Zivilisationsekel.
#4 April 2026. Mein Warten auf die Reinkarnation Ernst Jüngers.
Mittwoch, 01. April
Krautzone – Sonderausgabe «Konservative Hipster» zu Ernst Jünger. Allein das Cover hat mich bereits so fasziniert, dass ich meiner Bestellung beinahe noch die Illustration des argentinischen Künstlers «Rosenfeldtown» als Poster beigefügt hätte. Doch wer war Ernst Jünger, und wofür steht er auch heute noch? Ernst Jünger – das war für mich bislang der käfersammelnde Waldgänger, der Kriegsbegeisterte und später Kriegsenttäuschte. Der Mann im Stahlgewitter. Freund von Albert Hofmann, Reisender zwischen den Welten. Eine Jahrhundertseele.
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Entsprechend musste ich umso mehr schmunzeln, als der erste Text im besagten Heft mit Jüngers Schulzeit beginnt. Vor seiner Einschulung als Fünfjähriger habe er «die Schule für eine Erfindung der Großeltern und Eltern» gehalten, «um ihm Angst zu machen». Oder, wie das Zitat in Klammern Jünger selbst zu Wort kommen lässt: «Ich war fest davon überzeugt, dass es keine Schule gab; schon der Gedanke war mir unangenehm.»
Diese «Fluchtgedanken» begleiten ihn, so schreibt Hannes Plenge, auch später immer wieder. Beispielsweise als das stumpfe Üben im algerischen Wüstensand «so gar nicht» den romantischen Vorstellungen Jüngers entsprach. Diese waren in seinem Fall so hoch, dass Jünger den Ausbruch des Ersten Weltkriegs bekanntlich als ein willkommenes Abenteuer gesehen habe. Dieses musste nun nicht mehr im fernen Afrika gesucht werden, sondern fand «direkt vor der Haustür an der Grenze zu Frankreich» statt. Hier habe sich, so Plenge, «einer der Grundgedanken des ›kriegerischen‹ Jüngers, der auch später bei seinen Teilnahmen an beiden Weltkriegen immer wieder durchschimmert», manifestiert: Es sei ihm maßgeblich «um den Ausbruch aus der bürgerlichen Welt der europäischen Moderne» gegangen.
Einer von vielen Punkten, den ich mit Jünger teile. Auch ich verzweifle an der Weltlosigkeit, die mir die «Moderne» zu bieten vermag. Nur dass ich Krieg als Teil und Symptom dieser Moderne sehe – nicht als Ausweg aus ihr.
«Die Furcht kann aber durch Rüstungen nicht vermindert werden, sondern nur dadurch, daß ein neuer Zugang zur Freiheit gefunden wird.» ― Ernst Jünger, Der Waldgang
Dabei schreibt auch Plenge, dass Jüngers Afrikanische Spiele durchaus an der nationalistisch-kriegerischen Gesinnung von In Stahlgewittern zweifeln lassen. Worum ging es ihm also wirklich? Um tote Käfer, Rausch und Gewalt? Oder doch um das, was sich durch diese Extreme hindurch ausdrückt? Zu diesem Schluss kommt Plenge zumindest: «dass Jünger einfach nur erleben wollte – ganz egal, was». Passend dazu schließt er seinen Text mit folgendem Zitat aus Jüngers 1938 erschienenem Werk Das abenteuerliche Herz:
«Unsere Hoffnung ruht in den jungen Leuten, die an Temperaturerhöhung leiden, weil in ihnen der grüne Eiter des Ekels frißt, in den Seelen von Gradezza, deren Träger wir gleich Kranken zwischen der Ordnung der Futtertröge einherschleichen sehen. Sie ruht im Aufstand, der sich der Herrschaft der Gemütlichkeit entgegenstellt.»
Donnerstag, 02. April
Diese Herrschaft der Gemütlichkeit – vielleicht noch ein paar Worte zu ihr. Jünger mag sie als solche zwar nicht explizit in seinem Werk ausgearbeitet haben, aber in den Zeilen von ihm, die ich kenne, kommt sie dennoch stark zum Vorschein. Allerdings nicht in ihrer Glorifizierung, wie viele sie heute vielleicht sehen mögen, sondern als Grund für den Untergang unseres Abendlandes. Genau wie ich war auch Jünger kein Freund von der bürgerlichen Bequemlichkeit und ihrer geistigen Selbstzufriedenheit.
Besonders hervor tritt dieses Motiv in seinem Essayband Der Arbeiter. Dort beschreibt Jünger den Übergang in eine technisch geprägte Welt, in der alte bürgerliche Werte – darunter auch die «Gemütlichkeit» – ihre tragende Rolle und Funktion verlieren. Wobei er mit «Gemütlichkeit» nicht bloße Behaglichkeit meint, sondern eine Haltung des Rückzugs, der Konfliktvermeidung und der Verweigerung gegenüber existenzieller Ernsthaftigkeit. Der Gemütliche umgeht die Auseinandersetzung mit Komplexität zugunsten eines flachen Lebens, eines unhinterfragten Lebens, eines ungelebten Lebens.
So wird «Gemütlichkeit» für Jünger zum Symbol des saturierten, des gesättigten und gepäppelten Bürgertums, wie wir es von den sogenannten «Boomern» auch heute noch kennen. Gemütlichkeit wirkt stabilisierend, aber auch lähmend – sie verhindert Konfrontation mit Realität, Gefahr und Wandel. Besonders deutlich wird dies in einer Epoche totaler Mobilmachung (vgl. Jüngers Essay Die totale Mobilmachung in dem Sammelband Krieg und Krieger), in der eine solche Haltung zunehmend obsolet erscheint. Damals – wie auch heute. Doch während für Jünger die totale Mobilmachung «mit der absoluten Erfassung der potentiellen Energie, die die kriegführenden Industriestaaten in vulkanische Schmiedewerkstätten verwandelt», beschreibt, frage ich mich, wie das in Gemütlichkeit ertränkte Potenzial einer Gesellschaft freigesetzt werden kann – ohne gleich in Gewalt und Krieg zu münden?
Freitag, 03. April
Last zur Gemütlichkeit, but not least zu Ernst Jünger: Auch in seinen späteren Werken wie Der Waldgang kehrt die Kritik an der gesättigten Gesellschaft indirekt wieder – anhand seiner Gegenfigur des Waldgängers. Der Waldgänger, das ist für Jünger jemand, der sich gerade nicht der bequemen Anpassung hingibt, sondern innerlich unabhängig bleibt, selbst unter politischem oder gesellschaftlichem Druck.
