Ich halte dich.
Verlassenheit als Waffe.
«The area dividing the brain and the soul
is affected in many ways by experience –
Some lose all mind and become soul: insane.
Some lose all soul and become mind: intellectual.
Some lose both and become: accepted.»
― Charles Bukowski, Lifedance
Diese Welt ist mir zu wenig. Nicht, ihrem derzeitigen Angebot nach zu urteilen. Sondern aufgrund dessen, was ich an ihr am brutalsten finde – und was ich ihr, bei allem, was sie uns zumutet, tatsächlich zum Vorwurf machen würde: dass sie uns glauben lässt, wir seien allein. Mutterseelenallein.
Es ist diese Vereinzelung, die sie für mich unerträglich macht – unmöglich macht, nicht schrecklich zu finden. Sie ist, was mir wirklich wehtut, mitanzusehen und selbst zu erleiden – die Präsenz ihrer Lücke: das Fehlen eines inneren Zusammenhangs, der Mangel an dem, was dich hält – selbst dann, wenn alles zerfällt.
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Auf- oder untergehen im Alleinsein?
Gott ist tot und der Mensch zur Freiheit verurteilt. Im Grunde ist das das Resultat einer Epoche, die mehr denkt als fühlt.
Weshalb sich auch die sartrische Freiheit, zu der wir in dieser Welt verurteilt scheinen, für mein Empfinden längst nicht mehr wie Freiheit anfühlt. Es ist eine Verpflichtung. Die Verpflichtung, sich selbst zu genügen. Sich selbst zu tragen. Sich selbst zu erklären. Sich selbst zu heilen. Sich selbst einen Sinn zu geben.
Wo ich ich mich zusehends jedoch frage: Kann ein Mensch das überhaupt? Kann ein Mensch sich selbst halten? Und selbst wenn: Sollte er sich selber halten müssen?
Für mich ist dieses Gefühl von Vereinzelung längst nichts mehr, dass ich als «Singularitätsphänomen», als eine bloße Begleitererscheinung unserer Moderne akzeptiere. Ich glaube nicht, dass sich der Mensch alleine fühlen muss. Vielmehr, dass er sich alleine fühlen soll. Er soll glauben, alles alleine schaffen zu müssen und an der Unmöglichkeit verzweifeln, sein Leben vollständig alleine zu bestreiten. Ja, ich denke, genau das ist gewollt.
Zumal Hannah Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft genau das bereits analysiert hat: Totalitäre Systeme zielen darauf ab, Menschen in einen Zustand der Verlassenheit zu versetzen. Sie profitieren von der Zerstörung sozialer Bindungen, dem Auflösen von Vertrauen, der Isolation der Individuen voneinander als auch dem Verlust einer gemeinsamen Realität. Das totalitäre System will, dass Menschen sich so fühlen, als seien sie allein in dieser Welt – selbst dann, wenn sie von anderen Menschen umgeben sind.
Für mich ist das die schlimmste Form von Herrschaft. Nicht die Trennung der Menschen als solche, als räumlich emotionale Separation. Sondern die politische Strategie, die zum Menschenbild wird. Dass wir etwas, das uns angetan wird, für unser Wesen halten. Und nach der wir glauben, dass sie nie etwas anderes gewesen sind und nie etwas anderes sein werden als voneinander getrennte Wesen.
Konstrukt oder Wirklichkeit?
Nun könnte man natürlich einwenden, dass dieses Gefühl keineswegs neu ist. Dass der Mensch schon lange als ein Wesen beschrieben wird, das letztlich auf sich selbst zurückgeworfen ist. Und ja, in gewisser Weise stimmt das sogar. Viele Philosophen, Autoren und Künstler sind der lebende Beweis für diese Form menschlicher Existenz.
Und doch gibt es einen, ebenfalls angelehnt an Arendt und von mir in einem früheren Text bereits ausführlich behandelten, Unterschied zwischen Verlassenheit und Abgeschiedenheit. Die Abgeschiedenheit, wie in meinem Fall, ist selbstgewählt. Die Verlassenheit als vorwiegend innerer Zustand ist es nicht.
