Nicht zu wählen, ist auch eine Wahl.
#3 März 2026. Keine guten Energien. Die Ruhe vor dem Sturm? Zwischen Gehorsam und Freiheit. Fehlendem Willen und Pflichtgefühlen.
Sonntag, 01. März
Vielleicht brauchen wir mehr Trennungen. Menschen sollten mehr Beziehungen scheitern sehen, um zu erleben, dass sie sie erstens überleben – und zweitens als Anlass zur Häutung nehmen können. Sich nach jeder Trennung ein Stück weit besser kennenzulernen. Zu erkennen, wo wir uns selbst verloren haben, wo wir in alte Muster gefallen sind, wo dieselben Schatten wieder wirksam wurden. Vielleicht ist Trennung genau das: eine Rückbesinnung auf die eigenen Kräfte.
Montag, 02. März
In einer Mail schrieb ich einem Leser – auch respektive einer möglichen Lesung –, dass ich vorhabe, Ende Juli in die Westukraine zu fahren, um dort an einem Seminar mitzuwirken. Der Leser reflektierte daraufhin selbst: Ist die Angst beim Stichwort Ukraine tatsächlich berechtigt, ist das sicher? – oder ist diese vermeintliche Unsicherheit nur ein gewolltes Bild in unseren Köpfen? Ich würde sagen: Letzteres. Zumindest, was die Karpaten betrifft – also genau jene Region, in die ich reisen würde.
Abgesehen davon fällt mir ganz allgemein immer wieder auf, wie geschlossen das Weltbild ist, das wir tagtäglich eingespeist bekommen. Mein Vater ist in den Siebzigern per Anhalter und mit dem Zug bis nach Pakistan und in die Kaschmirregion Indiens gereist. Ohne Handy, ohne ADAC, vermutlich auch ohne Versicherung oder Mastercard. Und wir heute? Mir wurde einmal sogar versucht, Angst vor einer anstehenden Frankreichreise zu machen, da dort durch dieses kritische Mediengesetz ja auch der Telegramgründer inhaftiert worden sei. Worauf ich mich schon damals gefragt habe: Was wäre die Alternative?
Für immer Schweiz? Im Tessin warten, bis auch hier wieder Maßnahmen drohen? Immer mit der Angst im Nacken nach Deutschland zu Freunden und Familie reisen? Sich gedanklich schon jetzt in ein dauerhaftes Exil versetzen – Grenzübergänge durchspielen, Notfallpläne entwerfen? Oder doch lieber mit der Haltung durch die Welt – oder zumindest durch Europa – gehen, dass all das weiterhin möglich ist? Bis es eines Tages tatsächlich nicht mehr «möglich» sein sollte?
Bislang habe ich mich – eigentlich seit Dezember 2020 – immer für Letzteres entschieden. Und ich würde es jederzeit wieder tun.
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Dienstag, 03. März
Auf welcher Ebene werden Kriege entschieden? Ich merke immer wieder, dass sich in mir alles verdreht, sobald es um die «Rechtmäßigkeit» eines Angriffs geht – als könnte man damit einem Krieg eine Art Absolution erteilen. Für meinen inneren Kompass gibt es keine gerechtfertigte Gewalt. Weil Gewalt für mich immer auf eine Form von Verwirrung folgt. Was auch der Grund dafür ist, weshalb Gewalt für mich etwas ausschließlich Menschliches ist. Tiere mögen aus unserer Sicht brutal erscheinen, aber sie würden nie aus Langeweile oder Frust, nicht aus Verdrängung oder als Kompensation eigener innerer Zustände ein anderes Tier zusammenschlagen (ohne es danach zu essen). Tiere töten nicht sinnlos. Auch ist ihr Töten nie materiell oder ideologisch aufgeladen. Wenn Tiere Territorien verteidigen, geht das prinzipiell auch ohne Morden. Sie folgen Grenzen, die wiederum den Raum abstecken, den sie selber brauchen – um zu jagen oder ihre Nachkommen sicher aufzuziehen. Expansion aus Hybris ist ihnen fremd. Das ist ein zutiefst menschliches Phänomen. Und mit ihr verliert der Mensch zugleich das Gefühl für eine natürliche Gesetzmäßigkeit.
Deshalb gibt es für mich auch keine «moralischen» Kriege. Krieg folgt immer einem menschlichen Verständnis von «Recht». Doch dieses Recht hat sich so weit von einem natürlichen Maßstab entfernt, dass es letztlich außerhalb des Lebens steht. Und wenn das so ist, kann kein Krieg, der sich darauf beruft, wirklich gerecht sein.
Kein Tier richtet sich in seinem Verhalten gegen das Leben. Das kann nur der Mensch. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem er beginnt, sich selbst zu töten – lange bevor er tatsächlich gestorben ist.
Mittwoch, 04. März


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Donnerstag, 05. März
Liebe Männer, ursprünglich wollte ich mit dem Text von heute niemanden angreifen – hätte ich ihn doch genauso gut «Liebe Frauen» nennen können. Und doch kann ich nicht abstreiten, dass mich die ersten wütenden Kommentare von Männern zu diesem Text nahezu in dem bestätigen, was ich mit ihm Ausdruck bringen wollte: Da sind so viele ungelebten Gefühle und unausgesprochenen Sorgen auf beiden Seiten, dass wahres In-Beziehung-Sein immer schwerer wird. Beide Seiten – Männer wie Frauen – kennen die Angst, verlassen, zurückgelassen, zu werden. Doch während, und das ist mein eigentlicher Punkt, immer mehr Frauen sich dieser Angst stellen, befinden sich die meisten Männer ihr gegenüber noch immer in der Verneinung und reagieren auf Artikel wie diese entsprechend mit Wut oder Entrüstung.
So wird das nichts. Auf beiden Seiten.
Und wer genau gelesen hat, weiß, dass ich mit dem Text niemandem diese berüchtigte «Schuld» erneut zuschieben wollte. Dass viele (Männer) den Text jedoch auf eine bestimmte Weise gelesen haben, zeugt für mich nur erneut von eben jenen Projektionen, die wahre Begegnung und Erkenntnis unmöglich machen. Nicht jeder Text, der von der «Selbstermächtigung» der Frauen spricht, will den Mann als solchen entmachten. Doch ja, vielleicht ist genau das die Lesart von all jenen, die sich ohnehin schon ohnmächtig fühlen. Auch ohne Frauen.
Ein Beispiel besagter (bereits vom Verfasser gelöschter) Kommentare:
«Der deutsche Nervenarzt und Frauenarzt Paul Julius Möbius hatte den Typus des ‹intellektualistischen Weibes› beschrieben, den schlimmsten Frauentyp. Dieser ekelhafte pseudo intellektuelle Artikel ist eine Manifestation dieses Phänomens. Das Weib soll ‹dumm› sein, in natürlicher Art und Weise. So ist es. 150 Jahre Feminismus haben das Abendland restlos zerstört.»
