Worüber würde ich schreiben, wenn es niemanden mehr interessiert?
Von geistigem Nomadentum und physischer Einsamkeit.
«Wer allein ist, ist auch im Geheimnis.» ― Gottfried Benn
Wann und warum schreibe ich? Das war so ein bisschen die Frage, mit der ich letztlich um den Gardasee gefahren bin. Ohne Begleitung, dafür aber in bester Gesellschaft von Michael Klonovskys Buch Lebenswerte. Während dieses nach Monaten der sparsamen – oder besser: aufgesparten – Lektüre ohnehin nur noch aus Anmerkungen bestand, ließ mich eine Stelle besonders innehalten: dass der Philosoph ausschließlich über das schreibt, was ihn beschäftigt. Die Wahrheit des Seins, das Sein und das Nichts, das Sein oder das Haben, das Nichtsein und die Zeit, die Zeit oder das Haben, das Haben und das Nichts. Die Weltalter und inneren Weltuntergänge.
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Denn ja, schlussendlich – und das ist wirklich eine Sache, die ich mir immer wieder vergegenwärtige – schrieb auch Friedrich Nietzsche zu Lebzeiten für einen verschwindend geringen Kreis von Menschen. Das stelle man sich erst einmal vor. Was für eine Existenz. Was für eine Konfrontation mit dem Nichts. Für mich ist es ja schon furchtbar, mich in diese Energie nur hineinzuversetzen: Diese Gedanken, die er aufgrund der ausbleibenden Resonanz immer wieder infrage stellen musste. Die entsprechenden Selbstzweifel. Die Selbstuntergräbnisse. Gefolgt von nervlichen Zusammenbrüchen und physischen Leiden. Dem Gefühl radikalen Fremdseins in der Welt und im eigenen Zeitgeschehen. Der Möglichkeit, dass es niemanden interessiert. Dass es vielleicht auch zukünftig niemanden interessieren könnte, was ihn selbst doch über die Ränder der menschlichen Existenz getrieben hatte. Absolut niemanden. Das alles, und dennoch schrieb Nietzsche weiter und durchlitt Höllenqualen. Irgendetwas in ihm muss lauter gewesen sein als all die Zweifel und der Schmerz. Etwas, das ihn trotz allem spüren ließ, dass es wichtig war, diese Dinge niederzuschreiben.


Ja, mit diesen Gedanken gehe ich immer wieder umher. Es ist so einfach, nach Komplimenten zu fischen und die Themen zu bearbeiten, die alle hören wollen und damit den Leuten nach dem Mund zu reden. Es ist einfach, will ich fast sagen, das auszusprechen, was ohnehin alle denken, wofür sich nur niemand traut, mit seinem Namen hinzustehen. Was aber ist mit den Dingen, die alle spüren, aber noch niemand zu denken vermag? Was ist mit dem noch nicht Zeit gewordenen Geist? Mit jener Stimmung, die eine ganze Generation daran hindert, sie selbst zu werden? Was ist mit solchen Dingen? Wer außer dem Philosophen könnte sie greifen? Wem außer dem Philosophen würde man zuhören, machte er sie – trotz aller bisherigen Ungreifbarkeit – plötzlich zum Thema?
Stirnrunzeln. Augenbrauen hochziehen. Nase rümpfen. Was will der denn jetzt? Was soll da sein? Welches Problem? Welche Dialektik? Welches moralische Dilemma? ― Schlussendlich ist es doch immer der Philosoph, der diese Dissonanzen erstmals sichtbar macht, sie überhaupt erst spürbar werden lässt. Und der für sie auch die ersten Schläge der Zeit abkriegt, die er als Erster durchdrungen hat – die Notwehr jenes Unbewussten, das in einer Gesellschaft längst wirkt, ohne sich selbst je vollends verstehen zu werden. Nur damit es später dann die Politiker sind, die auf den durch seine Ideen bereiteten neuen Zeitgeist aufspringen und ihn für ihre eigenen Zwecke nutzbar machen.