Verlassen fühle ich mich, wenn ich mich erkläre und doch unverstanden bleibe. Wo ich mich öffne und das Gefühl von Nähe doch ausbleibt. Wo ich rede und doch keiner da ist, der wirklich zuhört. In diesen Momenten fühle ich mich verlassen. Und es sind diese Momente, die mich daran erinnern, warum es vielleicht doch besser ist, alleine zu sein. Und dies auch zu bleiben. Zu unangenehm ist das Erinnertwerden daran, nicht nur nicht verstanden zu werden, sondern obendrein auch nicht mal darin verstanden zu werden, nicht verstanden zu werden.
Wo ich mich jedoch gleichzeitig frage: Wie kommt es, dass sobald die Erinnerung an die jeweils letzte gescheiterte Kontaktaufnahme verblasst, ich wie natürlich einen weiteren Versuch unternehme, mit Menschen in Verbindung zu treten? Bin ich lernresistent? Naiv? Oder gar masochistisch veranlagt?
Ich würde sagen, ich bin all das zusammen. Und damit Mensch.
Ein Mensch, der trotz jeder Enttäuschung immer wieder neu versucht, mit dem in Verbindung zu treten, was er eigentlich braucht. Und was ihn allein sein Verstand immer wieder vergessen lässt. Der sich zugleich immer öfter fragt, warum es gerade sein Verstand ist, der glaubt, alles alleine schaffen zu müssen. Und weshalb er sich immer wieder von jenem Teil in sich entfernt, der sich doch nach nichts weiter sehnt als dieser einen, festen Umarmung. Diesem Gefühl, berührt und gehalten zu werden.
In ihm liegt für mich die Antwort auf dieses in seiner Trennung geeinte Leid: Ich glaube schließlich nicht, dass wir den Menschen ihre Unnahbarkeit zum persönlichen Vorwurf machen können – auch wenn schlussendlich jeder einzelne selbst dafür verantwortlich ist, wie offen er sich dieser Welt gegenüber hält. Die eigentliche Frage besteht vielmehr darin, in welchem Maß er überhaupt dazu fähig ist, sich von ihr und ihren Mitmenschen berühren zu lassen. Denn das System, in dem wir leben, lehrt uns von klein auf zu funktionieren und uns selbst zu genügen. Es trainiert uns jede Form der Versenkung mehr und mehr ab – und damit auch jene Aufmerksamkeit, in deren Präsenz wirkliche Begegnung überhaupt erst möglich wird.
So treffen Menschen aufeinander, die sich beide nach Nähe sehnen und doch kaum gelernt haben, sich ihr wirklich auszusetzen. Jede enttäuschte Kontaktaufnahme bestätigt die vorherige. Aus Verletzung entsteht Rückzug. Aus Rückzug neue Verletzung. Auf beiden Seiten. Ein Kreislauf negativer Kontakterfahrungen, den wir irgendwann für die Wahrheit über menschliches Zusammenleben halten – obwohl er vielleicht nichts weiter ist als die Folge eines Systems, das nur fortbestehen kann, indem es uns dieses Miteinander immer mehr verlernen lässt.
Eine Geistesgeschichte des Getrenntseins
Entsprechend besteht der Irrtum für mich darin, dass wir über Jahrzehnte hinweg nicht nur gelernt haben, allein zu leben und immer weniger Verantwortung füreinander zu übernehmen, sondern obendrein – wie gesagt – auch anerzogen bekommen haben, den Menschen überhaupt als ein Wesen zu denken, das auf sich allein gestellt ist.
Auf diese Weise jedoch scheint mit jeder Verantwortung, die wir füreinander verlieren, auch unsere soziale Kapazität zu schwinden. Wir verlernen, den anderen auszuhalten. Und wo wir den anderen nicht mehr auszuhalten vermögen, verlieren wir irgendwann auch die Fähigkeit, uns selbst auszuhalten. Woraus sich für mich auch ein Großteil des therapeutischen Bedarfs heutzutage erklärt: Einerseits, klar, diese Welt ist kaum mehr zum aushalten. Andererseits weil Therapie das bietet, was früher selbstverständlicher Teil menschlichen Zusammenlebens war: gehört zu werden, gehalten zu werden und sich einem anderen Menschen anvertrauen zu können.
