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Avatar von Waldgänger Tom

In Anbetracht sich global verbreitender geistig-ideologischer Krankheit ist heute wohl nicht nur das Problem der Heimatlosigkeit und einer gewissen inneren Einsamkeit vorhanden, sondern auch, dass man überall Menschen begegnet ;-) Am Fusse der Bündner Berge zieht es mit mittelfristig weiter in die Berge, langfristig in die Weiten Russlands (oder vorher Kanadas) - wenn die familiären Verpflichtungen soweit erfüllt sind. Ich meine, die Beschäftigung mit dem Selbst als auch der geistigen Welt ermöglicht es mir hoffentlich, "in mir selbst Heimat gefunden zu haben". Es fühlt sich zurzeit, auch der Plandemie sei ein wenig Dank, zumindest so an.

Danke Lilly fürs Anregen von Gedanken.

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Avatar von Lilly Gebert

Ja, ich weiß zu gut, was du meinst. Hier in meinem Talende leben ja gefühlt auch nicht viele Menschen, in meinem Dorf nur knapp 40, aber dennoch fühlt sich selbst das für mich an manchen Tagen als "zu voll" an. Und wenn dann auch noch die Touristen kommen und "die Natur erkunden" wollen, oder einfach nur Rundfahrten aus ihren klimatisierten Autos heraus durch die Bergstraßen unternehmen, bekomme ich regelrecht Fluchtgedanken - auch nach Russland beispielsweise. Irgendwo ins Nirgendwo. Wo menschliches Leben noch möglich ist.

Dir alles Liebe und Danke für den ebenfalls anregenden Kommentar.

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Avatar von Sebastian Grguric

Moin liebe Lilly.

Es ist schön, von dir zu lesen.

Verlässt man die Heimat jemals ganz? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Kann man sie erst dann ganz verlassen, wenn die Heimat bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt ist? Es scheint mir daher gute Gründe zu geben, sie nicht zu verlassen und genauso viele gute Gründe gibt es, es doch zu tun.

Zuhause stellten wir uns die Frage vor wenigen Jahren auch und wir haben keine 2 Minuten gebraucht, um unsere Entscheidung zu fällen. Diese Entscheidung ist rational wohl nicht zu erklären, denn es war eher eine Gefühlsentscheidung. Daraufhin habe ich bei uns die Vorratshaltung eingeführt, habe mir Werkzeug besorgt, was stromlos funktioniert. Ich habe mir das Einkochen beigebracht, habe im Garten Obststräucher und einen Apfelbaum gepflanzt und beobachte in unserer Gegend, wo weitere Obstbäume stehen, aus deren Früchte ich Marmelade einmache. Ich mache also Marmelade ein, um die Heimat nicht zu verlassen :-)

Aber was ist das Motiv dieses Tuns? Ganz ehrlich: Ich habe als Vater Angst vor der Ohnmacht, die mir das Beschützen meiner Mädels erschwert oder, je nach Situation, unmöglich macht. Ich möchte mir weitestgehend eine gewisse Prise Handlungsfähigkeit bewahren.

Dieses Handeln brachte mir auch in die Fähigkeit, unserer Tochter etwas beizubringen. Ich zeigte ihr, wie man den Ofen anfeuert. Ich zeigte ihr, wie und wann man Obst pflückt und wie man Marmelade herstellt. Jetzt führe ich sie an das Handwerk heran.

Liebe Grüße,

Basti

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Avatar von Lilly Gebert

Lieber Basti,

schade, bin ich nicht früher dazu gekommen, deinen Kommentar zu beantworten. Und gleichzeitig ist es so passend, dass ich ihn gerade jetzt, nachdem ich 5 Stunden Traubensaft eingekocht habe, nochmals lese. Hier steht immer noch ne Kiste mit Trauben und ich bin müde. Dennoch ist da immer so eine schöne Vertrautheit, wenn ich von dir hier in den Kommentaren, als auch in den Mails lese. Danke dafür auf jeden Fall.

Was das Motiv eines solchen Tuns ist? Ich denke Ohnmacht ist bestimmt ein Teil davon, aber es ist ja nicht nur Flucht. Ich empfinde solche Sachen vielmehr als Hinwendung zum Leben, zum Lebendigen, zum Wahren. Handlungsfähigkeit, ja, schon, Selbstwirksamkeit, Resilienz, alles wichtig. Aber ich kann noch so viele Bücher lesen, wahrhaft sinnstiftend empfinde ich die Momente, wo ich was mit meinen Händen mache (außer tippen). Einkochen, Gärtnern, Dinge sammeln, Werkeln usw. Es ist das Gefühl, nicht abgespalten zu sein - zumindest nicht für einen Moment oder ein paar Stunden. Diese Augenblicke möchte ich mehren und in ihnen Heimat finden.