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Für wen der Philosoph dieses Schicksal auf sich nimmt? Für niemanden. Außer sich selbst. Er kann nicht anders. Er allein lebt seiner Zeit entgegen. Er ist der Außenseiter, der Antizykliker, der die Zyklen seiner Zeit dennoch spürt und versteht wie kein anderer. Gerade weil die Masse diese Bewegungen ihrer Zeit noch nicht wahrnimmt, muss er ihr entgegenstehen. Um sich selbst nicht auch noch zu verlieren.
Er selbst hat längst verstanden: Er ist der Einzelne, der Einsame, der Alleinige.
Und es ist wichtig, dass er genau das ist: allein.
Das Alleinsein verschafft ihm Distanz. Durch sein Alleinsein stellt er sich seinen Lesern und Zeitgenossen mitsamt ihren Wutausbrüchen über seine Einsicht, zumindest in diesem Leben kein anderer mehr zu werden, gegenüber. Anstatt mit ihnen unterzugehen, übt der Philosoph sich in der Versenkung. Er weiß, wie Klonovsky den nun auch von mir sehr geschätzten Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila wiedergibt, dass sich nahezu jeder tiefe Gedanke und gewiss jede Versenkung, ob nun ästhetisch oder spirituell, in der Einsamkeit vollzieht. … Und dass seine Mitmenschen letzten Endes nicht wütend sind auf ihn, sondern auf sich selbst.
«Einsamkeit», schreibt wiederum Klonovsky, «bedeutet Sammlung, also das Gegenteil von Zerstreuung; sie ist der einzige Schutz vor dem allgegenwärtigen Geschwätz». Nur dadurch, dass er allein ist, weiß der Philosoph, was sein Eigenes ist. Was seine eigenen Gedanken sind. Was sein eigenes Störgefühl ist. Und was nicht. Was vielmehr die anderen ihm, gefangen in ihren eigenen Belangen, als vermeintlich «von Belang» verkaufen wollen.



Das ist das Drama der Masse. Sie erstickt in ihrer eigenen Belanglosigkeit. Und hält das, was sie beschäftigt, für das einzige, was überhaupt von Bedeutung ist.
Dabei müssten doch auch sie nur eines tun: anfangen, selber zu denken. Anfangen, für sich selbst zu stehen. Allein für sich zu stehen. Aus sich selbst heraus geradezustehen – für sich einzustehen. Oder wie Klonovsky so treffend schreibt:
«Jedes bedeutende philosophische Werk ist eine Selbstermächtigung zum Denken. […] Wer geistig unabhängig sein will, muss lernen, lange allein sein zu können. Ein Mensch, der mit sich selbst nichts anzufangen weiß, ist ein Abhängiger, angewiesen darauf, dass ihm irgendwer seine Zeit füllt, verdammt dazu, irgendwelchen Vorgaben zu folgen. Nebenbei ist er der ideale Konsument, mit gläsernen Bedürfnissen.»1
Nichts anderes macht der Philosoph. Er steht für sich. Er steht allein. Er steht zu dem, was er als wahr erkannt hat. Egal, wie oft, wie laut, wie vehement und wie bösartig dies auch als Irrtum, Lüge oder Traumareaktion bezeichnet wird.
Was er sich fragt, ist nicht, warum er allein ist. Sondern warum er der Einzige ist.
Nach den ersten Terminen für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben stehen nun bereits vier weitere:
Samstag, den 20. Juni. Nachmittags bis abends in 31675 Bückeburg OT Cammer (Zwischen Hannover und Bielefeld). Circa 30 Plätze.
Dienstag, den 23. Juni in Nienburg/Weser. Hotel Am Posthof. Einlass ab 18:30. Beginn der Lesung. 19:30 - 22:00 Uhr. Die Plätze sind auf 35 begrenzt.
Freitag, den 26. Juni in Bammental, Nähe Heidelberg. Einlass 18:30 Uhr, Beginn der Lesung 19 Uhr. Ort: Praxis an der Elsenz in der Hauptstraße 41/1.
Samstag, den 27. Juni in 76185 Karlsruhe-Mühlburg Hardtstrasse 37 a Bau 4 Rückseite Kulturzentrum Tempel. Beginn 18 Uhr.
