Was soll ich denken, wenn ihr mir sagt, ich soll aufhören zu denken?
Zwischen Bevormundung, verdrängten Gefühlen und der Suche nach dem ewigen Heil.
Es geht nicht darum, deine Probleme zu lösen, sondern deine Haltung ihnen gegenüber zu verändern – dahingehend, sie nicht länger als vorrangig solche zu betrachten. Nicht alles, was wir in unserem Verstand als «Problem» deklarieren oder innerhalb unserer dualen Wahrnehmung als solches erscheinen lassen, ist zwangsläufig auch ein Problem. Es verfestigt oder manifestiert sich erst als ein solches, wenn wir es versuchen loszuwerden, ohne es vorher als das gesehen zu haben, was es wirklich ist. Indem wir nur noch sehen, von was wir uns «befreien» müssen, ohne es als solches zuvor jedoch «befreit» zu haben, entstehen Widerstände – und mit ihnen Frust und Verzweiflung darüber, dass sich unsere Probleme gerade nicht durch den Versuch, gegen sie anzukämpfen, auflösen lassen.
Widerstand erzeugt Widerstand. Genauso wie Waffen keine Kriege lösen, sondern sie in ihrer Spirale aus Leid, Verlust und Wut nur immer mehr befeuern, manifestieren sich deine vermeintlichen Probleme bei einem Übermaß an Beachtung erst recht und wirken irgendwann so groß, dass du das Gefühl hast, sie definierten dich. Dabei wusstest du bis vor Kurzem nicht einmal, dass sie überhaupt existieren.
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Das ist im Großen und Ganzen mein Standpunkt. Und doch wieder nicht. Zumindest in meiner Realität zeigt sich: Ganz so einfach ist es mit dem «Demanifestieren» innerer Einstellungen dann auch wieder nicht.
Seit über zwei Jahren versuche ich phasenweise, und je nach Anlass im Außen, die Muster aufzubrechen, von denen ich meine, sie würden mich begrenzen. Doch anders als manch ein Kommentar unter eben jenen Texten, in denen ich davon schreibe, wie ich gerne weniger denken und mehr fühlen wollen würde, es zu suggerieren versucht, ist dies nicht so einfach umsetzbar, wie ihre Verfasser glauben, dass es sei. Im Gegenteil: Strukturen zu verlassen, die aktuell noch das eigene «Überleben» sichern, ist alles andere als einfach. Vielmehr bedeutet es, seinem Umkehrschluss entsprechend, viele kleine Tode. Und um ehrlich zu sein, irritiert es mich oft ein wenig, unter Texten, in denen ich von eben jenen inneren Zerrissenheiten schreibe; davon, wie ich doch rational betrachtet viele Ängste und Sorgen als irrational erkennen kann, sie allein dadurch aber noch nicht «loszuwerden» vermag, lesen zu dürfen, wie ich doch einfach aufhören solle, über diese Dinge nachzudenken und stattdessen einfach «leben» solle.
Ohne dass dies hier ein Rechtfertigungstext werden soll, aber genau von diesen Versuchen, «einfach zu leben», habe ich in meinem letzten Text geschrieben. Genauso aber auch davon, wie ich in so gut wie in jede Situation sehr offen hineingehe; erzähle und zuhöre, mich aber im Nachhinein – trotz aller vorherigen Leichtigkeit – oft die Sorge ereilt, entweder nicht genug zugehört zu haben oder zu viel erzählt zu haben. Kurzum: Ich bin nicht lebensscheu. Aber nun einmal auch nicht dumm oder in der Wahrnehmung meiner selbst begrenzt. Ich spüre sofort, wenn etwas nicht stimmt, im Außen wie bei mir selbst. Anders als ein Großteil meiner Mitmenschen kann ich über diese Unstimmigkeiten jedoch nicht einfach hinwegsehen, sie verdrängen und verleugnen. Ich möchte verstehen, woher sie kommen und was sie versuchen, zum Ausdruck bringen. So bin ich. Und mit diesem Text möchte ich erklären, warum ich genau das nicht länger ändern möchte.
