Weiter. Aber wie?
Sinn in Zeiten der Sinnlosigkeit. Ein Kontinuum aus Angst und Alltag.
Mein Buch ist fertig. Und mit ihm auch ich. Oder zumindest Teile von mir. Denn so wie es der weise Gedanke meines Verlegers war, mit einer «Enzyklopädie» anzufangen, um meinen inneren Schreibtisch etwas zu lichten, weiß ich aktuell nicht, ob ich mich je wieder an ihn setzen möchte. Zumindest nicht mit der Arbeitsweise, die ich an ihm bislang an den Tag gelegt habe.
Zugegeben, ein schiefes Bild. Zum Schreiben sitze ich so gut wie nie an einem Tisch. Ich habe auch nicht einmal einen Schreibtisch. Nur einen Esstisch, an dem ich meist nicht einmal esse. Ich schreibe im Bett, vorm Kamin, auf dem Sofa. Überall dort, wo es – meiner Selbstdiagnose entsprechend – nicht noch mehr Krampf und Druck suggeriert, als das Schreiben für mich oft ist, oder war.
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Zwischen diesem war und ist oszilliere ich nun seit gefühlt eineinhalb Jahren. Zuvor waren meine Texte stets sehr akribisch. Allgemein neige ich dazu, Bücher sehr genau zu exzerpieren und sie gemeinsam mit ergänzenden Werken zu kleinen Doktorarbeiten zusammenzuarbeiten. Auf viele Texte aus der Zeit bin ich zweifelsfrei stolz. Vielleicht gerade weil ich weiß, wie viel Mühe ich in sie investiert habe. Aber auch aufgrund des tatsächlichen Erkenntnisgewinns, den ich ihnen bis heute zuspreche: Das Versagen der Intellektuellen, die Anfänge des Faschismus durch eben jene «Geisteselite», aber auch die Schock-Doktrin, die Gesellschaftskonstrukteure des Sozialismus, die Verlassenheit im Totalitarismus, aber auch die unzähligen Versuche andernorts, das Individuelle im Menschen zu beseitigen – an ihnen allen habe ich mich «abgearbeitet». Sei es aus innerer Notwendigkeit oder Pflichtgefühl: Nach jeder dieser Abhandlungen fiel mir kein Stein vom Herzen, dafür aber Zentner von den Schultern. Für mein Empfinden musste ich diese Texte schreiben, musste ich mich diesen Themen widmen.
Bis ich im Frühjahr letzten Jahres durch persönliche Umbrüche plötzlich anfing, anders zu schreiben, über anderes zu schreiben. Verpflichtungen brachen weg, und das Eigene hervor. Über diesen Wandel habe ich mich damals sehr gefreut, schlichtweg weil es mir meine eigene Lebensweise um ein vielfaches leichter erscheinen ließ. Denn schreibe ich nicht über die Gedanken anderer, sondern über das, was mich bewegt, gibt es keinen anderen Maßstab als mich selbst. Es braucht weder Zitate noch Konjunktive, keine endlosen Überlegungen darüber, wie ich den Text argumentativ am besten strukturiere. Schreibe ich über mich oder das, was ich in mir trage, meine Wahrnehmungen und Gefühle, braucht es nur mich, und den Zugang zu eben jenen – meinen Gefühlen.
Was zugleich das Kontinuum aus war und ist erklärt. Denn anders als vielleicht manch’ andere Menschen habe ich eher selten Zugang zu meinen Gefühlen. Ich überlagere sie vielmehr durch Angst und Alltag. Beides in dem Sinne, dass ich mich ablenke von dem, was mir zu wahrer Sinnhaftigkeit verhelfen könnte. Sei es also das eigenbrötlerische Beschäftigtsein im Alltag oder das Gelähmtsein durch alles, was nichts mit meinem Alltag zu tun hat, sondern über Nachrichten und Reels auf mich einprasselt – wirklich tätig fühle ich mich aktuell selten. Und das nicht, weil ich nichts mache. Sondern weil es dem, was ich mache, für mein Empfinden an Sinn fehlt, den auch ich für mich – im Angesicht einer Welt, der es ohnehin an Sinn zu mangeln scheint – als sinnhaft anerkenne.
