Die Weiblichkeit
Ein Exklusivauszug aus «Sein statt Haben».
»Die Befreiung der Frau«, antwortete Michel Houellebecq bereits 1996 in einem Interview, habe eher den Männern gedient – hätten sie in ihr doch die Gelegenheit gesehen, ihre sexuellen Begegnungen zu vervielfachen. Die auf sie erfolgte »Auflösung des Paares und der Familie, das heißt, der beiden letzten Gemeinschaften, die das Individuum vom Markt trennten«, bezeichnete er als »menschliche Katastrophe«1, an der für sein Empfinden die Frauen am meisten litten: Selbstlosigkeit, Liebe, Mitgefühl, Treue und Sanftheit als »feminine« Eigenschaften seien ins Lächerliche gezogen worden, und das Verschwinden dieser »Werte einer höheren Kultur« sei eine Tragödie.
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Diesen Verfall bestätigte auch Margarete Mitscherlich wenige Jahre zuvor. Gewalt und Paranoia seien ihr zufolge ursprünglich immer von Männern ausgegangen. Frauen hätten sich ihrem Verfolgungswahn lediglich unterworfen und sich allein auf diese Weise an Kriegen beteiligt. Während sich jedoch auch heute noch zu viele Frauen mit diesen »falschen, männlichen Werten« identifizierten, nach ihnen handelten und ihnen entsprächen, führe laut Mitscherlich kein Weg daran vorbei: Die Zukunft wird weiblich sein. Nicht im Sinne einer Herrschaft der Frauen über die Männer als bloße Machtumkehr, sondern vielmehr als innerliche Emanzipation, als Befreiung beider Geschlechter von der »männlichen Art«, zu denken. Oder überhaupt: als Hinterfragen dessen, überhaupt immer alles denken statt fühlen zu sollen. Es gehe nicht darum, als Antwort auf die jahrtausendelange Unterdrückung der Frau nun die Männer zuunterdrücken. Worum es gehe, sei, die Prinzipien ausfindig zu machen, die den Kreislauf aus Zerstörung und Selbstzerstörung bislang aufrechterhalten hätten. Ihre Gefühlsinfantilität und Projektionsneigung gelte es laut Mitscherlich zu durchbrechen. Sie schreibt: »Denn nur dann kann ein Mensch erwachsen werden, wenn er sich in andere einfühlt und wahrnimmt, dass der andere anders ist und denkt, als er es vorteilsblind glaubt.«2
Letztlich hatte darauf bereits Christa Wolf mit ihrer Erzählung Kassandra aufmerksam gemacht: In ihr wird die titelgebende Seherin Kassandra zur Symbolfigur einer emanzipierten Weiblichkeit, die patriarchale Werte wie Krieg und Macht hinterfragt. Ihre Sanftheit – verstanden als Fähigkeit, Wahrheit und Mitgefühl trotz Ignoranz und Zerstörung zu bewahren – dient als Gegenentwurf zu männlich geprägten Prinzipien von Dominanz. Kassandra zeigt, dass wahre Stärke nicht in der Unterdrückung, sondern in der Fähigkeit liegt, auch in ausweglosen Situationen Integrität und Menschlichkeit zu bewahren. Diese Haltung bildet eine Brücke zwischen den Geschlechtern, indem sie Männer und Frauen gleichermaßen zu einer neuen Form des Zusammenlebens einlädt, die auf Verständnis und Empathie basiert.
Kassandras Geschichte zeigt, dass wahre Emanzipation nicht in der Umkehr von Machtverhältnissen liegt, sondern in der Fähigkeit, sich selbst und anderen trotz Enttäuschungen und Konflikten mit Mitgefühl zu begegnen. Eine Haltung, die sich auch in der Dynamik von Beziehungen widerspiegelt, die nie perfekt sind, sondern durch stetige Herausforderungen zur Reifung führen. Und zwar, indem sie uns all die Täuschungen nehmen, die wir uns von unserem Gegenüber gemacht haben. Sie werfen uns auf uns selbst zurück, bringen uns in unsere eigene Kraft. Allein dadurch, dass wir merken, dass niemand für unsere aus dem Gleichgewicht geratene Energie verantwortlich ist als wir selbst.
Weiblichkeit meint an dieser Stelle Ruhe und Einsicht als liebevollen Umgang mit uns selbst und anderen. Keine Verweichlichung oder ein frühzeitiges Verzeihen, sondern die Weisheit, dass sich Frieden nicht durch Ignoranz und Strafe, sondern einzig durch Mitgefühl und den Wunsch zu verstehen besiegeln lässt. Wobei eine Zukunft, die weiblich sein soll, gleichzeitig auch bedeutet, dass Frauen aufhören, sich selbst aufzuopfern. Aufopferung verneint den eigenen Lebenswillen, steht nicht im Einklang mit der natürlichen Ordnung, der zufolge alles Leben aufs Leben zielt – zwar auch auf das der anderen, aber ohne Aufrechterhaltung des eigenen Lebenswillens erlischt auch diese Kompetenz in ihrer Grundenergie.
