Treffpunkt im Unendlichen
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Die Gottlosigkeit
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Die Gottlosigkeit

Zum 2. Advent ein Exklusivauszug aus «Sein statt Haben».

Nun, jeder hat sein Los, und leicht ist keines. Das lässt bereits Hermann Hesse seinen Harry Haller erkennen, dessen Los gerade darin besteht, für sein Verlangen nach starken Emotionen und Eindrücken in seiner Welt keinen Ausdruck mehr zu finden. Der Steppenwolf empfindet nichts als »Wut gegen dieses tonlose, flache, normale und sterile Leben« – »jene Tage des Seelensterbens«. Abgesehen von seiner inneren »Zweiheit« leidet er an der zerstörten und ausgesogenen Erde, der Menschenwelt und sogenannten Kultur in ihrem verlogenen und gemein blechernen Jahrmarktsglanz. Eine Welt, so voller Herzensleere, erscheint selbst dem mit den Resten seines Herzens Ringenden als gottlos.

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Worin jedoch besteht dann das Los desjenigen, der sich nicht nur einer gottlosen Welt gegenübersieht, sondern sich obendrein selbst von Gott verlassen fühlt? Der bei allem, was ihm im Diesseits passiert, nicht mehr an ein Jenseits glauben kann? Und der im Angesicht der Grausamkeit dieser Welt jede Hoffnung auf etwas Größeres verloren hat? Verfällt dieser Mensch dem Nihilismus? Oder hat es gerade diese Gottlosigkeit gebraucht, um ihn zurück auf sich selbst zu werfen? Falls ja: Besteht diese Geworfenheit dann darin, ohne Gott zu leben – oder Gott in sich selbst zu finden?

In dieser Ungewissheit besteht das Schicksal jedes Ungläubigen: Weil er keinen Himmel mehr kennt, trägt er die ganze Schwere des Daseins auf seinen Schultern. Da ist keine Instanz mehr zwischen ihm und seinem Tod. Er ist allein, findet sich zurückgeworfen in eine präexistenzielle Leere. Aus ihr heraus wirkt die Gottlosigkeitwie ein Bruch – nicht mit dem Sinn, dem Halt oder der Hoffnung als solchen, sondern mit der Vorstellung, sich ihrer je gewiss gewesen zu sein. Wo Gottlosigkeit herrscht, betritt der Mensch bereits zu Lebzeiten das Gebiet des Teufels: Der Glaube an ein absolutes Gut oder Böse zerfällt, und zurück bleibt eine Welt, die nur noch nach Richtig und Falsch funktioniert.

Was anderes bleibt dem Gottlosen auch nicht mehr übrig: Weil er weder glauben noch vertrauen kann, muss er funktionieren. Aus Ermangelung einer inneren Quelle zapft er im Außen an, hält an Ersatzgöttern fest – an Geld, an Fortschritt, an Ideologien. Wobei es ihm auch nicht wichtig ist, ob diese seine Augen mehr schließen denn öffnen: Er will glauben, auch wenn es nur an das eigene Bankkonto ist. Denn wie bereits Tschingis Aitmatow in Der Schneeleopard schrieb: »Das Geld ist der Gott dieser Epoche. Und schon deshalb ist Gott allgegenwärtig.« Mit dem leisen Unterschied, dass dieser Gott vollends erkaltet ist. Er wärmt nicht, vergibt nicht, schenkt keine Hoffnung. Er ist nicht mehr als eine Zahl – ein leeres Symbol für Macht und Mangel.

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»Wir haben ihn getötet – ihr und ich!«, lässt Friedrich Nietzsche folglich auf dem Markt ausrufen. Ob wir nicht merkten, dass wir bereits durch ein endloses Nichts irrten und immerfort Nacht und mehr Nacht käme? Dass wir in sie hineinstürzten – rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Spürten wir nicht, wie es kälter geworden sei? »Gott ist tot!« – lautet die Konsequenz seiner Fröhlichen Wissenschaft. Aber auch die der unseren: Auch wir sind Mörder, haben es geschafft, das Heiligste und Mächtigste, was unsere Welt besaß, unter unseren Messern verbluten zu lassen. Wobei Nietzsche immerhin noch fragt: »Wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?«

Für ihn waren die Zeiten, in denen der Mensch sich von sich ablenken lässt, wenn er auf Gott sieht und Gottes Willen zu erfüllen sucht, vorbei. Gleichzeitig sah er das wachsende Phänomen der Entfremdung darin, dass der Mensch zwar an eine Kraft außerhalb seines Daseins glaubt, diese aber zusehends in Konflikt mit seiner eigenen Lebensführung sieht und beide – Kraft wie Entfremdung – entweder nicht mehr spürt oder so sehr, dass er an ihnen zugrunde geht. Entsprechend versucht er auch entweder, zurück zu ihrem Ursprung zu gelangen, oder er baut eine Welt, die seinen urältesten Drang, sich mit dem Ganzen zu verbinden, in ihrem Kern negiert. In der es kein Ganzes, keine Einheit, nichts Allumfassendes mehr gibt. Denn während Nietzsche in genau diesem Verlust seiner tiefsten Sehnsucht die Möglichkeit des Menschen sieht, sich von der entfremdenden Macht des Göttlichen als auch von der abstrakten Macht der Wahrheit und der Wissenschaft und Technik und ihren ewigen Schuldspiralen oder Täter-Opfer-Strukturen zu befreien, um wirklich und ein für alle Mal der Schöpfer seines eigenen Daseins, seiner eigenen Werte zu werden und damit wirklich eigenständig zu sein, schreibt Lew Tolstoi in seiner Schrift Was ist Religion und worin besteht ihr Wesen? sinngemäß: Der vernünftige Mensch kann ohne Religion nicht bestehen – und doch kann er an das, was sich Religion nennt, nicht mehr glauben.

Snow Maiden ― Wiktor Michailowitsch Wasnezow 1899

Was also, wenn die Aufgabe unserer Epoche darin besteht, aus diesem Raum der Leere nicht länger zu fliehen, sondern ihn auszuhalten? Nicht sofort neue Götter zu schaffen, nicht vorschnell Sinnsysteme zu erfinden – sondern die Wüste zu durchschreiten, bis aus der Leere selbst ein neuer Grund erwächst? Sei es im Erkennen des noch Göttlichen in dieser Welt und ihrer Zusammenhänge oder unserer Einbettung in ihnen – so oder so wird die Gottlosigkeit zum Prüfstein: Sie wirft uns in die Wüste, in das Schweigen, in die innere Nacht. Was aber, wenn es gerade dieser Ort der Verlorenheit ist, an dem sich die tiefste Wandlung vollzieht? An dem sich entscheidet, ob der Mensch an seiner Leere zerbricht – oder ob er in ihr eine Spur des Göttlichen wiederfindet?


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