Freitag, 06. März
Naturlust verheimlichen. Mich selbst befremdet es so sehr, dass ich mich für mein Vorhaben, zu campen und auf Reisen im Auto zu schlafen, schäme. Es ist so zuwider dem, was ich eigentlich vertrete (und schlussendlich auch tue). Was ist der Impuls dahinter? Gehe ich in die Verheimlichung, um die freundlichen Übernachtungsangebote, als auch meinen höflichkeitsgetriebenen Eiertanz um diese zu vermeiden? Habe ich Angst, nicht Nein sagen zu können? Schäme ich mich für das, was ich mache? Weil ich insgeheim selbst denke, dass im gemeinen Bewusstsein nur diejenigen campen, die kein Geld haben für Übernachtungen im Hotel? Warum kann ich nicht authentisch vertreten, mein Geld lieber für gutes Hundefutter und Kaffee mit Crossaints auszugeben, als für den Stock im Arsch im Hotel mit Hund? Wobei ja auch zu bemerken ist, dass die Menschen, mit denen ich rede und deren Übernachtungsangebote ich umgehe, größtenteils dieselben Werte – auch in der Angelegenheit – vertreten wie ich. Wo hakt es also? Allgemein: Was sind grundsätzlich die Punkte, die uns Dinge verheimlichen lassen? Wann gehen wir in die Vermeidung? Ganz gleich, ob wir insgeheim wissen, dass wir von unserem Gegenüber nichts zu befürchten haben. Vor was habe ich hier tatsächlich Angst? Vor den Wertungen der anderen? Oder vor dem Eingeständnis meiner eigenen (fehlenden) Integrität? Angst, da können wir eigentlich dankbar sein, zeigt uns zum Glück immer nur das, wodran wir noch arbeiten können. Nie das, für das wir selbst längst taub geworden sind. Angst ist Fühlen. Nicht Abspaltung.
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Samstag, 7. März
Ich will gar nicht wissen, wie oft ich hier auf Erden schon war, als dass ich es nicht befremdlich finden würde, wie viele Regeln es heutzutage auf ihr gibt. Ich möchte keine Angst davor haben müssen, von Waldparkplätzen oder Wegesrändern gescheucht zu werden. Ich will mich nicht so fühlen müssen, als sei ich in dieser Welt nicht erlaubt.
Und doch tue ich genau das, bin ich in ihr unterwegs. Alles ist heutzutage so reglementiert. Was dir besonders auffällt, wenn du mit einem großen, schwarzen, jungen Hund unterwegs bist. Dann fällt dir die Lebensferne, die Lebensfeindlichkeit unserer Zivilisation ganz besonders auf. Wobei selbst jene, die noch so viel draußen sind, dass sie auch einen Hund haben, Angst davor haben, was dieses «draußen» alles bedeuten könnte. Sie haben Angst vor anderen Hunden, Angst vor spitzen Stöckern, die die Kehlen ihrer Vierbeiner aufschlitzen könnten, Giftködern oder auch davor, dass ihr eigener Hund sie nicht so sehr «liebt» wie sie ihn, und er eines Tages die Grenzenlosigkeit ihrer «Liebe» gegen die Grenzenlosigkeit der Freiheit eintauschen könnte. Und sei es auch nur für ein paar Stunden. … Aber ja, das Leben ist gefährlich. Umso gefährlicher jedoch das «Leben» ohne jede Gefahr.
Sonntag, 08. März
Ja, die Welt wirkt, als würde sie gerade völlig aufdrehen – sich quasi einmal umdrehen. Alles scheint gleichzeitig zu eskalieren – politisch, gesellschaftlich, insbesondere jedoch auf einer tieferen Ebene. Gerade deshalb erscheint uns vermutlich vieles als widersprüchlich. Es reicht oft, sich nur kurz mit den Themen zu beschäftigen, um zu spüren, welche Dissonanz dieses Theater in einem hervorruft: Warum verläuft die Welt weiterhin in diesen destruktiven Bahnen, wenn in ihr doch längst neue angelegt sind? Diese «Überforderung» zeigt sich nicht nur im Großen, sondern genauso im Kleinen. Selbst banale Dinge wie Reisen oder die Suche nach einfachen Formen von Unabhängigkeit werden zunehmend kompliziert: Regeln, Verbote, steigende Kosten. Was bedeutet echte Freiheit heute überhaupt noch?
Wenn ich über diese Dinge zu lange nachdenke, kommt Wut auf. Es fühlt sich an, als würde das Leben Stück für Stück eingeschränkt – überall, in immer mehr Bereichen. Und gleichzeitig ist da ein Widerstand dagegen, mich einfach zurückzuziehen oder allem zu entfliehen. Der Wunsch bleibt, im eigenen Umfeld wirksam zu sein, verbunden zu bleiben, nicht einfach zu verschwinden, aufzugeben.
Was mich dabei irritiert: Die großen Konflikte berühren mich oft weniger gedanklich als körperlich. Eine Schwere, ein Gefühl von Ohnmacht und Müdigkeit macht sich derweilen eher breit, als irgendeine Form von Angst darüber, was noch alles passieren könnte. Und gleichzeitig dieser innere Widerspruch: Auf der einen Seite die Überzeugung, dass Gewalt niemals gerechtfertigt sein kann – auf der anderen Seite die Realität einer Welt, in der genau das ständig geschieht. Dieser Spagat bleibt schwer auszuhalten. Zwischen dem, was ist – und dem, was sein sollte.
Oder wie Tanja Braid es so treffend in einem ihrer Texte hier auf Substack schrieb:
«Zwischen Ekstase und Erschöpfung: Das Nervensystem im kosmischen Schraubstock
Während im Außen die alten Strukturen zerbersten, tobt im Inneren ein elektromagnetischer Sturm. Viele klagen über diffuse Ängste, plötzliche Trauer oder eine bleierne Einsamkeit, nur um im nächsten Moment von einer Klarheit und Vitalität durchspült zu werden, die fast beängstigend wirkt. Das ist kein psychologisches Problem, das ist Biologie unter Hochspannung.
Kosmische Ereignisse verändern die elektromagnetische Beschaffenheit unseres Umfelds. Unser Nervensystem gleicht einem alten Stromnetz, durch das plötzlich die Spannung eines Kraftwerks gejagt wird. Die Sicherungen brennen durch, wo der Widerstand – sprich: das Festhalten an alten Identitäten und Sicherheitskonzepten – zu groß ist. Diese Schwankungen sind die Geburtswehen eines neuen Bewusstseins. Es erfordert keine ‹Heilung›, sondern eine radikale Erdung und die Bereitschaft, die Intensität auszuhalten, ohne sie sofort mit dem nächsten Psycho-Tand wegzutherapieren.»