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Lebendigkeit steckt an. Und in Kombination mit dem Weiblichen nährt sie das Leben selbst. Dabei ist nichts »typisch weiblich« oder »typisch männlich«. Weshalb auch niemand – nicht Mann, nicht Frau – darum herumkommt, seinem oder ihrem Leben einen eigenen Sinn zu verleihen. Es gibt keine Kategorien, hinter denen wir uns verstecken, keine Schubladen, in denen wir uns einschließen können. Mit dem eigenen Lebenssinn gilt es, kritisch umzugehen. Als Frau, aber auch als Mann. An Idealen lässt sich bekanntermaßen schnell ersticken. Wie in jedem Lebensbereich gilt es auch in der Geschlechterfrage, jede Form von Anpassung abzustreifen und stattdessen Aktivität und Eigenständigkeit zu fördern:
Welche Frau will ich werden? Was hält mich davon ab, meine Weiblichkeit zu leben? Wieso assoziiere ich Männlichkeit mit Stärke und nicht Weiblichkeit? Worin zeigt sich für mich Stärke? Im Abgrenzen – oder im Weichwerden? Im Denken – oder im Fühlen? Und kann es sein, dass ich, indem ich das Weibliche in mir und der Welt ablehne, insgeheim nur Ausflüchte dafür suche, mich mit dem zu konfrontieren, was mich davon abhält, in meine eigene Kraft zu kommen? Ja, wovor ich selbst Angst habe – meiner eigenen Lebendigkeit?
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Die ersten Termine für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben stehen bereits:
MORGEN, 12. März um 19 Uhr im Studio MandoLina in der Kaiser-Joseph-Strasse 265, 79098 Freiburg (alle Infos hier).
FREITAG, 13. März um 17.30 in der Friedrichstraße 12 in 69412 Eberbach. (Da es eine bestimmte Anzahl an Plätzen gibt, sind wir sehr froh, wenn ihr Euch bei Sabine (Sabine.belz@yoga-eberbach.de) oder Anja (Anja.sonnenlicht@gmx.de) anmeldet.
Für Lesungen im Norden Deutschlands plane ich aktuell die letzten drei Juniwochen. Konkret in Aussicht sind derzeit Minden/Westfalen, Nienburg an der Weser, Cammer, genauso wie Berlin und Rendsburg.
Für die Schweiz sind Basel und Langenthal angedacht. Infos folgen.
Verfügen auch Sie über einen kleinen Saal oder ein größeres Wohnzimmer, in dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de – und vielleicht können wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
Kontoinhaber: Lilly Marie Gebert
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Houellebecq, Michel (2010): Die Welt als Supermarkt. Interventionen. 6. Auflage. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Seite 85f.
Mitscherlich, Margarete (1990): Die Zukunft ist weiblich. Piper, Seite 30.





Warum machen wir alle zu oft den Fehler, Stärke nicht zu unterteilen? Ich lasse mir gern ein Einwegglas öffnen oder versuche auch nicht, mir Rückenprobleme zu schaffen, nur weil ich stoisch etwas zu Schweres hebe. Hier könnte mir jeder helfen, der körperlich mehr Kraft besitzt, natürlich auch eine Frau, nicht selten meine Tochter.
Zu kämpfen, zu jagen, für all dies sollte man das körperlich stärkere Wesen wählen oder eben jenes, welches nicht gerade wieder ein Kind austrägt, es war schlicht nicht anders möglich, wie man es hielt, damals.
Könnte man sich darauf einigen, nach pragmatischen Überlegungen, ohne Wertung, Familienleben zu organisieren, ohne gesellschaftlichen Druck, frei, nach gänzlich individuellen Bedürfnissen, dann wäre man weiter, denn wirklich frei sind Männer wie Frauen noch längst nicht.
Schauen wir darauf, wer das Leid dieser Welt am Ende trägt und doch auch immer wieder nicht aufgibt, Nachwuchs auch in den furchtbarsten Zeiten zu gebären, dann stellt sich für mich nicht die Frage, hat sich nie, ob Frauen nicht mindestens ebenbürtig in der "Stärke" sind, nur eben anders.
Lilly, Deinen prägnanten Schlussfragen gibt es nichts hinzuzufügen. Fragen, die man sich selbst immer wieder beantworten darf, allein um die eigenen Entwicklung zu analysieren. Ähnliches hatte ich stets im Kopf, wenn man mich angriff, so viele Jahre, die Art, mein Leben zu gestalten, mit Kind, die Weise, es in die Welt wachsen zu lassen, ich hätte solche Formulierungen gerne manch hasserfüllter Bemerkung entgegengehalten. Nur fehlte mir, ja was eigentlich, der Mut? Das Wissen? Nein, die Stärke, zu mir zu stehen.
"Jede Form von Anpassung abzustreifen und stattdessen Aktivität und Eigenständigkeit zu fördern. An Idealen lässt sich bekanntermaßen schnell ersticken." Lilly, ich hoffe, irgendwann wirst Du Vorträge in Schulen halten, in der Oberstufe. Ich denke, die jungen Leute wären aufmerksam. Wie soll sich etwas ändern, wenn wir es nicht schaffen, den ewigen Kreislauf zu durchbrechen, in und bei allem. Schon jetzt ist nicht zu übersehen, wie wir erneut versagen.
Moin liebe Lilly,
wird es jemals den Tag geben, nach dem es Begrifflichkeiten wie Weiblichkeit, Männlichkeit, Emanzipation und der gleichen nicht mehr braucht? Ich wäre schon zufrieden, wenn diese Begrifflichkeiten nicht mehr definiert werden müssten. Ich weiß, dass es dieser Tage noch notwendig ist die Wahrnehmung zu den besagten Begriffen oftmals neu auszurichten, womit natürlich auch ein ureigener Prozess im Innern eines Einzelnen verbunden ist. Ich muss gestehen, dass mir dies an die Substanz geht.
Liebe Grüße,
Basti