Wie also gedenken wir, diesen Widerspruch weiter vor uns zu rechtfertigen? Dass je deutlicher sich unsere Sehnsucht nach Beziehung zeigt, desto hartnäckiger wir uns selbst einzureden versuchen, der Mensch sei für das Alleinsein geschaffen. Wie lange wollen wir das Eingeständnis noch vor uns herschieben, dass unsere Fähigkeit, auch alleine zu überleben, nichts weiter als eine Kapazität für den Notfall darstellt – für jene Momente, in denen tatsächlich einmal kein anderer Mensch da sein sollte? Dass wir aus einer Ausnahme den Normalfall gemacht haben. Und damit unser eigenes Wesen ad absurdum führen – schließlich gibt es außer uns noch andere Menschen auf diesem Planeten.
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Kurz: Kann es sein, dass wir eine bestimmte philosophische Strömung so tief verinnerlicht haben, dass wir sie inzwischen mit der Wirklichkeit verwechseln? Was wäre, wenn Verlassenheit gar kein natürlicher Zustand des Menschen ist, sondern vielmehr das anhaltende Gefühl einer Welt, die ihre tragenden Zusammenhänge verloren hat? Einer Welt, in der Gott für tot erklärt wurde. Einer Welt, in der wir das Getrenntsein nicht länger als Symptom verstehen, sondern als Wahrheit.
Eine Wahrheit, die wir längst nicht mehr hinterfragen können. Weil wir uns so sehr an den Mangel gewöhnt haben, dass wir ihn nicht mehr als Mangel erkennen. Weil wir die Lücke nicht mehr als das sehen, was sie ist, sondern als unüberwindbaren Teil unseres Wesens.
Dabei liegt für mich auch zwischen diesen beiden ein fundamentaler Unterschied: Das eine beschreibt einen Verlust. Das andere eine Identität. Ein Verlust setzt voraus, dass zuvor etwas da war. Eine Identität hingegen behauptet, es sei nie anders gewesen. Womit genau hier für mich die Form von Verlassenheit beginnt, die ich bereits in meiner Einleitung habe greifbar machen wollen: nicht mit dem Verlust des Zusammenhangs, sondern mit der Überzeugung, nie Teil eines solchen Zusammenhangs gewesen zu sein. Oder noch deutlicher: Verlassenheit gehört nicht zum Wesen des Menschen. Sie ist die Erfahrung eines verlorenen Zusammenhangs – und der Schmerz darüber, dass wir tief in uns noch immer wissen, dass wir für etwas anderes geschaffen sind.
Freiheit! Aber welche verdammt?
Folglich kann Jean-Paul Sartre den Menschen noch so oft «zur Freiheit verurteilen»: Während die von ihm gemeinte «Freiheit» davon ausgeht, dass es keine höhere Ordnung mehr gibt, keinen Sinn, der uns vorausgeht, keinen Zusammenhang, der uns trägt, und der Mensch sich entsprechend selbst entwerfen, sich selbst begründen und sich selbst genügen muss, frage ich mich zunehmend, ob eine solche These überhaupt in einer Zeit entstanden wäre, die sich ihres Gehaltenseins noch wie selbstverständlich gewiss gewesen wäre. Oder ob sie nicht vielmehr selbst Ausdruck einer Epoche ist, die den Zusammenhang bereits verloren hatte und ihre eigene Erfahrung anschließend zur Grundbedingung des Menschen erklärte.
So ist letztlich jede Epoche blind für ihre eigenen Unumstößlichkeiten. Weshalb mich heute – knapp achtzig Jahre später und mit einem deutlich erweiterten Verständnis dafür, welche Abspaltungen Traumata in der Psyche hinterlassen können – vieles von dem, was jene «klugen Köpfe» damals noch geschrieben haben, heute kaum mehr anspricht. Nicht, weil ich ihre Gedanken für «falsch» hielte. Sondern weil ihnen für mein Empfinden etwas Entscheidendes fehlt: Das Wissen darum, dass der Mensch sich nicht allein aus seinem Bewusstsein heraus verstehen lässt. Dass Denken nur ein Teil unseres Erlebens ist. Und dass dort, wo der Zusammenhang mit dem eigenen Fühlen verloren geht, notwendigerweise auch das Menschenbild schmaler wird.
