Treffpunkt im Unendlichen
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Die Stille
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Die Stille

Zum 1. Advent ein Exklusivauszug aus «Sein statt Haben».

Alles Unglück des Menschen ruht daher, nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen zu können, notierte der Philosoph Blaise Pascal bereits in seinen 1669 posthum erschienenen Pensées. Anders als zu Zeiten einer Pandemie stellte er nicht die Frage, warum jemand zu Hause bleiben sollte, sondern warum er es nicht kann. Die Menschen, so Pascal, vermieden nichts so sehr wie die Ruhe. Aufrichtig glaubten sie, die Ruhe zu suchen, und suchten in Wirklichkeit nur die Unrast. Das Einzige, was sie in ihrem Elend tröste, sei die Zerstreuung. Und gerade das sei ihr größtes Unglück. Sie halte den Menschen davon ab, an sich zu denken, und richte ihn zugrunde, ohne dass er es merke. Überkäme ihn an ihrer Stelle jedoch die Langeweile, würde sie ihn dazu treiben, zuverlässigere Mittel zu suchen, um ihr zu entrinnen. Dorthin, wo Gedanken keine Gedanken mehr sind.

Klosterfriedhof im Schnee ― Ernst Ferdinand Oehme 1828

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Was also treibt den Menschen aus seiner Mitte in die Welt? Und verhindert zugleich sein Ankommen in ihr? Ist es ihr Lärm? Ist diese Welt zu laut, als dass der Mensch sie noch hören könnte? Versteht er deswegen seine Mitmenschen nicht mehr? Oder sich selbst? Der Gedanke, dass es noch ein »Hinter« den Dingen geben könnte – einen geheimen Gesang der Natur oder eine kosmische Lautlosigkeit –, scheint für ihn eine ebenso große Undenkbarkeit wie die Vorstellung, plötzlich ohne Gedanken zu sein. Dabei, so hielten die griechischen Philosophen noch fest, müsse der Gedanke – wolle er »richtig geboren werden« – in Stille reifen, bis er selbst nach dem Wort verlange. So unterschieden sie noch zwischen dem »vorgetragenen« und dem »inneliegenden« Wort. Während Ersteres stets die Verbalisierung brauche, habe Letzteres weder Laut noch Form. Es sei vielmehr eine innere, geistige Ladung. »Herzensgedanke«, »Gefühlsgestalt«, »Willensidee« – all dies waren treffendere Begriffe für jenes im Innern entstehende Wort, die Geburt der Melodie, die Entspannung der Seele oder Ruhe des Geistes, die eintritt, wenn der Mensch aufhört, ihr zartes Sein in seine harten Gedanken pressen zu wollen.

Am Schweigen also genest das Wort. Genest der Geist. Heilt die Seele. Will der Mensch also Ruhe finden, muss er lernen, dem Schweigen, der Stille und dem Nichts zu lauschen. Nicht, um sie zu verstehen. Sondern um sich selbst zu verstehen – warum er nicht anders kann, als sie verstehen zu wollen. Warum weigert sich seine innere Stimme, wegzugehen? Warum unterlässt er es nicht, zu reden, wo es nichts mehr zu sagen gibt? Was hindert ihn daran, sich seiner eigenen Leere zu stellen? Ja – sie sich zunächst einmal einzugestehen? Weiß er denn nicht, dass sich nur das verwandeln kann, was er annimmt? Und dass alles, wovor er flieht, ihn nur umso mehr verfolgt? Wann lernt er, seine Gefühle als das anzunehmen, was sie sind? – Nämlich da.

Diesen Erkenntnisprozess, sich selbst als die große Stille zu erleben, die weiß, dass Gefühle entstehen und wieder vergehen, beschreibt Anselm Grün als »den mystischen Weg«. Die Mystik, ähnlich wie die Transpersonale Psychologie, sei überzeugt von dem Raum der Stille, in dem Gott selbst in uns wohne. Er existiere in jedem Menschen. Ihn zu finden, sei seine Aufgabe, sein Weg zu sich selbst. Angekommen in unserem inneren Raum der Stille – bei Gott –, hätten andere Menschen keine Macht mehr über uns; könne das Geschäftliche und Weltliche nicht zu uns vordringen, könnten uns nicht einmal unsere eigenen Überlegungen und Pläne stören. Sie jedoch gelte es, zunächst zu überwinden, ehe wir die Stille in uns fänden oder auch nur zu suchen begännen. Sahen die Mystiker das größte Problem doch darin, diesen Raum überhaupt zu spüren. Viele Menschen seien von ihm abgeschnitten, vom Lärm ihrer Sorgen und Probleme taub geworden für jenen zugleich immer leiser werdenden Ruf der Stille.

Das Kreuz im Gebirge (Tetschener Altar) ― Caspar David Friedrich 1807/108

Kann der Mensch ihn nicht hören – oder will er ihn nicht hören? Was hindert den Menschen daran, den Weg zu sich selbst zu gehen – und den Raum in sich einzunehmen? Wovor hat er Angst? Vor der Berührung mit seinem wahren Selbst? Davor, hat er dieses erst einmal von den Erwartungen und Ansprüchen, die andere Menschen ihm übergestülpt haben, befreit, erst recht der Leere zu verfallen?

Für den denkenden Menschen scheint es undenkbar, dass kein Nachbar, kein Partner oder narzisstischer Elternteil mehr Macht über ihn hat. Dabei ist es genau diese Freiheit, in die ihn die Stille führt. Er ist weiterhin empfindsam, aber die Kritik der anderen trifft ihn nicht mehr. Seine Lebensgeschichte schreibt er fortan nicht nur selbst – durchdrungen von seinem wahren Selbst ist er plötzlich so viel mehr als nur eine »Geschichte«: Er ist ein einmaliges Bild Gottes. Sich als solches fühlend – nicht denkend – gibt es keine Erwartung und kein Urteil mehr, das an ihn einen Maßstab legen kann. In dem Raum der Stille als einem Ort, in dem Gott, das Geheimnis, in ihm wohnt, ist er frei – frei darin, er selbst zu sein. Ist er frei darin, Frieden mit sich und der Welt zu schließen.

~

Die Stille als Ort der Herzensgedanken ist bereits da. Wie lange willst du deine Ohren noch vor dem verschließen, was das Leben zu dir hinträgt?

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Mystik, Gott, der Frieden in dir: Ich hoffe, mit diesem Text deinem 1. Advent ein wenig Besinnlichkeit verliehen haben zu können. Ist doch auch der Schlüssel zu ihr, der Besinnlichkeit, letztendlich nichts weniger als die Stille, die uns auch in diesen Tagen versucht einzuholen – und der dies auch gelänge, würden wir nur aufhören, vor ihr wegzurennen…

Wie dem auch sei, ich wünsche euch einen wunderschönen 1. Advent!

Herzlich,
Lilly

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