Dem Waldgänger erscheint «Gemütlichkeit» nicht als harmloses Wohlgefühl, sondern als Teil einer Anpassungsstruktur. Er weiß: Wer angepasst ist, neigt zu Sicherheitsdenken, Routinen und sozialer Einpassung. Der «gemütliche» Mensch richtet sich im Bestehenden ein, selbst wenn dieses politisch oder moralisch fragwürdig wird. Er vermeidet das Risiko der Entscheidung und damit auch echte Freiheit. Nicht aber der Waldgänger: Er lebt nicht im Bestehenden, sondern in dem, was Bestand hat. Er ist die faustische Seele Spenglers, der zeitlose Eigenbrödler. Als Herr seiner Werte und Sinne entsprechend nicht anfällig für jene gefährliche Trägheit, sucht er seine Freiheit nicht in äußerer Sicherheit, sondern in innerer.
Der Waldgänger entzieht sich der Vereinnahmung durch Staat, Ideologie oder Masse. Er ist sein eigener Richter, Wächter über seine eigenen Gesetze. Als solcher ist er selbst souverän – sich selbst Souverän. Dafür jedoch muss der Waldgänger nicht automatisch «in den Wald gehen», sich nicht zwangsläufig physisch zurückziehen. Für ihn entscheidend ist die innere Distanz. Das Aufbrechen der inneren Abhängigkeiten. Oder wie Jünger selbst schreibt:
«Es leuchtet ein, daß sich in dieser Veränderung der Fragestellung eine ganz andere Ordnung andeutet, als wir sie zu Anfang unseres Jahrhunderts vorfanden. Hier gibt es die alte Sicherheit nicht mehr, und unser Denken muß sich danach einrichten. Die Fragen rücken uns enger, dringender auf den Leib, und immer bedeutungsvoller wird die Art, in der wir antworten. Dabei ist zu bedenken, daß Schweigen auch eine Antwort ist. Man fragt uns, warum wir dann und dort geschwiegen haben, und gibt uns die Quittung dafür. Das sind die Zwickmühlen der Zeit, denen keiner entrinnt.»
Oder an anderer Stelle:
«Im Waldgang betrachten wir die Freiheit des Einzelnen in dieser Welt. Dazu ist auch die Schwierigkeit, ja das Verdienst zu schildern, das darin liegt, in dieser Welt ein Einzelner zu sein. Daß sie sich, und zwar notwendig, verändert hat und noch verändert, wird nicht bestritten, doch damit verändert sich auch die Freiheit, zwar nicht in ihrem Wesen, wohl aber in der Form. […] Waldgänger ist also jener, der ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit besitzt, das sich, zeitlich gesehen, darin äußert, daß er dem Automatismus sich zu widersetzen und dessen ethische Konsequenz, den Fatalismus, nicht zu ziehen gedenkt.»
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Samstag, 04. April
Allgemein fing das Jahr in Bezug auf das handschriftliche Vorhaben durchaus motiviert an. Doch bereits die zweite Märzhälfte erwies sich als bemerkenswert zäh — sowohl am Laptop als auch beim Schreiben per Hand. Daher auch meine immer und immer verspäteteren Mailantworten. Ich habe mich regelrecht blockiert gefühlt. Richtig ausgelaugt. Und hoffe, dass sich das mit den ersten Frühlings/Sommertagen bald endgültig ändern wird.
Im Moment sitze ich zumindest auf der Terrasse und weiß gar nicht, wie viele Kleidungsstücke ich noch ausziehen soll vor Hitze. Herrlich. Gestern war ich zudem seit längerer Zeit wieder einmal in Ascona. Abgesehen davon, dass die Vegetation dort bereits deutlich weiter fortgeschritten ist als hier oben im Tal, tat es gut, wieder etwas städtisches Leben und Bewegung wahrzunehmen. Der Winter bringt bei mir oft eine stärker verkopfte und zurückgezogene Stimmung mit sich. Der Sommer hingegen bricht – vermutlich nicht nur bei mir – jene Erstarrung, die sich mit der Kälte langsam in Körper und Gedanken eingeschlichen hat, auf.
Sonntag, 05. April
Mit der Zeit hat sich bei mir der Eindruck verfestigt, dass sich das eigene Menschenbild weniger aus festen Überzeugungen speist als aus der Frequenz und Qualität gelebter Begegnungen. Wer weniger Menschen sieht oder sich stärker zurückzieht, entwickelt dabei auch schneller ein tendenziell pessimistisches Bild von ihnen. Zumindest beobachte ich diese Verschiebung der eigenen Wahrnehmung oft an mir selbst – wenn auch phasenweise und vielleicht nicht immer durchgehend in eine Richtung. Manchmal sind es gerade einzelne Interaktionen, die mein Bild auf «den Menschen» wieder relativieren, manchmal aber auch bestätigen oder zusätzlich eintrüben. So liegt zwischen Frust und Freude oft nur ein Lächeln, ein starker Händedruck oder ein galantes mir die Tür offen halten. Aber nagut, das sind Themen, die mehr als einen Abend füllen würden.
Donnerstag, 09. April
In meinem Telegram-Kanal fragte ich heute früh, inwieweit es die dort Anwesenden interessieren würde, wenn ich nun weiter und intensiver über «Das Böse» schreiben würde. Nachdem ich dieses doch gerade auch als Thema für die aktuelle Ausgabe bei DIE FREIEN eingebracht hatte und mir allgemein das Schreiben über «das Böse» relativ leicht fallen würde.
Die Resonanz war eher mäßig, sag ich mal. Gerade auch im Hinblick auf Helena Blavatsky, über die ich, nach dem dreiseitigen Artikel fürs Magazin, gerne eine dreiteilige Reihe schreiben wollte – über die Theosophie, Blavatskys Theorie der «Menschenrassen», sowie Untergang und Aufstieg der Menschheit als solche überhaupt. Die Antworten reichten von «würde es lesen, auch wenn ich Blavatsky meide», über «Die Theosophische Gesellschaft Blavatsky die Engländer mit ihren Harry Potter Esoterischen Schulen das Erschaffen von Gurus in Indien und überall bis heute beziehungsweise Ausbeutung Vermarktung von sogenanntem geheimen Wissen....also ich wäre dabei, es zu lesen», bis hin zu «Blavasky würde ich nicht lesen - zu viel Programmierung.»
Spannend, dachte ich mir. Doch während ich bei Blavatsky trotz meiner anfänglichen Ablehnung ihr gegenüber mit Gegenwind gerechnet hatte, wunderte mich diese Verhaltenheit, dieser Missmut gegenüber der Thematik des Bösen. Schließlich ist dieses aus meiner Sicht doch das Thema der Stunde.