Dabei sind wir, was das 20. Jahrhundert aufgrund seiner Erfahrungen zunehmend aus dem Blick verloren haben mag, vorrangig soziale Wesen – fühlende Wesen. Beseelte Wesen. Wesen, die von Beziehung leben. Und wenn das stimmt – wenn Verbundenheit nicht bloß ein Bedürfnis, sondern Teil unseres Wesens ist –, warum sollte ausgerechnet Freiheit dort beginnen, wo wir uns von allem losgelöst haben? Warum sollten wir unsere Sinne aus unserem Selbstverständnis ausschließen, wenn Sinn doch das ist, was wir suchen?
Wann – in Gottes Namen – haben wir aufgehört, uns ganz fühlen zu wollen? Aufgehört, uns aufgehoben fühlen zu wollen? Oder präziser ausgedrückt: Wann haben wir angefangen, das Gemeinsame in der Zerstückelung finden zu wollen? Und uns selbst nicht mehr als geborgen, sondern lediglich zugehörig? Was soll das für ein «Zusammenhalt» sein, der mehr infrage stellt, als tatsächlichen Halt zu bieten vermag? Ja, seit wann ist Verbindung für uns etwas, das man hat, statt lebt?
Denn zweifelsfrei: Verbindung meint nicht unbedingt die Verbindung zu anderen Menschen. Wir können uns ebenso mit uns selbst, der Natur, dem Kosmos oder Gott verbunden fühlen und daraus unsere gesamte Kraft schöpfen – uns daraus immer wieder neu schöpfen. Das Problem, das ich zunehmend sehe, ist nur, dass diese Verbundenheit bereits in ihrer ersten Instanz zu scheitern droht: an der Verbundenheit mit uns selbst. Woraufhin alle darauffolgenden «Verbundenheiten» zu reinen Ersatzhandlungen und dadurch zu Illusionen werden – nur um die Lücke, die erstere hinterlässt, nicht fühlen zu müssen. Nicht mit Leben füllen zu müssen.
Woraus sich wiederum die Frage ergibt – und der Kreis sich vorerst zu schließen beginnt: Wie kommen wir in Kontakt mit uns selbst? Das Pendant zur Verbindung lautet für mich an dieser Stelle: Berührung. Das Erzeugen von Nähe durch Berührung.
Wie jedoch wird ein Mensch berührt, dem das Berührtwerden von sich selbst bereits verloren gegangen ist?
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Ich halte dich.
Natürlich kann ich an dieser Stelle auch nur wieder für mich sprechen, aber je mehr ich beispielsweise diese gesellschaftlichen Glaubenssätze von meinen Schultern geworfen bekomme, desto unkitschiger erscheint mir der Begriff des «Gehaltenwerdens» – ein Begriff, der in unserer Sprache fast nur noch im Zusammenhang mit Kindern oder Menschen verwendet wird, die um jemanden trauern oder eine schwere Diagnose zu überstehen haben.
Was eigentlich absurd ist, sind wir im Grunde doch alle «Kinder» – Kinder dieser Erde, als die wir alle gemeinsam um etwas trauern: den Verlust unserer Verbindung zu ihr wie untereinander.
Warum also enthalten gerade wir uns dieses Gefühls des «Gehaltenwerdens» vor?
Gehaltenwerden bedeutet schließlich nicht, abhängig oder unmündig zu sein. Es bedeutet auch nicht, die Verantwortung für das eigene Leben an andere abzugeben. Es bedeutet lediglich, anzuerkennen, dass wir nie aus dem Nichts heraus existieren. Dass wir immer schon in etwas Größeres hineingestellt sind, das uns vorausgeht und trägt. Dass Beziehung nicht die Folge unseres Lebens ist, sondern seine Voraussetzung. Und dass Freiheit folglich auch nicht erst dort beginnt, wo wir alle Bindungen gekappt haben, sondern wo wir aufhören, sie als Bedrohung zu begreifen.
