In ihrer Assoziation mit Achtsamkeit, Coaching und Selbsthilfe sehen viele sie als Weltflucht oder als weiteren Versuch, Sinn zu konsumieren, anstatt ihn zu suchen. Für andere wiederum ist sie der einzige Weg, ihn zu finden. Nicht durch der Gruppentherapie ähnelnde Wochenendkurse zur inneren Stressbewältigung oder als, wie Fromm sie einst beschrieb, »Perversion traditioneller Werte wie Selbsterkenntnis, Freude, Wohlbefinden durch geschickte Verpackung«1, sondern als Selbstzerstörung. Meditation, so der auf Selbsterkenntnis statt auf Selbstoptimierung ausgerichtete Blick spiritueller Lehrer wie Barry Long, löst das Falsche in dir auf – befreit dich von jenem falschen Selbst, dessen Aufrechterhaltung dich tagsüber ermüden und nachts nicht schlafen lässt.2
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Womit dieses »Falsche« keineswegs sinnlos ist. Erst indem du es erkennst, wird das Wahre für dich sichtbar. Bevor du nicht erkannt hast, was »falsch« an dir ist, welchen Glaubenssätzen du seit deiner Kindheit anhängst und welche Werte du seither als Maß aller Dinge betrachtest, weißt du auch nicht, was wirklich du bist. Dabei ist das, dessen kannst du dir sicher sein, mehr als genug. Ist es doch nie dein Selbstsein, das in dir Gefühle des Mangels hervorruft, sondern dein Nichtsein – alles, was du vorgibst zu sein und es doch nicht bist. Meditation also ist keine Selbstoptimierung, sondern das Ende aller Selbstoptimierung. Meditation selbst wird dich nie dazu anleiten, dich zu verändern. Angekommen in dem Bewusstsein, als jener, der du bist, bereits vollkommen zu sein, bist du in dem Moment, wo du das erkennst, bereits ein anderer.
Mit diesem Gedanken, den Menschen nicht an seinen angeblichen Mangel, sondern an seine eigene Vollkommenheit zu erinnern, bezeichnete Paramahansa Yogananda die Meditation als Wissenschaft der Gottverwirklichung und damit als praktischste Wissenschaft, die es in der Welt geben könne. Indem ihr Sinn darin bestünde, Gott zu erkennen und die kleine Freude der Seele mit der unendlichen Freude des Geistes zu vereinen, erweitere sie die Allgegenwärtigkeit und Allmacht des Schöpfers. Von ihm durchdrungen, verleihe dir die Meditation Frieden, göttliche Liebe, Freude, Kraft und Weisheit.
Sie jedoch fielen nicht vom Himmel – Meditation bedeutet für Yogananda die höchste Form der Konzentration. Diese bestünde darin, deine Aufmerksamkeit von Ablenkung zu befreien. Und deine Gedanken stattdessen in jenen Zustand tiefster Ruhe zu versetzen, der sich ausschließlich auf Gott konzentriere. Oder mit anderen Worten: Meditation, angewandt als Konzentrationssteigerung, dient dazu, Gott zu erkennen. Dieser habe sich, so Yogananda, als Antwort auf die Liebe großer Heiliger in verschiedenen kosmischen Formen offenbart: als Wahrheit, göttliche Eigenschaften, als die schöpferische Kraft und Schönheit der Natur. Aber auch in der Seele eines jeden Menschen. Deshalb verleihe dir das Meditieren über eine ihrer Vorstellungen die tiefe Erkenntnis des allgegenwärtigen Absoluten – des einen, »der ewig bestehende, ewig bewusste, ewig neue Glückseligkeit ist«3.
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Entsprechend ist eine Meditation für Yogananda auch nicht zu Ende, ehe du nicht fühlst, dass die Vorstellung, über die du meditierst, in dein Bewusstsein eingedrungen ist. Sein »Beweis« wiederum läge im Frieden – der Gegenwart Gottes. Aus ihm entwickle sich eine Freude, die jede menschliche Vorstellung übersteige. Diese Freude sei, so Yogananda, Ausdruck jener tiefen Wahrheit, die du gemeinsam mit dem Quell des Lebens in dem Moment angezapft habest, wo du Gott in dir gefunden habest. Dieser Zustand sei Frieden, sei Harmonie, sei Liebe. Wer ihn gefunden habe, finde ihn auch überall – in allen Menschen und allen Lebenslagen.
Als Arbeit im eigenen Herzen ist Meditation folglich nicht als Gegensatz zu der an der Welt zu verstehen. Dafür jedoch als einzig nachhaltige an dem, was uns von Hass und Selbstsucht befreit. Als der Weg zu einem von Gott geleiteten Gewissen ist sie vielmehr die Erkenntnis, dass allein durch die Harmonie in unserem eigenen Inneren auch Harmonie in der Welt entstehen kann. Sie ist, so schrieb auch Jiddu Krishnamurti4, Grundlage für die grundlegende Veränderung unserer Gesellschaft. Auch für ihn bedeutete sie keine Flucht vor der Welt, kein abkapselndes Tun, sondern vielmehr die in sich ruhende Einsicht in die Welt. Sie sei Verstehen des Bewusstseins – dem, was hinter dem eigentlich zu Verstehenden liege. Jedoch, ohne dieses zu denken.
Denken, so Krishnamurti, zerstöre Gefühle. Meditation also sei »das Ende des Denkens«. Nur so erhalte sie eine andere Dimension, eine, die jenseits von Zeit liegt. »Das Wirken der Stille« als »Rückkehr in die Gegenwart« – so umschreibt er das mit dem Ende des Denkens einhergehende Ende der Erfahrung als »vollständige Präsenz«. Der Tod eigener Illusionen, den die Meditation mit sich bringe, sei vielmehr die Unsterblichkeit des Neuen. Erst indem alles Bekannte gestorben sei, könne jede Bewegung als Fühlen verstanden werden. Das, so Krishnamurti, sei die totale Freisetzung von Energie. Denn nur für den Geist, der die Zeit überschreite, sei Wahrheit keine Abstraktion mehr.
Das jedoch kannst auch du nur für dich selbst erkennen, nicht durch jemand anders.
Fromm, Erich (2010): The Art of Being. Herausgegeben von Rainer Funk. The Continuum International Publishing Group Inc, Seite 17.
Long, Barry (1996): Meditation – Ein Grundkurs. Ein Buch in zehn Lektionen. 2. Auflage. Kamphausen, Seite 7.
Yogananda, Paramahansa (1997): Religion als Wissenschaft. Knaur, Seite 99.
Vergleiche: Krishnamurti, Jiddu (2008): Meditationen. Diogenes.