Klingt paradox. Und doch liegt der Unterschied für mich darin, nicht länger «Probleme» an mir ausfindig machen (lassen) zu wollen, die ich dann – in einer scheinbar unendlichen Kettenreaktion – «auflösen» darf, sondern meinen Frieden mit ihnen zu finden, indem ich sie in ihrer Bedeutung für mich und meine Lebensführung zu verstehen lerne. Die Entscheidung, ob ich sie – nachdem ich sie verstanden habe – ändern oder nicht ändern will, soll bei niemand anderem als bei mir liegen. Ich will nicht länger das Gefühl haben, mich dafür rechtfertigen oder insgeheim bestrafen zu müssen, «eigen» zu sein. Niemand sollte das. Indem wir unsere Eigenarten immer gleich als Probleme werten (lassen), destabilisieren wir uns – machen uns angreifbar. Wir erheben das zur Norm unseres Seins, was andere zu bestimmen glauben, was für dieses richtig oder nicht richtig, angemessen oder nicht angemessen sei. Und bleiben so auf ewig im Außen – in der permanenten Erwartungshaltung, von anderen gesagt zu bekommen, was wir tun oder besser zu lassen haben sollten.
Weswegen ich für meinen Teil mehrere Stufen benennen möchte, wie ich derzeit Probleme «entproblematisiere» oder sie als tatsächlich von mir zu berücksichtigende Unstimmigkeiten anerkenne: So ist es zum einen die Unterscheidung zwischen den Dingen, derer ich mir selbst bewusst geworden bin, und der, auf die mich Außenstehende aufmerksam gemacht haben. Wobei es bei letzteren darauf ankäme, ob ich die Person um ihre Einschätzung gebeten habe – oder ob ihr Aufmerksammachen vielleicht sogar «notwendig» war, um mich vor vermeintlich destruktivem Verhalten zu «beschützen». Wobei es in diesem Fall für mich nicht nur die Frage wäre, ob ein unerfragtes Eingreifen in den Bewusstwerdungsprozess eines anderen Menschen nicht genau diesen lähmen würde und stattdessen eine Art Opferrolle und generelle Angewiesenheit befeuere (einen älteren Text von mir zu genau dem Thema findest du hier), sondern ob dieses überhaupt möglich ist. Kann ich mich doch noch an viele Bemerkungen erinnern, die für mich erst Jahre später Sinn ergeben haben. Gleiches mit Büchern: Auch sie haben ihren Moment in unserem Leben, vor dem wir ihre für uns bestimmte Botschaft noch nicht ganz entschlüsseln können.
Wobei der Unterschied zwischen einem Buch und einem Menschen darin besteht, dass sich das Buch dir niemals aufzwängen würde. Die einzige Notwendigkeit, die ein Buch für dich erzeugen kann, entsteht in dir selbst. Du willst dein Leben ändern. Nicht, weil dir jemand die Fehler in deinem jetzigen aufgezeigt hat oder dir ihre «Beseitigung» als Bedingung dafür aufstellt, das Deinige mit dem Seinigen teilen zu dürfen, sondern weil du bereit bist. Das ist das, wie ich finde, Schöne an den Erkenntnissen, die wir aus Büchern ziehen: Sie tragen das Element des Lebens in sich – sind bedingungslos. Da ist kein Zwang, kein Müssen, das sie in uns aufkeimen lassen. Wir dürfen Tolstois Anna Karenina oder Huxleys Schöne neue Welt zehn oder zwanzig Mal lesen, ohne dass das Buch anfängt uns zu beißen, nur weil wir seine «wahre Botschaft» immer noch nicht erkannt haben. Bücher sind nicht nur geduldig, sie fordern von dir auch nichts als Aufmerksamkeit. Genau wie das Leben.
Womit es aber auch genau diese Dynamik war, aufgrund derer ich eine gewisse Abneigung gegenüber der «spirituellen Blase» und ihrem vielfach vertretenen Grundtenor entwickelt habe, dass «wir» doch JETZT unsere Themen lösen müssten, um erstens der «neuen Welt» ihren Weg zu bereiten und zweitens selber Teil dieser «neuen Welt» sein zu dürfen. Wer seine Themen nicht löse, werde entweder krank oder schaffe auf geistig-seelischer Ebene nicht den Übergang ins neue Zeitalter. Denn was soll ich sagen? Für mich tragen solche Vorstellungen Züge vom Heiligen Land, in das Gott den Kindern Israels versprach, sie zu bringen, wenn ihre Zeit «reif» sei. Es sind genau jene Heilsbringerfantasien, gegen die ich mich hier schon oft ausgesprochen habe. Sie befeuern – zumindest in meinen Augen – das Bild vom Esel, der hinter einer Karotte herläuft. Wie er hat auch der Mensch Hunger – geistig-seelischen Hunger. Das steht außer Frage. Aber müsste der Mensch nicht, anders als der Esel, erkennen können, dass jene Möhre nicht seine einzige Chance auf Sättigung birgt? Oder vielleicht auch hinterfragen, wer ihn da insgeheim versucht auszuhungern? Oder besser: darum bemüht ist, ihn nie vollends gesättigt zu halten?