Montag, 09. März
Kürzlich fragte mich ein sehr treuer Leser, was ich denn tue, um mir etwas «Gutes» zu tun. Da merkte ich, dass hinter meiner intuitiv ersten Antwort – «etwas Leckeres essen» – eine Art Selbstbetrug liegt. Denn oft ist dieses Essen in meinem Fall gar kein Genuss im eigentlichen Sinne, sondern schlicht das Füllen von Leere. Ein schneller Dopaminimpuls. Etwas, das kurzfristig beruhigt, ohne das Eigentliche zu lösen.
Ob mir das dann tatsächlich «gut tut», ist fraglich. Selbst wenn die Lebensmittel hochwertig, bewusst gewählt oder bio sind – an der Funktion ändert das wenig. Es bleibt eine Form von Kompensation. Frage ich mich doch also eher: Warum esse ich gerade? Aus Hunger, aus Freude – oder um etwas nicht fühlen zu müssen?
Denn ja – viele unserer «guten» Gewohnheiten entstehen nicht aus Fülle, sondern aus einem Mangel heraus, den wir nicht näher benennen wollen oder können. Essen ist dabei nur eines von vielen Mitteln. Wie Alkohol ist es sozial akzeptiert, leicht verfügbar, unauffällig. Niemand hinterfragt es. Wären wir jedoch ehrlich mit uns, wüssten wir, dass es oft nicht um das Essen selbst geht, sondern um das, was davor steht: Langeweile, Leere, Einsamkeit, Unruhe, Zweifel. Zustände, die wir kaum noch aushalten, ohne sie sofort zu überdecken. Was es erst recht schwierig macht: Denn sobald wir diesen Mechanismus erkennen, funktioniert die alte Ausrede nicht mehr – oder zumindest wird das Narrativ zum vermeintlichen «Genuss» auf diese Weise etwas dünner. Wir spüren, dass es nicht das Essen ist, das «gut tut», sondern das durch dieses verursachte kurze Aussetzen eines unangenehmen Zustands.
Und genau das macht es so unappetitlich. Denn es stellt die eigentliche Frage wieder her: Was würde mir wirklich guttun – wenn ich nicht sofort versuche, diese Leere zu füllen? Denn was genau wird da eigentlich gefüllt? Und lässt sich diese Leere überhaupt «füllen» – oder würde sie sich eher zeigen, wenn man ihr nicht sofort etwas entgegensetzt? … Ja, es ist ein schmaler Grat: zwischen Fürsorge und Vermeidung. Zwischen dem, was wirklich nährt – und dem, was uns nur für einen Moment glauben lässt, wir seien gesättigt. Während es uns insgeheim nur umso mehr betäubt.
Dienstag, 10. März
Eine andere Mail hat mich kürzlich wirklich überrascht. Denn auch wenn mir schon länger bewusst ist, dass ich eine Form von Beziehung zu mir selbst und zum Leben lebe, die es mir nicht immer erlaubt, wirklich in Beziehung zu treten, ist es noch einmal etwas anderes, eine Art «Therapiemail» von einem Leser zu erhalten – jemand, der mich nicht kennt und dennoch versucht, genau diese Verschiebung in meinem Sein zu benennen, allein auf Grundlage meiner Texte. Was ja auch irgendwie schön ist. Also dass meine Texte nicht nur für mich ein Weg des Ausdrucks sind, sondern dieser Ausdruck schlussendlich auch wirklich mich zum Vorschein bringt und greifbar werden lässt. Und das obwohl viele meiner Texte genau das vermitteln, was besagter Leser anspricht: dieses Gefühl, als würde etwas zwischen mir und dem Leben stehen. Etwas, das die Verbindung erschwert, ohne dass ich es wirklich greifen oder benennen kann. Dabei ist er, wie ich ihm dann auch schrieb, keineswegs der erste, der mir dies entgegenet. Auch andere haben mir das immer wieder gespiegelt. Mal vorsichtig, mal sehr direkt. Die Möglichkeit, dass es eine Wirklichkeit gibt, die außerhalb dessen liegt, was ich wahrnehme oder zulasse, steht daher schon länger im Raum.
Und doch ist es weniger mein eigenes Verstehen-Wollen, das mich erschöpft. Es ist eher das größere Ganze: Seit einigen Jahren kreist mein Denken immer wieder um das Thema des Bösen. Etwas, das sich nicht einfach abstreifen lässt, sondern eher danach verlangt, ernst genommen zu werden. Gleichzeitig wird mir zunehmend klar, dass der Weg dorthin eine andere Form finden muss – eine, die mich nicht weiter in die Vereinzelung führt.
Interessanterweise geht die Bewegung gerade nicht dahin, mich grundlegend verändern zu wollen. Es gibt Themen, die ich anschaue, durchaus auch solche, die mich an Punkte führen, an denen ich mich als falsch, nicht liebenswert oder sogar als «schlecht» empfinde. Der Unterschied zu früher liegt vielleicht darin, dass ich mir daraus keine zerstörerischen Vorwürfe mehr mache. Ich halte das mehr aus. Und vertraue darauf, dass Zeit eine Rolle spielt – vielleicht die entscheidende.
Was bleibt, ist die leise Gewissheit, dass ich mit diesen Fragen nicht vollständig allein bin. Auch wenn es nur wenige Menschen sind, mit denen ich wirklich spreche.
Mittwoch, 11. März
Das «Müssen» wird wieder deutlicher. Allerdings nicht als einzelner Gedanke, sondern als Struktur – als Matrix. Als etwas, das vor allem liegt. Antworten müssen, funktionieren müssen, verfügbar sein müssen, immer freundlich und höflich sein müssen. Müssen, sollen – nie fühlt es sich wie eine Entscheidung an, immer wie ein Programm. Was ja auch der Logik des Müssens entspricht: Es geht nicht um mich als Mensch, als fühlendes Wesen, sondern um meine Verwertbarkeit im System – für das System. Ich bin eine Rolle. Ein Rad im Getriebe. Und fühle mich daher fast täglich wie Chaplin, der in Moderne Zeiten durch riesige Zahnräder purzelt und gequetscht wird. Nur dass ich nicht diejenige bin, die ihre Funktion erfüllt, ohne sie zu hinterfragen.
Was also ist der eigentliche Mechanismus des «Müssens»? Übersetzt es schlussendlich nicht bloß äußere Erwartungen in innere Pflichtgedanken? Solange, bis diese wirken, als käme aller Druck von innen – aus uns selbst? Als wäre er Teil von mir. Beinahe so, als würden wir selbst wollen, was wir da sollen.