Es folgten konstruktive Kommentare, die in Hinblick auf das Böse den Unterschied zwischen dual und polar betont sehen wollten, mich auf Matrix-Programme zur Steuerung und Manipulation der Menschheit/Realität aufmerksam machten, oder den Club of Budapest ins Spiel brachten. Kurzum: Allein bei diesem kleinen Stimmungsbild wurde deutlich, wie präsent das Böse doch ist – wie wenig Willen jedoch vorherrscht, sich ihm letztendlich auch wirklich zu widmen.
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Freitag, 10. April
Mehr Gedanken zu dieser Abneigung dahingehend, sich dem Bösen ernsthaft zu «widmen». Weitere Kommentare gingen schließlich mehr in die Richtung, diesem als «unser Spiegel im Außen» keine weitere Energie mehr zu geben, da einen dessen Energie nur weiter runterziehen würde.
Ob man «dem Bösen» damit Energie gäbe, indem man über es aufklärt? Wurde an anderer Stelle gefragt. Besagte Leserin glaubt nein. Genau wie ich. Auch ich denke, dass jemand, der in seiner stabilen Mitte ruht, sich dem Bösen gegenüber nicht verschließen sollte. Nicht in dem Sinne, als dass er es Macht über sich gewinnen lassen sollte – ganz im Gegenteil. Wenn ich davon schreibe, das Böse anzugucken, meine ich genau jene Auseinandersetzung mit dem Bösen in sich selbst, dass schlussendlich dessen Auflösung zur Folge hat. Ganz im Sinne von C. G. Jungs Schatten oder Freuds Unterbewusstseins können diese Anteile ja auch nur dann über uns herrschen, wenn wir sie verdrängen. Sobald wir sie jedoch bereit sind anzuschauen und zu integrieren, verlieren sie ihre Macht über uns. Dann findet, wie auch die Leserin schreibt, «die Energie des Bösen keine Möglichkeit mehr, anzudocken und sich festzusaugen». Worum es ihr wie mir geht, ist eine Art «energetischer Schutzschild» gegenüber besagten Energien. Dieser wiederum gelingt für mein Empfinden nur, wenn wir keine Informanten jener «Gegnerschaft», die wir nicht in den eigenen Reihen sehen wollen, bereits als V-Männer in diesen stehen haben und die von innen unser eigenes Heer korrumpieren und letztendlich von innen unsere Tore öffnen.
Und es tut mir ja auch leid, wenn ich nochmal das Wort «Boomer» in den Mund nehmen muss, aber auf dem Feld merke ich zunehmend den Generationenunterschied. «Meine» Generation, sag ich mal, ist einfach deutlich offener und freier darin, «eigene» Themen anzuschauen. Wir verdrängen weniger und fühlen oftmals auch mehr, oder zumindest anders. Da ist weniger Angst, sich mit den eigenen Bindungsmustern und Traumata auf tieferer Ebene auseinanderzusetzen. Viele in meinem Alter haben eher verstanden, dass sich Stabilität nicht auf der Basis von Verdrängung gestalten lässt.
Das wiederum ist einer der Überlebensmechanismen früherer Generationen. Wofür ich ihnen allerdings auch keineswegs einen Vorwurf machen möchte. Denn wie gesagt: Diese Mechanismen dienten einst dem Überleben dieser Menschen – sei es, als sie noch im Mutterleib, im Kindes- oder Jugendalter waren. Es ist schwer, diese Dinge anzuschauen. Keine Frage. Und dennoch lässt sich dieser Unwille, den eigenen Schmerz anzuschauen, auch auf den Umgang mit dem Bösen in dieser Welt übertragen. Welche Komfortzonen wir nicht bereit sind zu verlassen, werden uns früher oder später erdrücken. Und schlimmstenfalls werden wir es nicht einmal dann fühlen. Schlichtweg, weil wir diese Komfortzonen nie als solche erachtet haben. Das ihnen zugrunde liegende Trauma ist und bleibt unsere Realität, solange wir den Schmerz, der sie sowohl bedingt wie auflösen könnte, nicht bereit sind zu fühlen.
Samstag, 11. April
Je mehr ich über das Böse nachdenke, desto mehr denke ich, brauchen wir einen Perspektivwechsel ihm gegenüber. Schließlich geht es doch auch mir nicht darum, «das Böse» in der Welt ausfindig zu machen und am laufenden Band auf Politiker und Missbrauchstäter zu zeigen. Das ist nicht meine Art.
Worum es mir geht, ist, besagten «Spiegel» umzudrehen. Ich persönlich glaube auch, dass sich alles, was wir in uns tragen, auch in der Welt zeigt beziehungsweise sich in dieser manifestiert. Es nützt für mein Empfinden allerdings nichts, dann einfach zu sagen: Ich gebe diesem «Außen» keine Energie mehr, wenn das im «Inneren» auf diese Weise trotzdem weiter existiert und sich weiterhin manifestiert.
Worum es uns allen doch gehen sollte, ist Frieden, Klärung und Auflösung im eigenen Inneren. Nur so können wir langfristig aufhören, im Außen das zu reproduzieren, was wir im Inneren noch nicht einmal begonnen haben zu registrieren.
Sonntag, 12. April
Die Lesung in Freiburg ist inzwischen genau einen Monat her. Und rückblickend glaube ich, dass damals bereits genau jene Energie spürbar wurde, über die ich in den letzten Tagen immer wieder geschrieben habe. Eine Energie, bei der ich mich bis heute frage, wie überhaupt mit ihr umzugehen ist. Reicht es aus, sie einfach wahrzunehmen und ansonsten unbeachtet zu lassen? Zu wissen, dass sie existiert – ja, selbstverständlich. Aber wie verwandeln wir sie? Wie verhindern wir, dass sie sich weiter fortsetzt, weiter reproduziert?
Denn wie gesagt: Ich bin nicht der Typ für Sensationsgeschichten oder einfache Feindbilder. Wenn ich vom «Bösen» spreche, meine ich nicht einzelne Täterfiguren oder politische Projektionen. Für mein Verständnis beginnt das Böse bereits viel früher – im Schattenhaften, in der inneren Abspaltung, im Gefühl des Ungeliebtseins, in der Entfremdung von sich selbst und anderen. Dort, wo Menschen beginnen zu verhärten. Wo Schmerz nicht mehr verarbeitet, sondern weitergegeben wird.