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Letzteres ist oft das Prinzip, das ich bei jenen Heilsversprechen beobachte: Sie nähren den Menschen nicht, verleihen ihm keine Einsicht in seine eigenen Kräfte, sondern halten ihn angewiesen in seiner Hoffnung auf das von außen erbrachte Heil. Wobei das «Heil» innerhalb dieser Erzählungen immer geknüpft ist an sein «Benehmen». Sei es der Reinheitsfanatismus in der Religion, oder das «Auflösen» alter Themen und Verstrickungen im spirituellen Materialismus (siehe hierzu meinen Text zur «Guru-Falle»): Während in der Kirche die «Abbitte» Gottesnähe schafft, offenbaren die Reinigungsfantasien jener spirituellen Coachings hinter jedem «gelösten» Thema das nächste, woraufhin ihre Seminare oder Retreats reihenweise gebucht werden – immer in der Hoffnung, dieses Mal endlich im Göttlichen anzukommen.
Mir widerstrebt dieses Prinzip mittlerweile auf mehreren Ebenen: Zunächst einmal widerspricht es meinem Gottesbild, etwas «leisten» zu müssen, damit Gott mich liebt. Wir sind als solche vielleicht alle «unfertige» Individuen – als Geschöpfe Gottes jedoch bereits «vollkommen», indem wir eine Seele haben und uns gemeinsam mit ihr auf dem Weg befinden. Diesen Weg als «sündhaft», «unbewusst» oder «traumabasiert» zu deklarieren, nur um ihn für die eigenen Zwecke zu kommerzialisieren, halte ich für ein Verbrechen. Womit wir beim nächsten Punkt wären: Ich glaube nicht, dass dieser Weg ein Ziel hat. So kitschig es klingt: Ich halte tatsächlich den Weg für das Ziel. Und dieser Weg heißt Leben. Mein Ziel ist es nicht, auf Krampf alle meine Themen noch in diesem Leben lösen zu wollen. Insofern ich, aus meiner eigenen Erfahrung heraus, an Reinkarnation glaube, denke ich nicht, dass sich Dinge, die in diesem Leben schlichtweg «nicht dran» sind, dennoch erzwingen lassen. Stattdessen glaube ich, dass wenn wir die einzige «Anforderung», die das Leben an uns stellt, nämlich aufmerksam zu sein, erfüllen, es sich uns – ähnlich wie das Buch – früher oder später in seiner für uns vollsten Dimension offenbaren wird.
Dank dieser Energie befinde ich mich seit Längerem an einem Punkt, wo in mir eine regelrechte Wut aufkommt, wenn jemand meint, mir erklären zu wollen, was an mir ich doch zu verbessern, aufzulösen oder zu heilen hätte – ohne dass ich danach gefragt habe. Ich sei leicht «beschämbar», stellte kürzlich eine Freundin fest. Das stimmt. Und gleichzeitig ist genau das der Punkt: Wie ich in meinem letzten Text bereits schrieb, entwickle ich schnell Schuldgefühle – selbst für Dinge, mit denen ich nichts zu tun habe. Während ich vor einem Jahr jedoch noch vollends ausgeliefert gegenüber jenen war, die diesen Knopf ohne mein Wissen an mir entdeckt haben, steigt mittlerweile das Risiko, dass sein Betätigen meinem «Samariter» doppelt auf die Füße fällt. Was vor einem Jahr noch dazu geführt hätte, dass ich mich dieser Person, die versucht, mich über meinen Schuldkomplex an sich zu binden, in Sachen «Heilung» derjenigen Dinge, die dieser Mensch meint, an mir als veränderungsnotwendig ausfindig gemacht zu haben, vollends abhängig und verwundbar zu machen, läuten bei mir mittlerweile alle Alarmglocken, wenn jemand auch nur versucht, «Nähe» zu mir aufzubauen, indem er in mir Gefühle des Mangels und des Falschseins erzeugt. Und das allein dadurch, dass ich mir dieser Dynamik bewusst geworden bin.