Interessant wird es folglich immer dort, wo ich mich diesem Müssen nicht sofort beuge. Wo ich zunächst einmal innehalte und mich frage: Moment mal, wer spricht da eigentlich? Und was passiert, wenn ich dieser Stimme nicht sofort Folge leiste? Wer oder was beginnt dort direkt an mir zu ziehen, wenn ich seinem Druck nicht Abhilfe leiste? Allgemein: In welchem Spannungsfeld befinde ich mich, wenn ich etwas muss, anstatt es zu wollen? Was unterbindet Müssen, was der eigene Wille freisetzt? Und wieso fühlt sich das Befolgen der Pflicht zumal «richtiger» an, als das des eigenen Willens? Oder vielmehr: Was muss passieren, dass das Befolgen des eigenen Willens zur Pflicht wird? Dass wir gar nicht mehr anders können, als unseren eigenen Gesetzen zu folgen – und von da an jede Abweichung unserer eigenen Norm als Stress empfinden?
Das System, die Matrix wird sich nie dort zeigen, wo wir ihr entsprechen. Sie ploppt auf, wo wir aus ihr herausfallen. Sie wird sichtbar, wenn wir aufhören nach ihren Regeln zu funktionieren. Im Winderstand, in der Lücke – oder vielmehr: in der Vollständigkeit unseres Seins. In ihm beginnt etwas anderes. Etwas, das nicht verwertet werden kann.
Donnerstag, 12. März
Vor mittlerweile fast drei Jahren, an Pfingsten, saßen wir noch beisammen, lachten, feierten das Leben – in jener selbstverständlichen Unbeschwertheit, die nur dort entsteht, wo man nicht ahnt, wie endlich sie ist. Nichts deutete darauf hin, dass nur wenige Monate später einer von uns fehlen würde. Und doch ist genau das geschehen.
Seither hat sich etwas verschoben. Nicht nur im Außen, sondern im Inneren. Der Verlust wiegt schwer – nicht allein, weil etwas fehlt, sondern weil das, was war, so intensiv, so lebendig war, dass es sich dem Gedanken eines Endes entzieht. Der Verstand sucht nach einer Ordnung, nach einer Erklärung, vielleicht auch nach einem Abschluss. Aber er findet keinen. Und vielleicht kann er das auch gar nicht.
Was mich somit vielmehr beschäftigt, ist die Frage, ob ein «gemeinsames» Leben überhaupt «vorbei» sein kann. Ob das, was zwischen Menschen einmal entstanden ist, sich tatsächlich in die Vergangenheit verabschiedet – oder doch nur seine Form verändert. Denn die Erinnerungen bleiben. Und sind doch so viel mehr als bloße Bilder dessen, was mal war. Sie wirken fort. Fragt sich nur als was und in wem oder was? Ich glaube, es gibt Verbindungen, die sich nicht auf Erinnerungen reduzieren lassen. Momente, die sich der linearen Zeit entziehen. Es ist nicht nur gewesen, es ist – wenn auch auf eine schwer zu fassende Weise – noch immer da. In Gedanken, in Haltungen, in dem, was wir weitertragen, ohne uns darüber im Klaren zu sein. Es gibt kein Ende. Alles ist Übergang. In eine andere Form von Gegenwart. Es ist an uns, für wie wirklich wir sie halten. Ob wir sie genauso am Leben halten wie sie uns.
// Das Gefühl von Zeitlosigkeit lässt sich verlernen. Aber lässt es sich auch wieder erlernen? Oder sind wir – einmal in die Zeit gefallen – für immer in ihr gefangen?
Freitag, 13. März
Zweifel, Zweifel, Fragezeichen. Bewusst oder unbewusst begann ich meine erste, allererste Lesung mit jenen zwei Kapiteln, deren Thema mich aktuell ohnehin umtreibt: Das Männliche und Das Böse. Und ohwei: Mit der Reaktion habe ich, naives Nervenbündel, ausnahmweise mal nicht «gerechnet». Denn so lieb und wohlgesonnen mir ein Großteil der gestern Anwesenden auch war – einige waren, und das reflektierte ich erst heute, nicht dort, um (mir) zuzuhören, sondern sich selbst – um dem «Bösen» in ihnen Gehör zu verschaffen.
Samstag, 14. März
Den letzten Abend gemeinsam in Deutschland verbringen meine Mama und ich meiner Oma «zuliebe» im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Es läuft irgendeine Schlagershow von Giovanni Zarrella. Wenn auch es für meine Mama und mich weniger ein Grund zum Mitklatschen ist, was dort an Massenhypnose veranstaltet wird, als zum jenen eine «Klatschen» wollen, die dort mit entsprechend versunkenem Blick so mitschunkeln. Zweifelsfrei; jeder darf die Musik hören, die er für «gut» empfindet, aber sollte Musik nicht eher verlebendigen als sedieren? Einen zu sich finden lassen, anstatt im Außen zu verlieren? Wie weggetreten muss ein Publikum sein, wenn es zu einem Klavierspieler versucht, im Takt mitzuklatschen?
Allgemein hat mich viel diesen Abend an Monty Pythons Der Sinn des Lebens erinnert: Das Paar, dem der Kellner die Gesprächsthemenkarte serviert, und das selbst dann nicht weiß, was es einander entgegnen soll, wenn ihnen dafür der Rahmen vorgezeichnet wird, ähnelt den Paarmomenten, wo Zarrella vorgefertigte Liebesbotschaften von dem einen Partner an den anderen vorträgt – ohne, dass derjenige, von dem diese «Offenbarung» stammt, sich traut, während ihrer Verkündigung seiner Angebeteten auch nur in die Augen zu schauen.
Das ist für mich nicht Autismus. Das ist Ideocracy, Truman-Show und Monty-Pyton in einem. Allem voran jedoch Kopfweh. Und meinerseits vielleicht auch ein lautes, dem dort vorgeführten Wahnsinn sich angleichendes Lachen.
Sonntag, 15. März
Den Ort finden, an dem das Gefühl von Wirksamkeit gerade am größten ist. Ist es das Event mit über 200 Leuten? Oder doch die kurzen Momente mit der Familie und sich selbst? Was steht in welchem Verhältnis? Ist Aufwand und Kontaktmenge ein Maßstab für die tatsächliche Kontaktqualität? Oder sollten wir uns nicht vielmehr nach der jeweiligen Ruhe richten, unter der soetwas wie Kontakt überhaupt erst möglich wird? Und überhaupt: uns im Gedächtnis bleibt. Denn zumindest in meinem Fall ist es so, dass ich mich an die Zusammentreffen, die ich unter Stress geschehen lassen habe, nur schwer erinnern kann. Was in der Schule Boulemie-Lernen war, ist hier soetwas wie «soziale Boulemie»: ein kurzer Aufputsch mit nachträglicher Leere. «Man» fragt sich, wozu? Weil «man» Verpflichtungen eben einhält? Weil es unhöflich gewesen wäre, abzusagen, obwohl kein Raum da war, von Herzen zuzusagen? Weil wir nicht ehrlich mit uns sein konnten? Angst hatten vor Ablehnung? Davor, etwas zu verpassen? Wie jedoch wollen wir freundlich und offen bleiben im Kontakt mit anderen, wenn wir dies nicht einmal uns selbst gegenüber schaffen?