So war es beispielsweise mit das erste Kapitel, das ich für mein Buch schrieb, das über den Puritanismus. Es gehöre, so mein Wortlaut, «zum Wesen des Puristen, in Absolutismen zu denken». Womit der Purist eine Form von Askese lebt, die ihn – anders als bei der buddhistischen – nicht sich selbst näherbringt, sondern ihn sich selbst verzehren lässt. Es ist egal, wie viel Leben er sich verbot und wie vielen Freuden er sich entzog: Das einzige Gefühl, was sich gegen seinen Willen in ihm auszubreiten versucht, ist Einsamkeit. Weswegen es auch mehr das innere Gefängnis ist, in das er sich selbst gesperrt habe, für das er zu bemitleiden ist. War sein ursprüngliches Anliegen doch durchaus nachvollziehbar: Sich in einer Welt, die sich selbst immer schneller dreht und dabei immer oberflächlicher wird, wieder mehr auf das Wesentliche fokussieren zu wollen. Nur besteht sein Rechenfehler darin, dass er sich innerhalb dieser Gleichung selbst ausgeklammert hat. Sich selbst erachtet der Purist nicht als wesentlich. Und daran leidet er. Wenn auch nur unterbewusst.
Diese Selbstverzehrnis habe ich früher im Extrem betrieben, weswegen ich auch heute noch ab und an ihrer Fallstricke erliege. Ihr Nährboden mag ausgedörrt, die Bahnen aber nach wie vor gegeben. Ist die Selbstverzehrnis schließlich genauso Ausdruck dessen, wo ich mit mir selbst nicht in Kontakt gehen kann, wie die Kauf- und Konsumsucht des Hedonisten. Wahrhaft «Gutes» tun wir uns beide nicht. Eben weil das, was wir meinen zu wollen, nicht kongruent zu dem erscheint, was wir eigentlich bräuchten. Unsere wahren Bedürfnisse werden überlagert von Glaubenssätzen und Rationalisierungszwängen – eben von den inneren Gefängnissen, denen wir uns selbst unterworfen haben. Sei es aus Unbeholfenheit oder aus Angst.
An diesem Angstpunkt scheine ich, so wird mir aktuell bewusst, seit Jahren festzuhängen. Und mich derzeit mehr aufzuhängen, denn je. Wobei ich mich, um dies klarzustellen, selbst nicht als einen ängstlichen Menschen bezeichnen würde. «Ängstlich» meint für mich die Furcht vor etwas. Diese habe ich nicht. Mir fällt kaum eine konkrete Situation ein, vor der ich mich wahrhaft fürchten würde. Keine Lust auf etwas haben, oder Dinge als nicht notwendig erachten – das ist etwas anderes und in ihrer Selektion bin ich wie der Purist sehr geübt. Doch auch so etwas wie Schockstarre oder situationsbezogene Panik kenne ich nicht. Was ich meine, ist die Angst als solche – als diffuse Kraft, die sich zwischen dich und das Leben legt.
Aufgefallen ist sie mir früher nie direkt. Vermutlich war ich zu jung, um sie zu greifen. Auch wenn sie mir aus heutiger Sicht eine stets treue Begleiterin war: Sei es in der Schule und ihren Momenten der Ausgrenzung, dem in ihr herrschenden Versagensdruck; der generellen Angst, dumm und ungenügend zu sein, aber auch in der Liebe und Freundschaft als Angst vor Zurückweisung oder dem tatsächlichen Verlassenwerden – die Sorge, ungewollt Schuld auf mich geladen zu haben, war stets da. Und ist es bis heute. Nur, dass ich mir ihrer Macht über mein Unterbewusstsein heute deutlich bewusster bin und deshalb anders als früher nicht mehr an den Umständen verzweifle, sondern an meinem Unvermögen, anders auf sie zu reagieren.
Rational komme ich damit klar, wenn mich der Nachbar heute mal nicht gegrüßt hat, die Reaktionen auf einen Text mal etwas milder ausgefallen sind oder mich nach einem Gespräch das Gefühl beschleicht, zu viel von mir preisgegeben zu haben. Auf der irrationalen, emotionalen Ebene jedoch spüre ich noch tagelang nach einer dieser Situationen (und vielen weiteren, die mir hier dann doch zu privat sind, sie zu benennen) ein Stechen in meiner Brust, wenn ich auch nur an sie denke. Ich frage mich, was ich falsch gemacht haben könnte, ob jemand böse auf mich ist, oder nun schlecht von mir denken könne. Und das macht mich, um ehrlich zu sein, echt kaputt. Eben weil ich weiß, dass ich nicht nur nichts Falsches getan habe, sondern es obendrein auch keinen Unterschied machen würde, wenn jemand etwas über mich denken sollte, was nicht der Wahrheit entspricht. Ich weiß: Objektiv betrachtet, habe ich keine «Schuld» auf mich geladen. Und doch schäme ich mich. Wofür auch immer.