Der Punkt ist: Die Schuldgefühle sind dadurch nicht weg. Und vielleicht geht es auch nicht darum, sie zum Verschwinden zu bringen. In meinem Fall hat es zumindest mir sehr geholfen, mir ihres Einfallstors bewusst zu werden: dem Trio aus Selbstzweifeln und der Angst vor Bindungs- und Kontrollverlust. Was in der Kirche über einen Mangel an Glauben, Keuschheit oder Pietismus funktioniert, ist in meinem Fall ein Mangel an Authentizität und Ehrlichkeit, als auch Hilfsbereitschaft und Liebe. Wann immer mich auch nur das Gefühl beschleicht, in einer Situation unbewusst und daher nicht ganz wahrheitsgetreu gehandelt zu haben, schäme ich mich – vor den anderen, aber in erster Linie vor mir selbst. Über Stunden und Tage schnürt es mir die Kehle zu. Es schiebt sich eine Ebene der Entfremdung zwischen die Situation und der Lilly, die anstatt meiner in ihr gehandelt zu haben scheint.
Diese Gefühle kann ich nicht einfach abschalten. Und gleichzeitig verbringe ich – anders als manch Kommentatoren geschlussfolgert zu haben scheinen – nicht Tag ein, Tag aus damit, über sie nachzudenken. Ich bekäme «unschöne Falten auf der Stirn» und drehe mich im Kreis, hieß es an einer Stelle. Ich verfeinere zwar meine Gedanken, käme aber nicht weiter, und überhaupt: Die besten Gedanken kämen beim Nichtdenken. So unböswillig diese Ratschläge gemeint gewesen sein mögen: Auch ihr Versuch einer Hilfeleistung ist daraus entstanden, dass sich jemand übermäßig Gedanken über mein Denken gemacht hat. Dieses Mal bloß meinerseits mit der Frage nach einem dadurch erzielten Fortkommen? Wie zu anfangs gesagt: Rational weiß ich um all’ das. Ich will mein Leben auch nicht damit verbringen, mich durch das Definieren meiner selbst über Probleme beschäftigt zu halten. Das ist für mich kein Leben. Gleichzeitig halte ich es für fahrlässig, mir über Dinge, die ich dabei erwische, wie sie mich am Leben hindern, keine Gedanken zu machen. Das Fünckchen auf der Waage besteht für mich bloß darin, ob es beim reinen Denken – beim Zerdenken – bleibt, oder ob die eigenen Gedanken irgendwann dort Fuß fassen, wo sie tatsächlich etwas zu ändern bereit sind: im Gefühl.
Vielleicht denke ich wirklich etwas zu viel. Gleichzeitig würde ich vermutlich nicht diese Texte hier schreiben, wäre dies nicht der Fall. Wäre mein Denken nicht so ausgeprägt, als dass ich das, was ich wahrnehme, auch in Worte fassen könnten, hätten wir nicht nur nicht diesen Resonanzraum – es würde sich auch abermals jemand mit dem, was er zum Ausdruck bringen möchte, zurückhalten, nur weil er (oder sie) glaubt, dafür noch nicht «die richtige» Form gefunden zu haben. Fun fact: Du wirst es nie allen «rechtmachen» können. Folglich werde ich in meinen Texten auch immer nur über das schreiben, von dem ich glaube, dass es einen Unterschied macht. Wobei die eigentliche Entscheidung, einen Text zu schreiben, bei mir in den wenigsten Fällen verstandesbasiert ist. Ich schreibe einen Text, wenn mein Gefühl – meine Intuition – mir sagt, dass dieser Text jetzt geschrieben werden möchte. Und nachdem ich dahingehend im letzten vielleicht noch etwas unschlüssig war, hat mich die auf ihn gefolgte Resonanz dahingehend bestärkt, eben jenen inneren Themen zukünftig den Vortritt widmen zu wollen. Schlichtweg, weil die Kommentare und Emails, die mich nach diesen persönlichen Texten erreichen, in keinem Verhältnis zu jenen nach meinen «philosophischeren» stehen. Mir scheint da nicht bloß ein «Bedarf» nach zugänglicheren Texten oder eine Art von Voyeurismus an meiner Person zu bestehen – da ist eine Sehnsucht nach genau diesem Zugang, der nicht rein thematischer Verbundenheit ist.