Dir und deiner Familie alles Liebe,

Lilly

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Avatar von Sebastian Grguric

Moin liebe Lilly,

es freut mich sehr von dir zu lesen. Ich habe deine Antwort gestern Abend noch gelesen und ich habe mich den ganzen Tag darauf gefreut, dir zu antworten. Auch ich möchte die Vertrautheit zum Ausdruck bringen, die mir wirklich eine große Freude macht und für die ich eine Gewichtung empfinde.

Herrje, wenn man 5 Stunden einkocht, weiß man, was man getan hat. Wieviel Liter Saft gewinnst du aus den Trauben und wie kochst du den Saft ein? Nutzt du auch Weckgläser?

Als ich vom Saft las, musste ich direkt an den Zaubersaft der Gummibärenbande denken :-)

Gewiss wird es keinen Saft geben, der besser ist als jener Saft, der durch die eigenen Hände entstanden ist. Geist schafft Materie oder anders gefragt: Geist fordert Geist?

Wir werkeln und lernen für das Leben. Wir bejahen das Leben, indem wir Geist und Körper in kleinen Momenten gemeinsam und bewusst wirken lassen. Der Geist gibt den Takt vor und der Körper tanzt. Alle Widrigkeiten werden kurz außer Kraft gesetzt. Die wahre Handwerkskunst... Kann man das so sagen?

Ich kenne diese Schwerelosigkeit, die du im letzten Absatz beschreibst, die eben dann entsteht, wenn man sich voll und ganz auf die Tätigkeit einlässt, auf die man sich voll und ganz einlassen möchte. Kein Fremdstören, kein Belehren, keine Bedingung, kein Zeitdruck, sondern nur das Dahintreiben auf dem Strom des Seins.

Danke für deine lieben Worte, liebe Lilly! Ich wünsche Dir auch alles Liebe und viele schöne Momente des Heimseins.

Beste Grüße,

Basti

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Avatar von Lilly Gebert

Lieber Basti,

bevor ich mich an die Kommentare vom letzten Text mache, zuerst zu dir:

Es ist verrückt, wie verzerrt das eigene Lesen doch sein kann. Als mir dein Kommentar als Nachricht angezeigt wurde, hab ich zuerst sowas gelesen wie "gelesen, und den ganzen Tag nicht verstanden". Total absurd und nicht gerade von einem gesunden Selbstwert zeugend. Oder eben, wie im letzten und nächsten Text geschrieben, das Scham- und Schuldthema widerspiegelnd.

Aber zurück zu den Trauben: Ich hatte vielleicht so 8-10kg Trauben und daraus jetzt 5 Liter gewonnen, vielleicht etwas mehr. Weckgläser hab ich auch - reichlich, aber die nutz ich für andere Sachen. Für den Traubensaft hab ich mich jetzt bemüht, die paar Flaschen, die ich hab, zusammenzusammeln.

Ich genieße solche Beschäftigungen auch sehr - auch wenn es nach 3 oder 4 Stunden dann langsam echt müßig wird und, wenn man - gerade bei Traubensaft - nicht regelmäßig hinterherwischt, auch das Chaos wächst.

Aber genauso mit dem Gärtnern oder handwerklichen Tätigkeiten: Tatsächlich schafft in diesen Fällen mal Materie Geist und nicht umgekehrt. Wenn ich mit Holz arbeite, scheitere ich jedes Mal, wenn ich meine Idee gegen das Holz zu richten versuche. Die Idee entsteht aus dem Holz. Nicht das Holz aus der Idee.

