Eine Enzyklopädie für die neue Zeit
«Sein statt Haben» — Die Fragen zum Buch.
Was soll der Titel «Sein statt Haben» ausdrücken? Was soll er dem Leser sagen?
Die Anlehnung an Erich Fromms Jahrhundertwerk «Haben oder Sein» brauche ich wahrscheinlich nicht groß zu erklären. Doch während mich selbst kaum ein anderes Buch so sehr geprägt hat wie dieses, blieb da stets die Frage: Wenn allein die deutsche Taschenbuchausgabe in den ersten Jahren nach seinem Erscheinen 1976 über eine halbe Million Exemplare verkauft hat, warum konsumieren und kompensieren wir heute mehr denn je zuvor? Wie kann es sein, dass alles längst gesagt und geschrieben ist, und sich doch nichts ändert? Ja, vielmehr im Gegenteil: Alles nur noch schlimmer zu werden scheint?
«Haben oder Sein» ist damit längst keine Frage mehr. War es für mich auch noch nie. Schließlich können wir nie beides. Entweder sind wir im Haben – oder im Sein. Jede der beiden Lebensweisen verneint die andere. Das ist, was ich mit dem Titel sagen möchte: Die Zeiten des Entweder-oder sind vorbei. Das Sein ist die Zukunft. Dieses Mal jedoch nicht allein im Kopf, sondern obendrein auch im Herzen.
Was verstehst Du unter einer «Neuen Zeit»?
Genau das. Unser heutiges Lebensmodell, das im Grunde seit der Romantik immer extremer wurde, hat ausgedient. So sehr, dass, wenn wir dies nicht langsam erkennen, wir in nicht allzu ferner Zukunft selbst ausgedient haben werden. Das ist im Grunde die Weggabelung, die ich sehe: Da ist einerseits der Materialismus, der zuerst die Welt und zuletzt auch uns zur Ware gemacht und damit sukzessive entseelt hat. Insofern dieser sich allerdings ebenfalls zusehends erschöpft, entspringt auch ihm – ironischerweise – eine Form der Besitzlosigkeit: der Transhumanismus. Sehe ich bei ihm jedoch das Problem, dass jene Leere, die wir einst mit den Konsum materieller Güter versucht haben zu füllen, nun mit einer neuen Form von Ideologie kompensieren sollen, besteht an dieser Stelle die wahre Veränderung der «neuen Zeit»: keine Abhängigkeiten mehr. Schluss damit, bloß fortwährend den Herren zu wechseln, aber die Muster und Mechanismen beizubehalten. In der «neuen Zeit» gibt es nur noch einen «Heilsbringer» – und der sind wir selbst.
Für wen hast Du die Enzyklopädie geschrieben? Wer soll sie kaufen?
Im Grunde habe ich die Enzyklopädie für jeden und jede geschrieben. Allein schon aus dem Wunsch heraus, so viele Menschen wie möglich in der «neuen Zeit» zu wissen. Ungeachtet dessen weiß ich nach knapp vier Jahren des Austauschs mit meinen Leserinnen und Lesern allerdings auch, an wen ich mich da mit meinen Texten richte: an mich selbst (lacht). Mein Leben lang habe ich mich gefragt, ob es das bereits gewesen sein soll. Ob die Welt, in die ich hineingeboren wurde, tatsächlich so verkommen ist, wie ich es tagtäglich vorgekaut bekomme. Und was soll ich sagen? Es gab Zeiten, da war ich recht defätistisch unterwegs. Gleichzeitig hörte ich jedoch nie auf zu suchen. Und damit meine ich: zu lesen. Ich vergrub mich in Büchern. Einerseits, um dieser Welt zu entfliehen, andererseits aber auch stets aus dem Wunsch heraus, einen Weg zu finden, ihr nicht mehr entfliehen zu müssen. Dieser bestand letztlich für mich im Schreiben. Ich schrieb das, was ich in Büchern entweder nicht fand, oder was ich allein wegen der Bücher fand – in mir. Es waren Antworten, die eigentlich keine Antworten waren. Versuche, etwas zu erklären, was weder erklärt werden konnte, noch wollte. Das einzige, was blieb, war ein Gefühl. Das Gefühl, mich etwas anzunähern, was mich mein Leben lang von diesem versucht hat, auf Distanz zu halten. Für jeden, der dieses Gefühl von Sehnsucht, die sich letzten Endes selbst zum Ziel hat, kennt, ist dieses Buch. Auf dass ihre Suche sich dank ihm ein bisschen weniger alleine anfühlt… Und vielleicht sogar einen neuen Sinn bekommt.
