Geben bis zur Selbstaufgabe
#5 Mai 2026. Selbstverlust ist kein Ausdruck von Liebe. Oder: Wem ist eigentlich damit geholfen, wenn ich mich selbst verliere?
«Die Wahrheit lieben bedeutet, die Leere zu ertragen
und in der Folge den Tod anzunehmen.
Ohne ein Sich-Losreißen kann man
die Wahrheit nicht mit ganzer Seele lieben.»
— Simone Weil
«Gott vergißt diejenigen nicht,
die sich selbst vergessen
und an andere denken.»
— Augustinus von Hippo
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Freitag, der 01. Mai
Nicht ganz «in den Mai getanzt», aber zumindest die letzten Aprilstunden vorm Feuer verbracht.
Samstag, der 02. Mai
Ihr seid nicht mutig. Immer wieder erstaunt es mich, wie Promis, Influencer und andere öffentliche Sternchen glauben, sie würden ihre Karriere riskieren, wenn sie sich für die Grünen einsetzen, links wählen, zur Meeresrettung aufrufen oder sich für irgendeine andere gesellschaftlich nicht genug beachtete Sache starkmachen. Denn nein: Das ist nicht mutig. Es ist nicht mutig, sich für eine ohnehin schon stattfindende Migration einzusetzen. Es ist nicht mutig, links zu wählen. Es ist nicht mutig, gegen Atomkraft und für erneuerbare Energien zu demonstrieren. Es ist nicht mutig, bereits geltende Frauenrechte zu fordern oder über den Gender Pay Gap zu sprechen. Es ist nicht mutig, «gegen rechts» zu sein. Es ist nicht mutig, «woke» zu sein. Und es ist auch nicht mutig, für etwas einzustehen, das längst als «mutig» gilt. Kurzum: Es ist nicht mutig, Positionen zu vertreten, die an Universitäten und Kulturinstitutionen sowie großen Teilen der Unterhaltungsindustrie längst zum guten Ton gehören. Das alles ist längst System. Es ist gewollt, dass ihr euch für diese Dinge stark macht. Und es sind genau diese Dinge, die uns schwach machen. Versteht ihr das nicht?
Sonntag, der 03. Mai
PS: Im Kontrast zu diesen Gratis-Mut-Kandidaten sind die Menschen, denen ich tatsächlich Respekt entgegenbringe, jene, die etwas tun – ungeachtet dessen, ob es jemand mitbekommt oder wie die Reaktionen darauf ausfallen könnten. Das Einzige, was sie antreibt, ist ihr inneres Unvermögen, über wahre Ungerechtigkeit zu schweigen. Auch dann, wenn diese für alle anderen noch gar nicht ersichtlich ist. Oder wenn sie längst ahnen, für ihre nun offen vertretene Haltung ausgegrenzt oder angegriffen zu werden. Diese Menschen – und genau deshalb sind sie mir so sympathisch – funktionieren außerhalb jedes äußeren Belohnungssystems. Der modernen Selbsttäuschung, Konformität für Courage zu halten, sind sie nicht anheimgefallen. Weshalb sie auch nicht angewiesen sind auf die Aufwertung durch Institutionen oder andere Kontrollinstanzen. Die einzige Instanz, vor der sie ihr Gesicht wahren müssen, um ein nach ihrem Ermessen richtiges Leben zu führen, sind sie selbst. Und ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber spätestens seit 2020 versuche ich für meinen Teil, mich so gut es geht nur noch mit solchen Menschen zu umgeben. Überall sonst ahne ich den nächsten Dolchstoß, wenn es wieder einmal um wichtigere Themen gehen sollte als Fahrradwege in Peru oder um einen Wal, der einfach nur sterben will.
(Nachtrag diesbezüglich: Das neueste Interview von Jasmin Kosubek mit Nina Maleika. Eines der wenigen Gespräche, die ich mir zuletzt gerne und entsprechend auch komplett angeschaut habe. (Und noch ein gutes Zitat von Nina aus dem Interview: «Kontakt findet an der Grenze statt.»))
Montag, der 04. Mai
Osho mag andersherum zwar gesagt haben: «A really intelligent person has no fixed opinions.» Aber wie arm wäre ein Mensch, der nur Meinungen und keine Werte hat?