Dir alles alles Liebe,

Lilly

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Avatar von Sebastian Grguric

Moin liebe Lilly,

ich saß am gestrigen Abend stundenlang am PC und las deine Antwort, wieder und wieder. Ich schrieb Gedanken auf und verwarf sie wieder. Nachdem wir heute, mit unserem Besuch aus Frankreich, eine Tour nach Emden machten und ich nun mal wieder Ruhe für Gedanken habe, fand ich endlich Worte auf deinen Kommentar. "Gelesen, und den ganzen Tag nicht verstanden" ging mir nicht mehr aus dem Kopf und jetzt weiß ich, dass dieser Satz uns beiden doch einen guten Hinweis gibt. Dass du diesen Satz so gelesen hast, empfinde ich nicht als absurd oder verrückt und dadurch, dass du auf dein Selbstwertgefühl verwiesen hast, fiel bei mir nun auch der Groschen. Meine Tochter ist ebenfalls eine starke und kämpferische Seele, die genau dort brilliert, wo sie auch brillieren möchte und doch geht sie an ihrer Stärke zu Grunde. Sie hadert mit ihrem Selbstwertgefühl teilweise so stark, dass sie innerlich kollabiert. Es ist so, dass sie keinen Weg aus ihrer Situation heraus findet und ich finde kein Mittel, um ihr einen Weg aufzuzeigen. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass aus früheren Leben nun etwas durch die Oberfläche bricht und man derzeit nichts dagegen tun kann, außer den Dingen (vorerst) ihren Lauf zu lassen.

5 Liter aus 8-10 kg Trauben ist schon einiges und ich hätte mit weniger Ausbeute gerechnet. Ist der Saft pur oder wird noch etwas hinzugegeben?

Chaos in der Küche? Da bin ich wohl ein absoluter Chaosexperte :-) Brombeeren eigenen sich auch hervorragend, um ein mittelschweres Chaos loszutreten.

Das, was mir an Holz gefällt ist, dass es lebendig ist und auch lebendig bleibt. Daher ist deine Formulierung, wie die Idee aus dem Holz heraus wächst, absolut einleuchtend.

Weißt du, ich setze derzeit Löwenzahn- und Ringelblumenöl an, um daraus Salben zu machen. Wenn du Interesse hast, kann ich dir oder dir bekannten Menschen auf dem Postwege etwas zukommen lassen.

Dir auch alles Liebe,

Basti

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Avatar von Lilly Gebert

Lieber Basti,

danke fürs Nachsinnen meiner Zeilen, hat sich aus meiner Sicht sehr gelohnt. Denn ja, irgendwas scheinen Seelen wie meine oder die deiner Tochter mit auf diese Welt gebracht zu haben. Da sind Widerstände, die ich mir allein aus meinem Charakter oder eigens gemachten Erfahrungen nicht erklären kann. Und gleichzeitig, den Gedanken hab ich auch im Buch immer wieder aufgegriffen, wollen uns diese Widerstände und Schmerzen ja nichts "Böses". Vielmehr wollen sie uns daraufhin weisen, wo es für uns - mal ganz euphemistisch ausgedrückt - noch etwas zu entdecken gibt. Und dafür können wir eigentlich dankbar sein. Daher: Ich will mich nicht beschweren und gleichzeitig nicht immer dafür rechtfertigen, dass meine Bekundigungen sich wie Beschwerden anhören können. Es kommt alles zu seiner Zeit und wird auf die Weise für uns erkenntlich, wie es uns in unserer Entwicklung hilft. Ich persönlich finde es auf jeden Fall sehr schön, wenn auch keineswegs verwunderlich, dass du eine so starke Tochter hast.

Zum Saft habe ich auf einen Liter nen Esslöffel Rohrohrzucker hinzugegeben. Aber nicht verdünnt oder sonstiges. Andernfalls wäre er aber auch wirklich zu sauer geworden. Ich glaube übrigens, dass es mehr als 8kg Trauben gewesen sind. Wenn ich mich so recht entsinne, konnte ich die eine Kiste kaum tragen zum Schluss. Dann geht die Rechnung auch wieder auf.

Und ja, das Holz. Ich hatte zuletzt ja auch mal einen Artikel über Sven Schilling veröffentlicht. Ein befreundeter Künstler, der unter anderem mit Eiche arbeitet. Und dieses "Arbeiten" an seine Werke weitergibt. Auch sie leben, sind im ständigen Wandel.

Von der Salbe nehme ich gerne. Ich bin Anfang Dezember einmal in Deutschland, und dann wieder zwei Wochen später zu Weihnachten. Je nachdem, wann die Salben fertig sind, könntest du sie mir an die eine oder andere Adresse zukommen lassen.

Ganz herzlich,

Lilly

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Avatar von Sebastian Grguric

Moin liebe Lilly,

ja, diese Widerstände sind da und sie sind uns in schweren Zeiten oftmals eine Hilfe, die nicht zu unterschätzen ist. Ich stimme dir auch zu, dass diese Widerstände überhaupt nicht böse sind, vorausgesetzt, dass es unsere Widerstände sind und nicht eingepflanzte Widerstände, die von extern eingesetzt werden. Hast du denn Erinnerungen an frühere Leben?

