Die Verwertung der Welt
und die verborgene Suche nach dem Gral in uns.
Unsere Welt wird durchströmt. Das spürt jeder. Und doch ist der Strom, den wir heute wahrnehmen, nicht mehr der, der die Welt im Innersten zusammenhält, sondern der, der uns in ihr gefangen hält. Die Rede ist vom Strom des Geldes.
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Er entstand, nachdem der Mensch begann, die Welt zu vermessen. Nachdem der einstige Strom, der in unaufhörlicher Bewegung durch Ozeane, Flüsse und Wolken zirkulierte und alles Lebendige miteinander verband, in ihm abriss. Und die Natur aufhörte, ihm ein ebenso lebendiges Gegenüber zu sein. Dabei war es gerade sie, die ihn, indem sie ihr eigenes Recht hervorbrachte, gelehrt hatte, welche Gesetze auch er zu befolgen habe, um niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Vergeblich. In dem Maß, wie der Mensch anfing, seinen Wert über den der Natur zu stellen, begann ihr Wert als solcher für ihn zu verblassen – und er, bei ihr Dinge in Rechnung zu stellen, die er nie mehr würde begleichen können. In dieser Hybris – dieser fehlenden Dankbarkeit als Folge einer verblassenden Demut – entstand die Verwertung der Welt. Und mit ihr die Bewertung von allem, was in ihr existierte – sowie die Entwertung dessen, was sich durch die neuen Zeichen, Verträge und Preise weder definieren noch absichern ließ.
Auf diese Weise trat – je mehr diese Zeichen an Bedeutung gewannen – das in den Hintergrund, was einst ohne sie auskam. Der Mensch begann, die Dinge nicht mehr um ihrer selbst willen zu betrachten. Plötzlich besaß alles ein Vor-Zeichen – eine Art Brandmal, das jener neue Strom in ihnen hinterlassen hatte. Was einst auf Schwerkraft und Wind beruhte, sollte nun – so hieß es – von «Vertrauen» getragen werden. Doch genau darin lag sein Paradox: Je mächtiger der Geldstrom wurde, desto mehr schien ihm das Vertrauen selbst zu schwinden. Er ließ eine Welt entstehen, in der alles miteinander verbunden war – und doch alles getrennt voneinander existierte. Er hielt alles zusammen – und trieb es doch auseinander. Ganz einfach, weil er nicht derselben Quelle entsprang wie der Strom, aus dem auch wir einst hervorgegangen sind.
Versprechen als Symbol
Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft? Von welchem Moment gehen wir aus, wenn wir über das Finanzmonopol sprechen? Hat Geld noch die Herrschaft über diese Welt? Hat Geld jemals über diese Welt geherrscht? Oder doch nur über uns? Ist die ganze Vorstellung von «Geld beherrscht die Welt» bloß eine Illusion – ein Glaubenssatz, eine Religion, wie jede andere auch? Und falls ja – welche Kraft ist es, die von uns Besitz ergreift, wenn wir glauben, von den Dingen Besitz ergreifen zu können? Wie kann etwas, das seinem Ursprung nach kein Ding ist, gleichzeitig alles zu einem solchen verkommen lassen? Münzen, Scheine, digitale Wertpapiere: Sind sie letztlich nicht bloß Gefäße für einen Glauben, dem es in dieser Welt an anderen Göttern mangelt?
Was soll das für ein Glauben sein, der meint von «Vertrauen» getragen zu werden – selbst jedoch keines stiftet? Welche Kraft war dafür verantwortlich, dass es dem Menschen eines Tages nicht mehr reichte, Gemüse mit seinem Nachbarn zu tauschen? Wie kam die Expansion in die Welt, die das einstige Vertrauen zwischen den Menschen auf etwas übertrug, das fortan über ihnen – und ihren Lügen – stehen sollte?
Geld, so scheint es, ist die größte kollektive Vereinbarung unserer Zivilisation. Ein Versprechen, das nur fortbestehen kann, indem die Menschen sich seiner tagtäglich gegenseitig, aber auch sich selbst gegenüber vergewissern. Selbst dann, wenn gerade in dieser Glaubenspflicht die Doppelgesichtigkeit des Geldes besteht: Bleibst du ihm treu, gewährt es dir die Freiheit, mit Fremden zu handeln, ohne sie persönlich zu kennen. Willst du jedoch frei darin sein, was du glaubst, welcher Strom diese Welt tatsächlich «beherrscht», droht der des Geldes dir alles zu entziehen, was von ihm durchzogen wird. Als Abtrünniger dessen, worauf alle anderen ihre Existenz begründen, giltst du fortan als vogelfrei. Nicht, weil du fortan lieber wieder Gemüse gegen Arbeit tauschen möchtest, sondern weil du die allgemein vereinbarte Alternativlosigkeit infrage stellst.
