Tao oder Torheit?
Wie erkenne ich «höheres Gut»? C. S. Lewis 2/3.
«Sind diese Dinge richtig, weil Gott sie befiehlt,
oder befiehlt Gott sie, weil sie richtig sind?»
― C. S. Lewis, Das Gift des Subjektivismus
Wer oder was definiert, was wahr ist? Was wir als richtig und schön empfinden? Wie wir Ästhetik definieren und wie Moral? Gibt es Maßstäbe, die wir nicht selbst hervorbringen, sondern unabhängig von uns in der Welt vorfinden? Auf welcher Grundlage urteilen wir, wenn nicht auf etwas, das über uns hinausweist? Und was geschieht, wenn wir genau diese übergeordneten Maßstäbe infrage stellen? Was bleibt, wenn wir alles «Höhere» verwerfen? Fortschritt? Oder doch nur bloße Willkür?
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Für den irischen Autor C. S. Lewis gab es zwei Wege zu leben: mit oder ohne Glauben an das Tao. Weshalb sich für ihn auch das (zuvor bereits ausgeführte) Problem, einen Menschen zu «erziehen», völlig anders darstellte, «je nachdem, ob man innerhalb oder außerhalb des Tao steht». Das Tao – das war das, was die Chinesen meinten, wenn sie von «dem größten Ding» sprachen. Das Tao, schreibt Lewis, «ist die Wirklichkeit jenseits aller Aussagen, der Abgrund, der sogar vor dem Schöpfer bestand. Es ist die Natur, es ist der Weg, die Bahn. Es ist die Art, wie das All sich bewegt, die Weise, wie die Dinge für immer, still und leise in Raum und Zeit auftauchen.»1
Ähnlich der aus dem frühen Hinduismus stammenden Benennung von menschlichem Verhalten als «gut» durch die Gleichförmigkeit mit dem Rta – «jenem großen Ritual oder Muster der Natur und der Übernatur, das sich gleichermaßen in der kosmischen Ordnung, in den sittlichen Tugenden und im Tempelzeremoniell offenbart»2 – verstand Lewis das Tao als «die Lehre von einem objektiven Wert, der Glaube, dass gewisse Haltungen, bezogen auf das Wesen des Alls und auf das, was wir selber sind, wirklich wahr sind und andere wirklich falsch.» Wer das Tao kenne, könne vertreten, dass wer Kinder entzückend oder alte Leute ehrwürdig nenne, damit nicht einfach ein psychologisches Faktum über unsere persönlichen momentanen Gefühle als Eltern oder als Kinder ausdrücke, sondern eine Eigenschaft anerkenne, die von uns Entsprechung verlange, ob wir sie nun erbrächten oder nicht.
Kurzum: Was Lewis «aus praktischen Gründen» das Tao nennt, «und was andere das Naturgesetz oder die überlieferte Moral oder das Erste Prinzip der Praktischen Vernunft oder die Grundwahrheiten nennen mögen, ist nicht ein Wertsystem innerhalb einer Reihe von möglichen Wertsystemen». Es ist – so Lewis – «die einzige Quelle aller Werturteile»3. Wer es ablehne, verwerfe alle Werte. Und andersrum behalte der, der irgendeinen Wert beibehalte, das Tao selbst bei. Der Versuch, es abzulehnen und ein neues Wertsystem an seine Stelle zu setzen, sei ein Widerspruch in sich. Nie habe es in der Weltgeschichte ein radikal neues Wertsystem gegeben, und es werde, so Lewis, nie eines geben. Er schreibt: «Was den Anspruch erhebt, ein neues System oder (wie es heute heißt) eine neue Ideologie zu sein, besteht aus lauter Fragmenten des Tao selbst, die – willkürlich aus dem Zusammenhang des Ganzen gerissen und in ihrer Isolierung bis zum Irrsinn aufgeschwellt – ihre allfällige Gültigkeit noch immer dem Tao und ihm allein verdanken.»
In diesem Sinne gibt es für Lewis keine isoliert begründbare Pflicht gegenüber den eigenen Eltern. Sie sei, ebenso wie die «Pflicht der Nachwelt gegenüber», ein Aberglaube, sofern sie nicht in einen umfassenderen moralischen Zusammenhang eingebettet ist. Wäre Gerechtigkeit ein Aberglaube, so wäre es auch die Pflicht gegenüber meinem Land oder meiner Rasse. Und wäre wissenschaftliches Forschen ein echter Wert, so auch die eheliche Treue. Lewis beschreibt diesen Aufstand der neuen Ideologien gegen das Tao als einen Aufstand der Äste gegen ihren Baum: Hätten sie mit ihrer Rebellion Erfolg, müssten sie erkennen, dass sie sich damit selbst zerstört hätten. Der menschliche Geist hätte ebensowenig «die Macht, einen neuen Wert zu erfinden, wie eine neue Primärfarbe auszudenken oder eine neue Sonne und ein neues Firmament für ihren Lauf zu schaffen»4.