Mir kam heute der Gedanke, dass das Selbstwertgefühl wohl gerade bei weiblichen Seelen ein großes Thema ist. Dies würde ja auch in den "Zeitgeist" passen, dass die weiblichen Seelen ihren Stellenwert eben dadurch erkennen, indem sie den Gedanken um einen Selbstwert beiseite legen. Mir kam gestern der Gedanke, dass nur große Seelen unter dem Gewicht ihrer Güte leiden können und daraus erschloss sich mir eben der Gedanke, dass die Güte, die einer Seele innewohnt, gar nicht im Wert ihrer Selbst ermessen werden kann, wenn die Güte doch unermesslich ist. Ich denke, dass im besagten Gedankengang zumindest ein kleiner Funke Wahrheit liegt.

Mich wundert es auch nicht, dass meine Tochter so ist, wie sie eben ist und doch stellt sie mich oft genug vor große Herausforderungen :-) Ach, mit schlappen 8 Jahren kommt sie nun auch in die Pubertät. Juhu!

Ich habe noch nie einen Saft selber hergestellt, da meine Priorität das Einkochen von Marmelade war. Wenn der Garten jedoch in Zukunft genug hergibt, werde ich auch Säfte herstellen wollen. Selbst bei 15-20 Kg Trauben sind 5 Liter eine ordentliche Ausbeute. So zumindest mein Empfinden. Was geschieht denn mit den Früchten, wenn der Saft ausgekocht wurde? Lässt sich daraus noch ein Gelee machen?

Deinen Artikel über Sven Schilling habe ich mit Inbrunst gelesen und gerade der Begriff um die Heimat brannte sich mir noch einmal mächtig ins Gedächtnis. Ich sprach damals vom alten Bauernhof, der in unserer Nähe steht und der jetzt gerade abgerissen wird. Man tötet ein lebendiges Haus und das zerreißt mich innerlich. Wie dem auch sei, ich habe mir damals Werke von Sven Schilling angeschaut und ihre Wirkung gespürt, auch wenn ich seine Werke nur auf Fotos betrachtet habe. Manche Künstler schaffen magische Portale.

Die Salbe wird wohl zu Anfang Dezember fertig sein, wobei ich schauen muss, wie ich die Zeit dazu finde. Derzeit ruht noch der Kaltauszug, den ich 8 Wochen ruhen lasse und diese 8 Wochen wären zu Ende November um. Wenn die Salben fertig sind, werde ich dir die Info geben und dann schauen wir, wohin ich sie schicken kann. Ich hätte übrigens noch Kräuter und Gewürze massig im Bestand, die ich gerne weitergebe. Ich kann mit der Menge alleine nichts anfangen und wenn du Bedarf hättest oder jemanden kennst, der Verwendung dafür hätte, würde ich dir etwas zu kommen lassen. Bei Interesse würde ich dir eine Liste mit den verfügbaren Gewürzen und Kräutern schicken.

Dir alles Liebe und beste Grüße,

Basti

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Avatar von Eckhard Umann

Die NYT macht derzeit eine Publikumsbefragung zu den besten Filmen des Jahrhunderts. Die üblichen Verdächtigen (aus Hollywood). Man kennt dort schöne Menschen, tragische Lieben und sich verwandelnde Insekten aus fremden Welten. Man kennt keinen Egmont, keinen König Lear, keinen Harry Haller (höchstens Rockbands...), keiner fragt nach der Parasuizidalität Joseph Knechts oder warum Andrej Rubljow 10 Jahre schwieg. Geh und Sieh! scheint dort kein guter Film zu sein (zuviele eigene Leute dabei). Und - falls ich auswandere, kann ich ja nicht mehr in Wer wird Millionär mitmachen!

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Avatar von Eckhard Umann

Nun, Hesses Umzug 1912 in den Bezug zum 1. WK zu setzen ist natürlich ein "im Nachherein ist man immer schlau" und setzt heute eine Kausalität, die Hesse damals wohl nicht hat sehen können. Das dürfte für so ziemlich alle menschliche Entscheidungen des Lebens gelten - tragische wie glückliche. Hesse hat das in Narziss & Goldmund durchdacht und - in meinen Augen - keinem Recht gegeben

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