudsmmen. Er ist noch immer galant, liebevoll und richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf mich. Mittlerweile geht es mir gesundheitlich nicht mehr so gut, doch er leistet mir Hilfe, wo er nur kann und das, ohne das ich ihn um irgend erwas bitten muss. Wenn ich anfangen will zu kochen, ist er zur Stelle und fragt, ob er etwas aus dem Vorratskeller holen kann. Wenn er bemerkt, das ich, ob meiner etwas angeschlagenen Gesundheit, bedrückt bin, setzt er sich hin und stellt für den Abend ein Musikprogram zusammen. Wenn wir abends dann zusammen sitzen, nimt er mich in den Arm. Ich habe den besten Mann der Welt und diese Liebe ist noch viel schöner, als es die Liebe in meinen jungen Jahren war.
Und ja, Ihr ahnt es sicher schon: er ist galant und ich geniesse es!
Bestimmt gibt es jetzt böse Stimmen die denken, sie ist bestimmt betuchter als er! Aber ich muss Euch enttäuschen, auch finanziell befinden wir uns auf Augenhöhe. Geld ist kein Thema.
Mir hat das Alter Ruhe und Liebe gebracht, so das ich meine angeschlagene Gesundheit durchaus ertragen kann und ich wünsche Euch allen da draussen von ganzem Herzen, das Ihr ebenso viel Glück habt, wie ich!
Ohne zunächst auf den zweifellos beachtenswerten Inhalt des Artikels einzugehen, möchte ich auf einen nicht ganz gleichgültigen Tippfehler hinweisen: im einleitenden Zitat von Kierkegaard heißt es "zwischen Mann und Wein" - wenn es da sicher auch eine gewisse Beziehung gibt, so ist hier doch sicher die zwischen Mann und Weib gemeint.