Die Krise des Migranten
Wann ist es Zeit zu gehen? Und wo lässt es sich bleiben?
Krisen haben die Gewohnheit, sich anzukündigen. Die Kunst besteht darin, ihre Zeichen früh genug zu erkennen. Nicht, um ihren Ausbruch zu verhindern, sondern um die eigene Mitleidenschaft so gering wie möglich zu halten.
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Als diesbezüglich gängige Wege gelten Migration, Kontenverschiebungen, das allgemeine Bunkern sowie Bunkerbauen als auch Anlegen eines Gemüsegartens zur Selbstversorgung. In ihrer Kombination versprechen sie leibliches Wohl. Was jedoch, wenn dich, ähnlich der Bedrohung durch einen Atomwaffenangriff, tatsächlich nur der Bunker oder die einsame Insel retten kann? Gehst du oder bleibst du? Und was bedeutet es zu bleiben? Was nützen dir Notvorrat und Krypto-Wallet, wenn du an deiner Einsamkeit zerbrichst? Wohin geht der Mensch, wenn es keinen Ort mehr gibt, wo er dies noch sein kann – Mensch?
Hermann Hesse, der 1912 selbst in die Schweiz ausgewandert ist, schrieb einst: «Lieber Zehn Mal am Leibe verderben, als Schaden nehmen an seiner Seele.» Ein Satz, dessen Übertragung ins eigene Leben jeder nur für sich selbst vollziehen kann: Woran gehe ich eher zugrunde? An der Schuld, meine Mitmenschen «im Stich» gelassen zu haben? Oder an dem Mangel an Mitmenschlichkeit, der mich gerade durch sie umgibt? In Hesses Fall war die Entscheidung relativ eindeutig: In dem streng pietistischen Elternhaus, in dem er aufwuchs, war er körperlich nie einem Mangel ausgesetzt. Umso mehr jedoch kannte er das Gefühl, geistig-seelisch auf Grundeis zu laufen. Er fühlte sich von den gesellschaftlichen und politischen Zwängen des Kaiserreichs eingeengt und strebte nach einem freieren, unabhängigeren Leben. Eine Umgebung, in der er Ruhe und Inspiration für sein literarisches Schaffen fand, war dem Pazifisten wichtiger als die Treue zu einem Land, das sich tagtäglich selbst verriet.
Denn ob Kaiser- oder Nazireich, DDR oder Corona-Diktatur: Die Frage nach dem Untergang im Aussen oder Innern stellten sich Widerstandsgeister im Exil als auch in der Heimat zu vermutlich jeder Epoche, die Ruin versprach: Mit welchen Konsequenzen könnte ich eher leben? Mit denen, zu gehen – oder mit denen, nicht gegangen zu sein? Denn freilich: Der Vorteil des Exilanten mag darin bestehen, dass je «sicherer» er geflohen ist, er umso weniger Konsequenzen zu fürchten hat, ist er nicht leise, sondern laut. Gleichzeitig bleiben ihm beim Versuch, ohne realen Widerstand im «Widerstand» sein zu wollen, stets die Zweifel an dessen Wirksamkeit. Das Eingeständnis, dass es keinen «Keim» mehr gab, den es zu ersticken gilt, hat ihn in die Isolation getrieben. Vor den Flammen, die seine eigenen Lungen am um Hilfe schreien zu hindern drohten, mag er sich gerettet haben. Wen aber kann er noch «retten», wenn ihn von dort, wo er jetzt ist, keiner mehr hört?
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Aus Montagnola, seiner äusserlich heilen Welt im Tessin, beantwortete Hermann Hesse rund 17'000 Briefe. Körperlich unbeteiligt, nahm seine Seele an beiden Weltkriegen teil. Gleiches galt für Thomas Mann, Erich-Maria Remarque, Stefan Zweig, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Jakob Wassermann, Ludwig Marcuse, Ernst Toller oder Marlene Dietrich. Jeder ihrer noch so verschiedenen Wege war gepflastert von der Verzweiflung über die politischen Entwicklungen, den Krieg und die Verbrechen der Nazis. So nutzte ein Bertolt Brecht – der im Frühjahr 1933 zur gleichen Zeit wie die neunköpfige Familie Mann zuerst nach Küsnacht am Zürichseeufer floh, um von dort letzten Endes in die USA zu emigrieren – die letzten noch funktionierenden Postwege, um sich mit anderen Exilautoren wie Lion Feuchtwanger oder Walter Benjamin zu solidarisieren und die Kriegslage als auch Rolle des Theaters im Exil zu diskutieren. Nachdem ein Grossteil ihrer Werke verbrannt wurde, waren sie sich gegenseitig die einzige Erinnerung an das, was die Nazis versucht hatten auszulöschen.