Für mich liegt darin die Frage unserer Zeit: Wie sind wir überhaupt an einen Punkt gelangt, an dem so viele Menschen dem Bösen nichts mehr entgegenzusetzen wissen? An dem Leere, Zynismus, Manipulation oder seelische Verwahrlosung nicht mehr als Fehlentwicklung empfunden werden, sondern zunehmend als etwas Normales, beinahe als Realität selbst? Für mich ist das Verstörendste dabei nicht einmal die Existenz des Bösen an sich, sondern die Gewöhnung an es. Die Müdigkeit gegenüber dem Geistigen. Die stillschweigende Akzeptanz eines Zustands, in dem der Mensch sich immer weiter von sich selbst entfernt.
Montag, 13. April
Das Böse in sich zu erkennen, aufzulösen oder zu integrieren, ist Selbstwirksamkeit. Und damit das Gegenteil von dem, was das Böse eigentlich in uns auslöst: Ohnmacht.
Dienstag, 14. April
Anziehung passiert nach meinem Empfinden nur auf der Frequenz der eigenen Lebendigkeit. Menschen, die – sei es durch Traumata, Erziehung oder durch andere Umstände – viel von sich abgespalten haben, treffen meistens auf solche, die sie genau die für sie schwierigen Dinge nicht fühlen lassen. Haben wir sehr viel Lebendiges in uns freigelegt, können wir wiederum nicht mit Menschen zusammenleben, die noch viel abgespalten haben.
Letztendlich muss jeder diesen Bewusstwerdungsprozess selbst schaffen. Eine Weggabelung, die sich für mein Empfinden aktuell stark zeigt: Sehr viele Menschen steigen aus dem Schwimmbecken aus und sagen: «Ich will das nicht mehr, ich will lebendig sein, ich will in Verbundenheit leben.» Alle, die das nicht wollen, weil sie diese Lebendigkeit noch nicht in sich erfahren haben, schwimmen weiter in den Bahnen. Für manche ist der Ausstieg einfach zu schwer.
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Mittwoch, 15. April
Wohin geht die Leidenschaft? Sowohl die für die Kunst, das eigene Leben und sich selbst, als auch die zwischen zwei Menschen? Während Agape und Philia zwei Bindungstypen zwischen ihnen bilden, die von Dauer sein können, stellt sich die Frage, was dann mit dem Eros geschieht, dass er sich — anders als die anderen beiden — so leicht zu verflüchtigen weiß? Was ist es in zwei Menschen, die sich einst an- und auszuziehen wussten, die heute eine Form der Polarität in sich spüren, die sich in vielerlei Hinsicht eher abzustoßen scheint?
Es scheint sich in der Realität zu zeigen, dass sich Menschen mit einem ähnlichen Bewusstseinsstand begegnen und ineinander verlieben, und dass überall dort, wo Zeit verstreicht und der eine sich ohne den anderen weiterentwickelt, eine Form der Entfremdung einsetzt, die sich nicht allein auf die inzwischen entstandene Differenz an Erfahrung zurückführen lässt. Nein, es sind Menschen, die eigene Erfahrungen machen, die beginnen, ihre eigenen Wege zu gehen, und durch diese Wege sich selbst so sehr kennenlernen, dass sie anschließend nicht mehr bereit sind, den Weg eines anderen anstelle des eigenen mitzugehen.
Womit dennoch ungeklärt bleibt, woran der Eros letztendlich stirbt? Heißt es doch bekanntlich: «Gegensätze ziehen sich an» …
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Donnerstag, 16. April
Zivilisationsekel. Der Hund braucht mehr Hundebegegnungen an der Leine, als ich sie ihm in meinem 30 Einwohner Kaff bieten kann. Also hab ich in den letzten zwei Tagen beschlossen, spontan wegzufahren. Ziel Gardasee, als dass ich diesen noch als sehr hundefreundlich in Erinnerung habe. Und was soll ich sagen? Was sich anfangs als «für den Hund» deklarierte, stellt sich jetzt als umso wichtiger für mich heraus.
«Heraus». Das ist wohl das Stichwort. Rauskommen. Heraus aus sich selbst kommen. Fragen, die sich mir aktuell ohnehin stellen: Ist der Ort, an dem ich jetzt lebe, gut, um ich selbst zu werden? Oder hindert er mich eher an mir selbst? An und durch mein eigenes kreieren von Komfortzonen? Und viel wichtiger: Was wäre die Alternative zu ihm und diesen? Den wenn ich jetzt hier so durch das vermeintliche «dolce vita» Italiens gurke, merke ich jedes Mal aufs Neue, wie mir das auf Dauer zu viel wäre: diese Industrialisierung, ihr Lärm und Müll, die hässlichen Häuser, die Verschandelung im Allgemeinen – die der Menschen an der Natur, aber auch die der Menschen an sich selbst.
So eng und «beschränkt» im Denken die Gegend, in der ich wohne auch sein mag – ihr großes Privileg liegt in der langfristigen Lebensqualität, die sie zu bieten hat: Gute Luft, bestes Quellwasser, Ruhe und Abgeschiedenheit. Naturschönheit. Balsam für die Seele. Die Möglichkeit, sich ernsthaft mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das, was jeder für sich selbst entscheiden kann, merke ich, ist für mich diese Grundlage, dieser Ausgangspunkt eines für mich (stand heute) guten Lebens.
Freitag, 17. April
Ich hatte heute und gestern tatsächlich eine Art Episode, in der in meinen Playlists plötzlich Lieder der Band Rosenstolz aufgetaucht sind. Dadurch bin ich unwillkürlich in Erinnerungen zurückgefallen – an meine Kindheit und Jugend, in der ich sehr viel Rosenstolz gehört habe und auf der Wii und PlayStation bei Singstar ihre Lieder nachgeträllert habe.
Und ja, auch wenn ich es damals nicht bewusst mitverfolgt oder reflektiert habe, merke ich heute mit etwas Abstand, wie verstörend die Kombination aus den später bekannt gewordenen faschistoiden Äußerungen der Sängerin und ihrem plötzlichen Tod auf mich wirkt. Diese Gleichzeitigkeit von künstlerischer Nähe, biografischer Distanz und moralischer Irritation ist etwas, das sich für mich nicht einfach rational – weltlich – einordnen lässt. Ich habe eher das Gefühl, dass das etwas berührt, das über reines Verstehen hinausgeht – als würde es sich dem reinen Verstand entziehen und dennoch in ihm nachwirken. Kurzum: In dieser Welt geschehen Dinge, die ein Herz allein nicht fühlen sollte.
