Treffpunkt im Unendlichen
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Die Herzensöffnung
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Die Herzensöffnung

Zum 3. Advent ein Exklusivauszug aus «Sein statt Haben».

Zweifelsfrei: Körperlich hat jeder Mensch ein Herz. Aber seelisch und geistig? Wo ist da die Wärme, der Wohlwollen, das liebevolle Entbehren des modernen Menschen? Was hat er Angst zu verlieren, wenn er gibt? Und warum ist diese Welt so gestrickt, dass die Menschen mit den größten Herzen diese in die dicksten Schalen packen? Wovon haben wir zu wenig? Oder doch zu viel? Zu wenig Liebe für andere Menschen? Oder doch ein Zuviel an Herz, das in dieser Welt keinen Weg zu finden scheint, sich auszudrücken, ohne missverstanden zu werden? Welche Sprache gilt es zu finden, in der Geben sich nicht so anfühlt, als würde uns etwas genommen werden? Wie gelingt es uns, Wärme zu geben, ohne selbst zu erkalten?

Heart of Snow ― Edward Robert Hughes

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Eine gemeinsame Sprache zu finden, ist vermutlich eine der schwierigsten Aufgaben unserer Zeit. Lassen sich die Empfindlichen, die aus ihrer Seele sprechenden Menschen etwa dazu verleiten, ihre Sensibilität aufzugeben und den Klang ihrer Fugen mit dem Beton der Großstadtverhärteten zu übergießen? Oder gehen doch jene an die Härte ihrer Umgebung Angepassten dazu über, diese nach und nach aufzubrechen? Hat eine Seite sich aufzugeben oder gilt es nicht vielmehr, ein, wie der heutzutage eher kritisch zitierte Iwan Iljin es genannt hat, »Gewebe der Welt«1 zu schaffen, in dem beide sich dazu berufen fühlen, »als Medien und Vermittler eines höheren Nachrichtennetzes zu dienen«? Falls ja: Wie kommen wir dann weg vom ewigen Nicht-verstehen-Können hin zum Verstehen-Wollen? Oder anders gesagt: Wie entsteht im Menschen der Wunsch, das verstehen zu können, was er nicht verstehen will? Wie überwinden wir den Aberglauben, Verstehen mit Verständnis gleichsetzen zu müssen? Und sehen stattdessen ein, dass es niemals Verständnis gab, ohne vorher verstanden zu haben?

Ich frage noch mal: Was haben wir Angst zu verlieren, wenn wir geben? Was, glauben wir, fällt auf uns zurück, wenn wir jemandem zuhören, der nicht unserer Meinung ist? Kein Streit und auch kein Krieg ist je ausgebrochen, weil Menschen einander zugehört haben. Kriege brechen aus, weil Menschen einander nicht oder falsch zuhören. Weil sie nur das hören, was sie hören möchten. Oder bei allem nur das verstehen, wovon sie bereits ausgegangen sind, es vom jeweils anderen zu hören, ehe sie überhaupt angefangen haben, ihm zuzuhören.

Jeder Konflikt beginnt mit Glaubenssätzen. Mit vorgefertigten Wahrheiten, mit denen wir für uns keinen anderen Umgang zu finden scheinen, als sie in ihrer für uns notwendigen Alleingültigkeit zu verteidigen. Folglich ist es immer erst die Bedrohung im Inneren, die den Angriff im Außen provoziert. Von was wir uns nicht angegriffen fühlen, gegen das müssen wir uns auch nicht verteidigen. Was zur Frage führt, weswegen sich beide Seiten – sowohl jene Menschen, deren Sprache von ihrem Verstand dominiert wird, als auch jene, die ihr Herz auf der Zunge tragen – sich von der Art und Weise des jeweils anderen, Welt zum Ausdruck zu bringen, angegriffen fühlen. Ist es wirklich nur der Punkt, dass die einen im Romantisieren und in der Gefühlsbetontheit jener »Weltfremden« die Indizien einer Rückwärtsgewandtheit zu erkennen meinen, die den Rest der Menschheit von ihrem Fortschritt abzuhalten vermag, während die Gefühlsbetonten die Fortschrittlichkeit besagten Fortschritts anzweifeln und seine Weltfremdheit auf dieselbige jener Verstandesdominierten zurückführen? Oder ist es nicht vielmehr die Einseitigkeit beider Positionen in ihrer jeweiligen Fort- oder Rückschreiterei, die dazu führt, dass sie aus Uneinigkeit mit sich selbst eine Uneinigkeit mit ihrem vermeintlichen Gegenspieler vom Zaun brechen? Wer spiegelt hier wen? Und ist es in diesem Fall wirklich ratsam, den Spiegel und damit die Verbindung zu dem, von dem man sich abzugrenzen versucht, zerbrechen zu wollen?

‘Oh, What’s That in the Hollow...?’ ― Edward Robert Hughes

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Ist dieser Welt nur noch mit verhärteten Herzen zu begegnen, oder liegt der Schluss nicht vielmehr darin, sich zu fragen, ob diese Welt nicht gerade aus Herzenshärte entstanden ist? Was ist es, was wir wollen? Wollen wir tatsächlich das falladasche Jeder stirbt für sich allein auf unser gesamtes Leben ausweiten? Solange »die Harten« spielen, bis wir tatsächlich hart werden? Oder sind wir bereit, unsere Scham, »weichherzig« zu erscheinen, zu überwinden und unseren Herzen zuliebe diese nicht länger aus falsch verstandener Würde zu verschließen?

Was diese Welt braucht, sind starke Herzen, keine harten Herzen. Menschen, die sich von Worten nicht bedroht fühlen, sondern stattdessen lernen, sie an ihrem Klang zu erkennen und daraufhin ihrem Wesen und Ursprung nach zu verstehen. Nicht des Verständnisses, sondern des letzten Funkens menschlicher Nähe wegen. Ja, Begegnung auf dieser Ebene braucht Menschen, die wissen, dass es nichts Kostbareres gibt als ein offenes Herz. Und dass nichts, was dieses zu geben vermag, jemals ein Verlust sein wird. Sondern letztendlich das, woraus sich dieses Herz und mit ihm die Wärme in ihm und dieser Welt immer mehr zu entfalten vermögen.

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Und wie schön wäre doch eine Welt, in der sich niemand mehr von Entbehrungen oder Annäherungen bedroht fühlen muss, sondern stattdessen in dem Vertrauen leben darf, dass er nichts, nicht einmal sich selbst, verlieren kann, solange er sein Herz geöffnet hält?

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1

Iljin, Iwan Alexandrowitsch (2023): Das verschollene Herz. Edition Hagia Sophia, Seite 69.

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