Wer weiß, ob ich in einem früheren Leben mal zu Unrecht verbrannt wurde und deshalb oft in diese Angst verfalle, wegen Bagatellen bestraft und verurteilt werden zu können – sei es sozial oder rechtlich. Denn während wir einerseits zwar erneut in Zeiten leben, wo beides nicht abwegig ist – weder die soziale Ausgrenzung aufgrund von «Unsolidarität» noch die rechtlichen Konsequenzen in Form von Kontensperrungen oder einer Hausdurchsuchung wie kürzlich beim emeritierten Professor für Medienwissenschaften Norbert Bolz –, sehe ich das grundlegende Muster bei mir darin, dass ich Angst davor habe, meinen eigenen Raum einzunehmen. Was dann entweder darin endet, dass ich im Nachhinein das Gefühl habe, «zu viel» gewesen zu sein, oder diese Möglichkeit auf ein «zu viel» gar nicht erst zugelassen habe – eben aus Angst «zu viel» sein zu können. Das wiederum führt dazu, dass ich mich oft unauthentisch fühle. Nicht, weil ich mich anders darstellen würde als ich in Wirklichkeit bin – theoretisch bin ich ein offenes Buch –, sondern weil ich meine Bedürfnisse zurückhalte. An Lebensdaten und bereits zu Ende analysierten Emotionen bin ich bereit, dir alles über mich zu erzählen. Was aber meine Bedürfnisse anbelangt, wirst du von mir nichts zu hören bekommen. Ganz einfach, weil ich sie in den meisten Situationen selbst nicht kenne, oder sie mir nicht eingestehen kann.
Beispielsweise bin ich in den letzten vier Jahren öfters in die Situation der «Gastgeberin» geraten. Zu Anfang mit Freude, zuletzt mit großem Widerwillen, teils auch mit Wut. Einerseits weil ich nach und nach frustriert darüber war, in welch fordernder Infantilität es sich selbst Erwachsene noch bequem machen können, andererseits aber auch darüber, dass ich mich selbst in eine Rolle gezwängt habe, die mich hat unfrei fühlen lassen. Koche ich zwar sehr gerne und mag es, Menschen auf diese Art meine Zuneigung kundzutun, erlischt dieser Wunsch jedoch, sobald er nicht mehr aus Freiwilligkeit und Sympathie entsteht, sondern aus Pflicht und Zwang.
Und hier wird’s schwierig: Denn anders als manch anderer vielleicht schaffe ich es in diesen Momenten des aufkeimenden Widerwillens nicht, diesem Ausdruck zu verleihen, sondern fresse ihn in mich hinein. So, dass ich den anderen nicht nur dahingehend «Unrecht» tue, dass ich ihnen keine Chance gebe, mich – indem ich sie an meinem Innenleben teilhaben lasse – nicht über sie ärgern zu müssen, sondern mich letzten Endes einzig und allein über mich ärgere, da nicht einmal ich mich selbst habe teilhaben lassen an meinem Innenleben. Was mich wieder zurück zu dem fehlenden Raum führt: In welcher Verpflichtung glaube ich, anderen Menschen gegenüber zu stehen, als dass ich mich durch – nicht für – sie so verbiege? War es doch selten eine Bewegung des «Gefallenwollens». Was in mir gegeneinander an zu arbeiten scheint, sind die Anteile von Harmoniebedürfnis und fehlendem Grenzensetzen. Lieber überstehe ich die gemeinsame Zeit ohne Eklat und begebe mich in meinem eigenen Haus auf Vermeidungskurs, als dass ich anspreche, was mich stört.
Der Glaubenssatz dahinter ist vermutlich, dass Streit zur Trennung führt. Dabei wurde ich mittlerweile oft genug des Gegenteils belehrt: Wann immer ich aus diesen Situationen der Vermeidung ins Gespräch gegangen bin, entstand bei ehrlicher Kommunikation (hierzu empfehle ich alle Videos von Gopal Norbert Klein) erstmals echte Nähe im gemeinsamen Kontakt. Die Energien konnten fließen, und mir fiel – ähnlich wie bei Texten wie diesen – tatsächlich auch mal ein Stein vom Herzen.