Wie das geht? Indem wir zunächst einmal aufhören, uns von der Welt, dem Leben als solchem bedroht zu fühlen. Und das geht, meiner Erfahrung nach nur, durch die Erfahrung und das fortgreifende Erleben eines übergeordneten Zusammenhangs.
Wege raus aus der Kontaktvermeidung
Denn so tief andere Menschen uns verletzen und den Glauben an Beziehung erschüttern können, so wenig besitzen sie das letzte Wort darüber, ob wir letzten Endes «beziehungsfähig», «liebenswert» oder «berührbar» sind. Sie kennen weder unsere Geschichte noch unsere Möglichkeiten oder unser Potenzial. Mal ganz davon abgesehen, dass sie sich oft selbst vielleicht nicht einmal kennen und deshalb auch uns nie wirklich kennenlernen können – solange sie in uns vor allem sich selbst sehen.
Anders die Welt. Oder besser: unsere Erde. Sie kennt keine Projektion. Höchstens Spiegel. Wofür sie unsere Geschichte nicht einmal zu kennen braucht. Die Erde setzt nichts voraus, bevor sie sich uns öffnet. Nein, der Wald fragt nicht, weshalb wir misstrauisch geworden sind. Ein Fluss verlangt keinen Vertrauensbeweis. Das Licht fällt auf uns, ohne zuvor zu prüfen, ob wir seiner würdig sind. Es sind immer wir, die ihre Öffnung nicht sehen, weil wir so sehr mit uns selbst beschäftigt sind – mit unseren Bildern von uns, eben nicht liebenswert, resonanzfähig oder sensibel genug zu sein, von ihr wahrhaft berührt werden zu können.
Dabei beginnt Heilung gerade hier. Nicht mit dem Anspruch, sofort wieder jedem Menschen blind vertrauen zu müssen. Wobei grundsätzlich weder das «blind», noch das «jedem» oder das «müssen» je Ziel von Kontakt sein sollte. Worum es geht, ist die Bereitschaft, sich überhaupt wieder berühren zu lassen. Von der Wärme der Sonne oder dem Wind, nachdem sie untergegangen ist, auf der Haut. Vom Duft unserer Wälder. Von beseelten Augen. Der ersehnten Umarmung. Einem ehrlichen Gespräch. Denn fest steht: Vertrauen wächst nie auf einen Schlag zurück. Es ist eine Vielzahl an kleinen Erfahrungen, die es braucht, um uns, aber auch unserem Körper, langsam wieder zu zeigen, dass er nicht zwangsläufig leidet, wenn er Nähe zulässt. Und er, selbst wenn er einmal wieder verletzt werden sollte, davon nicht sterben wird.
Womit es immer zweierlei Dinge sind, die sich gegenseitig bedingen: Es sind einerseits wir selbst, die Verantwortung übernehmen müssen für jenen inneren Raum, den wir in uns tragen, und der als Kontingent aus positiven und negativen Kontakterfahrungen nicht aus dem Gleichgewicht geraten sollte. Gleichzeitig ist es jener innere Raum, dem wir uns mit jeder weiteren Kontakterfahrung mehr gewahr werden dürfen. Und mit ihm der Tatsache, dass jede Kontakterfahrung – ob positiv oder negativ – letzten Endes nichts weiter ist als das: eine Erfahrung.
Schließlich ist es genau das, was wirkliche Begegnung ausmacht: indem sie einfach sein darf, was sie ist – eine Begegnung von zwei Menschen, zwei Energien, zwei Erfahrungskontingenten, durchbricht sie den Kreislauf ein Stück weit mehr. Sie erinnert uns daran, dass unsere vergangenen Begegnungen nicht die Wahrheit über alle zukünftigen Beziehungen sind. Dass wir den Menschen nicht auf seine Verletzungen reduzieren müssen – ebenso wenig wie uns selbst. Und dass jede ehrliche Form von Aufmerksamkeit, jeder Moment des Gehaltenwerdens und jedes wirkliche Zuhören den Zusammenhang wieder ein kleines Stück sichtbar werden lassen können, den wir so lange verloren glaubten.