Samstag, 18. April
Die Welt ist kleiner geworden, aber zugleich vernetzter. Während der Corona-Zeit, in der gefühlt jeder zweite – oder eher jeder 1,5. – Interpret, Künstler, Nachbar oder Freund moralisch versagt hat, hat sich vieles von dem, was diese Welt zuvor erlebbar machte, plötzlich stark reduziert angefühlt. Und dennoch: Gerade in dieser Reduziertheit haben sich diejenigen, die von den anderen zurückgelassen – oder besser gesagt: ausgeschlossen – wurden, neu zusammengefunden. Ihre Welt ist heute vielleicht kleiner geworden, aber nicht ärmer. In ihrer Vernetzung ist etwas entstanden, das den anderen in ihrer Ausgrenzung fehlt: Frieden, Vertrauen, Verlässlichkeit, wahre Freundschaft.
Sonntag, 19. April
Es ist erstaunlich. Ich habe einige Erinnerungen – eigentlich gar nicht so wenige –, die ich mir derart ins Gedächtnis rufen kann, dass ich sie beinahe leiblich noch einmal durchleben kann.
Und in Bezug auf solche Dinge merke ich immer wieder, was in mir noch nicht vollständig ausgelebt oder verarbeitet ist. Welche Erinnerungen versuche ich vielleicht sogar abzubrechen, wenn sie hochkommen, weil sie noch nicht abgeschlossen sind? Weil sie bis heute schmerzhaft sind? So sehr, dass ich nicht noch einmal in diese Situation zurückkehren möchte – und sich das, was ich damals erlebt habe, auch körperlich noch immer in mir festsetzt: Schmerz, Trauer.
Ich finde es erstaunlich, wie sich gerade diese Momente viel stärker in mein Gedächtnis einbrennen als jene, in denen ich gelacht und fröhlich umhergerannt bin. Natürlich kann ich auch die positiven Erinnerungen abrufen, aber nicht in demselben Maß, in dem sich die schmerzhaften angereichert haben in meinem Gedächtnis.
Was wiederum widersprüchlich wirkt, wo ich doch eigentlich annehme, dass wir negative Erinnerungen eher verdrängen. Und dennoch fühlt es sich manchmal so an, als wären sie gerade deshalb so präsent, weil sie noch einmal durchlebt werden wollen – als würden sie darauf warten, erneut gefühlt zu werden, bis sie irgendwann einmal «ausgefühlt» sind.
Mit positiven Erinnerungen ist das anders: Sie wirken wie ein Kontingent, das sich einfach in uns ansammelt. Schmerz hingegen besteht aus einzelnen Löchern, die sich in unser Inneres fressen. Anders als die Freude, die uns füllt, müssen wir sie, diese Löcher, nach und nach mit uns selbst füllen – mit mit Zeit, mit Muße, mit Heilung.
Denn wenn nicht, dringen sie irgendwann so weit in uns vor, dass der gesamte See an Glück von ihnen mit in die Tiefe gezogen wird.
Montag, 20. April
Du bist nicht allein, wenn du dich allein fühlst. Die Zahlen einsamer Menschen sind wahrhaft erschreckend. Menschen vereinzeln. Menschen verzweifeln – und verzweifeln wiederum daran, dass sie vereinzeln. Und doch haben viele niemanden, mit dem sie sich darüber austauschen können.
Ich für meinen Teil glaube, genau das ist gewollt. Nicht nur, dass wir uns einzeln, allein und verzweifelt fühlen, sondern dass wir glauben, wir seien die Einzigen auf der Welt, denen es so geht. Einzelne Menschen, die als solche versagen, indem es ihnen nicht gelingt, mit anderen Menschen wirklich in Kontakt zu treten.
Ich denke, es ist gewollt, dass wir uns für unsere Einsamkeit schämen. Dass wir uns so fühlen, als wären wir anders – nicht im positiven Sinne, sondern so, dass wir schlichtweg nicht dazugehören können. Dass da immer diese Barriere bleiben wird. Immer diese Mauer des Sich-nicht-verständigen-Könnens. Und dass wir, wenn überhaupt, nur dann dazugehören können, wenn wir das, was wir nicht verständlich machen können, irgendwann auch selbst nicht mehr ausdrücken wollen. Wenn wir aufhören, das ausdrücken zu wollen, was in der Welt und folglich auch in uns selbst keinen Platz findet, um gelebt zu werden.
Nur wenn wir das unterdrücken, nur wenn wir uns selbst unterdrücken – so zumindest das Bild, das uns vermittelt wird –, können wir dazugehören, akzeptiert und gesellschaftlich tauglich sein. Anders gesagt: Wir sollen uns schämen für die, die wir sind. Schämen für die Gefühle, die wir haben, für die Gedanken, die wir denken. Für das Innere, das wir nicht leben können.
Dienstag, 21. April
Noch mehr Zivilisationsekel. In letzter Zeit taucht bei mir – nicht zuletzt durch Gespräche mit guten Freunden – immer häufiger die grundlegende Frage auf: Will ich dauerhaft an dem Ort leben, an dem ich mich gerade befinde? Oder ist das nur ein vorläufiges Arrangement, eine Komfortzone, die ich bislang nicht ernsthaft genug hinterfragen konnte?
Diese Frage hat mich in den vergangenen Tagen auch physisch in Bewegung gebracht. Ich fuhr durch Italien – weniger als klassischer Tourist denn als jemand, der sich umsieht und versucht, ein Gefühl für mögliche Alternativen zu entwickeln. Dabei fiel mir jedoch etwas auf, das ich schwer ignorieren konnte: Obwohl ich im italienischsprachigen Teil der Schweiz lebe, die Sprache gut beherrsche und mich kulturell in gewisser Weise anschlussfähig fühle, stößt mir vieles, was ich im «eigentlichen» Italien wahrnehme, zunehmend unangenehm auf.
Ich spüre darin einen Widerspruch, oder besser: etwas unüberwindbar Trennendes: Sprache schafft Nähe und vermittelt Zugehörigkeit, doch sie bedeutet noch lange nicht, dass man sich auch mit dem kulturellen Ausdruck eines Landes identifiziert. Vielleicht sehe ich gerade deshalb umso deutlicher, was mich irritiert. Besonders auffällig ist für mich der Umgang mit der bebauten Umwelt: eine Form der Industrialisierung, die oft rücksichtslos wirkt, kombiniert mit einer Immobilien«kultur», die ästhetisch wie funktional häufig beliebig, überladen oder schlicht lieblos erscheint. Vieles vermittelt den Eindruck, dass kurzfristige Verwertung über langfristige Qualität, Maßstäblichkeit oder ein harmonisches Einfügen in Landschaft und gewachsene Strukturen gestellt wird.