Nichtsdestotrotz, so stelle ich immer wieder fest, scheine ich dazu zu neigen, mir diese Steine stets wieder zu suchen und erneut um mein Herz zu legen. Einmal zerbrochen, werden die Mauern von mir wieder aufgebaut. Da ist kein – für mich ersichtlicher – Lerneffekt. Und langsam frage ich mich echt, woran das liegt und wie lange ich so noch weitermachen will. Vor und zurück, ins Leben und doch wieder nicht, Herz auf, Herz zu, Vertrauen gegeben und sogleich wieder genommen. Einerseits verzweifle ich an meinen, mir zutiefst vertrauten, Bewegungen, anderseits ist da aber auch die Ahnung, und zuweilen auch das Eingeständnis, dass ich nun einmal so bin und vielleicht niemals aus meiner Haut werde herauskommen können. Und es, wenn ich ganz ehrlich bin, vielleicht auch nicht mal will.
Demgemäß wird es den ein oder anderen vielleicht nicht wundern, aber eins meiner Lieblingsbücher ist Der Steppenwolf von Hermann Hesse. Nach dem Abitur wusste ich nicht ganz, wohin mit mir und bekam von einer mir lieben Lehrerin ein Berufsberatungsgespräch von ihrem Mann «geschenkt». Damals war meine Idee noch, Psychologie zu studieren. Was er mir nach einem dreistündigen Gespräch mit einem Satz aus dem Kopf schlug: «Du bist kein Menschenfreund, lass es.» Was soll ich sagen, er hatte recht. Denn auch wenn es zweifelsfrei Menschen in meinem Leben gibt, die ich liebe, bin ich kein Freund von «den Menschen» oder «dem Menschen», wie er mir heute so zahlreich gegenübertritt. Wie Harry Haller bin auch ich müde von ihren Verfallserscheinungen, ihrem Desinteresse an der Welt, und der Lieblosigkeit, mit der sie sie behandeln.
Vielleicht also bin ich auch nur müde vom Enttäuschtwerden und schaffe es nicht, mir dies einzugestehen. Letzteres eben aufgrund jenes vielfach erwähnten und andernorts zutage getretenen Pflichtgefühls. Ich bin 26, aufgeschlossen, voller Interessen und soweit ich weiß auch lustig – eigentlich «müsste» ich in der Stadt leben und ein buntes Sozialleben pflegen. Tue ich aber nicht. Ich lebe hier im Tessin in einem Bergdorf mit rund 40 Einwohnern. Und soweit fühle ich mich wohl. Bedingt wohl. Ich mag die Ruhe, das Nichtausgesetztsein von Wahllosigkeit oder Lärm, allem voran aber die Natur, ihre Farben, Geräusche und Gerüche. Hier habe ich das Gefühl, einen Nährboden zu haben für die, die ich von meinem Wesen her bin. Und doch stimmt etwas nicht.
Mich beschleicht das Gefühl, etwas zu versäumen. Nicht die Stadt, ihre Partys oder neuesten «Foodspots». Was ich meine, ist Wirksamkeit. Derzeit, so mein Eindruck, halte ich mich beschäftigt mit Dingen, die nichts ändern. Weder für mich, noch für andere. Das Buch zu schreiben war eine große Erleichterung. Und doch beschlich mich nach seinem Ende die Frage: Was jetzt? Ich hatte das Gefühl, alles gesagt zu haben. Alle Themen, die ich in den vergangenen Jahren durch mich hindurch gelassen hatte, konnte ich auf knapp 270 Seiten in der Quintessenz zusammentragen, von der ich nicht das Gefühl habe, meinen Lesern wertvolle Lebenszeit zu stehlen (anders beispielsweise bei diesem Text: zu lang, zu jammerig-schwafelig, zu belanglos?).
