Die Männlichkeit
Ein Exklusivauszug aus «Sein statt Haben».
Alles, was wir unterdrücken, kehrt als verzerrte Fratze zu uns zurück. So auch die Männlichkeit. War ihr Ausdruck einst klar – wagemutig, beschützend und standhaltend –, war auch sie gezwungen, sich in einem Klima, das ihr misstraut, zu verwandeln: vom Willen, zu beschützen, in den Impuls, zu kämpfen. Nicht weil dieser ursprünglich aggressiv war, sondern weil ihm der liebevolle Spiegel fehlte, in dem er sich hätte selbst erkennen können. So jedoch, seiner ursprünglichen Aufgabe als Hüter und Hirte beraubt, tritt das Männliche nun erneut in die Welt – als Unterdrücker, als Macho, als Mann, der nicht weiß, ob er in dieser überhaupt noch eine Aufgabe hat.
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Ich frage mich: Was passiert mit einem Mann, der als solcher nicht mehr gebraucht wird? Der sich als der, der er eigentlich wäre, nicht gewollt fühlt? Verstummt er? Wird klein, demütig und depressiv? Oder lernt er, seine wahren Gefühle zu unterdrücken und sie stattdessen triebhaft auszuleben? Flüchtet er sich in die Sucht oder gar in den Suizid? Oder rettet er sich in eine Rüstung, in der er erst recht zum Schlächter wird? Die Realität zeigt: Das Bild vom Mann, der keine Last sein will und folglich alles alleine schaffen muss, ist kein Ideal – sondern ein Fluch. Und dieser Fluch fordert seinen Preis: in Form von Einsamkeit, Impotenz und innerer Erstarrung.
Entsprechend haben Männer eine Vielzahl an Wegen gefunden, dem Erwartungsdruck, der auf ihnen liegt, gerecht zu werden und ihm obendrein ein noch extremeres Pendant entgegenzusetzen. Als Trotzreaktion? Als Zurschaustellung ihrer vermeintlichen Überlegenheit? Als Hilfeschrei? Auf der einen Seite haben wir die »toxischeMännlichkeit«, jenen neuen Macho, der Frauen lieber »sammelt«, als sich ernsthaft auf sie einzulassen, und auf der anderen den »Golden Retriever«, den ehemaligen Softie als netten Jungen von nebenan, der doch nichts weiter will, als dir zu gefallen, und entsprechend nichts weiter tut, als sich dir anzupassen. Doch ob herrschsüchtig oder unterwürfig – all diese Rollen, die Männer meinen, einnehmen zu müssen, speisen sich aus einer Wunde: der Unfähigkeit, sie selbst zu sein.
Die Rückkehr repressiver Männlichkeitsbilder und nationaler Ersatzväter beruht letztendlich nicht auf echter Kraft, sondern auf ihrer Abwesenheit. Es ist der Mangel an innerer Stärke, der den äußeren Machtgestus, die »starke Hand«, notwendig macht. Aber auch der Beweggrund für den Softie, sich selbst immer weiter zurückzunehmen. Während Letzterer jede Verantwortung von sich wegschiebt, lagert der in seine Wut Flüchtende jede Schuld aus – an Frauen, an Migranten, an »die da oben«. Beide lassen ihr Ich unangetastet – um sich selbst nicht hinterfragen zu müssen, um nicht wachsen zu müssen. Das jedoch ist kein Ausdruck von Integrität, das ist Vermeidung.
Womit die Frage nicht mehr lautet: »Ist Männlichkeit überhaupt noch zeitgemäß?« Sondern: »Was ist Männlichkeit – ihrer Zeit gemäß?« Warum ist der Ruf nach einem »starken Mann« lauter denn je? Nicht primär innerhalb von Beziehungen, aber innerhalb einer Welt, die immer unsicherer zu werden droht. Wie kann es sein, dass immer mehr Menschen den Messias, den »Führer« im Außen suchen – gleichzeitig jedoch den »Mann« in ihrer Nähe ablehnen? Was meinen wir mit Stärke? Den selbstgerechten Anführer, der einfache Antworten bietet? Den Rechthaber, der Schuldige benennt, um dem eigenen Schmerz zu entkommen? Warum tolerieren wir autoritäre Züge im Politischen, empfinden aber jeden Ausdruck von Führung und Klarheit im Persönlichen als Übergriff und jedes Begehren bereits als verdächtig?
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Die Lösung wird nicht darin bestehen, dass Frauen nun die Rolle der Unterdrückerinnen einnehmen und ihrerseits herrschen. Autoritarismus lässt sich nicht mit Gegenautoritarismus überwinden. Wer patriarchale Strukturen wirklich auflösen will, muss begreifen, dass die Lösung nicht in der Umkehrung der Macht liegt, sondern in ihrer Auflösung. Was also lehnen wir – Frauen wie Männer – da im jeweils anderen, aber auch in uns selbst ab, wofür wir auf anderer Ebene dann insgeheim wieder einen Ersatz suchen? Wie kommen wir zu einer Beziehung, in der die Rollen nicht einfach vertauscht werden, sondern durchbrochen? In der beide – Mann und Frau – ihre Menschlichkeit entfalten und sich, fernab der gegenseitigen Projektion, in ihrer Ganzheit begegnen dürfen?