Die Illusion von Macht
Philosophisch, oder vielmehr spirituell betrachtet, ist Geld deshalb nicht bloß Maßstab sozialer Ordnung, sondern immer auch Spiegel des kollektiven Bewusstseins. Indem sein Strom nicht der Natur, sondern dem menschlichen Geist entspringt, ist sein Fließgleichgewicht immer auch Ausdruck dessen, ob eine Kultur derzeit eher nach Sicherheit strebt und Rücklagen sammelt, oder aus Angst in Stagnation verfällt. Kurzum: Geld ist eine der größten kollektiven Fiktionen der Menschheit – und gleichzeitig eine ihrer wirksamsten Realitäten. Ich würde fast sagen: ihre stärkste Matrix. Denn mit jeder Situation, in der Geld die Sicherheit von Beziehung ersetzt, verschiebt sich etwas im Inneren des Menschen. Wenn Fürsorge entlohnt wird, Gastfreundschaft zu einer Dienstleistung verkommt oder Zeit in abrechenbare Einheiten zerfällt, tritt eine andere Dimension menschlicher Begegnung in den Hintergrund: die freiwillige, nicht kalkulierte Zuwendung – jene, die nicht auf materieller, sondern auf einer Herzensebene geschieht.
Doch während auch der Geldstrom sich stets den Weg des geringsten Widerstands sucht, hinterlässt auch er Gräben in der Landschaft, durch die er fließt. In seinem Fall in der ihn umgebenden Bewusstseinslandschaft. Geld schließlich, das zeigt der grobe Vergleich aller bisherigen Kulturen, ist nichts, was das menschliche Bewusstsein höher schwingen lässt. Vielmehr drosselt es dieses; bindet den Menschen an die Materie, von der sein Erlösungsversprechen ausgeht. Geld reduziert – nicht nur all jenes, was sich von ihm kaufen lässt, sondern auch den Menschen, der durch es zu glauben beginnt, es habe nur noch dasjenige einen Wert, was sich auch durch Geld bezahlen lässt. Was wäre also, wenn wir nicht länger danach fragen würden, wie viel wir besitzen? Sondern danach, was mit unseren Beziehungen geschieht, wenn wir beginnen, sie mit Geld aufwiegen zu wollen? Was von uns tritt in den Hintergrund, wenn wir Beziehungen nicht mehr leben, sondern ihre Funktionen einkaufen?
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In diesem Sinne muss Geld Beziehungen nicht einmal vollständig zerstören – es reicht, dass es ihre eigentlich tragende Komponente korrumpiert. Geld, das sehen wir alle, schafft eine Welt, in der Kooperation ohne Nähe möglich wird. Und je stärker diese Möglichkeit wird, desto größer wird die Versuchung, den schwierigeren Weg echter Beziehung zu umgehen. Was also, wenn Geld – dessen Ursprung ein anderer ist als der unsere – uns nie dorthin zurückführen kann, wohin wir eigentlich wollen?
Die gebliebene Sehnsucht
Wie bereits angedeutet: Was ist, wenn Geld bloß eine Art Kompensation für den Glauben ist, den wir alle in uns tragen – den wir bloß nicht mehr anders auszuleben wissen? Wenn seine eigentliche Spannung nicht in der Ökonomisierung, sondern in der Entmythologisierung all dessen liegt, dem von ihm kein Wert zugeschrieben werden kann? Und was ist, wenn folglich auch die Legende vom Heiligen Gral nie dazu da war, den Süden Frankreichs nach ihm zu durchforsten? Wenn die Wälder, Länder und Gefahren, die König Arthur und seine Ritter durchquerten, selbst nur eine Metapher für das Unterholz waren, durch das sie sich in sich selbst ihren Weg schlagen mussten, um zu erkennen, dass der Gral, den sie suchten, immer schon in ihnen lag? So etwa, wie ihn auch die symbolischen Deutungen von Carl Gustav Jung nicht als äußeren Gegenstand verstehen, sondern als Sinnbild einer inneren Bewegung des Menschen zu sich selbst – zu einer verborgenen Quelle von Sinn und Ganzheit.
Liegt das Problem nicht genau hier? In dieser Fragmentierung allen Seins zugunsten des Habens? Leidet nicht auch der moderne Mensch genau an dieser Suche nach einer Art «Ersatz-Gral»? Nach dem einen Objekt, von dem er sich erhofft, dass es ihm jene Erfüllung bringt, nach der er sich doch so sehr sehnt? Und für die er seine gesamte Energie darauf verwendet, Reichtum zu akkumulieren, von dem er sich verspricht, eines Tages Zugang zu dem zu erhalten, was ihn ein für alle Mal glücklich sein lässt? Ganz gleich, ob dabei die eigentliche Frage seines Lebens unberührt bleibt: Wer bin ich, jenseits dessen, was ich besitze?