Ohne mein eigenes Schreiben jedoch kleinzureden, beschlich mich insbesondere beim finalen Korrekturlesen oft der Gedanke, warum ich dies nun nochmal geschrieben habe, wenn ein Erich Fromm oder Alan Watts es doch bereits geschrieben hat. Worin liegt der Unterschied? Macht es einen Unterschied? Oder hätten diejenigen, die an jenem «Wissen» interessiert gewesen wären, sich ihrem nicht längst ermächtigt? Warum den Menschen etwas hinterhertragen, was längst da ist? Die Antwort liegt vermutlich im Zeitgeist und seiner Qualität. So musste auch ich mir zuletzt immer wieder sagen: Lilly, deine Intention mit dem Buch war, deinem Unmut und deinem Unverständnis darüber, dass Erich Fromm seit 1976 mit Haben oder Sein Millionen und Abermillionen Menschen erreicht hat, und es sich oberflächlich betrachtet «nichts geändert hat», Ausdruck zu verleihen. Wohlwissend, dass sein Buch dein Leben mit 18 grundlegend verändert hat. Es ist nicht die große Veränderung, die den Unterschied macht, sondern der Tropfen auf den heißen Stein.
Und meine Güte scheint dieser Stein mittlerweile heiß: Die Menschen erwachen und ich fange an, mich mit meinem Unmut nicht mehr «allein» zu fühlen. Seien es die Proteste gegen die E-ID in Großbritannien oder die Friedensmärsche in Ungarn. So sehr man es uns auch weismachen will: Es ist weder alles verloren, noch sind wir allein. Und ich merke, dass ich dieses Gefühl auch wieder zu meiner Lebensrealität werden lassen möchte. Ich hatte es, 2021 mit Gunnar und jenen durch ihn gewonnenen neuen Freunden. Das Gefühl von Gemeinschaft, von Menschen, mit denen ich gemeinsame Werte teile, aufgrund derer ich ihnen vertraue und tatsächlich Nähe zulassen kann. So traumatisierend 2020 auch gewesen sein mag – 2021 war das Jahr der Lebensfreude für mich. So viel ist aufgebrochen, so viel geheilt. Und ich möchte dieses Gefühl zurück. Nicht nur für mich, am liebsten für uns alle. Und gleich dies auch etwas Übergriffiges haben mag und ebenso dem Faktor «Zeitqualität» unterliegt, frage ich mich aktuell, wo mein Platz in diesem aufbrechenden Umbruch sein wird. Ist es das Schreiben? So wie bisher, oder doch anders? Gibt es Möglichkeiten, meine Arbeit um gemeinschaftliche oder therapeutische Aspekte zu ergänzen?
Egal, in welche Richtung ich oder mein Schreiben sich in Zukunft entwickeln mögen – eins ist mir schon jetzt klar: Es kommt auf die Energie an, mit der ich auf die Welt und andere Menschen zugehe. Ich will weder mehr die Infantilität anderer Menschen, noch ihre aus reinem Nachrichtenkonsum und gleichzeitig fehlender Veränderung bestehenden Komfortzonen bestärken. Sei es im direkten Kontakt, oder durch meine Texte: Das Zeitalter der Eigenverantwortung hat begonnen. Und genauso wie ich langsam anfangen darf, Verantwortung für meine Bedürfnisse und ihre Grenzen zu übernehmen, darf auch der Rest der Menschheit sich langsam eingestehen, dass nichts sich ändern wird, wenn sie nicht sich selbst ändern.
Der Wandel beginnt nicht mit uns, sondern in uns. Das ist eine der Botschaften, die ich in meinem Buch versucht habe, rüberzubringen. Es wird keinen Frieden geben, wenn du nicht anfängst, mit dir selbst in Frieden zu sein, und keine Wahrheit, wenn du nicht anfängst, ehrlich gegenüber dir selbst zu sein.
Ich weiß, dass ich mich mit diesem Text, abermals, sehr nackt gemacht habe. Und doch merke ich, dass es sich für mich mittlerweile anders nicht mehr stimmig anfühlt. Ich weiß nicht, ob meine «Aufgabe» langfristig gesehen darin liegt, philosophische Essays zu schreiben, deren einziger Unterschied zu den bereits geschriebenen darin besteht, dass ich in ihnen mehr Ungereimtheiten im offiziellen Narrativ gegenüberstelle. Wie schon so oft gesagt: Wer es bis jetzt noch nicht gesehen hat, will es nicht sehen. Und da «bringt» es meiner Erfahrung nach auch nichts, mit noch mehr Missionarsgeist gegenanzuarbeiten. Ich spüre es ja an mir: Woran unsere Gesellschaft wirklich krankt, woran es uns wirklich mangelt, ist unser Unvermögen, wahrhaft miteinander in Kontakt zu gehen.