Ein Bemühen, das nicht mehr jedes Herz zu erreichen vermochte. Denn hoffte ein «gebrochener»1 Thomas Mann in seinen BBC-Radioansprachen («Deutsche Hörer!») noch auf den Sieg der Alliierten, starb Kurt Tucholsky am Abend des 20. Dezembers 1935 in der Fremde Schwedens an einer Überdosis Veronal-Schlaftabletten. Auch Stefan Zweig, angekommen im fernen Brasilien, konnte nicht mehr anders, als sich im Anbetracht der Vernichtung seiner «geistigen Heimat»2 Europa 1942 gemeinsam mit seiner Frau Lotte das Leben zu nehmen. Ähnlich tragisch erging es Walter Benjamin: Auf seiner «Todesflucht» über die Pyrenäen trug er eine Aktentasche bei sich. In ihr ein Manuskript, das er über 20 Jahre bei sich verwahrt hatte, und das nach eigener Aussage wichtiger war als seine eigene Person. Diese 18 Thesen «Über den Begriff der Geschichte» schaffte er gerade noch, der sich ebenfalls auf der Flucht befindenden Hannah Arendt zu übergeben – ehe er, angekommen im spanischen Grenzort Portbou, seine Lage für so aussichtslos hielt, dass auch er mit den Morphiumtabletten, die er seit Anbeginn seiner Reise mit sich trug, seinem Leben ein Ende setzte.
Diese damals herrschende Aussichtslosigkeit bringt meines Wissens nach nichts in eine solche Verdichtung wie «Der Wendepunkt» (1942) von Klaus Mann, dem ältesten Sohn Thomas Manns. Als offener Gegner des Nationalsozialismus und Herausgeber der Exilzeitschrift Die Sammlung schrieb er über seine von ständigen Ortswechseln geprägte Flucht: «Die Emigration war nicht gut, aber man gewöhnt sich an alles, an die Unbequemlichkeiten, die Erniedrigungen, auch an die Gefahren. Einige Exilanten waren von den Nazis entführt oder ermordet worden, der Philosoph Theodor Lessing, zum Beispiel, oder der Schriftsteller Berthold Jacob. Dergleichen konnte jedem von uns geschehen. Es empfahl sich, auf der Hut zu sein. Man war es. Alles, was mit Deutschland zutun hatte, wurde unheimlich, beängstigend.»3 Deutschland, das «war die Hölle, das unbetretbare Gebiet, die verfluchte Zone», deren Reichsgrenzen zu einem «feurigen Ring» geworden waren. Und dessen Inferno auch im Exil seine Opfer forderte – geistig, mental, in letzter Instanz physisch. So antwortete Klaus Mann auf den Selbstmord eines weiteren Freundes: «Er beging Selbstmord, weil er sich vor dem Wahnsinn fürchtete. Er beging Selbstmord, weil er die Welt für wahnsinnig hielt. Warum begeht man Selbstmord? Weil man die nächste halbe Stunde, die nächsten fünf Minuten nicht mehr erleben will, nicht mehr erleben kann.»4
Der Wahnsinn, die Willkür, die Ohnmacht. Wir erleben sie heute wieder. Viele Autoren, Familien und Verzweifelte sind bereits gegangen. Teils desillusioniert, teils getragen von der Hoffnung, woanders keine (Selbst-)Mordgedanken zu haben. Was ich verstehe, befinde ich mich seit knapp vier Jahren doch selbst im Tessiner «Exil». Eine Entscheidung, die ich um nichts in der Welt rückgängig machen würde. Von der ich dennoch nicht behaupten würde, dass sie das absolute «Heil» verspricht. Denn, wie meine eigene Erfahrung, aber auch die Geschichten früherer Exilanten zeigen: Letzten Endes kannst du einem nicht entfliehen – dir selbst. Dich selbst nimmst du überall mit hin. Was also tust du, wenn du realisierst, dass sich der Wahnsinn dieser Welt nicht mehr umkehren lässt? Fällst du ihm anheim? Oder beginnst du, in dir selbst Heimat zu finden?