Dienstag, der 05. Mai
Eine Sache, für die mehr Bewusstsein existieren sollte: Was eine Uniform mit einem Menschen macht. Oder vielmehr: Warum manche Menschen die Uniform regelrecht brauchen. Um jemand zu sein, um einer Sache anzugehören – um allem und allen verpflichtet sein zu müssen, nur nicht sich selbst. Diese Selbstweggabe… vor der fürchte ich mich, sobald ich sie an einem Menschen beobachte oder feststelle. Wie wenig Integrität muss ein Mensch haben, dass er dazu neigt, sich etwas oder jemand anderem zu verschreiben als sich selbst?
Mittwoch, der 06. Mai
Ein Kommentar, der mich nachhaltig berührt, handelt von unserer Gottesferne – von dem Gefühl, Gott nicht mehr fühlen zu können. Bis zu dem Moment, an dem wir merken, dass nicht er uns verlassen hat, sondern wir ihn.
Ich finde, das sitzt tief.
Donnerstag, der 07. Mai
Das Thema Selbstwert scheint derzeit gerade für Frauen eine große Rolle zu spielen. Nur besteht die Herausforderung für sie heute nicht mehr darin, ihren Wert immer wieder zu suchen oder zu beweisen, sondern darin, zu erkennen, dass er nicht bewiesen werden muss. Niemandem.
Freitag, der 08. Mai
Vielleicht können nur wirklich große Seelen unter dem Gewicht ihrer eigenen Güte leiden. Menschen, die so sehr darauf bedacht sind, anderen gerecht zu werden, dass sie sich selbst dabei immer wieder aus dem Blick verlieren. Wahre Güte schließlich scheint sich einem Denken in Kategorien von Wert und Würde weitgehend zu entziehen. Für sie ist alles von Wert und Würde. Entsprechend fragt sie auch nicht danach, was sie zurückbekommt, wie sie wahrgenommen wird oder was sie über den eigenen Wert aussagt. Sie schenkt sich einfach hin. Was es besonders schmerzlich macht, ist mitanzusehen, dass gerade jene Menschen am meisten an ihrem Selbstwert zweifeln, die längst begonnen haben, über sich selbst hinauszuwachsen. Das Gute, das durch sie wirkt, lässt sich nicht mehr im Maßstab des eigenen Ichs erfassen.
Samstag, der 09. Mai
«Wenn du erkennst, dass dir nichts fehlt, gehört dir die ganze Welt.» Ob diese Worte tatsächlich von Laozi stammen, sei dahingestellt. Der Gedanke selbst jedoch ist zutiefst daoistisch: Solange wir die Welt aus einem Gefühl des Mangels heraus betrachten, erscheint uns das Leben als eine endlose Suche nach dem, was noch fehlt. Unser Blick richtet sich ständig auf das Abwesende. In dem Moment jedoch, in dem dieses Mängelwesengedenke nachlässt, verändert sich unsere Wahrnehmung. Nicht, weil wir plötzlich alles besitzen würden, sondern weil wir aufhören, das Vorhandene permanent am Fehlenden zu messen.
Für mich ist das Frieden. Das Wissen, dass nicht ich die Welt umfassen muss, sondern es umgekehrt die Welt ist, die mich trägt und hält.
Sonntag, der 10. Mai (Muttertag)
«All women become like their mothers. That is their tragedy.
No man does, and that is his.» ― Oscar Wilde
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Montag, der 11. Mai
Kein Tier auf Erden weiß, was ein Montag ist.
Keine Pflanze. Kein Ozean. Kein einziges Nervensystem in der Natur ist darauf ausgelegt, zu wissen, was eine Woche ist. Wir allein sind erschöpft von etwas, das nie dafür bestimmt gewesen ist, real zu sein.
Dienstag, der 12. Mai
Menschen in Plastikklamotten. Fußgänger in Plastikklamotten. Jogger in Plastikklamotten. Fahrradfahrer in Plastikklamotten. Touristen, die meinen, Einheimische in ihrem Fahrverhalten korrigieren zu müssen. Wegen Touristen 30 statt 80 fahren zu müssen. All diese Dinge hasse ich. Und noch viele mehr.
Von Hugh Grant gibt es dazu ein wunderbares Interview mit Timothée Chalamet, einem Schauspieler, der gut dreißig Jahre jünger ist als er und heute vermutlich ähnlich gefeiert wird, wie Grant zu seiner Zeit. Irgendwann im Interview fängt Chalamet plötzlich an zu «journaln», worauf Grant gefragt wird, ob er denn auch ein Dankbarkeitstagebuch führe. Worauf dieser nur erwidert: «Don’t be absurd. I have a list of the things I hate.»