Warum er es dennoch immer und immer wieder versucht? Ja – das läge, so schreibt auch Lewis, im Geiste des Subjektivismus. Doch woher nähme auch er, der «Neuerer» sich das Recht zu scheiden und auszuwählen?
Der Subjektivist als «Neuerer» oder «Konditionierer» habe laut Lewis keine eigene, innere Verbindung zum Tao. Ihm ist der Zugang zu dessen objektiven, universellen Werten versperrt – oder zumindest nicht mehr unmittelbar zugänglich. Was der Subjektivist unterschwellig wohl auch spürt – und worauf er reagiert, indem er versucht, das Tao und seine praktischen Prinzipien, die allen Menschen aufgrund der Vernunft bekannt sind, aufzuheben und durch etwas wie «den Instinkt» zu ersetzen. Lieber wird er «die Suche nach einem ‹rationalen› Kern aufgeben und nach einem noch ‹fundamentaleren› und ‹realistischeren› Grundprinzip suchen»5, anstatt in sich nach einem Grund zu suchen, für den Grund aller Dinge nicht empfänglich zu sein.
Der «Konditionierer» ist, so bemerkt folglich auch Lewis, den Werten gegenüber, die in seinen eigenen Kreisen gelten, nicht annähernd skeptisch genug. Es ist ihm schlicht nicht möglich, den bloßen Umstand zu hinterfragen, wozu es diesen «Schwall an Ermahnungen» braucht, den Menschen dorthin zu treiben, wohin er ohnehin gehen müsste. Und dass es letzten Endes auf das Gleiche hinausläuft, von den Menschen zu fordern, sie sollen dem Instinkt gehorchen, wie wenn von ihnen gefordert würde, sie sollten «den Leuten» gehorchen. Anders gesagt: Der Subjektivist kann den inneren Konflikt nicht nachvollziehen, dass allein seine «richtigen» Werte vermittelt werden müssen, während echte Werte dem Menschen – solange er sie auch erkennen will – jederzeit zugänglich sind. Er verkennt, dass ein Wert in dem Moment seine Absolutheit verliert, indem sein Vorrang eigens begründet werden muss. Und dass kein Grund, «einen Instinkt den anderen vorzuziehen», gefunden werden könne, «ohne dabei eine übergeorgnete Instanz anzurufen»6.
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Für den Objektivisten Lewis gilt folglich: «Wenn nichts selbstevident ist, kann auch nichts bewiesen werden.»7 Und wenn nichts um seiner selbst willen getan werden müsse, gäbe es auch nichts, was unbedingt getan werden müsse. Falle das Tao, so fielen alle Wertbegriffe mit. Keiner von ihnen könne die geringste Autorität außerhalb jener des Tao beanspruchen. Weshalb der Neuerer auch nie das Tao als solches angreife – er braucht seine überlieferten und geerbten Fetzen, um seine eigenen Eingriffe überhaupt noch rechtfertigen zu können. Denn selbst dort, wo er vorgibt, frei von allen Maßstäben zu handeln, ist er auf jene angewiesen, die er zugleich untergräbt: Denn auch Begriffe wie «besser», «fortschrittlich» oder «human» behalten nur im Rahmen eines übergeordneten Maßstabs Bedeutung. Löst er diesen auf, bleiben keine Gründe mehr – nur noch Entscheidungen.
Welchen Boden diese Form von Willkür öffnet, vertieft C. S. Lewis in seinem Vortrag «Das Gift des Subjektivismus» (The Poison of Subjectivism). In diesem vertieft er, wie es bis in die Neuzeit hinein als selbstverständlich gegolten habe, dass Werturteile rationale Urteile seien und sich auf etwas Objektives bezögen. Und wie die moderne Auffassung hingegen sie nur noch als Ausdruck von Gefühlen betrachte – geprägt durch Umwelt, Erziehung und gesellschaftliche Konditionierung. Was heute als «gut» gelte, sage nichts mehr über die Sache selbst aus, sondern lediglich etwas über die Gesinnung der Urteilenden. Worin für Lewis auch die eigentliche Gefahr liegt: Denn wenn Werte zu bloßen Produkten von Prägung verkommen, werden sie prinzipiell formbar – und damit verfügbar. Aus der Idee, Moral könne verbessert oder neu gestaltet werden, entsteht so der Glaube, Werte überhaupt erst herstellen zu können.