Dieser Eindruck löst in mir eine Art «Zivilisationsekel» aus – nicht als pauschale Abwertung, sondern als Unbehagen gegenüber bestimmten Formen menschlicher Gestaltung und Organisation. Weniger ein Urteil über «die Italiener» als eine Reaktion auf sichtbare Resultate kollektiver Entscheidungen. Gleichzeitig zwingt mich dieses Gefühl dazu, genauer hinzusehen: Was genau stößt mich eigentlich ab? Ist es wirklich ortsspezifisch – oder erkenne ich hier nur besonders deutlich etwas, das anderswo ebenso existiert? Und vor allem: Welche Art von Umgebung brauche ich eigentlich, um mich langfristig wohlzufühlen? Vielleicht geht es am Ende weniger darum, einen «besseren Ort» zu finden, sondern vielmehr darum, die eigenen Maßstäbe klarer zu verstehen. Und genau dieser Prozess fühlt sich in meinem Fall längst überfällig an.
Mittwoch, 22. April
Nochmal zu Sprache und Kultur als kaum überwindbare Kluft: Ich habe immer wieder darüber gestaunt, wenn Freunde oder Bekannte bilinguale Beziehungen geführt haben. Auf freundschaftlicher oder flüchtiger Ebene im Urlaub kannte ich das zwar auch, aber als langfristige Beziehung erschien es mir immer als eine Art Rätsel – ist mir selbst Sprache doch mehr als wichtig.
Gleichzeitig: Ich selbst lebe doch an einem Ort, an dem vorwiegend Italienisch gesprochen wird. Habe ich mich dadurch absichtlich in eine Form der Selbstisolation begeben, in ein Gefühl des «nie richtig verstanden werden Könnens»? Denn mal abgesehen davon, dass ich mich auf Italienisch gut verständigen kann und es auch viele Menschen auf meiner Ecke gibt, die Deutsch sprechen: Wie viel von uns selbst bleibt eigentlich unerreichbar, wenn die eigene Muttersprache nicht die Grundlage des alltäglichen Austauschs mit den Menschen bildet, die einen umgeben?
Ich für meinen Teil merke immer wieder, wie «dumm» ich mich fühle, wenn ich Italienisch spreche. Nicht, weil ich denke, Dinge falsch auszusprechen, sondern weil mir bewusst ist, dass ich von meinen eigentlichen Gedanken oft nur etwa fünfzig bis sechzig Prozent wiedergeben kann – und vermutlich auch nur ein ähnlicher Anteil dessen, was mein Gegenüber wirklich meint, bei mir ankommt. Ein erheblicher Teil der möglichen Beziehung verpufft dadurch gewissermaßen im luftleeren Raum.
Zugleich lässt sich für mein Gefühl kaum bestreiten, dass jede Sprache ihre eigene Wirklichkeit formt. Das Deutsche verfügt nun einmal über andere Begriffe, andere Nuancen und andere Denkbewegungen als etwa das Spanische. Ob wir dadurch automatisch ein anderes Innenleben haben als ein Argentinier? Ich würde mittlerweile zu Ja tendieren. Nicht im rassistischen Sinne, aber zumindest so, dass ich für mich merke, dass hier ein Distinktionsmerkmal vorliegt, dass mich daran hindert, als vollständige Persönlichkeit in Beziehung zu treten und als die, die ich bin, auch vollends verstanden zu werden.
Warum ich oder wir Menschen im Allgemeinen dieses Bedürfnis nach sprachlichem Verstandenwerden überhaupt so stark haben, ist wiederum eine andere Frage. Warum sind wir so verkopft, dass es immer die Worte sein müssen, die die Grundlage unserer Kommunikation ausmachen? Warum ist es nicht der Blickkontakt, der Geruch oder das sich lange in den Armen Halten?
Ich für meinen Teil realisiere zwar immer mehr, wie auch diese Komponenten zum entscheidenden Kriterium für mich in der Partnerwahl werden – nichtsdestotrotz weiß ich, dass mein Alltag nicht nur aus Händchenhalten bestehen kann. Ich bin kein Schimpanse, der seinen Partner den ganzen Tag entlausen und beschnüffeln möchte. Mir reicht das nicht. Frühere Beziehungen haben mir zur Genüge gezeigt, wie ich selbst innerhalb einer «Beziehung» vereinsamen kann, wenn ich mich – sei es durch Worte oder selbst durch Blicke – letztlich nicht wirklich verstanden fühle.
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Samstag, 25. April
«Die inoffizielle Welt». Der liebe Flavio (von Witzleben) hat zuletzt eine Formulierung getroffen, die mir seitdem nicht mehr ganz aus dem Kopf geht. Sinngemäß sagte er, dass heute nicht mehr der analoge Mensch das «Alte» verkörpere, sondern vielmehr der Transhumanist selbst. Ein Gedanke, der zunächst paradox klingen mag, bei näherer Betrachtung jedoch bemerkenswert präzise wirkt.
So galt über Jahre hinweg der technologisch optimierte Mensch als Projekt der Zukunft: effizienter, vernetzter, rationaler, körperlich wie geistig erweiterbar. Der Transhumanismus verstand sich als Fortschrittserzählung – als Überwindung biologischer Grenzen und menschlicher Unzulänglichkeiten. Doch gerade darin liegt inzwischen etwas zutiefst Antiquiertes. Nicht, weil Technologie verschwindet, sondern weil das Menschenbild – der «Mensch» – dahinter zunehmend erschöpft wirkt. Dabei entstand der Transhumanismus letztlich aus einem Zeitalter, das glaubte, alles ließe sich technisch lösen: Einsamkeit durch Vernetzung, Sinnverlust durch Optimierung, Krankheit durch Daten, Sterblichkeit durch Uploadfantasien. Doch je digitalisierter und kontrollierter seine Welt wurde, desto deutlicher zeigte sich zugleich, dass der Mensch – wer hätte es gedacht – nicht primär an einem Mangel an Effizienz leidet.
Hier zeigt sich – für alle, die sie sehen wollen – «die inoffizielle Welt» als eine Art Umkehrung: Das eigentlich Neue wirkt heute nicht mehr künstlich, glatt und maximal vernetzt, sondern menschlich, fragmentarisch und unmittelbar. Das Bedürfnis nach echten Begegnungen, nach Körperlichkeit, nach Stille, nach kleinen Gemeinschaften und nicht vollständig algorithmisierten Räumen wächst gerade dort, wo die technische Durchdringung am weitesten fortgeschritten ist.