Montag, 16. März
Geschichten, die die Welt verbinden. Zu keiner Zeit waren es wissenschaftliche Theorien oder politische Programme, die die Menschen vereint haben. Es waren immer Geschichten. Es waren die Mythen. Die Romane und Comics jeder Zeitepoche, die die Menschen in ein gemeinsames Gefühl und damit in eine gemeinsame Wirklichkeit versetzt haben. Ob diese Geschichten schlussendlich wahr waren? Ob die Mythen je wirklich passiert sind? Dies könnte man bezweifeln – und doch geht es darum nicht. Denn wie Joseph Campbell bereits richtig sagte: «Ein Mythos ist nicht wahr. Er ist.»
Passend dazu vielleicht auch Max Frischs Selbstinterview von 1967:
«Zeit ist nicht wirklich. Das Licht muss durch ein Prisma gehen, damit wir es erst sehen können. Die Zeit hat eine gleiche Funktion, ohne die Zeit können wir keine Geschichte sehen und unsere Erfahrung wird nicht sichtbar. Ich weigere mich zu glauben, dass Dinge, nur weil sie geschehen sind, einen Sinn haben, dass sie zwangsläufig gewesen sind, dass sie unvermeidbar gewesen sind. Nun ist es allerdings so, dass wir Menschen es sehr schwer ertragen, unsere Geschichte nicht als eine sinnvolle Geschichte zu sehen. Wir haben natürlich den Wunsch, das was geschehen ist, als ein Schicksal zu betrachten, denn wir müssen es ertragen.»ㅤ
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Dienstag, 17. März
Über ein Video bin ich vor geraumer Zeit auf einen Gedanken gestoßen, der mich bis heute nicht ganz loslässt: die Vorstellung, dass es so etwas wie «kosmische Rechenfehler» geben könnte. Dass nicht jeder Mensch im gleichen Sinne von einem «Ich» durchdrungen ist und dass es gewissermaßen Hüllen gibt, in denen sich kein eigentlicher geistiger Wesenskern verkörpert hat – oder nicht vollständig.
Keine Frage; der Gedanke irritiert. Einerseits, weil er die Selbstverständlichkeit infrage stellt, mit der wir anderen Menschen als «ganzen» Individuen begegnen. Andererseits, weil er eine Verschiebung nahelegt: dass nicht alles, was menschlich erscheint, auch in gleicher Weise am Geistigen teilhat. Rudolf Steiner spricht hier von Wesen, die zwar menschliche Gestalt haben, aber eher naturgeistähnlich seien – mit einer anderen Art von Bewusstsein, fragmentarischer, weniger zusammenhängend.
Und doch läge darin, zumindest dem Verfasser des Videos zufolge, kein moralisches Urteil. Diese «ich-losen» Menschen, wenn es sie denn gibt, wären keine bösen Wesen. Vielleicht sogar besonders empfindsam, auf ihre Weise entwicklungsfähig – gerade im Kontakt mit anderen. Was uns, insofern wir glauben, uns ihnen als «ichhafter» gegenüberstellen zu wollen, besonders herausfordert: nicht vorschnell zu bewerten, sondern mit einer gewissen Zurückhaltung und Anteilnahme zu begegnen.
Und doch bleibt ein Unbehagen. Die Idee, dass jemand nicht wissen dürfe, wer oder was er ist, weil ihn diese Erkenntnis zerstören könnte, wirkt tragisch.
Mittwoch, 18. März
Das Gefühl, reagieren zu müssen. So schön es auch ist, Emails zu bekommen, von Menschen lesen zu dürfen, was sie umtreibt und was sie glauben, was auch mich umtreiben könnte/sollte: Sie dominieren schlussendlich meinen Alltag. Wenn auch es weniger die schiere Anzahl an Mails ist, die mich belastet, denn dieses ständige Gefühl, reagieren zu müssen – als würde jede neue Nachricht nicht nur meine Aufmerksamkeit, sondern auch meine Energie beanspruchen. Sodass ich selbst an ruhigeren Tagen merke, wie schnell ich nicht nur aus meinem eigenen Arbeitsfluss gerissen werde, sondern obendrein auch keine Energie, keine Ruhe oder Versenkung für genau diese eigenen Dinge mehr habe, die dann schlussendlich ja aber auch wiederum dazu führen, dass mir Leser wie Sie schreiben.
Und klar – es wäre theoretisch möglich, strukturierter damit umzugehen: feste Zeiten, klarere Grenzen, weniger dieses reflexhafte Nachsehen. Was dagegen spricht? Die Schwingungsinkombatibilität meinerseits: Ich kann schlichtweg nicht immer antworten. Es gibt Tage, da antworte ich nicht mal meinen Eltern oder Freunden. Was also soll ich mit festen Zeiten, die auch noch aus den letzten Resten an Mitmenschlichkeit im sozialen Kontakt eine Verpflichtung werden lassen?
Donnerstag, 19. März
«So viele Männer sind gestorben, weil sie zu feige waren, um feige zu sein.»
Früher – mitunter noch zu Schulzeiten – hörte ich immer wieder von Ländern wie Irak, Afghanistan oder anderen. Dass Menschen dort, sobald sie ihre Meinung zu offen äußerten, sterben oder das Land verlassen mussten. Unsere Lehrer haben uns das vielleicht nicht immer direkt gesagt, aber doch durch die Blume vermittelt: Dass so etwas in Deutschland nie wieder passieren würde.
Und siehe da: 2021/22 bin ich in die Schweiz emigriert – und mit mir viele andere. Vielleicht nicht immer nur, weil sie mit dem deutschen Staat als solchem nicht mehr d’accord gingen. Aber zweifellos aus Angst, aus Zukunftssorgen oder aus einem zunehmenden Unbehagen gegenüber dem Land, in dem sie geboren wurden. Ein Land, das nach und nach die Versprechen vergaß, unter denen es einen hat aufwachsen lassen. «Nie wieder» – manchmal kommt es mir bis heute so vor, als sei ich die Einzige, der dieses Mantra noch in den Ohren nachhallt.