Vielleicht, indem wir Männlichkeit und Weiblichkeit nicht länger als Gegensätze verstehen, sondern als komplementäre Pole, die einander brauchen, um selbst vollständig zu sein. Ganz im Sinne von Yin und Yang trägt schließlich auch alles Männliche etwas Weibliches in sich, und alles Weibliche trägt auch etwas Männliches in sich – nicht in Form von Härte, sondern als Klarheit, Geradlinigkeit, Präsenz. Der Grundpfeiler ihrer Existenz ist die Anerkennung und der Respekt des jeweils anderen. Nicht über das, was sie haben oder sich selbst zuschreiben, sondern über das, was sie ihrem Wesen nach sind. Das nämlich ist wahre Stärke – nicht Lautstärke oder Kontrolle, sondern Selbstkontakt und gelebte Authentizität.
Anziehung lässt sich nicht verdienen oder durch Performance erzeugen. Sie entsteht nicht aus dem, was du hast, sondern aus dem, wer du bist. Sie ist das Echo, der Spiegel deines Selbstwerts. Diesen jedoch kannst du nicht »faken«. Entweder du bist dir etwas wert, oder du hast Wert. Lieber weiblicher Mann, liebe männliche Frau, bitte also sei du selbst. Alles andere ist Rüstung, ist Verkleidung, ist Maske.
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Warum also willst du als etwas oder jemand anderes geliebt werden als du selbst?
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Die ersten Termine für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben stehen bereits:
Am Donnerstag, den 12. März um 19 Uhr in der Studio MandoLina in der Kaiser-Joseph-Strasse 265, 79098 Freiburg (alle Infos hier).
Am Freitag, den 13. März um 17.30 in der Friedrichstraße 12 in 69412 Eberbach. (Da es eine bestimmte Anzahl an Plätzen gibt, sind wir sehr froh, wenn ihr Euch bei Sabine (Sabine.belz@yoga-eberbach.de) oder Anja (Anja.sonnenlicht@gmx.de) anmeldet.
Für Lesungen im Norden Deutschlands plane ich aktuell die letzten drei Juniwochen. Konkret in Aussicht sind derzeit Minden/Westfalen, Nienburg an der Weser, Cammer, genauso wie Berlin und Rendsburg.
Für die Schweiz sind Basel und Langenthal angedacht. Infos folgen.
Verfügen auch Sie über einen kleinen Saal oder ein größeres Wohnzimmer, in dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de – und vielleicht können wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
Kontoinhaber: Lilly Marie Gebert
IBAN Deutschland: DE13120300001056704222
IBAN Schweiz: CH97 0839 2000 1604 6030 1
Verwendungszweck: Spende Substack (Beispiel)
Vielen Dank. Für alles weitere schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonnieren Sie meinen Telegram Kanal, oder verfassen einen Kommentar.





Moin liebe Lilly,
ich schrieb mal, dass ich deine Ausarbeitung zum Thema Männlichkeit unfassbar stark fand und dass diese Ausarbeitung mit Abstand die stärkste von jenen ist, die ich bis dato gelesen habe. Daran hat sich nichts geändert, und wenn sich etwas an meiner Ansicht zur Stärke deiner Arbeit ändert, weiß ich, dass sich alles in eine gute Richtung entwickelt hat.
Nichtsdestotrotz möchte ich generell mahnen. Ein Patriarch wird oftmals leider mit einem Tyrannen gleichgesetzt und ich verstehe warum es diese Sichtweise oder Empfindung gibt. Ein Patriarch kann aber nur dann Patriarch sein, wenn es eine mindestens (!) gleich starke Matriarchin gibt. Das, was heute als patriarchalisch erachtet wird, ist das Treiben von männlichen Psycho-Trümmerhaufen, die oftmals seelenlos und charakterlich völlig degeneriert sind.
Diese seelenlosen Trümmerhaufen findet man genauso gut auf der weiblichen Seite, womit eine gewisse Achtsamkeit bei der gesamten Bewertung einhergehen sollte.
Mir geht es dabei nicht um Schuldabweisung oder Schuldzuweisung, sondern ich erachte den Prozess, der nun zwischen Mann und Weib wieder einsetzt, als einen der wichtigsten Prozesse überhaupt. Auf individueller Ebene bedeutet es nämlich, dass Mann und Weib erst einmal wieder bei sich selber und in ihrer jeweiligen Urkraft sind, bevor sie überhaupt füreinander sein möchten könnten und zwar so füreinander sein möchten, dass aus einer Beziehung eine heilige Verbindung wird, die von Vertrauen und Wohlwollen getragen wird, sodass diese heilige Verbindung auch alle Stürme der Zeit trotzt.
Ganz liebe Grüße,
Basti
Liebe Lilly,
du hast natürlich wieder so viel erkannt… feinsinnig. Möchte dieses mal etwas weniger von mir geben. Nur der Gedanke, dass diese Vorgehensweise, des Systems, der dunklen “Mächte “ genau diese Männlichkeit aus dem Weg zu räumen. Mit Hilfe von Hightech!! Bis hin zur hinzugabe von Chemieschen Mitteln der Nahrung und natürlich Trinkwasser “ Stichwort : Gender… Schwachsinn!!
Alles kann ein großes Bild ergeben. Christus sagt : “Wer sehen kann, der sehe “…
Alles Liebe.