Eine Liste, die er in einem anderen Interview zu meiner großen Genugtuung weiter ausführt: Er möge keine Menschen, die langsam gehen. Keine Menschen mit Rucksäcken. Keine Menschen, die ihre Rucksäcke vorne tragen – wobei er dabei besonders angewidert das Gesicht verzieht. Keine Menschen mit Rucksäcken und Wasserflaschen. Genauso wenig wie Wasserflaschen an sich. Denn überhaupt: Was sei das eigentlich für ein Wasserflaschen-Ding? Was sei denn falsch daran, aus einem Trinkbrunnen zu trinken?
Eine Frage, die auch ich mir stelle, wenn ich mir den regelrechten Zerup-Kult rund um More Nutrition anschaue: Wann haben Menschen verlernt, einfach Wasser zu trinken? Warum braucht plötzlich jeder irgendwelche Sirups, damit sein Wasser nach Honig, Ananas oder Waldbeeren schmeckt? Seit wann reicht Wasser nicht mehr aus, um Wasser zu sein? Auf mich wirkt das wie ein weiterer Zug jenes ohnehin allgegenwärtigen Kleinkinderverhaltens. Früher wurde Dreijährigen etwas naturtrüber Apfelsaft ins Wasser gemischt, damit sie überhaupt etwas trinken. Heute machen Erwachsene im Grunde dasselbe – nur bezeichnen sie es inzwischen als Fitness.
Ich für meinen Teil weiß nicht, was mich daran mehr irritiert: die Sirups selbst oder die Tatsache, dass Menschen offenbar stolz darauf sind, Teil einer so offensichtlichen Degenierung zu sein.
Mittwoch, der 13. Mai
Noch etwas zu diesem seltsamen «Essverhalten». Als ich gestern von meinen Eltern zurück in die Schweiz fuhr, hielt ich in Göttingen bei dm und Alnatura an, um die Kühlbox im Auto noch mit etwas Demeter-Ayran und ein paar anderen Bioprodukten zu füllen. Als ich wieder einstieg, blickte ich nach rechts in das neben mir parkierte Auto. Dort saß eine Frau, die einen dieser «This is Food»-Drinks konsumierte, als wäre er Medizin. Regelrecht schmerzverzerrt sah sie dabei aus. Jeder Schluck wirkte, als wäre er ihr letzter. Wie die vom Arzt verordnete Henkersmahlzeit – nur dass diese ihre Bezeichnung in diesem Kontext etwas zu wörtlich nimmt.
Spätestens jetzt dachte ich mir: Seid ihr eigentlich nicht mehr ganz dicht? Auch wenn es auf der Flasche steht – aber das ist kein Essen! Vielleicht bin ich altmodisch, aber wenn ich die Wahl habe zwischen einer Trinkmahlzeit voller Süßstoffe, deren Name mir bereits jeden berechtigten Zweifel an ihren Inhaltsstoffen in Abrede stellen möchte, und einem Apfel, gewinnt für mich der Apfel. Egal wie mehlig.
«Food» ist für mich das, was mir tatsächlich guttut. Nicht das, von dem mir ein Produkt verspricht, dass es mir guttun würde. Dieses Urteil liegt bei mir – und wird immer bei mir liegen. Genauso wie die Entscheidung darüber, in welchem Verhältnis Genuss und Gesundheit in meinem Leben gerade stehen. Für mich nämlich steht fest: Wenn die Zukunft der Ernährung darin bestehen soll, irgendwelche beige-grauen Flüssigkeiten herunterzuwürgen, die aussehen wie Wandfarbe und konsumiert werden wie Antibiotika, dann faste ich. Bis zum Tod.
Donnerstag, der 14. Mai
Schon Hans Jonas (1903-1993) versuchte zu seiner Zeit und mit den Mitteln seiner Zeit, über den Bereich des Menschen und zukünftiger Generationen hinaus die Vorstellung einer wertneutralen Natur zu überwinden. Anders als das moderne Denken ging er nicht davon aus, dass Leben bloß ein Zufallsprodukt toter Materie sei. Unter Rückgriff auf Aristoteles verstand er das Lebendige vielmehr als etwas, das bereits Zweck, Streben und einen Eigenwert in sich trägt.