Eben nicht der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Sondern der Zusammenhang dessen, was mitschwingt, wenn Leben einfach passiert. Das Empfinden, dieser Welt nicht bloß gegenüberzustehen, sondern ihr in jeder unserer Bewegungen anzugehören.
Für Rilke war das der Weltinnenraum. Der Raum, in dem das Innen und das Außen einander nicht länger gegenüberstehen, sondern ineinander übergehen. Auch er, so verstehe zumindest ich ihn, sah die Verlassenheit nicht als Wahrheit über den Menschen, sondern ebenfalls als Ausdruck eines verlorenen Zusammenhangs. Nicht die Welt hätte uns verlassen. Wir hätten vielmehr verlernt, uns als Teil von ihr zu empfinden. Daher, zum Schluss, Rilke höchstselbst:
Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen,
aus jeder Wendung weht es her: Gedenk!
Ein Tag, an dem wir fremd vorübergingen,
entschließt im künftigen sich zum Geschenk.
Wer rechnet unseren Ertrag? Wer trennt
uns von den alten, den vergangnen Jahren?
Was haben wir seit Angebinn erfahren,
als dass sich eins im anderen erkennt?
Als dass an uns Gleichgültiges erwarmt?
O Haus, o Wiesenhang, o Abendlicht,
auf einmal bringst du’s beinah zum Gesicht
und stehst an uns, umarmend und umarmt.
Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.
Ich sorge mich, und in mir steht das Haus.
Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.
Geliebter, der ich wurde: an mir ruht
der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus
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Das für mich komfortabelste ist tatsächlich die ganz klassische Überweisung. Stripe, der Zahlungsanbieter von Substack, verlangt immer eine Gebühr und auch Paypal möchte ich eigentlich eher meiden. Daher, entsprechend:
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Vielen Dank. Für alles weitere schreib mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonniere meinen Telegram Kanal, folge mir auf Instagram oder verfasse einen Kommentar.







Danke, für diesen Text, der mein Innerstes berührt und für mich wahrer nicht sein könnte.
Beseelte Worte, die so voll sind, mich erinnern, mich berühren, mich ins fliessen bringen und in mir automatisch das Bedürfnis erwecken, zu schenken: Liebe, Präsenz, Nähe usw. Mich zu zeigen, mich zuzumuten, mit allem was in mir lebt: in meiner ganzen Lebendigkeit.
DANKE 🙏🏻
Liebe Lilly, ich komme gerade von unserer gemeinsamen Sing-Meditation, die ich zusammen mit mindestens einer Freundin den ganzen Juli jeden Tag um 5h morgens durchführe. Der Raum, den wir heute wählten - ein kleines Kirchlein hoch auf einem Felsen - entpuppte sich als fantastischen Klangraum, der unsere beiden Stimmen wunderbar verschmolzen hat und darüber hinaus über die entstandenen Obertöne einen wahren Chor an Klängen entstehen liess...
Bei der Lektüre deines Textes habe ich mich gefragt, ob es wirklich ein Du braucht, um das Ich zu erkennen. Meiner Erfahrung nach braucht es dies nicht, denn wen wir etwas BRAUCHEN, war da vorher eine Art von Mangel. Wir sind vom Ursprung her nicht geteilt, nicht teilweise, sondern immer ein Ganzes, welches sich selber genügen könnte. Die Frage ist, weshalb wir uns geteilt, zerstückelt, mangelhaft, falsch sehen und deshalb ein Gegenüber bräuchten, um eine Verbindung der Teile herzustellen, um von dem eine "richtige" Sichtweise, eine Belohnung, Liebe zu erhalten usw.? Zu viele Programme und Vorgaben seit Kindheit haben uns soweit gebracht zu denken, wir seien geteilt. Und ja, in gewissem Sinn sind wir dies tatsächlich: in eine innere Welt der Wahrnehmung(sübersetzung) und eine äussere Welt, an der wir anhaften, weil sie uns glauben macht und denken lässt, wir seien so, wie SIE uns sieht und beurteilt.