Was also ist das für ein Armutszeugnis eines Staates, der auf uns – wenn er solche Maßnahmen ergreift – aus einer gewissen Überlegenheit auf uns herabzublicken versucht? Wenn er das Andersdenken seiner Bürger nicht mehr argumentativ, nicht mehr im Gespräch auffangen kann, sondern beginnt, mit Angst, Ausgrenzung und Diffamierung zu arbeiten? Wenn er Kritik nicht mehr annehmen, sondern durch Sanktionen und Bußgelder im Keim zu ersticken versucht?
Zumindest, was mich betrifft, weiß ich, dass ich – wäre dieser Staat ein Mensch – mit ihm ebenso den Kontakt abgebrochen hätte.
Freitag, 20. März
Samstag, 21. März
Das Selbstwertgefühl scheint – gerade bei derzeit weiblichen Seelen – ein zentrales Thema zu sein. Was auch gut in den aktuellen Zeitgeist passt: dass weibliche Seelen ihren Stellenwert möglicherweise gerade dadurch erkennen, dass sie den Gedanken an soetwas wie «Selbstwert» irgendwann beiseitelegen und stattdessen anfangen, einfach sie selbst zu sein. Dazu passt die Beobachtung, dass nur große Seelen unter dem Gewicht ihrer eigenen Güte leiden können. Woraus sich wiederum die Frage ergibt, ob diese Güte überhaupt im eigenen «Wert» gemessen werden kann – wenn sie ihrem Wesen nach doch unermesslich ist.
Sonntag, 22. März
Die Außenwelt existieren nur insoweit, wie wir sie in uns aufnehmen. Wie sie in unserem Verstand geformt worden sei, so formen sie wiederum unser Verständnis von der Welt und der Natur… Eine schöne Nähe zu Alexander von Humboldt durch die von Andrea Wulf verfasste Biografie zu ihm.
Montag, 23. März
Diese Müdigkeit, diese Traurigkeit, sie will einfach nicht gehen. Dabei sind sie beide derzeit nicht aktiv am Werk. Sie haben sich vielmehr wie ein leichter Nebel auf den Boden meiner Existenz gelegt. Die Sicht ist klar, und doch weiß ich nicht, wohin ich trete. Jeder Schritt fühlt sich an, als wanderte ich durch Caspar David Friedrichs Nebelmeer.
Ich bin müde, was soll ich sagen.
Dienstag, 24. März
Ich persönlich leide zu oft an dieser Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Seit klein auf wird mir mein Auftreten und Erscheinen durch mein Außen sehr positiv gespiegelt. Komplimente, freundliche Blicke, Einladungen, der allgemeine Ausdruck, mich gerne in der Nähe zu haben und als Bereicherung für diese zu empfinden. Das ist, zweifelsfrei, ein sehr schönes Gefühl. Und über dieses möchte ich mich auch keineswegs «beschweren». Mein Problem ist, dass ich dieses Gefühl oft nicht (mehr) annehmen, geschweige denn genießen kann.
Seit mittlerweile sechs oder sieben Jahren wird meine Wahrnehmung von mir selbst auf Aufnahmen solcher – von anderen als so schön und positiv empfundenen – Begegnungen zunehmend verzerrt. Ich verstehe schlichtweg nicht, was andere Menschen da an mir sehen, denn ich erkenne es selbst nicht. Im Gegenteil: Ich finde, ich wirke gestresst, verzogen, und wenn ich ganz ehrlich bin, dann manchmal sogar regelrecht deformiert. Und das nicht im Sinne von unschön oder hässlich, sondern vielmehr im Sinne von unstimmig – nicht ansprechend, nicht affizierend.
Nun kann es entweder sein, dass die Aufnahmen durch die Bank unvorteilhaft waren, dass Technik generell eine Ebene streicht, die nur dem menschlichen Auge vorbehalten ist, oder dass ich eben ein Bild von mir gewohnt bin, dass ich selbst kontrollieren kann. Und dass daher alles Unkontrollierte, Echte für mich nicht wirkt wie ich selbst. Und doch blockiert mich, wenn ich ehrlich bin, diese Dissonanz mehr als sehr. Da kommen Gedanken auf von wegen: «Sagen die Leute so liebe Dinge entsprechend nur, weil sie Mitleid mit mir haben?», «Sind manche dieser ‹Komplimente› tatsächlich eher manipulativer Natur?» oder «Öffnen sich die Menschen mir vorangig auf dieser herzlichen Ebene, weil ich es ihnen so einfach mache?». Denn ja, ich bin ein für mein Empfinden sehr herzlicher und offener Mensch - wenn ich bei meinem Gegenüber einen gewissen Boden für diese Herzlichkeit spüre. Falls nein, bleibt es auch meinerseits bei Gleichgültig- bis Höflichkeit. Schlicht und einfach, weil ich den Punkt mit der Manipulation und des Einlullens schon oft genug erlebt habe, und letzten Endes immer Stiche statt ehrliche Komplimente in meinem Herzen verbuchen konnte.
Ein Punkt, wo sich auch mein «Opportunismus-Radar» aufstellt: Schließlich sind es nicht nur die sogenannten «Linken», die gerne ihre Quoten erfüllen. Auch im «aufgewachten» Spektrum gibt es jene, die Menschen lieber aufgrund ihrer Erscheinung anstatt ihrer Inhalte präsentieren. Wobei auch das meiner Wahrnehmung nach bei mir dann nicht aufgeht: Denn wenn ich optisch keine Preise abräume, müssen es ja die Inhalte sein - oder nicht? Oder sind selbst wir so stumpf, dass «27, weiblich, ledig» als Qualifizierung genügt?
Ach, mir macht es irgendwie absolut keine Freude, über diese Dinge nachzudenken, und doch beschäftigen sie mich. Schlichtweg, weil ich aus jenen «live» und vor Ort Momenten immer mehr als beschwingt hinausgehe, mich über die Reaktionen meiner Mitmenschen freue, mich freue, dass sie sich an mir zu erfreuen scheinen. Und dann – im Nachhinein – schaue ich mir diese Aufnahmen an. Nicht einmal vollständig, sondern nur in kurzen Ausschnitten. Und mein innerer Kritiker schafft es, den ganzen Moment, auf dem dieses einst schöne Gefühl beruhte, im Nachhinein kaputt zu machen – mich kaputt zu machen. So weit, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, einfach zu Hause zu bleiben. Weil ich diese Schere in meinem Kopf nicht aushalte. Solange kein Fremdbild mit meinem Selbstbild in Konkurrenz tritt, komme ich mit mir klar. Ich möchte nicht kämpfen, erst recht nicht um die, die ich bin. Und doch habe ich jedes Mal, wenn ich diese Abbilder sehe, das Gefühl, mich vor mir selbst verteidigen zu müssen. Und das ist unglaublich anstrengend.