Weshalb, konsequent zu Ende gedacht, dieser Ansatz auch unweigerlich in eine Sackgasse führen muss: Wenn «gut» und «besser» nur noch Ausdruck von Ideologien sind, verliert jede Ideologie den Maßstab, an dem sie sich messen ließ – Fortschritt und Verfall würden bedeutungslos. Wobei aus Lewis Sicht der «Konditionierer» diesen Widerspruch bereits verrät, indem er fragt, ob wir nicht «besser» anders konditioniert sein sollten: Er setzt einen Maßstab voraus, den er theoretisch bestreitet. Schließlich könne kein Instinkt aus sich selbst heraus begründen, warum er gelten soll; jede Rangordnung setze bereits ein Urteil voraus. Für Lewis bleibt daher nur die Alternative: Entweder es gibt nicht weiter ableitbare moralische Einsichten – oder es gibt überhaupt keine Werte, sondern nur Projektionen.
Wirklicher moralischer Fortschritt entsteht, so hält er fest, nicht gegen, sondern innerhalb einer gewachsenen Ordnung – und ist nur aus ihr heraus verständlich. Wer sie verwirft, verliert den Maßstab, an dem er urteilt. Auch der Einwand kultureller Beliebigkeit verliert bei genauerem Hinsehen an Kraft: Lewis verweist auf die erstaunliche Grundübereinstimmung menschlicher Moraltraditionen über Kulturen hinweg. Weshalb er sich zugleich jedoch die grundlegende Frage stellt: «Wenn wir die grundlegenden Selbstverständlichkeiten der praktischen Vernunft als unhinterfragte Voraussetzungen allen Handelns akzeptieren, vertrauen wir dann unserer eigenen Vernunft so sehr, dass wir den Sündenfall ignorieren und unsere absolute Loyalität rückwärtsgewandt von einer Person auf eine Abstraktion verlagern?»
«Eine Theologie, die versucht, unsere praktische Vernunft als grundsätzlich verdorben darzustellen, steuert auf eine Katastrophe zu. Wenn wir einmal zugeben, dass das, was Gott mit ‹Gutheit› meint, völlig verschieden sei von dem, was wir als gut erkennen, bleibt kein Unterschied mehr zwischen reiner Religion und Teufelsanbetung.»
― C. S. Lewis, Das Gift des Subjektivismus
Für Lewis war die scheinbare Spannung zwischen Gott und dem moralischen Gesetz entsprechend kein zwangsläufiger Widerspruch, sondern eine notwendige, wenngleich unvollständige Perspektive endlicher Erkenntnis: Was uns als Zweiheit erscheint, könnte im Absoluten ungeteilt sein. Sobald wir jedoch versuchen, Person und Gesetz begrifflich zu trennen, gerieten wir in ein Dilemma: Entweder unterliegt Gott selbst einem höheren Maßstab, oder er setzt das Gesetz willkürlich, wodurch es seinen moralischen Charakter verliert. Sodass Lewis vorzug, beides festzuhalten: «dass Gott weder dem moralischen Gesetz gehorcht noch es erschafft».
Zweifelsfrei – das alles mag wie eine spekulative Zuspitzung wirken, doch für Lewis steht damit letztlich mehr auf dem Spiel als eine theoretische Frage: Ein Denken, das Werte nicht als objektiv und unverfügbar anerkennt, vernichtet die gemeinsame moralische Grundlage, auf der Freiheit, Verantwortung oder Demokratie überhaupt möglich sind. Wo «gut» nur noch bedeutet, zu was Menschen konditioniert werden mögen, wird moralische Autorität technisch herstellbar – und damit notwendig von denen beherrscht, die diese Konditionierung steuern. Die Konsequenz wäre eine Spaltung in wenige, die Werte erzeugen, und viele, denen sie eingeprägt werden – ohne dass erstere selbst noch irgendeinem Maßstab des Guten unterstehen.