Für mich ist das die Ironie der Gegenwart: Ausgerechnet das große Zukunftsversprechen der totalen Technologisierung wirkt heute erstaunlich alt – während das vermeintlich «Rückständige» den eigentlichen «Zeitgeist» einzuholen und in seiner Falschheit zu entlarven weiß.
Sonntag, 26. April
Mir fehlt es an Antiquiertheit. Ich hätte gerne mehr Konservatismus. Nicht im Sinne von «Frauen zurück an den Herd», sondern als bewahrendes Element. So viel geht in dieser Welt verloren – nicht weil es einem guten Leben nicht mehr dienlich wäre, sondern weil die Menschen nicht mehr wissen, worin dieses gute Leben eigentlich bestehen könnte, und folglich die ihm zuträglichen Dinge nicht mehr als solche zu schätzen wissen. Das ist der eigentliche Verlust der Moderne. Diese Blindheit. Diese an Dummheit grenzende Blindheit.
Montag, 27. April
Ein Blick auf Ernst Jünger und den Begriff des Konservativen als solchen. Denn während Oswald Spengler oder Carl Schmitt vielleicht noch eher als klassisch Konservative eingeordnet werden können, gilt Jünger vielmehr als «konservativer Revolutionär» der Weimarer Zeit – also kritisch gegenüber Liberalismus und Massendemokratie, aber ohne den Wunsch nach einer «einfachen» Rückkehr zu alten Ordnungen. Dafür war Jünger auch einfach zu klug, als dass er bereits Gescheitertes nochmals hätte aufwärmen wollen.
Was er vielmehr herausarbeitete, war das wiederkehrende Motiv der Vorstellung, dass Gesellschaften nicht primär egalitär sind, sondern aus qualitativ unterschiedlichen Typen bestehen. Beispiel: In Der Arbeiter ersetzt der «Arbeiter» als Typus die bürgerliche Individualfigur, wohinter eine anti-egalitäre Grundannahme steht: Menschen sind nicht primär gleiche Individuen, sondern Teil von «Gestalten» oder Ordnungen. Also beinahe im archetypischen Sinne Carl Gustav Jungs.
Auf der anderen Seite zeigte Jünger eine grundlegende Skepsis gegenüber Liberalismus und Massendemokratie. Wiederholt kritisierte er parlamentarische Kompromisspolitik, liberale Individualisierung sowie «Massenkultur» und öffentliche Meinung. Denn so wie er in seinen Stahlgewittern eine Haltung offenbart, die indirekt aus der Erfahrung des Ersten Weltkrieges stammt, also die klassische bürgerliche Welt als bereits überholt erscheint, fordert er Konservativismus nicht im rechtsstaatlichen Sinne, sondern eher als kulturkritische, anti-liberale Position.
Dazu passt sein zentraler Begriff der «Gestalt», der Wunsch nach einer geformten, nicht chaotischen Ordnung. Jünger bevorzugte Strukturen, in denen Disziplin und Form dominieren. Zufälligkeit und spontane Individualwillkür gelten ihm als Zeichen von Zerfall. Weshalb er, im Rahmen eines impliziten Eliten- und Führungsdenken auch eher Menschen bevorzugte, die Verantwortung tragen, anstatt solche, die sich bloß treiben lassen. Belang- und Wahllosigkeit – das waren Jüngers schlimmste Feinde. Womit er jedoch – anders als manch banales Hirn es heute schlussfolgern mag – kein demokratisches Gleichheitsmodell meinte, sondern vielmehr einen aristokratischen Ethos der Entscheidung. Was Jünger forderte, war Selbstdisziplin – und keinen blinden Gehorsam, der schlussendlich wieder nur zu jener totalen Mobilmachung – für welches Ziel auch immer, ob Krieg oder Genmanipulation, – führe.
Passend dazu betrachtete Jünger auch die Technik als sehr ambivalent. Er lehnte sie vielleicht nicht grundlegend ab, war dafür aber sehr wachsam dahingehend, wie sich der Mensch ihr gegenüber innerlich verhält. Konservativ bedeutet für ihn hier entsprechend nicht blinden Fortschrittsglauben, sondern eine Skepsis gegenüber der Selbststeuerung und möglichen destruktiven Eigendynamiken der Moderne.
Ihr gegenüber – als «Form» – stellte er die Tradition. Nicht als Wiederherstellung alter Zeiten und Zustände, oder als Ausdruck eines nostalgischen Traditionalisten, sondern als Hoffnung auf die Wiederkehr einer inneren Haltung, als Ausdruck einer Sehnsucht nach Stil und Formbewusstsein. Diese Ethik der Haltung bestand für ihn aus eben jenen Werten, die er auch seinem Waldgänger zuschrieb: Selbstbeherrschung, Leidensfähigkeit, Kälte gegenüber Zeitströmungen, Akzeptanz von Gefahr und Konflikt.
Kurzum: Nachdem Jünger im Ersten Weltkrieg voller flammenden Ernstes und Kriegsbegeisterung ins Stahlgewitter geriet, danach aber feststellen musste, wie entseelt dieses Schauspiel war, suchte er nach Wegen und Werten, diese im Menschen angelegten Passionen anders zu kanalisieren. Ein für mein Empfinden sehr hoch angelegtes Unterfangen, für das mir auch im Hier und Heute die Mittel, Wege und Menschen zu fehlen scheinen. Wo sind die Waldgänger? Wo ist der Jünger, wenn man ihn mal braucht?
Dienstag, 28. April
Apropos Konservative Hipster. Mit 18 las ich Spengler, mit 19 Jünger und mit 22 dann Carl Schmitt. Ihre Grundhaltung gegenüber der Moderne kam mir immer sehr vertraut vor. Doch während Jünger die Moderne als Schicksal akzeptierte, und verstand, dass Technik, Krieg und Mobilisierung nicht rückgängig zu machen waren, sondern sie mehr als Auftrag an den Einzelnen, innere Distanz und Formbildung zu betreiben, verstand, akzeptierte Schmitt die Moderne zumindest politisch nur begrenzt. Moderne liberaler Pluralismus sah er als destruktiv, während Spengler als radikalster Kulturpessimist in seinem Untergang des Abendlandes Zyklen von Aufstieg und Verfall als historisch notwendig betrachtete.