So leiden wir als Menschen doch scheinbar alle an ungefähr denselben Themen: Alleinsein, Verlassenheit, das Problem, in einer materialistischen Welt der Dualität aus Denken oder Fühlen nie ganz entkommen zu können. Gerade letztere Thematik spüre ich in den Kommentaren meiner Texte meist besonders – ein großes «Entweder-oder-Denken». Vielleicht auch initiiert durch meinen jeweils zuvor gegangen Text, ich weiß es nicht. War es für mich doch nie eine Frage danach, vollends aufzuhören zu denken und stattdessen nur noch zu fühlen. Erzählungen vom Aufstieg in eine «höhere Dimension» hin oder her – solange wir als Menschen an Materie und damit an die Dualität dieser Welt gebunden sind, haben Ansprüche wie diese nicht nur etwas Absurdes, sie können Menschen regelrecht verrückt werden lassen. Weshalb ich glaube, dass es schlussendlich darauf ankommt, mit dem zu arbeiten, was wir haben. Und das sind nun mal unsere Gedanken und unsere Gefühle. In unserer Verfassung können wir vermutlich die einen gar nicht ohne die anderen wahrnehmen und umgekehrt. Denken und Fühlen: aus ihnen fügt sich das, was wir Bewusstsein nennen. Und wenn wir beide nicht in Einklang zueinander bringen, wird sich eben jenes nie erweitern, geschweige denn auf eine «höhere Dimension» einschwingen.
Es gibt keine Entwicklung auf der Basis von Verdrängung. Das ist, was ich immer wieder mit meinen Texten versuche zu sagen. Wenn sich etwas zeigt – sei es in Form eines Symptoms, eines Gefühls oder anderer sich manifestierender Widrigkeiten im Leben –, will da etwas ans Tageslicht. Es will gesehen werden. Sei es als ungelöstes Thema aus einem früheren Leben, einer Verstrickung mit der eigenen Ahnenreihe oder als kollektiver Schmerz, den deine Seele sich ausgesucht hat, in diesem Leben erstmals zum Ausdruck zu bringen: diese Energien zu leugnen, sie abzutun und zu übergehen, halte ich als einen der größten Fehler, den wir derzeit machen können. Gleichzeitig mag der Selbstliebe und Selfcare-Boom des letzten Jahrzehnts seine Spuren hinterlassen haben und so manch gefühlsbesetzte Themen in die um sich selbst drehende, weltflüchende, Pilates-Yoga-Ecke gedrängt haben. Mit dieser pauschalen Abwertung jeder Innenschau ist jedoch nicht nur niemandem geholfen, sie verhindert in meinen Augen auch die Entwicklung, die es eigentlich bräuchte.
Ohne eine weitere Dichotomie aufmachen zu wollen, aber gegenüber jenem zuvor beschriebenen Extrem von Kakaozeremonien und Tagesaffirmationen nehme ich eine Generation wahr, die dem ganzen Kosmos rund ums Fühlen, Traumaarbeit oder dem Lernen von bedürfnisorientierter Kommunikation einen nicht nur einen geringen Stellenwert zuschreibt, sondern sie auch als esoterische Zeitverschwendung oder gar als ignorantes Verhalten abstempelt. Ich verstehe beide Seiten und bin weder für eine Welt ohne Spiritualität, noch dafür, die Welt durch Spiritualität aufzulösen. Wie so oft: Irgendwas in der Mitte wäre gut. Eine Balance, in der wir uns täglich besser kennenlernen, in diesem Kennenlernprozess mit uns selbst jedoch nicht lernen, die Welt zu verneinen.