Entweder also, kehren wir zu einem realistischen Verständnis objektiver moralischer Ordnung zurück – oder wir verlieren jeden Begriff von Gut und Böse vollständig an menschliche Konstruktion und die Macht ihrer Definition. In letzter Konsequenz bleibt diese Ordnung für Lewis nur dort wirklich tragfähig, wo sie in etwas Absolutem gründet: nur ein Gott, der weder unter dem moralischen Gesetz steht noch es bloß willkürlich setzt, kann die Einheit von Wert und Wirklichkeit garantieren. Ohne diesen Bezug wird Freiheit zur Fiktion, und Moral zum Produkt derjenigen, die sie definieren. Nur im ersten Fall bleibt Freiheit mehr als ein Wort, das von seinen eigenen Voraussetzungen abgeschnitten ist. Und nur dann würden wir jene, die nach Macht streben, nicht mehr an ihrer «Vision» oder «Dynamik» messen, sondern an den klassischen Tugenden: Integrität, Einsicht, Fleiß und Können.
Oder um den Autor von Die Chroniken von Narnia zuletzt nochmal direkt zu zitieren:
«Das Gute ist unerschaffen; es hätte niemals anders sein können; es enthält keinen Schatten von Zufälligkeit; es liegt, wie Platon sagte, jenseits des Seins. Es ist das Rita der Hindus, durch das selbst die Götter göttlich sind; das Tao der Chinesen, aus dem alle Wirklichkeiten hervorgehen. Doch wir, die wir mehr begünstigt sind als die weisesten Heiden, wissen, dass das, was jenseits des Seins liegt, was keine Zufälligkeit zulässt, was allem anderen Göttlichkeit verleiht und der Grund allen Seins ist, nicht bloß ein Gesetz ist, sondern auch eine zeugende Liebe, eine gezeugte Liebe und die Liebe, die, indem sie diese beiden ist, zugleich in allen gegenwärtig ist, die hineingenommen werden, um an der Einheit ihres aus sich selbst hervorgehenden Lebens teilzuhaben.»
Hier gehts zum ersten Teil dieser Reihe, ehe in den nächsten Tagen der dritte und letzte folgt: «Die Abschaffung des Menschen». PS: Wenn euch der Text gefällt, gebt ihm doch gerne eine persönliche Rückmeldung im Sinne von einem Like oder Kommentar.
Nach den ersten Terminen für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben stehen nun bereits drei weitere:
Samstag, der 20. Juni. Nachmittags bis abends in 31675 Bückeburg OT Cammer (Zwischen Hannover und Bielefeld). Circa 30 Plätze.
Dienstag, der 23. Juni in Nienburg/Weser. Hotel Am Posthof. Einlass ab 18:30. Beginn der Lesung. 19:30 - 22:00 Uhr. Die Plätze sind auf 35 begrenzt.
Freitag, der 26. Juni in Bammental, Nähe Heidelberg. Einlass 18:30 Uhr, Beginn der Lesung 19 Uhr. Ort: Praxis an der Elsenz in der Hauptstraße 41/1.
Ganz grundsätzlich plane ich derzeit mehrere Lesungen in der zweiten Junihälfte. Verfügst auch Du über einen kleinen Saal oder ein größeres Wohnzimmer (oder auch einen schönen Garten), in dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreib mir doch gerne an lillygebert@posteo.de – und vielleicht können wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
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Vielen Dank. Für alles weitere schreib mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonniere meinen Telegram Kanal, oder verfass einen Kommentar.
Lewis, C. S. (2020): Die Abschaffung des Menschen. Johannes Verlag. 9. Auflage, Seite 27.
Ebenda, Seite 26.
Ebenda, Seite 49.
Ebenda, Seite 50.
Ebenda, Seite 39.
Ebenda, Seite 41ff.
Ebenda, Seite 46.






Beim Lesen dieses neuen Textes musste ich an deinen früheren Artikel „Weiter. Aber wie?“ denken, den ich damals sehr berührend fand.
Vielleicht gehört genau auch diese Bewegung dazu:
das Ringen um Ordnung, Maßstäbe und Wahrheit — und die spätere Ahnung, dass selbst dieses Ringen bereits Teil des Weges war.
Manchmal antwortet ein früherer Text leiser und weiser auf einen späteren, als man zunächst bemerkt.
Liebe Lilly, Deine JUNI-Lesung in HEIDELBERG, auf die wir uns sehr freuen, findet am FREITAG, den 26.6. statt. Das fürs Erste.... jetzt lese ich erst mal weiter in Deinem spannenden Text! liebe Grüsse, Dorothea