Nachrichten über Krieg, E-ID, Chatprotokollsabkommen oder Messerstecherattacken mögen lähmend sein – aber sie sind umso lähmender, je isolierter wir sind. Warum also überwinden wir nicht erst das, was uns isoliert, ehe wir meinen, Kämpfe gegen etwas führen zu wollen, was uns genau davon abzuhalten versucht: verbunden zu sein?
Abschließend würde ich daher gerne eine Stelle aus meinem Buch zitieren, in dem ich versucht habe, das Gefühl des «Fremdseins» in eine Tugend zu wandeln:
«Darin liegt das Heilmittel jedes Weltfremden: Wenn er aufhört, sich dafür zu verurteilen, die Falschheit der Welt als falsch zu empfinden. Was nämlich würde passieren, würde er aufhören, sich für seine Weltfremdheit zu schämen und stattdessen anfangen, sie als Geschenk zu sehen? Denn wo wäre er jetzt ohne sie? Mit wem säße er zusammen? Über welche Dinge würde er reden? Könnte er mit sich alleine sein? Sähe er die Welt, so wie sie ist, und könnte sich ihr gegenüber entsprechend authentisch positionieren? Oder müsste er sich am Ende seines Lebens eingestehen, dieses in Illusionen verbracht zu haben?
Haben wir erst einmal akzeptiert, dass die Dinge so sind, wie sie sind, haben wir ohnehin verloren. Darum besteht zumindest für mich der Weg, dieser entkoppelten Welt nicht anheim zu fallen, darin, mich selbst von ihr zu entkoppeln. Mich jeder Zwangsläufigkeit ihres inhärenten Müssens und Sollens dadurch zu entziehen, dass ich mich der Welt entziehe. Ich für mein Gefühl nämlich glaube, dass jedes Gefühl gelebt werden möchte. So auch das Gefühl der Weltfremdheit. Und wer weiß schon, wer oder was uns in die Arme nimmt, wenn wir uns von allen anderen verabschiedet haben? Die Unterwelt? Gott? Wir uns selbst? Welche Welt geht auf, wenn die andere sich schließt?
Nehmen wir unsere Weltfremdheit nicht länger als Ausdruck eines Nichtrichtigseins. Ganz im Gegenteil: Nehmen wir sie als Ausdruck dessen, dass uns noch das Gefühl dafür innewohnt, was in dieser Welt alles nicht richtig ist.»
Passt gut auf euch auf.
Herzlich,
Lilly
Mein Buch Sein statt Haben erscheint am 27. November im Scorpio Verlag. Vorbestellungen gerne hier, oder beim Buchhändler deines Vertrauens.
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Grossartig ehrlich ! Bin gedanklich ganz bei dir . Und auch ich bin müde , dachte ein Umbruch zu einer besseren Welt würde schneller gehen .
Meine liebste Lilly, ich habe irgendwie lange nichts von Dir gelesen und Dir auch lange nicht geschrieben. heute freue ich mich deshalb umso mehr, auch wenn ich in Dir eine suchende Resignation spüre, die unberechtigt ist, denn Du solltest einfach die Augen öffnen und Dich mehr in diese Welt stürzen. Wir leben in Wellen , in Jahreszeiten, in Zyklen, in Spiralen der Entwicklung und mit jeder Umdrehung kommen wir mal mehr mal weniger bewusst an einen Punkt an dem wir schon waren und sehen ihn nun anders. Was ich sagen will: Zwing Dich NIE in ein Korsett nach dem Motto: das ist besser für mich, sondern gebe Dich mehr dem hin, was in Dir ist, wie eben mit Deinem Text heute. Warum Du über Dinge schreibst, über die schon Erich Fromm oder andere schrieben? Weil Du mich teilhaben lässt. weil Du Dich damit mit-teilst, weil ich so von Dir erfahre, wo Du stehst. Geht es mir vielleicht gerade ähnlich? Und: in dem du von Dir erzählst von Ängsten, Scham, Zweifel, Not, Trauer, gibst Du den Lesern den Mut darüber selbst nachzudenken und vor ALLEM: ES AUCH MUTIG AUSZUDRÜCKEN, WIE ES IN IHNEN AUSSIEHT. Denn das ist es, was uns in dieser Welt fehlt. Alle tauschen medial aus, wo sie sind und welchen Badeanzug sie gekauft oder wo gekotzt haben, welches Buch