Dabei knüpfte er an seine eigenen Studien zur Philosophie des Organischen an. Diesen zufolge offenbare das Leben selbst etwas, das in einer rein mechanischen Weltsicht keinen wirklichen Platz hat: Bedeutung. Gerade deshalb hielt er jeden Versuch für unzureichend, das Lebendige vollständig aus einer als tot und wertfrei gedachten Natur abzuleiten. Nicht das Leben bedürfe einer nachträglichen Verlebendigung durch Theorie – vielmehr stelle das Phänomen des Lebens selbst die Vorstellung infrage, die Natur sei nichts weiter als tote Materie.
Mit anderen Worten: Kein Wunder, dass Luisa Neubauer so begeistert ist (oder war) von Jonas. Beide haben keinen primär gefühlsbasierten Zugang zu dem, was sie doch eigentlich beschützen wollen.
Anders als sie beschäftigt mich daher eine andere, für mein Empfinden viel grundlegendere Frage: Warum fällt es uns eigentlich so viel leichter, uns eine Welt aus bloßer Materie vorzustellen, aus der irgendwann Leben hervorgegangen sein soll, als die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Lebendigkeit von Anfang an tiefer in die Wirklichkeit eingelassen war, als wir es uns auch nur vorstellen können?
Was wäre, wenn nicht erst das Leben in die Welt gekommen ist, sondern die Welt selbst nur entstanden ist, weil das Leben als solches bereits existierte? Nochmal anders gesagt: Nicht die Vorstellung einer belebten Welt bedarf einer Erklärung, sondern die einer toten.
Freitag, der 15. Mai
Was ist es, das Menschen süchtig werden lässt? Ist es ihre innere Abgestumpftheit – oder nicht doch vielmehr ihre Hilflosigkeit dahingehend, mitsamt ihrer Verletzlichkeit einen Zugang zu dieser Welt zu finden, der sie nicht unmittelbar glauben lässt, von dieser im nächsten Moment verschlungen zu werden?
Ich denke, gerade im Hinblick auf die Sucht wird oft unterschätzt, welche Schutzfunktion sie doch eigentlich erfüllt. Im Rausch bringen die Betroffenen nicht nur die Welt auf Abstand. Sie schaffen zugleich einen Abstand von sich zu sich selbst. Um selbst die Reste nicht fühlen zu müssen, die diese Welt an ihnen noch abzustreifen versucht. Der Rausch wird so zu einer Art Pufferzone zwischen dem Menschen und einer Wirklichkeit, für die er nie gelernt hat, einen anderen, für ihn verträglicheren Umgang zu finden.
Sonntag, der 17. Mai
Warum ich mich – auch unter der Woche – so selten melde? Weil ich gelernt habe, alleine klarzukommen. Rückzug, Einsamkeit, mancher würde vielleicht sogar von Isolation sprechen, sind meine Form von Sicherheit. Beziehungen, so hat mein Nervensystem sich abgespeichert, bieten nicht nur keine Stabilität – sie finden früher oder später ohnehin ein Ende. Sie dann aus welchem Grund überhaupt noch eingehen, fragt es mich? Und entwickelte daraufhin eine Strategie, die lange Zeit auch erstaunlich gut funktioniert hat: zumachen, ehe ich mich auch nur ansatzweise auf einen Menschen einlassen kann.
Und davon einmal ganz abgesehen, brauche ich auch die Stille, um zu schreiben. Zu viel hier, zu viel da – und nicht nur ich komme zu nüscht, auch kein klarer Gedanke findet mehr den Weg zu mir.
Donnerstag, der 21. Mai
«Sidequest» Listenhund im Tessin erfolgreich abgeschlossen. Erleichtert. Bei Bier, Pizza und einer riesen Portion Zabbaione in Ascona sitzend, mit Blick auf den See. Hund zu meinen Füßen. Auch er: ruhig, gelassen. Haben wir gut gemacht. Was bleibt, ist ein Gefühl von «komme, was wolle». Uns stresst nichts mehr.
Freitag, der 22. Mai
«Das ist das Merkmal des großen und guten Menschen, daß er immer zuerst auf das Ganze und auf andere sieht, auf sich zuletzt.»