Mittwoch, 25. März
Derzeit scheint sich vieles in einer Art Zwischenraum zu bewegen – irgendwo zwischen Glauben und Märchen. Nichts ist eindeutig, vieles aufgeladen, und manches kaum noch voneinander zu trennen. Vor diesem Hintergrund tritt auch das Thema des Bösen abermals stärker hervor. Nicht abstrakt, sondern greifbarer denn je zuvor – vor allem dort, wo es im Außen gespiegelt wird. Bei meiner Lesung in Freiburg zeigte sich das in aller Deutlichkeit: Zwei Themen standen (wie bereits einmal angemerkt) im Zentrum – das Männliche und das Böse. Was folgte, war weniger ein Gespräch als Entladung. Viel Projektion, noch mehr Widerstand, ganz viel Unausgesprochenes. Eine Dichte an Reaktionen, die kaum zu halten war. Dabei hatte ich doch aktiv zu einem Erfahrungsaustausch eingeladen – nicht zu einer Debatte, zu einem Angriff auf mich als Verfasserin jener «ketzerischen» Zeilen.
Jetzt, knapp zwei Wochen später, kann ich mir mittlerweile besser die Frage stellen, was dort eigentlich geschah, ob es nochmal geschehen sollte, und was ich entsprechend anders machen könnte, um es nicht nochmal geschehen lassen zu müssen: Sind solche Räume allgemein notwendig? Oder legen sie nicht doch mehr frei, als sie tragen können? Mir schließlich bleibt, neben einzelnen gelungenen Begegnungen, neben Zuhören und echtem Austausch, vor allem die Erfahrung, wie schnell Menschen in Härte kippen können. Und wie durchlässig ich selbst für diese Energien bin. Wie schnell ich mich verantwortlich fühle für eine Stimmung, die kippt.
Was schlussendlich auch meiner eigentlichen Unsicherheit entspricht: Ist das der richtige Weg? Nicht nur im geschützten Rahmen zu sprechen, sondern sich auch jenen auszusetzen, die nicht zustimmen, die angreifen, die projizieren? Und gleichzeitig die Frage, ob das eigene Aufnehmen dieser Energien tatsächlich sinnvoll ist – oder ob es andere Formen gäbe, sich einzubringen? Das Schreiben bleibt ein Raum, der trägt. Vielleicht auch ein Schutzraum. Aber gerade darin liegt für mich Ambivalenz: Ob er nicht zugleich auch zur Begrenzung wird. Ein Ort zum Bleiben, oder zum Verlieren? Zwischen diesen Polen bewegt sich meine Fragerei weiter. Bislang ohne klare Antwort.
Donnerstag, 26. März
Blicke, die anziehen und Blicke, die ausziehen.
Kontakt ist Heilung. Alles andere ist zu wenig.
Die Liebe als Urquelle des Kosmos. In der Angst sind wir von ihr abgeschnitten. Vertrauen, dass alles seine Ordnung hat.
Auch wenn das Leben zuweilen wahrhaft ungerecht wirkt.
Alles passt, aber die Berührung bleibt aus.
Freitag, 27. März
Die Religion lehrt uns die Unerreichbarkeit unserer Vervollkommenheit. Der Glaube als spiritueller Glaube lehrt uns nichts. Außer an uns selbst zu glauben.
Darin liegt der Unterschied zwischen Dogma und Erkenntnis: Heilslehre vs. Pfad der Erleuchtung.
Ich wünsche dir Momente, in denen du einfach atmen kannst.
Samstag, 28. März
Arthur Schopenhauer:
«Die Frage nach der Willensfreiheit ist wirklich ein Probierstein, an welchem man die tiefdenkenden Geister von den oberflächlichen unterscheiden kann, oder ein Grenzstein, wo beide auseinandergehn, indem die ersteren sämtlich das notwendige Erfolgen der Handlung bei gegebenem Charakter und Motiv behaupten, die letztern hingegen mit dem großen Haufen der Willensfreiheit anhängen. Sodann gibt es noch einen Mittelschlag, welcher sich verlegen fühlend, hin und her laviert, sich und andern den Zielpunkt verrückt, sich hinter Worte und Phrasen flüchtet oder die Frage so lange dreht und verdreht, bis man nicht mehr weiß, worauf sie hinauslief.»
«Wünschen kann [der Mensch] Entgegengesetztes; aber Wollen nur eines davon: und welches dieses sei, offenbart auch dem Selbstbewußtsein allererst die Tat.»
Kurzum: «Der Mensch kann tun, was er will, aber der Mensch kann nicht wollen, was er will.»
vs.
Baruch Spinoza:
«Der Wille ist nicht frei, sondern er ist selbst ein Glied in der Kette der Ursachen.»
«Wir glauben frei zu sein, weil wir uns unserer Ursachen nicht bewusst sind.»
vs.
«Vom Appetit allein regiert zu werden, ist Sklaverei, während Gehorsam gegenüber einem Gesetz, das man sich selbst auferlegt hat, Freiheit ist.»
― Jean-Jacques Rousseau
Matthias Claudius: «Niemand ist frei, der nicht über sich selbst Herr ist.»
«Und der ist nicht frei, der da will tun können was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll.»
Sonntag, 29. März
Schuld scheint tatsächlich ein zentraler Hebel zu sein. Nicht als moralische Kategorie, sondern als emotionaler Zustand. Etwas, das sich in unserem Inneren festsetzt und von dort aus wirkt.
Wenn ich mir anschaue, wie Machtstrukturen funktionieren – im Großen wie im Kleinen –, dann fällt auf, dass sie immer dort greifen, wo Menschen sich schuldig fühlen. Schuld macht dich eng und fügsam. Sie verschiebt die eigene Wahrnehmung so, dass du dich selbst infrage stellst, anstatt das System, in dem du dich bewegst, und das dir diese Gefühle induziert.
Für mich ist das der Punkt – oder zumindest einer der Punkte –, an dem sich das «Böse» festsetzt. Nicht als abstrakte Idee, sondern als konkrete Dynamik: Schuld erzeugen, Schuld aufrechterhalten, Schuld nutzen. Wer sich schuldig fühlt, bleibt abhängig. Wer abhängig ist, stellt weniger infrage. Das zeigt sich nicht nur in großen Skandalen oder offensichtlichem Machtmissbrauch, sondern auch im Alltag. In der Art, wie schnell wir Verantwortung übernehmen für Dinge, die gar nicht unsere eigenen sind. Wie selbstverständlich wir uns selbst zurücknehmen, um ein diffuses «Richtig» zu erfüllen. Was schlussendlich ja auch das grundlegende Problem ist: Schuld fühlt sich oft berechtigt an, fast schon notwendig, als müsste sie da sein, um Ordnung herzustellen. Was jedoch, wenn sie genau das Gegenteil bewirkt? Wenn Schuld nicht ordnet, sondern trennt? Uns von uns selbst trennt. Und damit von der Ordnung, der wir selbst entspringen? Und damit von einer tieferen, natürlichen Ordnung. Was für mein Empfinden ja auch das ist, was mit dem «Sündenfall» gemeint ist – nicht die Tat, sondern das Entstehen von Schuld als Seinszustand. Das Herausfallen aus der göttlichen Ordnung.