Uns allen sollte eigentlich bewusst sein, dass die «Aufgabe» (oder besser: Chance) unserer Zeit nicht darin liegt, länger wegzusehen, sondern uns wieder mit dem zu verbinden, was wir verdrängen – in uns und kollektiv. Gleichzeitig ist für mein Empfinden niemandem damit geholfen, wenn wir bei diesem Integrationsprozess die gleichen Mechanismen an den Tag legen, mit denen Kirche und Staat nun die letzten zweitausend Jahre und länger den Menschen kleingehalten haben. Der Wandel des Einzelnen muss kohärent mit seinem Willen sein – seinem eigenen Willen, seinem Wesen entwachsen. Wenn wir aber wieder damit anfangen, den Willen des Einzelnen dahingehend zu verfälschen, dass er etwas will, was er eigentlich nicht will, nun aber glaubt, es zu wollen, weil jemand anderes will, dass er es will, und der eigentlich etwas anderes Wollende dem seinen Willen verfälschen Wollenden gefallen will, und daraufhin seinen Willen an dessen Willen anpasst, sind wir keinen Schritt weiter. Auch das ist Gehorsam, ist Abhängigkeit, ist Unfreiheit. Freiheit hingegen ist, den eigenen Willen von den Meinungen der anderen zu befreien.
An diesem Punkt befinde ich mich aktuell. Denn wie ich bereits in meinem Text «Der innere Raum» schrieb: Wir unterliegen zwei Formen von Ängsten – den existenziellen, den sogenannten Urängsten, und der psychosozialen Angst. Insofern Urängste wie Höhenangst oder die Furcht vor dem Ersticken im übertragenen Sinne das widerspiegeln, was unsere Seele in einem früheren Leben erlebt und als entsprechende Wunde in das unsrige hineingetragen hat, steht die soziale Angst für die Angst unseres Ichs, wann immer es nicht in Verbundenheit mit unserer Seele steht. Letztere steht folglich für die Momente, aus denen heraus ich meine Schuldgefühle entwickle. Meine Schuldgefühle können nur greifen, wo es mir an Integrität mangelt, wo ich nicht für mich selbst einstehen und sagen kann: Nein! Du gewinnst keine Macht über mich, indem du mir versuchst einzureden, ich hätte etwas Falsches getan. Ich stehe zu dem, was ich getan habe oder denke. Und damit zu mir.
Amor fati: Ich bin eins mit meinem Schicksal, will nichts anderes haben. Rückwärts nicht, vorwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Ich erkläre mich als identisch mit meiner Vergangenheit. Für mich heißt, meinem Selbst ewige Treue zu schwören, immer auch, diesem, dem Schicksal und der Welt zu vergeben.
Die Entscheidung, ob er einem System oder dem Leben folgen möchte, kann jeder Mensch nur für sich selbst treffen. Denn wenn die Anweisung, doch besser dem «Leben» folgen zu sollen, auch wieder jemand anderem als dir selbst entstammt, ist auch das System. Es ist Angewiesenheit, ist Abhängigkeit. Es bedeutet das, was jemand anderes meint, was «besser» für unser eigenes Leben sei, zu dem Maßstab zu erheben, nachdem wir dann tatsächlich glauben, dieses zu «leben». Dabei ist es egal, ob wir unser Leben nach Befehl, Dogma oder Ratschlag leben: Solange wir dem Struktur- und Sicherheitsdenken eines Systems unterliegen, sind wir nicht nur nicht frei – wir sind auch nicht frei darin zu heilen. Keine Heilung kann sich vollziehen unter der Angst vor Strafe. Sei es die Angst davor, in der eigenen Heilung einem gewissen Zeitdruck zu unterliegen, um entweder den Übergang ins «neue Zeitalter» rechtzeitig zu meistern oder bei dessen «nicht rechtzeitiger» Absolvierung nicht auch noch physisch krank zu werden – wie ihre Form der Erpressung bleibt auch der von nahestehenden Personen ausgehende Veränderungsdruck angstbasiert, solange sein Nichtbefolgen mit Liebesentzug sanktioniert werden könnte.
Derartige Beziehungsbekundigungen haben für mich nichts mit Liebe zu tun. Sie sind von Angst und Macht, nicht von Vertrauen getragen. Und stehen folglich auch nicht für die «neue Welt», von der ich träume. Was es für sie braucht, ist die Bedingungslosigkeit des Seins, nicht die Kontrollsucht des Habens.
PS: Ihre Dualität habe ich anhand von 82 Begriffen in meiner Enzyklopädie für die neue Zeit ausgeführt. Ab dem 27. November überall erhältlich, wo es Bücher gibt.







Wir lösen uns nicht,
wir lernen, uns zu halten.
Bravo Lilly! Ich spüre Dich und die Wucht (und Wut) der Befreiung in jedem Buchstaben! Toll!