Wie gesagt, ich verstehe alle drei. Einerseits wünsche ich mir einen erstarkenden Individualismus, andererseits habe ich nicht den Eindruck, dass aus dem Menschen von heute noch irgendeine Form von wahrer Individualität herauszuquetschen wäre. Denn während für Schmitt noch derjenige als «Souverän» galt, der «über den Ausnahmezustand entscheidet», sehe ich den heutigen «Arbeiter» in vielerlei Hinsicht als final entmündigt. Jegliche Freund-Feind-Unterscheidung trifft nicht mehr er, sondern der Staat für ihn.
Diese Gesellschaft wird keinen Waldgang betreiben. Das wird mir gerade heute abermals bewusst, laufe ich hier durch eine der Innenstädte Deutschlands. Vielmehr habe ich das Gefühl, beschleicht mich die Ahnung, dass diese Gesellschaft mich als «angehende Waldgängerin» zunehmend kritisch beäugt. Ich fühle mich dann oft wie «enttarnt» oder allein von meiner Art, durch die anderen durchzugehen, mich von ihnen energetisch fernhalten zu wollen, gleichsam ausgegrenzt. Als ob ein gegenseitiges Einverständnis herrscht, sich weder von der einen Seite, noch von der anderen mehr etwas entgegnen zu wollen. Was herrscht, ist Resignation, das stille Einverständnis, dass nicht nur der Zug abgefahren ist, sondern gleich der ganze Bahnhof stillgelegt wurde.
Mittwoch, 29. April
Dass diese Welt in Zyklen «funktioniert», steht für mich eigentlich außer Frage. Im Konkreten stehen wir aktuell vielmehr vor der Frage, an welchem Punkt dieser Sinuskurve wir uns befinden. Im Tal? An ihrem Zenit? Geht es von hier aus bergab? Oder doch wieder bergauf? Anders gefragt: Was beschreibt diese Kurve überhaupt? Von welcher Variablen gehen wir aus? Vom Maß des Bösen, das in dieser Welt möglich ist? Vom Niveau an Destruktion, das in ihr betrieben werden kann? Oder vielleicht doch eher von jener Art der Lebenszugewandtheit, von der aus betrachtet es eigentlich nur besser werden könnte?
Donnerstag, 30. April
Bei all dem Wahnsinn in dieser Welt ist und bleibt das schönste Gefühl doch jenes, bei aufkommendem Frühling die Schuhe auszuziehen und barfuß über das noch nicht gemähte Gras oder durch den seine erdigen Gerüche entfaltenden Wald zu laufen. Nur um sich dann jeden Abend aufs Neue die ebenso erdigen – dafür aber geerdeten – Füße waschen zu dürfen.
Nach den ersten Terminen für Lesungen zu meinem Buch Sein statt Haben stehen nun bereits zwei weitere:
Samstag, der 20. Juni. Nachmittags bis abends in 31675 Bückeburg OT Cammer (Zwischen Hannover und Bielefeld). Circa 30 Plätze.
Dienstag, der 23. Juni in Nienburg/Weser. Hotel Am Posthof. Einlass ab 18:30. Beginn der Lesung. 19:30 - 22:00 Uhr. Die Plätze sind auf 35 begrenzt.
Ganz grundsätzlich plane ich derzeit mehrere Lesungen in der zweiten Junihälfte. Verfügen auch Sie über einen kleinen Saal oder ein größeres Wohnzimmer (oder auch einen schönen Garten), in dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de – und vielleicht können wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.
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Verwendungszweck: Spende Substack (Beispiel)
Vielen Dank. Für alles weitere schreiben Sie mir gerne an lillygebert@posteo.de, abonnieren Sie meinen Telegram Kanal, oder verfassen einen Kommentar.










Danke Lilly für dein Sein und dein Schreiben. Und danke dass du mich wieder an den Waldgänger erinnert hast. Das kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Synchronizität de luxe.
Liebe Lilly
Vielen Dank für Dein Tagebuch zu Ernst Jünger und die vielen Gedanken rundherum.
Deine nicht gerade freundlichen Bemerkungen zu den Boomern bewegen mich als Boomerin ein etwas anderes Licht auf meine Generation zu werfen, als Du es tust. Du beanstandest, dass wir nicht bereit seien, das Böse anzuschauen vor allem nicht in uns drin. Das trifft auf mich und meine ganz engen Freunde nicht zu. Grundsätzlich würde ich sagen, dass wir Boomer zumindest in unserer Jugend die Pioniere waren, was die Auseinandersetzung mit dem Bösen in Form unserer Neurosen und Depressionen betrifft. Damals in den 60er-Jahren wurde die Psychoanalyse Freuds und C.G. Jungs erstmals in der Breite wirksam. Man begann in Therapien zu gehen und eine Zeit lang war es möglich, mit vielen von uns über unsere Zwänge, unser Leiden und Unzulänglichkeiten zu reden. Mit der Zeit ging das allmählich weniger, und ich weiß noch heute nicht genau weshalb. Ich habe es der nachfolgenden Generation, den Yuppies zugeschrieben, die plötzlich wieder wirtschafts- und fortschrittskonform waren und die sich für gesunde Ernährung interessierte. Vielleicht hatte es auch mit dem erlahmenden Jugendelan zu tun. Die hochfliegenden Ideale waren eben weniger leicht zu verwirklichen, als es in der Aufbruchstimmung schien. Mir scheint, dass die Verbürgerlichung und das sich gemütlich machen leider Begleiterscheinungen des Älterwerdens sind. Der Job, die Familie, die Existenzsicherung und schließlich das Nachlassen der Kräfte tragen alle dazu bei. Es wird bei Deiner Generation vermutlich nicht anders sein, auch wenn es immer Menschen gibt, die eine Ausnahme bilden. Was mir auffällt an Deiner Generation. Ihr fängt bei einem ganz anderen Punkt an als wir Boomer es konnten. Das ist Euch möglich, weil Ihr auf unseren Schultern steht, wie auch wir schon auf den Schultern unserer Vorfahren standen. Ihr habt also das, was Ihr als Euren Vorzug betrachtet, zu einem guten Teil uns gemütlichen Boomern zu verdanken, unseren Verdiensten ebenso wie unseren Irrtümern. Und nicht zuletzt. Boomer finde ich eine despektierliche Bezeichnung für unsere Generation, als ob es sich dabei um eine Menschenguppe handelte, die nur für die Fortpflanzung einschließlich gemütlichem Häusle und Garten gelebt hätte. Alles andere ist der Fall. Unsere Generation hat revoltiert, mit alten Zöpfen aufgeräumt, Tabus gebrochen und das in einem Ausmaß, das weite Teile der Gesellschaft erfasste, wie es so bis heute nicht mehr gelungen ist.