Dieser Text erschien zuerst in der 20. Ausgabe des Schweizer Magazins DIE FREIEN.
PS: Ab Anfang/Mitte Oktober erscheinen auf diesem Blog wieder regelmäßiger neue Texte als auch Vorabdrucke aus meinem Buch «Sein statt Haben», das Ende Oktober im Scorpio Verlag erscheint. Vorbestellungen gerne hier, oder beim Buchhändler deines Vertrauens. Bis dahin, wer’s noch nicht gesehen hat, mein Interview bei Manova. Solche Dinge teile ich übrigens meist in meinem kleinen Telegramkanal.
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Hesse, Hermann (2018). »In den Niederungen des Aktuellen«: Die Briefe. 1933-1939, Seite 60.
Aus Stefan Zweigs Abschiedsbrief.
Mann, Klaus (1985): Der Wendepunkt. ein Lebensbericht; mit einem Nachwort von Frido Mann. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt), Seite 300.
Ebenda, Seite 339.





In Anbetracht sich global verbreitender geistig-ideologischer Krankheit ist heute wohl nicht nur das Problem der Heimatlosigkeit und einer gewissen inneren Einsamkeit vorhanden, sondern auch, dass man überall Menschen begegnet ;-) Am Fusse der Bündner Berge zieht es mit mittelfristig weiter in die Berge, langfristig in die Weiten Russlands (oder vorher Kanadas) - wenn die familiären Verpflichtungen soweit erfüllt sind. Ich meine, die Beschäftigung mit dem Selbst als auch der geistigen Welt ermöglicht es mir hoffentlich, "in mir selbst Heimat gefunden zu haben". Es fühlt sich zurzeit, auch der Plandemie sei ein wenig Dank, zumindest so an.
Danke Lilly fürs Anregen von Gedanken.
Moin liebe Lilly.
Es ist schön, von dir zu lesen.
Verlässt man die Heimat jemals ganz? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Kann man sie erst dann ganz verlassen, wenn die Heimat bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt ist? Es scheint mir daher gute Gründe zu geben, sie nicht zu verlassen und genauso viele gute Gründe gibt es, es doch zu tun.
Zuhause stellten wir uns die Frage vor wenigen Jahren auch und wir haben keine 2 Minuten gebraucht, um unsere Entscheidung zu fällen. Diese Entscheidung ist rational wohl nicht zu erklären, denn es war eher eine Gefühlsentscheidung. Daraufhin habe ich bei uns die Vorratshaltung eingeführt, habe mir Werkzeug besorgt, was stromlos funktioniert. Ich habe mir das Einkochen beigebracht, habe im Garten Obststräucher und einen Apfelbaum gepflanzt und beobachte in unserer Gegend, wo weitere Obstbäume stehen, aus deren Früchte ich Marmelade einmache. Ich mache also Marmelade ein, um die Heimat nicht zu verlassen :-)
Aber was ist das Motiv dieses Tuns? Ganz ehrlich: Ich habe als Vater Angst vor der Ohnmacht, die mir das Beschützen meiner Mädels erschwert oder, je nach Situation, unmöglich macht. Ich möchte mir weitestgehend eine gewisse Prise Handlungsfähigkeit bewahren.
Dieses Handeln brachte mir auch in die Fähigkeit, unserer Tochter etwas beizubringen. Ich zeigte ihr, wie man den Ofen anfeuert. Ich zeigte ihr, wie und wann man Obst pflückt und wie man Marmelade herstellt. Jetzt führe ich sie an das Handwerk heran.
Liebe Grüße,
Basti