Und wäre dann nicht die eigentliche Frage: Ob wir durch das Festhalten an Schuld in dieser Trennung bleiben – und erst durch ihr Auflösen wieder zurückfinden?
Montag, 30. März
Einfachheit ist die Zukunft. Wann immer es kompliziert wird, sucht der Mensch nach Ausreden, sein eigenes Verhalten nicht ändern zu müssen.
Dienstag, 31. März
Der März war meinerseits ein eher passiver Monat. Trotz der zwei Lesungen in Baden-Württemberg, meinem ersten Interview vor Ort und so weiter. Und dennoch, trotz dieser Müdigkeit und Leere gerade gegen Ende dieses Monats, habe ich im März ein paar hundert E-Mails geschrieben. Für manche Businessmenschen mag das wenig klingen. Ich jedoch schreibe selten Emails, die aus zwei Zeilen bestehen und lediglich soetwas wie Termine bestätigen. Wenn ich Emails schreibe, fühlt sich das immer gleich wie eine energetische Einlassung an. Bekannte oder Leser wie Sie schreiben mir ihre Gedanken oder Anektdoten aus ihrem Leben, auf diese ich dann wiederum mit Anteilen und Geschichten von mir eingehe. Meist, ohne die jeweilige Person, mit der ich da in Kontakt trete, persönlich zu kennen. Was es teils, und bitte verstehen Sie mich da nicht falsch, oft etwas ermüdend für mich macht. Ich möchte Kontakt. Ja. Und ich möchte auch Kontakt mit Ihnen, die Sie sich Gedanken über meine Gedanken machen, mit mir in Resonanz gehen und eigene Resonanzen in die Welt entfalten. Was ich jedoch nicht will, und das merke ich zusehends, ist diese Beschränkung auf das rein Digitale. Ich kann das nicht. Und ich will das so auch nicht länger. Es macht mich müde. Und es macht einsam.
Nach den ersten Terminen für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben steht nun ein weiterer: Dienstag, der 23. Juni in Nienburg/Weser. Details folgen.
Ganz grundsätzlich plane ich derzeit mehrere Lesungen in der zweiten Junihälfte. Verfügen auch Sie über einen kleinen Saal oder ein größeres Wohnzimmer (oder auch einen schönen Garten), in dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de – und vielleicht können wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
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Vielen Dank. Für alles weitere schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonnieren Sie meinen Telegram Kanal, oder verfassen einen Kommentar.










Liebe Lilly, so viele tiefe Gedanken von dir... Danke, dass du sie mit uns teilst🙏 Vieles davon existiert auch in meiner Fühl- und Gedankenwelt. Verbundenheit ist das, was ich beim Lesen spürte❤️ Oder besser, mein Seelenwesen fühlt sich verbunden mit dem Seelenwesen, das du bist. Es rührt mich die Liebe, die ich zwischen deinen Zeilen wahrnehme. Und ich spüre auch die mitunter innere Verzweiflung...
Dass du den vielen Menschen antworten möchtest, die dir schreiben.... Sie nicht vor den Kopf stoßen willst, wenn sie dich einladen... Nicht sagen "willst", dass du lieber campen gehst... Das zeugt nicht nur von Höflichkeit, das zeugt von einem sensiblen und empathischen Wesen, das andere nicht verletzten möchte. Aber wenn es Menschen mit Herz und Seele sind, die dir schreiben, dann erwarten sie nichts zurück. Ablehnung fühlt nur jener mit Erwartungshaltung...
Much Love ❤️ Jutta
Liebe Frau Gebert,
weshalb ausgerechnet auch Sie ein Gewese um Hund machen, frage ich mich?
Ist es in der Tiefe ein Wunsch nach aufziehen, erziehen und behüten - eigentlich eines Kindes?
Anfang März beschäftigt Sie Gewalt und Krieg.
Ich denke die Gewalt fängt immer mit Unwissenheit an und entwickelt sich mit dem Unwillen, daran etwas zu ändern. Folgen sind dann Spaltung, Unterdrückung, Verfolgung und schließlich auch Tötung.
Albert Camus schreibt in der "PEST": "das schlimmste Laster des Menschen ist die Unwissenheit, aber zu glauben, alles zu wissen und sich das Recht zu nehmen, andere zu töten."
Vor diesem Hintergrund führt Israel einen Krieg gegen ein Regime des Todes. Ein Regime, das kleine Mädchen nach Vergewaltigung im Kerker und auch durch Richter an Baukränen erhängt..
Die eigenen Angehörigen dieser Unterdrücken leben im Westen nach völlig anderen Maßstäben
1975 im September war ich in Damaskus. Das zunächst leer wirkende Hotel war zwei Tage später überfüllt.
Was war geschehen? Betuchte Libanesen waren mit Ihren Familien aus dem nahen Beirut nach Damaskus geflüchtet. Die Unruhen dort wuchsen sich in der Schweiz der Levante zu einem Bürgerkrieg aus. Entgegen der von geflüchtet Libanesen geäußerten Erwartung waren diese Unruhen nach zwei Wochen nicht vorbei. Der jahrelange Bürgerkrieg hatte erstmals begonnen und mit der Destabilisierung des Libanon verschwand die Schweiz der Levante.
In Jordanien gelang die Destabilisierung nicht, weil königstreue Beduinen den Aufstand der Palästinenser niederschlugen.
Warum nehmen die arabischen Staaten die Palästinenser nicht auf? Eben, weil sie die Folgen kennen!
Der Libanon war der erste failed state durch die niederträchtigen Palästinenser.Dazu kam später die Hisbollah als Arm der Mullahs. Syrien erkrankte auch an diesen palästinensischen Unterwanderungen.
Nüchtern betrachtet erledigt Israel jetzt nur ein Problem, daß seit über 50 Jahre den
Nahen Osten destabilisiert.
Europa nimmt in großer Zahl genau diesen Typus auf, der bei den Linken unter "Naturschutz"steht.
Die Bildungsferne gehört zum Selbstverständnis dieser Massen.
Europäer dürfen sich auf noch viel mehr Gewalt gefasst machen.
Da hilft am wenigsten feministische Innen-wie Außenpolitik.
Frauen wie Brunnhild und Weleda sind gefragt und ein neu erwachter Bernhard von Clairvaux. Die Epoche der Kreuzfahrten geht ihrem Ende zu. Wenn jetzt die Bereitschaft nicht zum
Kreuzug erwacht, wird es bald nur noch Eurabia geben
Viele Grüße
E.Demmel