Was Adalbert Stifter da beschreibt, galt sicherlich mal als menschliches Ideal. Großmut, Heldentum, Märtyrertum, oder was mir da nicht sonst noch alles als Zuschreibung einfällt. Aber heute? Für mein Empfinden wird dem Menschen heute oft ein «Ganzes» angeboten, das weder ihn vervollständigen soll, noch irgendwen anders zu wahrer Größe emporheben wird. Jenes «Ganze», dem sich der Mensch heutzutage hingeben soll, aktiviert vielmehr jene – gerade im deutschsprachigen Raum noch immer vorhandene – Neigung zur Selbstaufopferung. Vielleicht als christliches Erbe, vielleicht als sozialistisches – keine Ahnung, vermutlich als beides zugleich.
Dabei lernen heute nach wie vor vor allem Frauen, für andere da zu sein, Rücksicht zu nehmen, Bedürfnisse zurückzustellen und ihren Wert aus ihrer Nützlichkeit für andere abzuleiten. Nicht wenige leiden deshalb weniger an übersteigertem Egoismus als an einer chronischen Schwierigkeit, sich selbst dieselbe Güte entgegenzubringen wie ihrem Umfeld.
Und dennoch teile ich Stifters Satz. Nicht, weil er zur Selbstaufgabe aufruft, sondern weil er daran erinnert, dass es irgendwo da draußen noch ein anderes «Ganzes» gibt, für das es sich zu leben lohnt. Und dass menschliche Reife in diesem Fall tatsächlich dort beginnt, wo sich das eigene Ich nicht mehr für den Mittelpunkt der Welt hält.



Samstag, der 23. Mai
«Der Geist soll also frei sein, daß er an allen nennbaren Dingen nicht bange und daß sie nicht an ihm hangen. Ja, er soll noch freier sein: also frei, daß er für all seine Werke keinerlei Lohn erwarte von Gott. Die allergrößte Freiheit aber soll dies sein, daß er all seine Selbstheit vergesse und mit allem, was er ist, in den grundlosen Abgrund seines Ursprungs zurückfließe.»
Dieses Zitat von Meister Eckhart geht gefühlt wieder in die Richtung «Raum wahren», «Selbstaufgabe», «Rechenschaft – aber vor wem?». Was ich nämlich immer wieder merke, ist, dass auch ich mich gut und gerne an persönlichen Befindlichkeiten aufhängen kann. Früher noch mehr als heute vielleicht. Auch alles rund um Beziehungen spielt da mit rein. Bis dieses ganze Knäuel aus Alltagssorgen und «Problemen» im Zwischenmenschlichen den halben Tag einnimmt, ich dann aber noch weder etwas gegessen noch aufgeräumt, mit dem Hund gegangen, geschweige denn schöpferisch gearbeitet habe.
Ich für meinen Teil musste mich zuletzt fragen: Will ich das? Macht mich das glücklich? Die einfache Antwort lautet: nein. Was mich glücklich macht, ist das Schreiben, das Gefühl, Dinge geklärt und in einer ausnahmslosen Tiefe zu Papier gebracht zu haben. Obendrein aber auch der Austausch und Kontakt mit Menschen, der sich leicht und direkt anfühlt. Diese Form der Zwischenmenschlichkeit beflügelt mich; da ziehe ich ausnahmsweise sogar mal Energie daraus. Anders jedoch überall dort, wo ich von Anfang an das Gefühl habe, einen Teil von mir zurücknehmen zu müssen, vielleicht sogar ganz und vollkommen auf Eierschalen laufen zu müssen. Das – und das merke ich Tag für Tag deutlicher – kann UND WILL ich nicht mehr.
Und ja, hier sind wir wieder bei den Kindheitsmustern und allem, was in dieser Prägungsphase sonst noch so auf mich eingewirkt haben mag. Allein deshalb und von meinem Wesen her neige ich dazu, Menschen emotional regulieren zu wollen. Nicht, weil ich so eine große soziale Ader hätte. Das vielleicht auch, zum Teil. Aber nein, primär, weil ich mich immer und zu jeder Zeit schuldig fühle – verantwortlich für die Gefühle und Ungefühle der anderen.
Das ist keine schöne Art zu leben. Sehr anstrengend sogar, um ehrlich zu sein. Gleichzeitig habe ich aber auch schon so oft beschlossen, mich nicht mehr für die anderen verantwortlich fühlen zu wollen. Mehr oder weniger erfolgreich.