Ganz grundsätzlich plane ich derzeit mehrere Lesungen in der zweiten Junihälfte. Verfügst auch Du über einen kleinen Saal oder ein größeres Wohnzimmer (oder auch einen schönen Garten), in dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreib mir doch gerne an lillygebert@posteo.de – und vielleicht können wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
Kontoinhaberin: Lilly Marie Gebert
IBAN Deutschland: DE13120300001056704222
IBAN Schweiz: CH97 0839 2000 1604 6030 1
Verwendungszweck: Spende Substack (Beispiel)
Vielen Dank. Für alles weitere schreib mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonniere meinen Telegram Kanal, oder verfasse einen Kommentar.
Klonovsky, Michael (2017): Lebenswerte. Über Wein, Kunst, High Heels und andere Freuden. Lichtschlag in der Edition Sonderwege, Seite 80 und 78.


In einem winzigen Dorf praktisch ohne andere Kinder in meinem Alter und als Älteste in meiner Generation in der gesamten Familie aufgewachsen, blieb mir nichts übrig als das Alleinsein zu trainieren. So gerne hätte ich so etwas wie eine beste Freundin gehabt, mit der ich all meine so anderen Wahrnehmungen und den daraus resultierenden Gedanken hätte besprechen können. Da die Erwachsenen meine Wahrnehmungen als Fantasie betitelten, erschien mir mein Alleinsein und meine Ideen als ein fehlerhaftes Dasein...
Es brauchte viele Jahre des Schmerzes, der Frustration und des sich zutiefst einsam und unverstanden Fühlens, um letztlich zu erkenne, dass ich doch richtig bin und dass ich die kleinen und grösseren Bewegungen des Geschehens des Lebens halt einfach viel früher als meine Mitmenschen fühlen kann...
Ich kann total nachempfinden, wie man sich als einsamer Rufer fühlt, wenn man andere auf die (kommenden) Wellen aufmerksam machen möchte und dies nicht gehört werden will. Aber auch diesen Sendungswille und den Wunsch nach Wirksamkeit im Aussen kann man loslassen und sich dem intrinsischem Tun, also dem unabsichtlichen, ziellosen Tun vollends widmen. DANN wird und ist man frei! Man braucht nichts und niemanden mehr.
Das Spannende dabei: wenn man das Allein-Sein lieben kann, ist man es nicht mehr... Begegnungen ergeben sich, die das Eigene vertiefen, ohne es überschreiben zu müssen und ohne dass es zu Abhängigkeiten und Verklebungen mit Menschen kommt. Ein Moment des Sehens, Hörens und Fühlens und des Gesehen-Werdens, des Gehört-Werdens und des Gefühlt-Werdens. Resonanz.
Mich interessiert was du schreibst liebe Lilly. 💫
Und du bist nicht allein. Viele Große Denker und Künstler waren letztlich Grenzgänger und Ausgeschlossene.
"Es brennt ein großes Feuer in meiner Seele, aber niemand kommt, um sich daran zu wärmen, und die Passanten sehen nur einen kleinen Rauchfaden, der aus dem Schornstein steigt."
— Vincent van Gogh
"Mitten im Winter erfuhr ich letztendlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer liegt."
— Albert Camus
"Ein Außenseiter zu sein, der am Rand steht, ist eine harte Sache. Aber es bringt auch eine unbändige Freiheit mit sich – es schützt die wilde Seele vor der Zähmung."
— Clarissa Pinkola Estés (aus „Die Wolfsfrau“)
"Wir liegen alle in der Gosse, aber einige von uns sehen nach den Sternen."
— Oscar Wilde
"Dein Leben ist dein Leben. Lass es nicht in feuchter Unterwerfung verkommen. Halte Ausschau. Es gibt Auswege. Es gibt ein Licht irgendwo. Es mag nicht viel Licht sein, aber es schlägt die Dunkelheit."
— Charles Bukowski
"Der Außenseiter ist kein Freak; er ist einfach der Einzige, der sieht, dass das Haus brennt, während alle anderen gemütlich im Wohnzimmer sitzen."
— Colin Wilson (aus „The Outsider“)
"Was die Kritiker an dir tadeln, das pflege; denn das bist du selbst. Alles andere ist nur geliehen."
— Jean Cocteau
"Die Einsamkeit ist ein Sturm des Schweigens, der alle unsere toten Äste abreißt; und doch treibt sie unsere lebendigen Wurzeln tiefer in den brennenden Kern der Erde."
— Khalil Gibran