Jedoch, solange wir keine Grenzen spüren, können wir uns selbst als Ich in unserem Innenraum gar nicht erkennen. D.h. ein Finden von Grenzen, also letztlich ein Abscheiden, ein Teilen des Ganzes durch Berührung - sei es durch eine Umarmung, durch den Boden unter den Füssen fühlen, den Baumstamm im Rücken, wenn wir an ihm anlehnen, dem Zuhören der unterschiedlichen Argumente in einer Diskussion etc. - ist unerlässlich, um mich als Selbst zu erkennen und Bewusst-Sein erfahren. Das können wir schon beim kleinen Kind erkennen: es sucht die Grenzen, geht bis an den äussersten Rand. Eine Ab-Grenzung ist notwendig, aber nicht, um einen angeblichen Mangel aufzufüllen, um vom Aussen gehört und bestätigt zu werden...
Wir können Grenzen im Aussen unter-suchen und auch uns selbst in uns drinnen er-spüren, denn unser Leib und unsere Persönlichkeit in dieser Realität ist gewissermassen die Hülle, der Träger und das Werkzeug für unser Selbst(-Bewusstsein).
Nun ist es so, dass alles, was wir mit unseren Sinnen im Aussen wie in unserem Leib wahrnehmen, ein elektrisches Kraftfeld, eine elektrische Re-produktion in unserem Gehirn entstehen lässt. Das ist Lernen, das ist Ver-innerlichung. So entsteht Rilkes Weltinnenraum...
Wenn wir aber mit Vor-Urteilen an die Untersuchung herangehen, entstehen "falsche", ver-rückte Reproduktionen, unreine Felder, unsere Wahrnehmung wird getrübt und das wiederum führt zu Missverständnissen, Unverständnis, Traumen, Konflikte, Mangelgefühlen usw. Die Konditionierung seit Geburt durch Erziehung, Schule, Gesetze, Werbung, Propaganda, Politik, Smartphone, elektromagnetische Impuls-Waffen... manipuliert unsere Wahrnehmung, so dass wir voller Vor-Urteile sind....
Es ist deshalb ein steiniger Weg, den wir womöglich gehen müssen, um wirklich frei, unabhängig Liebe erfahren zu können: zuerst müssen wir erkennen, dass es ein Ich in mir drinnen (nicht die Persönlichkeit...) gibt, um dann durch all die programmierten Schichten dies überhaupt ganz klein fühlen zu lernen.
Dann gilt es, die Schichten als das zu erkennen, was sie sind, nämlich nicht als zu uns gehörend, sondern als etwas, was uns von aussen aufgedrückt wird. Wir SIND (als wahres Sein) aber NICHT das Produkt dieser Aussenwelt! Dies bis hierher erkannt zu haben, ist hart und möglicherweise sind an diesem Punkt auch so viele Künstler zerbrochen, denn hier können Depressionen entstehen. Alles, was man bisher als richtig und wahr angenommen hat, entpuppt sich als Projektion, als Schattenwelt an der Wand in Platons Höhle... Es kann einem den Boden unter den Füssen wegziehen, man fällt ins Bodenlose, ins Nichts... hier wissen wir nur noch mit Sicherheit, dass es ein Ich gibt (Solipsismus) und das ist der letzte Halm, an den wir uns klammern können, um von da einen anderen Weg zu wählen. Das braucht Mut, denn es verlangt nach einer Entscheidung: die Welt zu verlassen oder trotzdem gerade weiter zu gehen.
Je mehr dieser Schichten wir mit unserem kleinen Ich durchdrungen haben, umso mehr lösen sie sich auf und unsere Selbst tritt hervor, PRÄSENTIERT sich, Schöpfungsenergie wird generiert, das muss uns sehr klar bewusst sein! Wir sind die Erschaffer, die Schöpfer unserer Wirklichkeit.
So beginnt das wahre Leben: aus dem reinen Selbst heraus können wir echte und neutrale (urteils-freie) Begegnungen mit Mensch und Natur auf Augenhöhe erleben. Das Leben kann sich Moment für Moment in allen Facetten entfalten. Wahre, echte, tragende Gemeinschaften können entstehen...
Es geht nicht um Bindungen, da wir nie geteilt waren und sind, sondern um Begegnung - letztlich immer mit uns selbst....