In der Realität lasse ich so im Halbjahresabstand irgendjemand Neues dermaßen meinen Raum einnehmen, dass ich mich ab einem gewissen Punkt selbst kaum mehr spüre. Ich bin nur noch damit beschäftigt, dieses eine Gegenüber zu ko-regulieren, dessen Gefühle und Befindlichkeiten aufzufangen, mich – wie gesagt – auch für diese stets verantwortlich zu fühlen, mich entsprechend zu erklären und zu erklären und so weiter und so fort. Doch damit ist jetzt mal Schluss. Dieser Schuldmechanismus frisst mir meine gesamte Lebenszeit auf. All die Momente und Energien, die doch eigentlich mir zugutekommen sollten. Oder zumindest dem Schreiben. Oder Menschen, die all dies einfach etwas mehr zu schätzen wissen.
Sonntag, der 24. Mai
Freunden sage ich oft, dass niemandem damit geholfen sei, wenn sie selbst untergingen. Was ich dabei jedoch zuverlässig verdränge: Dass ich ihnen ausgerechnet darin kein besonders gutes Vorbild bin.
Montag, der 25. Mai
Du kannst niemanden kontrollieren, der mit sich selbst allein zu sein weiß. Dieser Mensch braucht dich nicht. Er wählt dich.
Dienstag, der 26. Mai
Seit knapp drei Jahren habe ich von mir an vielen Stellen das Bild des Eremiten vor Augen. Er, der einsame Wanderer, der immer wieder in sich selbst zurückkehren muss, um im Außen seine Laterne am Leuchten zu halten. Nicht umsonst steht er im Waite-Tarot allein auf einem Berggipfel. Er flieht nicht vor der Welt, sondern gewinnt Abstand zu ihr, um sie klarer sehen zu können. Seine Laterne beleuchtet nicht den ganzen Weg, sondern immer nur den nächsten Schritt – gerade genug, um die Orientierung nicht zu verlieren. So stammt auch das Licht, das er trägt, nicht aus der Welt um ihn herum, sondern aus einer Quelle, die er zuvor in sich selbst gefunden hat.
Ich glaube, das ist die eigentliche Aufgabe (und Botschaft) des Eremiten: sich nicht von der Dunkelheit der Welt verschlingen zu lassen, sondern regelmäßig dorthin zurückzukehren, wo die eigene innere Flamme genährt wird. Der Eremit weiß: Wer nur noch nach außen blickt, läuft Gefahr, die Laterne zu vergessen, die er eigentlich tragen wollte. Entscheidend für ihn ist nicht die größtmögliche Menge an Wissen, sondern ein Verhältnis zur Welt, das ihm noch erlaubt, handlungsfähig zu bleiben. Weisheit besteht für ihn nicht darin, jede Information sofort zu verarbeiten, sondern das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Am Leben zu bleiben.
Mittwoch, der 27. Mai
Bin ich produktiv oder nur genügsam? Zuletzt musste ich mehrfach schmunzeln. Einmal über eine Mail, dann wieder bei einem Gespräch mit einem Leser, den ich heute getroffen habe. Auch er meinte zu mir, dass ich ja unglaublich viel arbeite. Was ich selbst überhaupt nicht so erlebe. Beziehungsweise: Natürlich gibt es Tage, an denen ich gefühlt von morgens bis nachts arbeite und die verschiedensten Dinge in die Tasten haue. Gleichzeitig vergehen dann aber auch wieder mehrere Tage, an denen ich fast nichts Produktives mache – zumindest nichts, was gemeinhin als produktiv gelten würde. Dann kümmere ich mich um den Haushalt, gehe ausgiebig mit dem Hund spazieren, lese oder mache einfach Dinge, die mir Freude bereiten.
Und ich weiß nicht, ob ich früher einfach zu viele Alltagsberichte von Thomas Mann oder Kant gelesen habe, aber eine Disziplin wie die beiden habe ich bei weitem nicht. Wobei ich mich umgekehrt auch immer wieder frage: Will ich überhaupt so schreiben wie Thomas Mann oder Kant? Denn mal abbgesehen davon, dass beide genieähnliche Ausnahmepersönlichkeiten waren, an deren Niveau ich ohnehin nicht heranreiche, waren sie doch vor allem sehr kopflastige Menschen. Menschen, deren Leben sich in hohem Maße um Denken, Arbeiten und geistige Produktion organisierte. Genau das aber möchte ich für mich doch aber immer weniger.