Wobei sich, zumindest meiner Beobachtung nach, immer mehr Menschen genau diese Frage stellen. Meist aufgrund der Erfahrung, dass sich mit Geld vieles kaufen lässt – nur keine Ruhe. Jene stoische ataraxia als innere Unerschütterlichkeit, die bereits in der antiken Philosophie als Voraussetzung für ein gelingendes Leben beschrieben wurde. Und der entsprechend auch Aristoteles das höchste Ziel des Menschen nicht im Besitz, sondern in der eudaimonia zu verorten wusste: jener Form der Glückseligkeit, die entsteht, wenn ein Mensch in Übereinstimmung mit sich selbst lebt. Sie, die eudaimonia, ruht außerhalb dessen, was von Menschen einen Preis zugeschrieben werden kann. Sie entsteht nicht aus dem Haben, sondern aus dem Sein. Seiner Gesetzmäßigkeit ist es geschuldet, dass sich der Wert der Glückseligkeit jeder Berechnung entzieht. Er lässt sich weder ansparen noch erwerben. Wie der Heilige Gral lässt auch er sich nicht finden – nur erkennen.
Dieser Artikel erschien zuerst in der 69. Ausgabe des «Demenz» Magazins zum Thema: «Was zählt? – Geld und Demenz».
Nach den ersten Terminen für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben stehen nun bereits fünf weitere:
Samstag, den 20. Juni. Nachmittags 15 Uhr bis abends. Auf einem wunderbar alleinstehenden Hof in: Holzkamp 3, 31675 Bückeburg, OT Cammer (Zwischen Hannover und Bielefeld). Circa 30 Plätze (bei schönem Wetter draußen).
Dienstag, den 23. Juni in Nienburg/Weser. Hotel Am Posthof (Kleine Kirchstr. 1). Einlass ab 18:30. Beginn der Lesung. 19:30 - 22:00 Uhr. Die Plätze sind auf 35 begrenzt. Daher gerne via nds-nienburg@posteo.de anmelden.
Freitag, den 26. Juni in Bammental, Nähe Heidelberg. Einlass 18:30 Uhr, Beginn der Lesung 19 Uhr. Ort: Praxis an der Elsenz in der Hauptstraße 41/1. Ebenfalls begrenzte Platzwahl, daher gerne anmelden via mattern@freiwerden.info.
Samstag, den 27. Juni in 76185 Karlsruhe-Mühlburg Hardtstrasse 37 a Bau 4 Rückseite Kulturzentrum Tempel. Beginn 18 Uhr.
Sonntag, den 28. Juni in Sandweg 17, 69412 Hirschhorn (Neckar)-Igelsbach. Nachmittagslesung ab 16 Uhr bis abends im geräumigen Garten von Anja.
Mittwoch, der 01. Juli in der Kreuzstr. 13, 35428 Niederkleen (bei Gießen). Einlass ab 18:00 Uhr. Beginn der Lesung um 18:30.
Alle Fragen und eventuelle Anmeldungen gerne an lillygebert@posteo.de (der Eintritt ist bei allen Lesungen frei, beziehungsweise, beruhen diese auf Spendenbasis).
Verfügst auch Du über einen geeigneten Ort, an dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreib mir – und vielleicht können auch wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
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Kontoinhaberin: Lilly Marie Gebert
IBAN Deutschland: DE13120300001056704222
IBAN Schweiz: CH97 0839 2000 1604 6030 1
Verwendungszweck: Spende Substack (Beispiel)
Vielen Dank. Für alles weitere schreib mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonniere meinen Telegram Kanal, oder verfasse einen Kommentar.






Soeben, Lilly, um 00:42 h, erreichte mich Dein Text, den ich erst morgen ganz und mit frischem Kopf werde lesen können.
Etwas ist da zustandegekommen, das ich bei Dir bisher so noch nicht gelesen habe: Klarheit, Wahrhaftigkeit, Mut und Kraft -- bis hinein in die Konklusionen, die aus tiefer verwurzelten und keimhaften Verzweigungen emporsteigen und sich -- befreit in die atembare Luft eines ungebrochenen Geistes -- in Blüte und Frucht ergießen, die "pflückbar" werden durch jeden, der nicht verlernt hat zu begreifen.
Heute frage ich nicht "Kennen Sie ... ... ?"
Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht zur Sprache bringen. Sapienti sat.
Herzlich überrascht,
Wolfgang
Sehr schön und treffend geschrieben.
LG Andreas