gelesen und welchen Schal gekauft. aber wahre Kommunikation (und das ist unsere verdammte aufgäbe hier) und Intimität ist die schonungslose offen und Ehrlichkeit mit und zu uns selbst und zu anderen (bielleicht in leicht abgeschwächter Form) zu sein. Denn nur so verbinden wir uns. Wir machen uns so vielleicht verletzlich, aber das Risiko muss sein. Authentizität. Brutale Ehrlichkeit. Dann wirst Du nicht verletzt. Sondern Du schaffst Nähe und Vertrauen, ermutigst und steigst auf. Jedwedes Konzept eines Lebens ist Makulatur, wenn Du nicht Du selbst bist. Und der der diese Gedanken teilt ist ein anderer als Du. Du kannst nicht so leben wie andere. Dein Weg ist ein anderer als Buddha oder vielleicht als Jesus, um zur Erleuchtung zu gelangen, all diese Bücher, Gedanken, Philosophien dienen nur der Orientierung und der Abfrage in Dir: WAS BIN ICH. WER BIN ICH DENN? WAS IST MEIN WEG? WAS MEINE AUFGABE. Du wirst kein Erich Fromm oder Hermann Hesse und wahrscheinlich wirst Du nie so berühmt oder verkaufst so viele Bücher, aber das sollte auch nicht das Ziel sein. Es geht nicht um Deine WIRKUNG AUF ANDERE oder besonders beliebt zu sein, es geht darum Dich der Welt so zu zeigen, wie Du bist und dann wirst Du schnell erfahren, erleben, wie sehr die Menschen genau das an dir schätzen und wie sie sich auch dir öffnen. Der Punker in Berlin, der Macho in der Disco, die Kuh auf der Weide, die Postbeamte. Geh auch mal in die Stadt. Guck dir die Menschen an. Jeder ist ein Unikum, jeder einzigartig. Keiner ist besser als der andere! Schau Sie Dir an. Fahr tagelang einfach sinnlos Bus, geh durch die Straßen oder in die Kirche, ins Kino, wohin auch immer und spüre, wie Du auf was reagierst. Dann in dem Meer der Vielen bist Du die Lotusblüte und Einzigartig und wirst spüren Was und wer du bist. Wie dein Inneres aussieht. Und dann kehre zurück und schreibe. Aber sei authentisch, liebste Lilly und hab keine Angst vielleicht scheiße zu sein oder Deiner Gäste rauszuschmeißen, wenn Sie nerven. Du kannst ja freundlich dabei sein. Du wirst garantiert jemanden unter Ihnen danach besser kennenlernen, weil Du ihm Mut machst auch sich als er frei selbst zu zeigen. Mein alter Meister Osho schrieb mir 1988 in einem Brief: Sei Du selbst. Das ist das mindeste, was Du Gott schuldig bist, denn so hat er Dich erschaffen. Damit Du so göttlich bist, wie Du es eben bist. liebe Dich und dann lieben Dich auch Deine Nächsten, aber das ist dann natürlich und nicht mehr wichtig. Sondern selbstverständlich. Wir, Lilly, sind in diesem Leben immer auf der Suche und finden uns jeden Tag neu. Wir sind nie fertig, wir sind vielleicht morgen anders als übermorgen. Leben ist ständiger Wandel. Der Fluss ist an jeder Stelle neu, auch wenn wir uns darin unbeweglich treiben lassen, ist jede Sekunde anders. Vertraue auf Gott und das Universum. Und denke in dunklen Tagen immer daran: Jede Münze hat zwei Seiten. Was im ersten Moment doof und scheiße erscheint ist auf der anderen Seite vielleicht ein Geschenk in Deiner Entwicklung, eine wertvolle Erfahrung, ein Schatz, auch wenn Du es jetzt noch nicht begreifst. Schreibe über Deine Zweifel und schon hast Du sie in etwas wunderbares transferiert: in eine verletzlich Präsentation deines Inneren, die ich mit Freude lesen kann, manchmal mit Sorge, aber immer in dem Vertrauen, dass Du genau den Weg gehst, den Du gehen sollst. Du kannst nichts falsch machen (solange du nicht bewusst anderen schädigst oder diese bremst, umbringst oder verletzt). Du bist großartig Lilly. Und ich werde Dich wirklich gern auf Deinem Hof besuchen. IRGENDWANN - So Gott will. Wi sehen uns.