Ich möchte lebendig schreiben, nah am Leben schreiben, über Dinge schreiben, die ich nicht nur gedacht, sondern auch erfahren habe. Ich möchte keine reinen Kopfgeburten fabrizieren. Dafür muss ich jedoch – logischerweise – leben. Ich muss andere Dinge tun, als zu schreiben, damit ich überhaupt etwas habe, worüber es sich zu schreiben lohnt.
Donnerstag, der 28. Mai
Die 39-Jährige Gina-Lisa Lohfink hat Angst, nach einer missglückten Po-Operation in der Türkei ihr Bein zu verlieren. Bereits im Januar war bekannt geworden, dass eingespritztes Aquafilling – ein Polyamidgel-Mix – aus dem Gesäß in ihre Oberschenkel gewandert war. Dadurch kam es zu starken Entzündungen, erheblichen Schmerzen und Veränderungen an den Beinen.
Manchmal bin ich froh, meine «Probleme» nicht gegen meinen Körper auszuspielen, sondern sie gemeinsam mit ihm lösen zu können. Heut morgen zum Beispiel drei Stunden bergauf und bergab gerannt mit Hund. Alles inklusive zweier gesunder Beine und polyamidfreiem Arsch. Das nenn ich Freiheit.
Freitag, der 29. Mai
Was tun mit der Nachrichtenflut? Ich persönlich schaue kaum noch Vorträge oder ähnliche Formate. Stattdessen lande ich mittlerweile häufiger bei alten Harald-Schmidt-Aufnahmen. Die sind MINDESTENS genauso klug – und obendrein habe ich auch noch was zu lachen. Denn ja, vieles ist wirklich dicht und schwer geworden. Gerade auch deshalb, weil viele der Themen, die heute in alternativen Medien und Aufklärungskreisen diskutiert werden, reale Missstände, Machtstrukturen oder Entwicklungen betreffen, die es durchaus wert sind, betrachtet zu werden. Das Problem liegt deshalb oft weniger in den einzelnen Informationen als in ihrer schieren Menge. Ich hoffe daher, zumindest für mich mittlerweile einen ganz guten Umgang damit gefunden zu haben. Denn auch ich möchte über vieles Bescheid wissen. Alles aber, was über meine eigene Selbstermächtigung hinausgeht, versuche ich nicht zu sehr an mich heranzulassen. Denn zweifelsfrei: Natürlich sind die EU-Protokolle bedrückend. Genauso wie die Abkommen zwischen der EU und der Schweiz. Chemtrails. Und so vieles mehr – von dem wir nicht einmal wissen.
Was ich jedoch merke: Ich gehe dennoch auch an Tagen, an denen der Himmel gesprüht zu sein scheint, nach draußen. Ebenso nutze ich weiterhin mein Handy, auch wenn ich über 5G und Strahlung im Allgemeinen genug «weiß». Etwas weiß ich nämlich genauso gut: Dass ich keine Angst mehr haben möchte.
Denn auch dort, wo Menschen aufrichtig um Aufklärung bemüht sind, kann die permanente Konfrontation mit Krisen, Skandalen und bedrohlichen Entwicklungen langfristig einen genauso hohen Preis fordern. Die Flut an Informationen kann lähmen. Sie kann einen Zustand erzeugen, in dem du zwar immer mehr weißt, dich aber immer weniger handlungsfähig fühlst. Und genau diese Ohnmacht ist es schlussendlich, die dich erst recht krank macht. Du beginnst, die Welt nur noch durch die Linse ihrer Probleme zu betrachten. Alles wird Analyse. Alles wird Verdacht. Alles wird Einordnung. Bis das Leben selbst sich vor dir zu verschließen droht.
Kurzum: Für mich besteht die eigentliche Herausforderung längst nicht mehr darin, möglichst viel zu wissen, sondern trotz allem Wissen lebensfähig zu bleiben. Mich nicht von Angst regieren zu lassen. Nicht von jeder neuen Enthüllung, jedem neuen Dokument und jeder neuen Katastrophenmeldung vereinnahmen zu lassen. Denn was nützt die beste Analyse der Welt, wenn sie mir am Ende die Fähigkeit nimmt, die Welt noch zu lieben?