Wie, glaubst Du, werden die Medien auf die einzelnen Kapitel reagieren?
Ich kann mir gut vorstellen, dass so manch’ ein Kapitel gerunzelte Augenbrauen hervorrufen oder sogar auf Ablehnung stoßen mag. Aber genau darum geht es mir: Genauso wenig, wie ich jemanden eines besseren belehren oder große Debatten führen möchte, ist mir danach, jemanden in der Komfortzone, in der er oder sie sich eingerichtet hat, auch noch zu streicheln. Mein Buch holt jeden dort ab, wo er ist. Vorausgesetzt, er oder sie ist offen dafür, einmal am Tag alle gewohnten und einstudierten Denkmuster wie Weltbilder beiseite zulegen und sich stattdessen auf eine Form des Seins einzulassen, die fernab von Achtsamkeit und Selbstoptimierung das Leben erstmals wieder in seinem Kern berührt. In dieser Hinsicht stellt die Enzyklopädie für mich eine Form von Meditation dar, zu der sich ohnehin nur einladen lässt. Und zu der ich diejenigen, die bereits erkannt haben, dass ihr bisheriges Weltbild ausgedient hat, nicht einmal mehr einzuladen brauche.


Nach welchen Kriterien hast Du die Kapitel ausgewählt?
Gleich einer Einladung sollten auch die Begriffe, die ich für meine Kapitel ausgesucht habe, neugierig machen, Genaueres über sie zu erfahren. Hier war es mir wichtig, zum einen Begriffe zu wählen, die so gut wie aus unserem Wortschatz – und damit auch aus unserem Sein – verschwunden sind, und diese mit «altem» Sinn neu zum Leben zu erwecken; und auf der anderen Seite jene Begriffe, die durch ihren heutzutage so inflationären Gebrauch an Inhalt und Sinn verloren haben, eine neue Bedeutung zu verleihen. Meine Überzeugung ist: Erst wenn wir uns vorstellen können, dass es auch anders sein könnte, wird Veränderung möglich. Ein entscheidender Schritt hierzu ist Sprache. Fehlen uns die Worte, die Dinge zu benennen, sind wir auf ewig gefangen in dem, von dem man uns glauben machen möchte, es sei die einzige und letzte Realität, die uns noch bliebe. Und die wir entsprechend auch verdient hätten.
Worauf hoffst du mit diesem Buch?
Dass eine andere Welt noch möglich ist. Dass es noch nicht zu spät ist, jene Bilder zu zeichnen, die Veränderung erstmals dadurch wieder lebbar werden lässt, als dass die Zukunft, die sie zu bergen verspricht, noch von einem Sinn getragen wird, der uns weder aufgedrängt noch übergestülpt wird, sondern uns selbst entspringt. Ich würde mir wünschen, dass die Enzyklopädie eine Art Handbuch wird, diesen Weg des Seins zu gehen – allein, wie gemeinsam.
Das Buch erscheint am 30. Oktober. Link zum Verlag | Link zum Verlagsprogramm.
Vorbestellungen gerne über Buchkomplizen.



Ich freue mich schon so sehr auf das Buch und ich freue mich für dich. 🥰
bin gespannt auf dein Buch👌🏻🙏🏻🌹