Samstag, der 30. Mai
Zweifellos ist der Begriff der «Masse» eine starke Verkürzung. Mehr noch: Er trägt etwas Antihumanistisches in sich, weil er den Einzelnen auf ein Kollektiv reduziert und dabei dessen Individualität – oder zumindest sein Potenzial zu ihr – aus dem Blick verliert. Daher würde ich mittlerweile auch eher dazu übergehen, einzelne Verhaltensweisen als «Masse» zu bezeichnen, nicht den Menschen als solchen. In diesem Sinne sind wir vermutlich alle mal mehr, mal weniger «Masse». Je nachdem, wie sehr wir unsere eigenen Gewohnheiten, Konventionen und Muster sich mit ihren Pfaden überschneiden – und wie oft wir den Mut finden, von ihnen abzuweichen.
Sonntag, der 31. Mai
Sommersonntage sind für Bergseewanderungen und Pfannkuchen.
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Nach den ersten Terminen für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben stehen nun fünf weitere:
Samstag, den 20. Juni. Nachmittags 15 Uhr bis abends. Auf einem wunderbar alleinstehenden Hof in: Holzkamp 3, 31675 Bückeburg, OT Cammer (Zwischen Hannover und Bielefeld). Circa 30 Plätze.
Dienstag, den 23. Juni in Nienburg/Weser. Hotel Am Posthof. Einlass ab 18:30. Beginn der Lesung. 19:30 - 22:00 Uhr. Die Plätze sind auf 35 begrenzt.
Freitag, den 26. Juni in Bammental, Nähe Heidelberg. Einlass 18:30 Uhr, Beginn der Lesung 19 Uhr. Ort: Praxis an der Elsenz in der Hauptstraße 41/1.
Samstag, den 27. Juni in 76185 Karlsruhe-Mühlburg Hardtstrasse 37 a Bau 4 Rückseite Kulturzentrum Tempel. Beginn 18 Uhr.
Sonntag, den 28. Juni in Sandweg 17, 69412 Hirschhorn (Neckar)-Igelsbach. Nachmittagslesung ab 16 Uhr bis abends im geräumigen Garten von Anja.
Alle Fragen und eventuelle Anmeldungen gerne an lillygebert@posteo.de.
Verfügst auch Du über einen geeigneten Ort, an dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreib mir – und vielleicht können auch wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
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Verwendungszweck: Spende Substack (Beispiel)
Vielen Dank. Für alles weitere schreib mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonniere meinen Telegram Kanal, oder verfasse einen Kommentar.








Es heißt nicht mehr Medizin – die neue und millionen Jahre alte Realität nennt sich Selbstregulierung und Mensch als Natur.
Die Psychoneuroimmunologie, kurz PNI, ist mehr als ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Sie ist eine Kampfansage an die Vorstellung, der Mensch sei eine biologisch determinierte Maschine, in der Psyche und Immunsystem getrennte Abteilungen bewohnen.
Mechanismen aus dem Dritten Reich“
Ähnlich argumentiert der Psychoneuroimmunologe Univ.-Prof DDr. Christian Schubert: “Die COVID-19-Krise hat gezeigt, dass Mechanismen, die wir aus dem Dritten Reich kennen – also massenpsychologische und massenpsychotische Phänomene, justiz, die damals aufgetreten sind, wieder auftreten können.” Corona habe nicht durch COVID so viele Tote hervorgerufen, sondern aufgrund der Maßnahmen, die gesetzt wurden und aufgrund der Kollateralschäden, die noch zu erwarten seien, sagt Schubert.
https://www.psychoneuroimmunologie-kongress.at/index.php
Ich nochmal, lilly. Das sind dochwunderbare eintragungen. Ich bin wirklich beggeistert. Denn das bist du.
Ganz wunderbar du. Und ganz wunderbar klar. Wir sind immer auch der eremit. Wir sind auch der andere. Wir sind auch der himmel und auch die wut. Das herz lilly ist die sonne in deiner mitte. Sie ist das zentrum allen Seins um Sie herum kreisen die planeten deiner chakren, die jeweils andere bewusstsseins und gefühls welten beschreiben und ausdrücken. Und so springst du fröhlich hin und her. Genau das ist das leben. Genau das ist die magie. Osho sagt, sei alles und nichts. Lege dich nicht fest, aber ziehe die grenzen die du brauchst. Alles ist immer individuell. Lass keine Schubladen zu. Weder in deinem denken noch in dem denken anderer. Und komm nach jedem ausflug zurück in deine sonne. Auf dem berg. Allein. Und justiere dein system wieder neu. Denn du lernst jeden tag dazu. Jeder tag ist neu. Jede begegnung anders. Das ist das wunder der schöpfung.